ErinnerungenII

Diskutiere ErinnerungenII im Tagebücher Forum im Bereich User Ecke; Der Wecker klingelt mit einem schrillen Läuten. Mein Wecker zu Hause ist ein Radiowecker. Und er klingelt immer eine halbe Stunde früher, als...
Nilo

Nilo

Registriert seit
15.01.2009
Beiträge
497
Reaktionen
2
Der Wecker klingelt mit einem schrillen Läuten. Mein Wecker zu Hause ist ein Radiowecker. Und er klingelt immer eine halbe Stunde früher, als dieser hier. Ich habe ihn zu meinem dreizehnten Geburtstag bekommen. Jetzt steht er auf meinem Nachttisch mit den aufgemalten, rosanen Blumen.
Ich bin noch nicht dazu gekommen, ihn zu holen, genau, wie die anderen Sachen auch. Es klopft an der Tür und Marianne kommt herein. „Linn, kommst du frühstücken? Die Schule fängt in einer Stunde an.“ Sie geht aus dem Zimmer, unten höre ich Nils mit Tellern klappern. Seufzend schnappe ich mir meine Umhängetasche und stopfe Papier und Stifte hinein. Ein Blick aus dem Fenster sagt mir: Es ist schönes Wetter, die Sonne scheint. Ja, ich kann seit einer Woche wieder alles sehen. Das ist ein sehr seltsames Gefühl. So, wie wenn man nach fünf Wochen einen Gips abbekommt. Das fühlt sich auch so neu an. Nach einer ausgiebigen Dusche schaue ich in meinen Kleiderschrank hinein. Was soll ich an meinem ersten Schultag in der neuen Schule anziehen?
Ich entscheide mich für eine Jeans und den dunkelblauen Kapuzenpullover, den ich mit Steve vor ein paar Monaten in Frankreich gekauft habe. Das war im Januar. Wir haben den Urlaub zusammen mit Leon und Mamas Mutter verbracht. Um „neue Kraft zu tanken“, hat Oma gesagt. Ich habe zuerst nicht gewollt. Aber dann bin ich doch mitgefahren und am ersten Tag direkt mit Steve einkaufen gegangen. Oma ist währenddessen mit Leon an den Strand gefahren um mit ihm schwimmen zu gehen. Er ist immer seit ich ihn kenne gerne schwimmen gegangen. Und... Ich kenne ihn fast seit seiner Geburt.

Kapitel 2
Mit klopfendem Herzen stehe ich vor meiner Schule. Die jedenfalls ab jetzt meine neue Schule sein wird. Auf die alte Schule kann und will ich nicht mehr gehen. Ich wohne jetzt bei Marianne, Nils und Torben und nicht mehr bei Mama, Steve und Leon. Ich wohne jetzt in einer perfekten Familie mit dem
weißen, aufgesetzten Zahnpastawerbelächeln, mit Vater, Mutter, Kind in einem modernen, weißen Haus mit einem kleinen gepflegten Garten am Stadtrand. Perfekt. Und ich wohne nicht mehr in der chaotischen Familie, wo alles drunter und drüber läuft, wo man zum Frühstück Kinderlieder hört und versalzenes Rührei mit so viel eigens angebauter Petersilie isst, sodass man vom Ei selber nichts mehr schmeckt, wo man dauernd zu spät irgendwohin kommt, aber trotzdem immer lacht und mit allen über alles redet...

„Linn, kommst du bitte? Wir müssen noch mit deinem neuen Klassenlehrer sprechen.“ Das meinte ich gerade aber nicht mit dem Reden. Ich löse mich aus meiner Starre und gehe langsam hinter Marianne her. Sie trägt heute einen beigefarbenen Rock und dazu eine weiße Bluse. So läuft sie aber eigentlich immer herum. „Linn, du weißt, ich habe einen dringenden Termin zu erledigen. Jetzt beeil dich schon, es macht keinen guten Eindruck, wenn man direkt am ersten Tag unpünktlich zur Schule erscheint!“ Sie reißt mir meine Umhängetasche aus der Hand: „Und heute Mittag gehen wir zusammen in die Stadt und kaufen dir eine anständige Tasche. So kannst du schließlich nicht in die Schule gehen. Was sollen denn die Leute denken, wenn du so herumläufst.“ Sie mustert mich vielsagend. Stimmt, sie hat recht, Mariannes ohnehin schon angekratztes Image kann ich natürlich nicht noch mehr zerstören. Wir betreten das Schulgebäude. An der Wand hinten hängen drei große, bunt bemalte Leinwände, wahrscheinlich um ein bisschen Farbe in den weiß-grauen Klotz zu bringen. So sieht meine neue Schule nämlich aus.
Mama, Steve und Leon sind zu meiner neuen Schule mitgekommen, als ich das erste Mal auf die weiterführende Schule gegangen bin. Das haben viele Eltern gemacht, da bevor sich die Klassenlehrer ihre Schüler zusammengesucht haben eine Schulveranstaltung stattgefunden hat. Der Schulchor und das Schulorchester haben zusammen Lieder gespielt, beziehungsweise gesungen. Danach sind die zwei neuen Klassenlehrer auf die Bühne gegangen und haben mit dem Direktor zusammen eine Willkommensrede für die Fünftklässler gehalten. Schließlich wurden alle Namen aufgerufen. Bei „Linn Schmidt“ bin ich nervös und mit zittrigen Knien nach vorne gegangen. Mama hatte mir zwei Zöpfe geflochten und mich das anziehen lassen, was ich anziehen wollte: Nämlich eine Jeans und meinen blauen Lieblingspullover. Mit Oma hatte ich am Tag zuvor einen hellblauen Rucksack gekauft, da war ich total stolz drauf. Oben auf der Bühne hatten schon viele andere ein kleines Schildchen mit deren Namen darauf bekommen. Mama, Steve und Leon haben mir zugewunken. Anderen wäre das vermutlich peinlich gewesen. Aber bei meiner Familie war mir sowas noch nie peinlich.

„Guten Tag, kann ich Ihnen weiterhelfen?“ Eine junge Frau mit einer runden Brille vor ihren hübschen, blaugrünen Augen und in einem geblümten Kleid war aus einem Raum gekommen und sieht uns jetzt über den Brillenrand hinweg an. „Guten Tag, das wäre sehr nett von Ihnen. Das hier ist meine Nichte Linn Schmidt, sie hat heute ihren ersten Schultag hier. Wären Sie so freundlich und brächten mich zu dem Herrn...“ Marianne schaut auf einen Zettel „...zu Herrn Weiland?“ Marianne lächelt freundlich. „Ja, natürlich, kommen Sie mit, Herr Weiland müsste noch im Lehrerzimmer sein.“ Während wir einen weiß gestrichenen breiten Raum durchqueren unterhält Marianne sich mit der Lehrerin. „Da sind wir!“, sagt die Lehrerin schließlich. Durch ein großes Fenster blickt man direkt auf einen kleinen Hof mit einem Teich. Hier werde ich vielleicht meine Pausen verbringen. „Warten Sie einen kleinen Moment, ich hole Herrn Weiland.“ Freundlich lächelnd tritt sie durch eine Tür, viel erkennen kann ich nicht, aber ich höre gedämpfte Stimmen, bevor die Tür von alleine ins Schloss fällt. Es riecht nach Kaffee, das ist wohl in einem Lehrerzimmer so üblich. An der Tür klebt ein Schild, auf dem alle Namen des Lehrerkollegiums verzeichnet sind. Ich nehme jedenfalls an, dass es alle sind.
Marianne seufzt. „Ich habe noch einen Termin. Die Lehrer von heute... Der übliche Beamte!“ In diesem Moment öffnet sich die Tür wieder und ein großer, junger Mann mit blonden, kurzgeschnittenen Haaren tritt mit einer Kaffeeduftwolke aus dem Lehrerzimmer heraus. Als er uns sieht, lächelt er und schüttelt Mariannes Hand. „Hallo, mein Name ist Weiland, sind Sie Frau Schmidt?“ Er schüttelt meine Hand ebenfalls und schaut mir kurz mit seinen tiefblauen in meine grünen Augen, bevor er sich wieder Marianne zuwendet. „Ja, das bin ich und das ist Linn.“ Sie deutet ein wenig abfällig auf mich. Was um alles in der Welt kann ich dafür, dass ich bei ihr wohne? Was kann ich dagegen tun, dass sie ihren blöden Friseurtermin verpasst? Mama ist niemals so gewesen, nie! Wie können sich zwei Schwestern so unterschiedlich einem Menschen gegenüber verhalten? Mama hätte jetzt hier gestanden und... Aber was rede ich da? Sie wird hier nicht stehen und sie wird niemals hier stehen können. Meine Augen füllen sich mit Tränen.
„Alles klar bei dir?“ Herr Weiland schaut mich besorgt an. „Vielleicht ist das alles ein bisschen viel für dich?“ Ich trete nervös von einem Fuß auf den anderen. „Ach was, das ist nur die trockene Luft hier.“ Dieses Mal bin ich Marianne doch ein wenig dankbar für ihre gefühllosen Worte. „Aha, na dann gehen wir mal in einen anderen Raum, um die letzten Formalitäten zu erledigen.“ Herr Weiland wedelt mit einer Mappe. „Folgen Sie mir, wir suchen uns einfach einen leeren Klassenraum.“ Die Gänge sind leer, die Wände frisch und weiß gestrichen. Es hängen keine Bilder mehr an der Wand. Es riecht seltsam und neu und unsere Schritte hallen in den zwei Gängen, die wir durchqueren. Vor einer Tür bleibt Herr Weiland plötzlich stehen. Schwungvoll öffnet er sie und deutet hinein, Marianne tritt in den verlassenen Klassenraum ein und schaut sich um. Ich folge ihr und Herr Weiland schließt hinter sich die Tür. „So oder so ähnlich sehen hier alle Räume aus.“ Er zeigt auf zwei Stühle. „Setzten Sie sich doch bitte.“ Marianne nimmt dankend Platz.
 
29.02.2012
#1
A

Anzeige

Guest

Kennst du schon die Warehouse Deals? Amazon bietet hier zurückgesandte und geprüfte Ware deutlich billiger an.
Dort gibt´s das auch speziell nur mit interessanten Dingen aus dem Haustierbedarf. Was haltet ihr davon?
Chrissii89

Chrissii89

Registriert seit
07.05.2011
Beiträge
1.012
Reaktionen
0
Ach wie toll..
Ich bin ein Fan von dir :clap:
Würdest du ein Buch schreiben und evtl ein Krimi, dann würde ich es kaufen :003:
 
Nilo

Nilo

Registriert seit
15.01.2009
Beiträge
497
Reaktionen
2
Hihi :) Dankeschön :D :mrgreen:
 
Thema:

ErinnerungenII