Sommermelancholie

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Sina

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Sommermelancholie
Eine fiktioreale Geschichte

Nein, es ist noch nicht Sommer. Und dennoch habe ich mich in einen Sonnenstuhl der universitären Strandbar gelegt. Ich liebe es, dass Universitäten heutzutage Strandbars haben. Die Sandfläche war voll belegt, also habe ich mir einen Stuhl auf der angrenzenden Wiese gesucht. Ich halte mein Gesicht in den Himmel und merke, wie meine Sommersprossen von den ersten Sonnenstrahlen des Jahres hervorgekitzelt werden. Ich weiß genau, dass ich später lächerlich aussehen werde, weil meine Sonnenbrille groß ist und meine Haut nur außenherum Farbe annehmen wird. Es ist mir egal. Ich ziehe die Schuhe aus und schiebe meine Füße in das Gras. Was für ein wunderbares Gefühl! Ich schließe die Augen und spüre den Wind und ich rieche die Luft, die schon so sehr nach Sommer duftet. Ich träume mich fort.

Plötzlich sind wir alle wieder 19, haben unsere mündlichen Abiturprüfungen gerade hinter uns. Wir packen unsere Sachen und fahren auf einen Zeltplatz in Haltern am See. Die Platzbetreiber wissen genau, was wir vorhaben, und anstatt uns zu all den biederen Familien zu stecken, die ihr Wochenende auf dem Campingplatz verbringen, und zu den Rentnern, die sich hier, abseits ihres alten Arbeitslebens, eine neue Welt aufgebaut haben, schicken sie uns
auf eine große Wiese, die wir ganz für uns allein haben. Wir sind zu siebt. Mein Cousin, meine beste Freundin und ihr Freund, der heute nicht mehr ihr Freund ist, mein Freund, der heute nicht mehr mein Freund, sondern mein zukünftiger Exmann ist, seine beste Freundin und ihr Freund, der heute ebenfalls nicht mehr ihr Freund, sondern nur noch einer ihrer Kommilitonen ist. Wir bauen unsere Zelte auf, dann fahren wir los und kaufen Grillgut. Im Supermarkt wird diskutiert, welche Holzkohle die beste ist und wie viel Fleisch wir brauchen und ob wir nur Mischbier oder auch normales Bier kaufen. Die Jungs setzen sich durch. Es gibt massenweise Fleisch und auch normales Bier.
Zurück am Platz werfen wir Mädels uns im Bikini auf unsere Handtücher und lassen uns die Sonne auf den Pelz scheinen. Es tut so gut nach dem ganzen Lernen. Nein, wir haben unser Abi noch nicht in der Tasche. Trotzdem haben wir das Gefühl, dass wir uns endlich mal erholen dürfen. Der Grill wird angefeuert. Die Jungs stehen in ihren Badeshorts außen herum und löschen überschießende Flammen fachmännisch mit Bier. Macht man das nur im Pott so? Hier bekommt man das von klein auf beigebracht. Ich trinke V+ Curuba. Die Kondenswassertropfen auf der Flasche reflektieren das Licht der Sonne. Ich fühle mich wie im Paradies.
Wir reden nicht viel. Nach dem Essen will irgendjemand irgendein Strandspiel spielen, aber dafür bin ich viel zu faul. Ich döse stattdessen ein wenig ein. Als ich die Augen wieder aufschlage, brennt das Feuer im Grill noch immer. Mein Freund und seine beste Freundin stehen am Grill und werfen Zeitungspapier in die Flammen. Weiß Gott, wo sie das gefunden haben. Ich rücke mit meinem Handtuch ein wenig näher heran, um die Wärme der Flammen abzubekommen. Bald setzt die Dämmerung ein. Jemand holt eine Gitarre raus und schrammelt auf ihr herum. Wir singen und summen ein wenig. Es hört sich sicherlich entsetzlich an, aber wir sind glücklich. Um uns herum sausen 10.000 Mücken und ich weiß genau, dass ich morgen fürchterlich zerstochen sein werde. Doch jetzt zählt der Moment. Vielleicht bin ich die erste, die ihren Schlafsack aus dem Zelt holt. Vielleicht ist es aber auch meine beste Freundin. Eine von uns friert auf jeden Fall. Nach und nach wickeln wir alle uns draußen auf der Wiese in unsere Schlafsäcke. Wir schauen in den Himmel. Es ist eine dieser Nächte, in der man Sterne beobachtet, über UFOs nachdenkt und in denen man sich so wahnsinnig viel erzählt. Wir alle wissen, dass das, was unter diesem Sternenhimmel gesagt wird, unter uns bleibt. Wir sind so müde, dass einiges vielleicht am nächsten Tag schon wieder vergessen ist. Und jeder von uns fragt sich, wo unsere Wege uns hinführen werden.
Morgens weckt uns die Sonne. Wir merken, dass wir die Zelte wieder einmal umsonst aufgebaut haben. Es ist unerträglich heiß. Der Schweiß rinnt uns beim Aufräumen von der Stirn in die Augen. Sie brennen. Vielleicht sind wir ein bisschen betreten oder beschämt, weil wir so viele Geheimnisse geteilt haben. Vielleicht sind wir mit den Gedanken schon bei den Abiturergebnissen, die wir in wenigen Tagen bekommen. Vielleicht halte ich in der undankbaren Hitze auch für einen kleinen Moment den Augenblick fest. Vielleicht ziehe und zerre ich daran. Vielleicht bitte ich die Zeit, stehenzubleiben. Vielleicht.

Ich lecke über meine Oberlippe. Es schmeckt salzig. Schnell schlage ich die Augen auf und wische über mein Gesicht. Ich hoffe, die beiden Studentinnen, die neben mir in ihren Stühlen liegen, haben nicht die Tränen gesehen, die sich unter meiner Sonnenbrille hervorstahlen, bevor die ersten Strahlen der Sonne sie trocknen konnten.
 
26.03.2012
#1
A

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Guest

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Morastbiene

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Ich wollte eigentlich nicht kommentieren, weil dein Eintrag etwas sehr Intimes hat, das ich ungern stören wollte.
Dennoch: Das hast du sehr schön geschrieben. Solltest du eines Tages einen Roman veröffentlichen, werde ich ihn lesen. :001:
 
Sina

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Hach, Minchen, wie lieb! Was ich hier schreibe, darf aber ruhig kommentiert werden. Schön, dass es Dir gefällt. Irgendwie musste das gestern raus. :)
 
Morastbiene

Morastbiene

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Kenne ich. Diese Momente, in denen einem sehr bewusst wird, dass sich die Vergangenheit nicht zurückholen lässt...
Manchmal ist das gut so. Und manchmal tut's ein bisschen weh. Aber selbst das kann schön sein. Auf seine eigene Art.
In diesem Sinne... Auf den Sommer! *Gläschen Prosecco hebt* :)
 
Pewee

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Sinchen, beim Lesen fühlte ich mich als ob ich selbst dabei gewesen wäre :) Zeiten ändern sich so schnell und manchmal kommt es uns vor als ob solche Dinge vor Ewigkeiten passiert sind, dabei liegen sie nur ein paar Jahre zurück...
 
Sina

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Ich sehne mich momentan einfach nach der Zeit zurück, in der alles so unkompliziert war, in der wir mal eben spontan an den See gefahren sind. Ich habe mich Mitte Januar mit einem Freund für Mitte März verabredet. Es kann doch nicht sein, dass man plötzlich zwei Monate Vorlaufzeit braucht. Und trotzdem ist alles nicht mehr so spontan, nicht mehr so locker und unbedarft.

Manchmal sehne ich mich noch ein bisschen weiter zurück. Dann denke ich an die Jahre, als ich 13 oder 14 war und wir am Geburtstag einer Freundin in ihrem Garten gezeltet haben. Wir waren in gewisser Weise unbeaufsichtigt, es war die Zeit der ersten "Sommerlieben", einer der Jungs hat ein Glühwürmchen für mich gefangen. Ich werde mir selber gerade irgendwie zu schnell erwachsen.
 
Pewee

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Da sagst du was. Neulich hab ich beim Pc-Äufräumen alte Bilder aus meiner Teeniezeit entdeckt. Ich konnte mich an alles mit einem lachenden und weinenden Auge erinnern, und musste andererseits daran denken, dass mein Studium schon in 1 1/2 Jahren vorbei ist und ich gerade eine Arbeit korrekturlese :eusa_eh:

Das Phänomen hab ich übrigens auch: Ich treffe meine beste Freundin genau alle 2 Monate mal... dabei wohnt sie nur in Köln und nicht am Ende der Welt.
 
Snoopy683

Snoopy683

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Ich glaube dieses Problem mit der Zeit hat jeder irgendwann. Bei mir und meinen Freunden ist es nicht anders, wir sehen uns auch alle paar Monate mal. Man hat einfach durch den Alltag keine Zeit. Eigentlich sollte man sich die Zeit nehmen, aber so einfach ist das auch nicht. Als Erwachsener hat man immer irgendwo eine Verpflichtung. Manchmal wünschte ich mir auch wieder Kind zu sein. Einfach unbeschwert in den Tag hinein Leben ohne Sorgen oder Verpflichtungen, zumindest nicht solchen wie man als Erwachsener hat.
 
Loscampesinos

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Sina, ein wirklich berührender Text, vorallem weil man sich direkt reinfühlen kann.

Mir geht es momentan auch ein bisschen so. Gerade kümmere ich mich um meinen Hund, meinen Haushalt, mein Studium, meine Zukunft und es kommt mir so vor, als hätte ich meine Jugend hinter mir gelassen... dabei bin ich erst 23 Jahre alt.
Freunde treffe ich höchstens noch beim Studium oder mal alle paar Monate. Ich bin selbst nicht mehr so spontan wie früher.
 
Para

Para

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OH Sina,
solche Erinnerungen - wer hat sie nicht. :uups:
Wo das Leben einfach das Leben war. Wo man sich tatsächlich noch spontan treffen konnte.
Ich kann dich ja soo gut verstehen.
Ich fürchte nur - die Erinnerungen schwinden mit der Zeit weil es viel neue schöne - aber auch unschöne Erinnerungen gibt bzw geben wird die die anderen zwar nicht "überschreiben" aber zumindest in den Hintergrund drängen.
Behalte diese tollen Erinnerungen so lange wie möglich.
Leider verschwinden manche der guten Freunde im Laufe des Lebens genauso wie die Erinnerungen.
Aber:
Es gibt Hoffnung. Man findet neue gute Freunde mit denen man sich (mehr oder weniger spontan) treffen kann und mit denen man neue tolle Erinnerungen teilen kann.:D;)
 
ida22

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*schluck* Sina, das hast Du wirklich sooo schön geschrieben - man fühlt sich "dabei" und gleichzeitig kommen auch eigene, Erinnerungen an diese unbeschwerte, gute, alte Zeit hoch. Meine Güte, wie lange ist das her ... Wobei es ja irgendwie so ist, dass man ganz besonders die schönen Erinnerungen behält und die negativen irgendwann ziemlich vergessen bzw. verdrängt sind ... :eusa_think:

Das Leben verändert sich, es geht vorüber, seitdem meine Jungs auf der Welt sind, habe ich oft das Gefühl, es rennt förmlich vorüber. Aber wichtig ist, dass man seine Erinnerungen behält und neue Erlebnisse dazukommen. Die Zeiten ändern sich - aber das muss nicht heißen, dass sie schlechter werden ...

Jedenfalls wünsche ich Dir einen wunderschönen Sommer mit vielen schönen Erlebnissen - an die Du irgendwann vielleicht auch mal wehmütig lächelnd zurück denkst ;)
 
Sina

Sina

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Ich danke Euch allen für Eure lieben Kommentare. Momentan wird mir bewusst, dass ich noch nicht bereit für das Ganz-erwachsen-Sein bin. Ich brauche noch ein Weilchen. Ich bin 24 und - Nein, verdammt! - ich will nicht zwei Monate im Voraus planen. Ich will hier und jetzt leben. Und das tue ich nun auch.
 
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