ErinnerungenVII

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Nilo

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Mit Mama ist es immer schlimmer geworden. Sie lag nur noch im Bett und hat geschlafen. Steve hat Leon und mir in dieser Zeit wenig Beachtung geschenkt. Er hat neben Mama gesessen. Leise geredet. Und still dagesessen. So, wie Julia und ich gerade dasitzen. Während ich ihr erzähle, wie Mama gestorben ist. Sie ist eingeschlafen. Einfach eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Leon und ich wollten das nicht glauben. Nie glauben. Wir haben über zwei Stunden neben Mama gesessen und geweint. Dann hat Steve uns weggezogen und wir haben im Wohnzimmer gesessen. Und geweint. Tante Marianne ist gekommen und hat uns betreut, während Steve sich um alles gekümmert hat. Leon und ich waren in dieser Zeit viel in meinem Zimmer. Wir haben auf meinem Bett gesessen, mit einem Pullover von Mama in den Armen und daran gerochen. Der Pullover hat nach Mama gerochen. Und wir haben Arm in Arm geschlafen. Und wenn wir aufgewacht sind, dann haben wir geweint. Marianne hat uns Schokoladenpudding gekocht. Obwohl sie überhaupt nicht kochen kann. Und sie hat uns angebrannte, klebrige, süße Pfannkuchen gemacht. Darauf haben wir Türme aus Zimt und Zucker gemacht. Süße Haufen, Berge. Weiß, mit silber-goldenen Kügelchen drin. Gegessen, haben wir in dieser Zeit wenig. Wir haben Mamas mehr oder weniger perfekte Pizzen vermisst. Abends hat Marianne uns aus unseren Lieblingsbüchern vorgelesen. Aber wir haben Mamas Schlaflieder vermisst. Und wenn wir geweint haben, hat Marianne manchmal mit uns zusammen geweint. Sie hat um ihre Schwester geweint. Und wir um unsere Mama.


„Das tut mir sehr leid, wirklich!“ Ich schaue geradeaus. „Ist schon okay. Es ist ja... auch schon... lange her.“ Julia nickt leicht. „Aber Trauer ist auch gut. Sie weiß, dass du sie liebst, da, wo sie jetzt ist. Und die Trauer zeigt dir, dass du lebst. Dass du ein Mensch bist. Ein Mensch, der nicht abgestumpft ist, und nichts mehr fühlt. Und das ist positiv.“ Ich nicke. Bemerke, dass die Dämmerung schon eingesetzt hat. Schaue auf meine Uhr. Und springe auf. Julia hat mich verstanden, sie bringt mich zur Haustür und umarmt mich. „Schönes Wochenende.“, sagt sie leise und lächelt mir zu. Ich drehe mich um und gehe langsam den Weg, der zu Julias Haus führt entlang. Auf die Straße zu. Meine Handy klingelt. Das wird wohl Marianne sein. Ich lasse mein Handy in meiner Tasche. Ich habe keine Lust auf Marianne, ich werde
sowieso bald da sein. Ich schaue nach oben in die Blätterkronen der umliegenden Bäume und schließe die Augen. So taumle ich die leere Straße entlang. Und dabei singe ich laut. „What a wonderful daaay!!!“ Ich glaube, diese Melodie, die ich singe, existiert nicht. „If you're thinking there coulnd't be any waaay.....“ Und ich glaube, der Text existiert auch nicht. Meine Englischkenntnisse waren auch schon einmal besser. Aber das hört hier ja glücklicherweise niemand. Mein Handy klingelt erneut. Es fängt an zu regnen. Ich renne. An der Bushaltestelle sehe ich, dass ich den letzten Bus um zwei Minuten verpasst habe. Der nächste Bus kommt erst in etwa zwei Stunden. Na toll. Ich dachte, ich bin in der Nähe der Stadt! Also muss ich wohl laufen. Ich bin schon nass, bis auf die Haut. Der Regen ist aber warm. Juniregen. Er verdampft förmlich auf dem warmen Asphalt. Langsam schlendere ich singend weiter über dem Mittelstreifen. Wie gut, dass um diese Zeit hier niemand lang fährt. Ich höre das Auto langsam kommen. Und drehe mich um. Das helle Scheinwerferlicht blendet mich. Und ich sehe den Unfall vor vier Monaten wieder, als passierte er in genau diesem Moment. Wir sitzen im Auto. Alle drei. Unterhalten uns über das kommende Wochenende. Es ist Mittwoch. Diesen Mittwoch werde ich nie in meinem Leben vergessen. Das Leben läuft wieder mehr oder weniger gut. Wir sind über Mamas Tod hinweggekommen. Wenn man das so sagen kann. Das bedeutet, wir weinen nur noch einmal am Tag, höchstens zweimal. Ein Fortschritt. Im September ist Mama beerdigt worden. Das ist nun schon fast sechs Monate her. Wir reden über unsere Pläne für das Wochenende. Leon will zelten und grillen. Steve meint, es sei zu kalt dafür. Der Februar sei doch gerade erst vorbei. Er möchte lieber vorlesen und chinesisch kochen. Ich möchte am Liebsten auf dem Sofa sitzen, neben dem Kamin und Filme ansehen. Filme, bei denen man nicht viel nachdenken muss. Eine Komödie vielleicht. Und dabei eine riesige Schüssel Schokoladenpudding auf dem Schoß. Ich weiß, wie diese Diskussion enden wird. Wir werden am Freitag chinesisch kochen und Abends Lagerfeuer machen. Steve wird uns dabei vorlesen. Wir werden im Zelt übernachten und morgens Brötchen mit Nutella essen. Wir werden das Zelt abbauen und schwimmen gehen, im Schwimmbad, versteht sich. Wir werden Schokoladenpudding kochen und während Steve und ich die Küche putzen, wird Leon die Haut vom Schokoladenpudding essen. Wir werden uns auf das Sofa vor den Kamin setzen und Filme anschauen. So, wie jedes Wochenende seit ewigen Zeiten. Nur mit dem Zelten, das wäre neu. Denn im Winter haben wir lieber drinnen geschlafen. Und Mama ist nicht mehr dabei.
Der Regen trommelt gegen die Fensterscheiben unsres Autos. Und dann nur noch ein Krachen und Schreie. Meine Schreie, Steves Schreie und Leons Schreie. Vermischt zu einem einzigen Schreckensschrei verfolgen sie mich in die Gegenwart zurück. Und jetzt stehe ich hier. Sinke auf den nassen Boden, vor dem Auto. Und starre in die Scheinwerfer hinein. Stumm. Der Regen tropft von meinen Haaren. Ich höre, wie sich eine Tür des Autos öffnet. Ein Mann steigt aus, berührt meine Schulter. Wie durch einen Nebel nehme ich seine Stimme wahr. „Alles okay? Ist etwas passiert? Hallo?“ Er schüttelt mich sanft. Nebel. Und dann wird alles schwarz vor meinen Augen. Rauschen in meinen Ohren. „Jo, komm mal mit der Decke aus dem Kofferraum her.“ Eine andere männliche Stimme ist neben dem Mann. Fast in meinem Kopf. Verzerrt und nah, doch trotzdem so unendlich weit weg. „Vorsichtig, wir setzen sie am Besten erst einmal auf die Rückbank.“ Ein Klopfen auf meine Wangen. Wer ist sie? Eine Decke wird um mich gelegt. Die andere Stimme kommt nicht aus meinem Kopf. „Hey, wach auf!“ Und ich weiß, dass sie mich meinen. Und ich öffne meine Augen ein wenig. „Ich bin von der Polizei, ich heiße Görling. Wir helfen dir. Wie heißt du denn?“ Ich schließe meine Augen kurz. „Wir bringen dich jetzt erst einmal in unser Auto. Kannst du aufstehen?“ Langsam hilft er mir hoch. Und langsam bin ich wieder da, in seiner Welt. Und der Welt von seinem Auto. Und meiner Welt. Irgendwie komme ich ins Auto. Sitze da und muss an Leon denken. Schaue auf die kleine Narbe an meiner linken Hand. Eine Glasscherbe. „Wo kommst du denn her?“ Ich schaue verwirrt auf. Müde und erschöpft. Der Nebel ist wieder da. Ich deute hinaus aus dem Wagen. „Ich glaube aber nicht, dass du aus dem See kommst.“, sagt der Mann. Ich habe auf den See gezeigt. Ich bin auf einmal so müde. Ich möchte nur noch schlafen. „Mh?“ „Sie hat eine Tasche dabei, ich guck mal, ob sie einen Ausweis hat.“ Der andere Typ beugt sich ins Auto und zieht meine Umhängetasche heraus, sucht darin herum. Ich weiß nicht wonach. Ich möchte zu Noah. Und ich weiß nicht einmal, warum. Dann höre ich die Schreie wieder. Und ich versinke in einem schwarzen Wattebett aus Erinnerungen. Ich sitze hinten, Leon durfte ausnahmsweise nach vorne. Der Regen trommelt gegen die Fensterscheiben. Wir lachen. Und dann schreit Steve auf. Ein Auto kommt angefahren, kommt von der regennassen Fahrbahn ab. Und fährt auf uns zu. Ein Blitzen. Ein lautes Krachen. Alles wird schwarz. Leon schreit laut und schrill. Voller Angst. Ich zucke zusammen. Die Hand auf meiner Schulter ist wieder da. Ich blicke wieder auf und schaue voller Schrecken in die Augen des Mannes. So weit bin ich noch nie in meinen Erinnerungen gewesen. „Alles okay?“ Er schaut mich besorgt an. „Denis, sie heißt Linn Schmidt.“ , sagt der andere Typ namens Jo. Der Mann neben mir fragt: „Du bist Linn Schmidt?“ Ich nicke leicht. Ich bin wieder da. Voll und ganz. Aber die Erinnerung nagt an mir. Ich kann Leon loslassen. Und mich auf diese Situation konzentrieren. Ich bin wieder da. „Und ...Wer seid ihr?“, frage ich. Fast wieder da jedenfalls. Die zwei Männer schauen sich besorgt an. „Wir sind von der Polizei. Das habe ich aber eben schon gesagt. Ich bin Denis Görling. Und das ist mein Kollege Johannes Beck.“ Ich nicke und schließe meine Augen. Mir ist kalt, das Wasser vom Regen und von der Straße hat selbst meine Schuhe vollständig durchnässt, rinnt meinen Nacken und Rücken entlang. „Denis, schau mal. Sie wohnt … 60 Kilometer von hier entfernt, in Funkenend!“ Denis Görling hockt sich neben den Rücksitz, auf dem ich sitze. „Wie bist du nach Heinsberg gekommen, Linn?“ Ich öffne mühsam meine Augen. „Ich... Ich bin ... umgezogen. Nach ... Heinsberg.“ Und ich erkläre ihm langsam, wo ich ungefähr wohne. Denn um die Adresse habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Ich wollte ja wieder in mein altes Dorf zurück. Herr Görling runzelt die Stirn, als ich sage, dass ich nun mehr als drei Monate hier lebe. Da klingelt mein Handy. Ich lehne mich zurück, schließe meine Augen erneut. Es ist mir egal, dass der Typ neben mir dauernd sagt, ich solle wach bleiben. Mir ist egal, dass ich zitter, weil mir so unendlich kalt ist. Mir ist egal, dass ich Marianne wahrscheinlich zutiefst enttäuscht habe. Ist mir alles egal. Denn ich weiß jetzt, dass ich Noah wiedersehen werde.
 
14.03.2012
#1
A

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Guest

Kennst du schon die Warehouse Deals? Amazon bietet hier zurückgesandte und geprüfte Ware deutlich billiger an.
Dort gibt´s das auch speziell nur mit interessanten Dingen aus dem Haustierbedarf. Was haltet ihr davon?
Chrissii89

Chrissii89

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Es geht weiter!!!! :mrgreen: Obwohl mir ja die Tränen gekommen sind....
 
Nilo

Nilo

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ja, es geht weiter :mrgreen: :)
 
Troublechen

Troublechen

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Ich musste auch fast heulen. Bisschen doof wenn man grad in der Bahn sitzt :lol:

Mehr bitte! Ich verschlinge es geradezu ;)
 
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