ErinnerungenIII

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Nilo

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„Deine Tante hatte es aber ziemlich eilig!“, bemerkt Herr Weiland, als wir zusammen in den zweiten Stock gehen. Ich erwidere nichts. Er hat Recht, aber er sollte auch ein wenig aufpassen, was er sagt, er kann schließlich nicht wissen, dass Marianne und ich uns nicht wirklich gut verstehen.
„So. Das hier ist dein neuer Klassenraum. Der Unterricht hat seit...“, Herr Weiland schaut auf seine Uhr, „seit zehn Minuten angefangen, wir haben uns wohl leicht verspätet.“ Er grinst, öffnet dann die Tür und schiebt mich hinein. Stimmen verstummen, ich kann nur noch leises Gemurmel wahrnehmen. „Guten Morgen, das hier“, er deutet auf mich, „ist Linn Schmidt. Sie wird ab heute in eure Klasse gehen. Vielleicht möchtest du uns etwas von dir erzählen, Linn?“ Nervös schaue ich ein paar Leute an. Ich bin wenigstens nicht allzu unpassend angezogen. „Ähm, ja.. Also... also ich bin Linn und ich...ich komme aus Funkenend. Das ist äh... so 60 km von hier... So ein... kleines Dorf Ja... Hmm...“ Ich sehe Herrn Weiland ein wenig verzweifelt an. „Vielleicht hat ja jemand Fragen?“ Ein Junge meldet sich. Er ist blond und hat Sommersprossen. „Ja, Fabian?“ „Bist du mit deiner Familie umgezogen? Und weshalb denn, hat's deinen Alten nicht mehr in dem Kaff gefallen?“ Ein paar lachen. „Ähm... Ja... Das heißt, nein, ich... Mein... Vater... hat äh... einen Job hier bekommen.“ Unsicher schaue ich umher und mein Blick bleibt an Herrn Weiland hängen „Aha.. Ähm gut, also... Wo kann Linn
denn die nächste Zeit sitzen?“ Ein Mädchen meldet sich. „Ah, das ist gut, neben dir ist ja auch noch ein Platz frei...Linn, du kannst dich also dann dorthin setzen.“ Ich nicke und gehe zu dem Mädchen hin. „Hallo, ich bin Juliane“, flüstert das Mädchen und lächelt mich an. Ich lächle vorsichtig zurück und setzte mich.




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An diesem Abend bin ich richtig müde. Der Tag war seltsam anstrengend, ich hätte nie gedacht, dass mich ein Schultag so sehr mitnehmen kann. Früher ist das auch nie so gewesen. Beim Abendessen werde ich von Marianne und Torben ausgequetscht. „Wie war denn dein erster Schultag?“ Nils sitzt mürrisch daneben. „Gut“, ist meine Antwort. „Aber jetzt bin ich müde.“ Das sollte jetzt eigentlich ein Wink für meine Tante sein, mit dieser albernen Fragerei aufzuhören. Aber stattdessen fragt sie weiter: „Hast du denn schon Freundinnen gefunden?“ Als Antwort zermatsche ich eine Kartoffel auf meinem Teller. Torben schaut mich missmutig an. „Du könntest ruhig etwas netter zu Marianne sein. Sie kann schließlich auch nichts für diese missliche Lage. Wir haben alle viel dafür getan, dass es dir besser geht, und allmählich solltest du uns etwas davon zurückgeben. Wir können alle nichts mehr an alldem ändern, aber wir haben keine Schuld an...“ Bevor er weitersprechen kann springe ich auf und renne aus dem Esszimmer. Die Treppe hinauf, den Flur entlang bis in mein Zimmer. Ich knalle die Tür laut hinter mir zu und trete wütend gegen den Bettrahmen. Das hat wehgetan. Schritte erklingen auf der Treppe. Ich habe jetzt keine Lust auf ein halbherziges Möchtegernmutter-Tochter-Gespräch, ich drehe den Schlüssel im Schloss um und lege mich auf mein Bett. Mein Fuß pocht und der Schmerz vereint sich mit dem Schmerz mitten in mir drin. Warum ist der noch so stark? Warum ist er noch immer da? Ich möchte wieder alles so haben wie früher. Mitten in diesen Gedanken schlafe ich ein.


Am nächsten Morgen tut der Fuß etwas weniger weh. Müde schlurfe ich ins Bad und stelle mich unter die Dusche. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich eine Stunde zu spät aufgestanden bin. Mit einem Aufschrei springe ich aus der Dusche. Unten höre ich Marianne mit Torben reden. Seltsam, dass er noch hier ist, normalerweise müsste er jetzt schon auf dem Weg ins Büro sein. Nachdem ich mich so schnell wie wohl noch nie angezogen habe, stürze ich eilig mit meiner Tasche über der Schulter die Treppe herunter. Ich habe Mariannes abfälliges „Linn, jetzt beeile dich schon, es macht keinen guten Eindruck, wenn man unpünktlich zur Schule erscheint!“ schon im Ohr. Aber es kommt anscheinend ganz anders. Unten angekommen schauen Marianne und Torben mich an und lächeln ihr perfektes, mitfühlend gewolltes aber nicht so gemeintes Lächeln. „Was ist?“ Ich habe schon eine gewisse Ahnung, was jetzt kommt. „Guten Morgen, Linn! Wir wollten nach gestern noch einmal mit dir zu deinem Psychologen gehen.“ Ich habe es ja geahnt. „Was soll das?“ Verletzt schaue ich Marianne in die Augen. „Es ist besser, wenn du das alles verarbeitest. Du sollst nicht immer daran denken müssen. Obwohl Erinnerungen nicht immer schlimm sind.“ Sie legt mir mitfühlend ihre Hand auf meine Schulter. „Das weiß ich selber. Und ich brauche euer Psychogelaber nicht.“ „Deshalb bringe ich dich jetzt auch zu dem Herrn Doktor Hohlstein.“, mischt sich Torben ein. Es hat eh keinen Sinn. Mama hat mich immer gefragt, mir immer eine Wahl gelassen. Als sie ihre Chemotherapie bekommen hat und ihr alle Haare ausgefallen sind, hat sie immer für uns eine Perücke oder ein Kopftuch getragen, um uns nicht zu erschrecken. Sie hat gefragt, ob wir das so wollten. Und Leon und ich haben immer gesagt, dass wir Mama so lieben, wie sie ist, gelacht und uns mit Mamas Perücken beworfen, bis selbst Mama lächeln musste. Aber das ist seit ich bei der PERFEKTEN Familie Schmidt lebe anders. Vorher habe ich in einer Chaosfamilie gelebt. Mein Vater ist kurz nach meiner Geburt gestorben. Mama hat nach knapp drei Jahren Steve kennengelernt. Und mit Steve natürlich auch seinen Sohn Leon, der damals gerade mal fünf Wochen alt war. Leons Mutter wollte Leon nie haben. Das hat er aber nie erfahren. Zusammen waren wir die coolste Patchworkfamilie, die man sich nur vorstellen kann. „So Linn, wir sind da.“ Torben rüttelt an meiner Schulter. „Ich komme mit hinein.“
 
04.03.2012
#1
A

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Guest

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Nickysophia

Nickysophia

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Wirklich toll geschrieben! ;)
Mehr *_*
 
Zworgli

Zworgli

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jahaaa! mehr! :mrgreen:

(falls man das fragen darf, hat diese geschichte was mit dir zu tun, oder ist das frei erfunden?) :eusa_think:
 
Chrissii89

Chrissii89

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Was mich auch interessiert..
Ist zwar vom ersten Teil, aber warum musste denn Linn an den Augen operiert werden?

Oder kommt das jetzt noch nach und nach?
 
Nilo

Nilo

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Also erstmal danke :D
Also die Geschichte hab ich eigentlich geschrieben, um was bestimmtes,
das in meinem Leben passiert ist zu verarbeiten. Dann hab ich gemerkt,
dass es mir Spaß macht und auch nicht mega schlecht ist :)
Und das kommt alles noch :)
Ich stell dann mal den nächsten Teil rein, oder soll ich das alles in einem "Blog"
machen?
 
Chrissii89

Chrissii89

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Du kannst ruhig wieder einen neuen Blog machen
Bin schon ganz gespannt
 
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