"Altersautismus"

  • Autor des Themas Audrey
  • Erstellungsdatum
Audrey

Audrey

Moderator
13.12.2005
10.138
Hallo zusammen,

gibt's sowas? Ich hab das schon gegoogelt, aber nur in Anführungszeichen gefunden - also Stichwort "ich ich ich".

Mein Papa wird jetzt 75, ist seit November 2014 Witwer, und meine Mama hat immer alles für ihn gemacht. Ich hab ein 3/4 Jahr gebraucht, um ihm so Sachen
wie WaMa, Trockner und Geschirrspüler beizubringen... Seit Mamas Tod war ich halt immer für ihn da. Und jetzt hab ich a) einen Freund :)060:) und merke b) dadurch, daß ein Sozialleben außerhalb von Papa und seinem TV ziemlich sehr toll ist.

Morgen treff ich mich also mit einer Freundin - Papas Reaktion: blankes Entsetzen! Das ist doch nicht normal??

Beim Googlen bin ich direkt beim Asperger Syndrom gelandet - abgesehen von der Inselbegabung (und der Tatsache, daß mein Papa der schweigsamste Mensch der Welt ist) passt das alles zu 100 % - und es könnte schon immer gepasst haben, weil vorher konnte er sich ja auch immer hinter irgendwem verstecken.... kennt sich jemand mit sowas aus?

Ich bin ein sehr direkter Mensch, also ich würd ihm morgen einfach gern einen Klartext sagen - aber ist das echt gut so? *verzweifelt*
 
09.03.2018
#1
A

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Guest

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Midoriyuki

Midoriyuki

13.12.2010
3.502
Was genau willst du ihm denn dann morgen sagen?
"Papa, ich glaube du bist Autist, weil du XYZ"?

Wenn dein Vater kein wirklich existentes Sozialleben hat, außer dir keine anderen großartigen stabilen Beziehungen ist eine Panik-Reaktion ziemlich normal.
Damit will ich das nicht bagatellisieren, aber bevor ich mit Diagnosen hantieren würde, würde ich mir das Lebensumfeld kritisch anschauen.

Autismus-Spektrums-Störungen sind nicht umsonst sehr umstritten was die Diagnostik betrifft, weil fast alles dazu gerechnet werden kann, wenn man es pathologisiert.
Die meisten Menschen erkennen sich bei einigen dieser Kriterien wieder-Mann ganz ohne Autisten zu sein.
 
Audrey

Audrey

Moderator
13.12.2005
10.138
Ich will ihm einfach nur sagen "Papa, ich bin ein relativ junger Mensch. Ich will mein EIGENES Leben leben - inklusive Freundinnen, und auch und v.a. meinem Freund. Du findest deswegen natürlich trotzdem in meinem Leben statt, aber in einem anderen Rahmen". Seine Reaktion wird Enttäuschung und "aha" sein ...

Ich will um Gottes Willen keine Ferndiagnosen stellen, dafür bin ich auch gar nicht qualifiziert, ich fand es nur interessant, daß ich überall "ja, ja, und nochmal ja" sagen konnte...
 
seven

seven

24.12.2006
15.140
Ich schließe mich da mal Mido an - ich hab´ eine Kollegin, die ist mit einem Asperger-Autisten verheiratet und der Sohn hat auch Asperger. Ich hab´ mir auch mal die ganzen typischen Symptome angeschaut - sehr viele davon treffen auch auf mich zu ;)
Ich glaube, fast jeder wird da Punkte finden, die auf ihn zutreffen - die einen mehr, die anderen weniger.

Natürlich kann dem so sein - es kann aber auch sein, dass Dein Papa lebenslang ziemlich bequem war, denn Mama hat ja alles gemacht. Mein Schwiegerpapa war so ähnlich - meine SchwieMu hat immer alles für ihn gemacht, der konnte sich noch nichtmal selber Milch in den Kaffee kippen (jetzt mal etwas überspitzt gesagt...) Als SchwieMu im Krankenhaus war, musste meine Ex-Frau jeden zweiten Tag zu ihm fahren, um das in der Küche aufgestapelte Geschirr in die Spülmaschine zu räumen (der hatte sich da Wäschekörbe hingestellt und das Geschirr reingeschmissen!), selbige wieder auszuräumen, die Wäsche zu waschen etc... Meine SchwieMu war zum Glück nicht überraschend im KH und hatte ihm daher haufenweise einfach nur aufzuwärmende Fertiggerichte hingestellt - aber meinste, der hätte irgendwas weggeräumt? Autist war der aber ganz sicher nicht, sondern einfach nur ein verwöhnter Macho, dem man zeit seines Lebens den Hintern nachgetragen hatte... Der bekam auch jedes Mal Anfälle, wenn meine SchwieMu mal mit ihrer Tochter oder mit mir ´ne Woche in Urlaub gefahren ist - da brach für den ´ne Welt zusammen und eine von uns oder die Schwester meiner Ex mussten auf jeden Fall mehrmals in der Woche bei ihm vorbeikommen und aufräumen...

Aber mal die Frage: Du bist ja ziemlich oft auf Reisen - was macht Dein Papa denn dann? Und gäbe es evtl. die Möglichkeit, für ihn einen Pflegedienst zu besorgen? Mit 75 ist er ja wirklich nicht mehr der Jüngste, vielleicht gibt es irgendwas, das einen Pflegedienst rechtfertigen würde?

Glückwunsch übrigens zum Freund ;)

LG seven
 
N

Nickels

09.09.2017
81
Hallo Audrey,
wenn Du sicher sein willst, daß Dein Vater nicht krank ist, ist eine gründliche Untersuchung schon sinnvoöll, da Erkrankungen wie Autissmus wegen der vielen allgemeinen Symptome sehr schwer festzustellen ist. Wenn Deine Mutter ihn immer sehr verwöhnt hat, hat er aber eher verlernt auf eigenen Beinen zu stehen und hat in seinem Alter natürlich Angst davor, nicht zurecht zu kommen.
Du kannst Euch das Leben etwas erleichtern, indem Du Hilfe von Außen annimmst, z.B. Essen auf Rädern -wird vom Roten Kreuz, Maltesern aber auch von privaten Essensdiensten angeboten - eine Haushaltshilfe, die ihm das Wäschewaschen, bügeln etc. abnimmt. Zuverlässige Haushaltshilfen kannst Du auch über ambulante Pflegedienste bekommen, dort besteht auch die Möglichkleit, daß tgl. jemand vorbei kommt und Essen zubereitet, wenn Dein Vater das Essen auf Rädern nicht mag. Solange Dein Vater nicht Pflegebedürftig ist, müsstet Ihr die Kosten des Pflegedienstes zwar selber tragen, aber Ihr hättet auch kompetentere und zuverlässigere Hilfe, wenn Dein Vater sich Gesundheitlich verschlechtert. Um Deinen Vater mehr soziale Kontakte zu vermitteln gibt es auch einige Möglichkeiten, z.B. Seniorennachchmittage von der Kirche oder Tagespflegestätten - gibt es sowohl vom Roten Kreuz als auch von privaten Anbietern - Kosten der Tageespflege werden von der Pflegekasse übernommen, sobald eine Pflegebedürfigkeit besteht. Mittlerweile gibt es zumindest in größeren Orten auch viele Anbieter, die Begleitdienste anbieten, z.B. ins Theater etc..
Ich denke, daß es für Dich und Deinen Vater einige Möglichkeiten gibt, mit denen Ihr Euer Zusammenleben erleichtern könnt, bei Deinem Vater wird es vielleicht mehr Überzeeugungsarbeit brauchen, daß er Hilfe von Außen annimmt Da hilft dann nur Durchhalten und verschiedene Anbieter und Möglichkeiten ausprobieren.
Wünsche Dir viel Erfolg
Nickels
 
Audrey

Audrey

Moderator
13.12.2005
10.138
Aber mal die Frage: Du bist ja ziemlich oft auf Reisen - was macht Dein Papa denn dann?
Was für ne Frage - ich hab in den letzten 3 1/2 Jahren genau EINEN Urlaub ohne ihn gemacht. Alle anderen sind mit ihm. Ich bin Babysitter, Reiseorganisator, Reiseführer, Lebensmanager....

Sowas wie Seniorennachmittage usw. sind so gar nix für ihn, um Gottes Willen, da müßt er ja mit Menschen reden, und zuhören - geht gar nicht :roll:
Nach ner zuverlässigen Haushaltshilfe haben wir lang gesucht, hier ist da nix zu finden, absolut nix. Und irgendwann bin ich auch des Suchens müde... Und "Anfälle bekommen" wär mal toll, das wär ja eine richtige Emotion. Unvorstellbar.
 
Midoriyuki

Midoriyuki

13.12.2010
3.502
Dann würde ich an deiner Stelle schauen mich da ganz klar abzugrenzen.
Wird ihm nicht gefallen, aber deinerseits ist das ja auch kein gesundes Verhalten.

Gezielte Seniorennachmittage müssen ja nicht auch nicht sein, gibt es vllt. irgendetwas was ihn generell interessiert?

Und was die Haushaltshilfe betrifft:
Gibt es bei euch entsprechende Agenturen?

Da gibt es dann ja auch Krankheitsvertretungen und alles ist angemeldet etc. :)
 
N

Nickels

09.09.2017
81
Privat eine zuverlässige Haushaltshilfe zu finden ist sehr schwer, daher würde ich selbst immer eher zu ambulanten Pflegediensten oder Agenturen zurückgreifen. Bei ambulanten Pflegediensten oder Organisationen wie Rotes Kreuz, Malteser hast Du auch den Vorteil, daß sie mehr Betreuungangebote anbieten und auch die Möglichkeit haben, über die Krankenkassen abzurechnen, wenn Dein Vater gesundheitlich Probleme hat.
Da ich meine Familie - Eltern und Großeltern - fast 30 Jahr betreut habe und selbst ziemlich auf der Strecke geblieben bin, kann ich Dir nur raten, bei Deinem Vater klare Grenzen zu ziehen. Für Deinen Vater ist es natürlich sehr schwer, sich umzustellen, da er ja sehr auf Dich fixiert ist und vorher von Deiner Mutter sehr verwöhnt wurde. Nur, wenn Du jetzt nix änderst, was wird aus Euch, wenn Du selbst mal ernsthaft krank wirst oder eine feste Beziehung eingehst und Dich nicht mehr so um ihn kümmern kannst/willst?
Wichtig ist, daß Du Deinem Vater klar machst, daß Du nicht ewig komplet für ihn dasein kannst. Solange er keinen Grund hat, sich zu ändern, wird er es auch nicht tun. Du wirst in derZeit ein sehr dickes Fell zulegen müssen und lernen müssen, entsprechend konsequent zu bleiben, damit Ihr auf Dauer gut miteinander auskommen könnt.
 
seven

seven

24.12.2006
15.140
Ohne den Rest jetzt schon gelesen zu haben: Audrey, sorry!!!! Ich konnte ja nicht wissen, dass Du mit Deinem Papa gefahren bist! Ich entschuldige mich vielmals, das sollte ja auch kein Vorwurf sein! Das war jetzt einfach ein Riesen-Missverständnis! :087:
Ansonsten kann ich mich Nickels nur anschließen...
LG seven
 
Knopfstern

Knopfstern

Moderator
10.09.2005
13.441
Huhu Audrey,

Erst einmal alles herzliche für dich und deinen Partner. Schön, das du jemanden an deiner Seite hast. Das freut mich sehr, zu lesen. :D:D

Dann zu deinem Thema. :)
erst einmal vorweg, jeder Mensch hat autistische Züge. ;)
Autismus gibt es in ganz vielen verschiedenen stärken und ausprägungen. Du wirst dich gewiss schon mit Menschen unterhalten haben, die autismus hatten, du es aber nicht gemerkt hast. Genauso wird es unfassbar viele Menschen geben, die autistisch sind, es aber selber auch gar nicht wissen.

Das Verhalten deines Daddys erinnert mich an das Verhalten, meines Daddys.
Wir sind ja letztes Jahr nach Ba-Wü gezogen und auch er war absolut nicht begeistert darüber.
Meine Mutter ist 2008 ja ausgezogen und ich bin 2009 wieder bei ihm eingezogen. Und was hatte er dann?
Mich, seine Arbeit und seine Freundin welche in Leipzig lebte zu der Zeit.
Tja und was soll ich sagen?

Er hat sich immer um die Hunde und mich gesorgt. Er hatte ja nichts anderes. Besonders in der Schwangerschaft...
Er hatte seinen Ablauf. 2016 ist er ja in Rente gegangen und hatte mehrere Schlaganfälle, welche er zum Glück gut wegsteckte.
In der Schwangerschaft hat er alles für mich getan, sich um mich gekümmert etc. Mir aber auch mit seinem Verhalten ganz klar gezeigt, das er wütend auf mich ist, das sich was ändert. Meinen Partner hat er mit dem arsch nicht angesehen...erst als er einen erneuten Schlaganfall hatte und er bei ihm erste Rettungsmassnahmen einleitete und er selber Todesangst hat...Ein hoch auf meinen Mann, das er Arzt ist. Jedenfalls konnte er sich zu seinen gunsten da etwas mitnehmen. Das er mich aber hier runter geholt hat, das hat er ihm gezeigt, das er ihn dafür hasst.
Der Auszug, der Umzug nach Ba-Wü, das Kind etc.
Plötzlich war seine heile und sichere Welt weg.

Tja und was wurde bei meinem Dad diagnostiziert...Depressionen.
Mein Vater will und wollte keine anderen Menschen um sich. Seniorenunternehmungen? Wozu, hat doch eh keinen wert und sinn.
Was bastel? Nö, wozu?
Und so weiter und sofort.
Nun nachdem wir nach Ba-Wü sind, ist er nach Leipzig. Und da? Tja, da hat er seine Freundin und sich. Ansonsten...das selbe wie in Hamburg.
Er hat keinerlei Sozialesumfeld.Null.
Und er weigert sich auch. Wenn er jedoch mit Bekannten von der Arbeit erzählte, dann kann er jedem erzählen, wie unsagbar schlecht es ihm geht*was aber gar nicht der Fall war*Er empfindet dieses jedoch so. Das ist alles teil seiner Depressionen.
Und das man dann "geht" tut natürlich nicht besonders positiv dazu. :roll:

Ich kann dich jedenfalls verstehen und auch ich kann dir aus meiner Arbeit sagen, eine solche Diagnose ist unfassbar schwer zu stellen. Da gehört doch einiges an Gesprächen mit Ärzten etc.dazu.

Dein Vater muss und sollte lernen und verstehen, das du auch dein Leben hast. Und das er sein eigenes Leben inder Hand hat. Genauso musste mein Vater bzw, muss mein Vater dieses auch tun.
Er konnte z.B. auch gar nicht damit umgehen, das sein Enkel jetzt da ist. Das kann er erst jetzt nach 7 Monaten langsam, freude, bzw interesse daran zeigen.

Und auch wir haben schon für meinen Vater Betreutes Wohnen ins Auge gefasst gehabt. Eben, weil er auch aus dieser gewählten Einsamkeit raus sollte.
 
Audrey

Audrey

Moderator
13.12.2005
10.138
Danke euch allen erstmal, und Seven, kein Thema, ich hab das nicht falsch verstanden ;)

Also ich hab heute mit ihm geredet, und es ist halt genau der Ausgangspunkt, der ich dachte: er checkt überhaupt gar nicht, wie er auf andere wirkt! Da hat er ein durch und durch Sozialkompetenzproblem. Ich hab ganz ruhig und sachlich angefangen, daß es mich echt geschockt hat, wie er auf meine Bemerkung, daß ich mich heute mit einer Freundin treff, reagiert hat. "Öh - wie hab ich denn reagiert?" Und ich so "als hätte ich verkündet daß ich morgen den Everest besteigen will". Blankes Erstaunen. Es wäre ihm natürlich völlig klar, daß ich ein eigenes Leben hab, und daß ich noch weniger da bin, wenn mein Freund (der grad im Urlaub ist) wieder da ist. Schaun mer mal... Und wenn diese merkwürdigen Reaktionen seinerseits jetzt schon adressiert wurden werd ich das das nächste Mal einfach direkt ansprechen, wenn sowas ist. Vielleicht merkt er dann was... aber ich weiß, daß das "Abkapseln" natürlich trotz aller augenscheinlichen Verständnis seinerseits nicht leicht wird.
 
seven

seven

24.12.2006
15.140
Ich kann mir schon vorstellen, dass die Situation, dass Du jetzt einen Freund hast, für ihn total gewöhnungsbedürftig ist (ich kenn Dich ja auch nur als Single ;) und war jetzt völlig überrascht ;) - aber wie gesagt, ich freu´ mich für Dich!) Du bist ja jetzt auch keine 20 mehr - da gibt es ja genug Geschichten, gerade von Vätern, die ihre Töchter nicht loslassen möchten, und überhaupt von "klammernden" Eltern...
Er wird lernen müssen, dass Du Deine Prioritäten umsortierst - aber er wird hoffentlich auch verstehen, dass Du ihn weiterhin genauso liebst wie vorher und dass Du weiterhin so viel wie möglich für ihn da sein wirst und dadurch ja nicht aus der Welt bist.
Ich drücke die Daumen, dass Ihr da einen für Euch beide akzeptablen Weg findet, auf dem Du Deine Eigenständigkeit leben kannst und Dein Papa sich trotzdem nicht im Stich gelassen fühlt...
Viel Kraft Dir!
LG seven
 

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