ErinnerungenIV

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Nilo

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So, der vierte Teil :)

Bei meinem Psychologen fühle ich mich meistens wohl. Also jedenfalls wohler, als bei Marianne, Torben und Nils. Wenn ich nicht reden möchte, dann versteht der Hohlstein das. Heute möchte ich aber reden. Ich frage ihn, wie ich aus der Familie herauskommen kann. Weg von Nils. Weg von Torben. Und vor allem weg von Marianne. Aber heute haben sich wohl alle gegen mich verschworen. „Linn, deine Tante und deren Familie ist die einzige Familie, die du hast. Du musst froh sein, dass sie dich als einen Teil in ihre Familie aufnehmen.“ Dann eben nicht. Ich bin enttäuscht. Sieht so etwa Rückendeckung aus? „Ich habe sie aber nicht darum gebeten.“ „Wenn Marianne und Torben etwas zugestoßen wäre, dann hätten deine Eltern bestimmt auch Nils mit in eure Familie gelassen, oder?“ Er hat recht. Aber ich will einfach nicht, dass er recht hat. „Linn, ich denke, wir machen für heute auch Schluss. Das ist genug gewesen. Wir sehen uns dann morgen wieder um die gleiche Zeit.“ Ich schaue auf. „Und was ist mit der Schule? Ich bin heute schon nicht da gewesen...“ „Deine Tante und ich sind uns einig darüber geworden, dass du wohl noch nicht so weit bist. Wir können die Sitzungen deshalb auch direkt auf den Vormittag verlegen.“ Missmutig stehe ich auf und schüttle seine rechte Hand zum Abschied. „Ich möchte aber schon ganz gerne zur Schule...“ „Ich werde deine Tante einfach heute Nachmittag anrufen, dann kläre ich alles weitere.“ Ich nicke nur und gehe auf die Tür zu. „Tschüss und bis morgen- vielleicht ja auch Mittags erst“, lächelt Herr Hohlstein. Ich lächle zurück und verlasse das Behandlungszimmer.

Marianne ist noch
nicht da um mich abzuholen, woher soll sie auch wissen, dass ich so schnell fertig bin heute. Also gehe ich ins Wartezimmer. Beim Eintreten sehe ich eine alte, rundliche Frau im rosanen Blümchenkleid mit vielen Fältchen um die Augen herum. Dass auch Menschen hier herkommen, die viel lachen, hätte ich nicht gedacht. In der Ecke neben dem Zeitungstisch da sitzt ein Junge. Als ich mich weit von ihm weg hinsetze, schaut er auf und ich kann in seine dunkelbraunen Augen blicken. Solche Augen habe ich bei Jungs noch nie gesehen. So tief und wenn man hineinsieht, fällt man in ein tiefes Loch aus Wirbeln und Farben. Trauer, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung spiegeln sich in seinen schokofarbenen Augen wider. Nur einen kurzen Augenblick, dann schaut er wieder in sein Buch. Eine dunkle Strähne von seinen fast schwarzen längeren Haaren fällt ihm ins Gesicht. Ich bleibe in einem Gefühlswirrwarr zurück. Voller Emotionen. Was hat dieser Typ wohl erlebt? Und wie sehen meine Augen wohl aus? Klar, grün, aber...
„Frau Anderson bitte!“ Der Hohlstein steht im Wartezimmer. Die alte Dame steht schwerfällig auf und lächelt breit. „Hast du deine Tante schon angerufen, Linn?“ Ich nicke. Herr Hohlstein wendet sich dem Typen zu: „Hallo Noah, also, hast du eigentlich einen Termin bei mir? Ich habe dich erst morgen in meinem Terminkalender stehen..“ Der Junge mit den schönsten aber auch traurigsten Augen, wie ich sie auf der ganzen Welt noch nie gesehen habe schaut auf und erhebt sich. Schnell schnappe ich mir mein Handy und tippe wie wild darauf herum. Leise murmelt er dem Hohlstein zu: „Ich denke, es ist wieder so weit, ich glaube ich würde ganz gerne mit Ihnen sprechen! Das wäre wichtig für mich.“ Ich blicke auf. Herr Hohlstein nickt. „Nach der Dame hier habe ich frei, kannst du eine dreiviertel stunde warten? Dann können wir reden.“ 'Noah' nickt. Und schaut sich unsicher um. Schnell blicke ich auf mein Handy. Ich muss eh noch Marianne anrufen. „In Ordnung, aber du bleibst hier bis ich komme. Verstanden?“

Noah nickt und setzt sich wieder hin. Ich rufe Marianne an und sage ihr Bescheid, dass sie mich abholen kann. Dann setze ich mich bequem hin um das Bild mir gegenüber besser betrachten zu können. Ein Kind und seine Mutter rennen zusammen über eine Wiese. Sie lachen und der Wind weht ihnen ihre Haare aus dem Gesicht. Ich muss lächeln.


Mama, Steve, Leon und ich machen eine Strandwanderung. Ich habe keine Lust mehr, es wird allmählich dämmerig und der Wind peitscht um uns herum, es fängt an zu regnen. Wir haben keine Regenjacken dabei und werden alle sofort nass. Ich tropfe und fange an zu weinen. Da rennt plötzlich jemand an mir vorbei und schreit mir etwas zu, es ist Mama, die mir ihre Hand hinhält. Ich nehme ihre Hand. Dann rennen wir gemeinsam den Strand entlang. Unsere Augen sind geschlossen und wir hören nur den Wind und das Meer tosen. Und ich fühle eine seltsame Kraft in mir aufsteigen, fast schon ein Glücksgefühl. Ich lächle und atme tief die salzige Luft ein. Auf einmal werden meine Beine und Füße nass. Wir sind in das Meer gelaufen, Mama und ich, vom Weg abgekommen. Vor lauter Schreck stolpert Mama und wir liegen zusammen im matschigen, sandigen Wasser. Schnell robben meine Mama und ich auf den Sandstrand zurück, bleiben dort liegen. Und dann muss ich lachen. Und Mama lacht mit, wir lachen und lachen. Und als Steve mit Leon zusammen angelaufen kommt, da schmeißen sich beide zu uns in den nassen Sand und wir liegen alle nebeneinander und hören einfach nur dem stürmischen Wind und den Wellen zu, hören Möwen kreischen. Und ein schönes Glücksgefühl breitet sich in uns aus. Wir haben für einen kleinen Moment vergessen, dass Mama bald sterben muss.


„LINN! Die Kunst interessiert dich sonst auch nicht, also komm jetzt bitte endlich, ich...“ Ich schrecke auf. „Ich weiß, du hast noch nen Termin. Ich komme.“ Marianne lächelt und ich schnappe meine Tasche. Meine Wasserflasche fällt aus der Tasche und... Oh nein, rollt direkt auf den Jungen zu. Ich hechte hinterher. Zu spät! Noah nimmt die vor seine Füße gerollte Flasche in die Hand und reicht sie mir: „Ich glaube, die ist von dir...“ Und dann blickt er mir in meine Augen. Ich bemerke erst jetzt die dichten, dunklen Wimpern und die kleine Narbe über seinem rechten Auge. Ich nicke. „Ja.. ja, das ist meine... Danke.“ Ich schaue wie gebannt in seine Augen und er schaut mich auch an. Seine Augen sagen mehr als tausend Worte. „Linn, kommst du jetzt endlich?“ Ich räuspere mich. Seine Augen flackern und ich trete einen Schritt zurück, drehe mich um und gehe zu Marianne. Der Typ namens Noah hat sich wieder hingesetzt. Ich lächle ihm schüchtern zu, aber er reagiert nicht sondern konzentriert sich ganz auf das Bild mit der Frau und dem Kind. Ich verlasse mit Marianne die Praxis, reagiere nicht mehr auf ihre Fragen. Ich muss nachdenken.
 
05.03.2012
#1
A

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Guest

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Zworgli

Zworgli

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weiter!!! :mrgreen::clap:
echt toll geschrieben!
auch wenn es eine sehr traurige geschichte ist..
 
Chrissii89

Chrissii89

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Da kann ich nur zustimmen. Es macht süchtig weiter zu lesen :mrgreen:
 
Nilo

Nilo

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danke :) und ich stell einfach immer weiter rein, wenn ihr irgendwann keine Lust mehr habt, dann schreibt einfach ;)
 
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