Im Treppenhaus

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Sina

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Im Treppenhaus
Eine fiktioreale Geschichte

Ich weiß nicht, wie ich auf die Idee kam, heute Abend noch wegzugehen. Eigentlich ist es schon viel zu spät, eigentlich habe ich Nackenschmerzen und eigentlich bin ich morgen um 10 Uhr verabredet. Eigentlich bin ich aber auch jung und eigentlich sollte man diese Zeit nutzen. Also habe ich so lange rumgejammert, bis ich endlich eine Begleitung gefunden habe. Perfekt, dass er auch noch in einem Wohnheim lebt, in dem heute massenweise Partys steigen. Ich setze mich also in mein Auto und fahre los. Ich treffe ihn am Parkplatz und wir fahren noch kurz zu einer Tankstelle, wo er sich ein Sixpack Bier kauft. Ich nehme eine Flasche Cola light. Auf dem Weg ins Wohnheim halten wir uns mit Smalltalk über Wasser. Keine Ahnung, worüber wir sprechen. Ich lerne zwei seiner Kumpel kennen. Nett, aber uninteressant und blass, ich werde sie morgen vergessen haben. Der eine himmelt mich völlig offensichtlich an. Na prima, denke ich, wieso sind es immer diese absolut indiskutablen Typen, die auf mich stehen?

Zu viert gehen wir nach oben. Die erste Party wird von zwei oder drei Mädels geschmissen, die irgendeine Klausur im dritten Versuch bestanden haben. Innerlich bete ich, dass ich nie in meinem Leben in einen Drittversuch muss. Wir treffen eine der drei, meine Begleitung begrüßt sie. Als sie den Raum verlässt, dreht er sich zu mir um und stellt fest, dass sie eine glatte Zehn sei und dass sie definitiv seine zukünftige Exfreundin werden soll. Ich schmunzle. Soll ich ihm sagen, dass er gar nicht der Typ Mann ist, der sich auf glatte Zehnen Hoffnungen machen sollte? Ich lasse es lieber, schließlich möchte ich den Abend nicht versauen. Er stellt mich ein paar Freundinnen vor, mit denen ich ein bisschen tanze. Himmel, wie alt sind diese Mädels? Ob sie wohl schon eine Zwei vorne stehen haben?

Plötzlich herrscht allgemeine Aufbruchstimmung, man plant, noch eine Diskothek aufzusuchen. Wir machen uns stattdessen vom Acker und besuchen die nächste Party. Hier feiert ein ganzer Flur. Keiner weiß, was gefeiert wird, vielleicht
wird auch gar nichts gefeiert. Ich hätte es mir sparen können, Parfum aufzulegen, denn in dem Moment, in dem ich das Treppenhaus betrete, sitzt der Geruch von Marihuana schon in all meinen Poren, in meinem frisch gefärbten Haar und in meiner Kleidung. Ich überlege, ob es so etwas wie Passivkiffen gibt, und hoffe, dass es nicht der Fall ist. Wir stehen im Flur zwischen den Wohnungen, in denen die Party steigt. Die Musik ist aus, offenbar hat sich die Anlage soeben verabschiedet. Der DJ schleppt seine Turntables weg. Die fehlende Musik stört niemanden mehr. Hier wird seit 13 Uhr gefeiert und getrunken und mir scheint es so, als habe man durchaus vor, die 24 Stunden noch komplett zu machen.
Meine Begleitung stellt mir einen seiner besten Freunde vor. Ein wirklich netter Kerl. Wäre er 20cm größer und wären seine Haare nicht grün gefärbt, könnte er mir glatt gefährlich werden. Er fragt mich: "Und? Heute zum Aufreißen hier?" Ich kokettiere: "Hallo? Wo denkst Du hin? Ich bin eine verheiratete Frau!" Er lacht, offenbar ist er über meine Lebenssituation im Bilde. Das Gespräch driftet ab, es geht um Vollabstürze. - Partygespräche halt. Meine Begleitung merkt an, dass Tequila sein Kryptonit sei. "Wessen Kryptonit ist Tequila nicht?", frage ich. Ich kenne niemanden außer mir, der bei Tequila nicht in die Knie geht. Offenbar hat der Grünschopf auch keine Probleme mit Tequila. Ich gebe eine Geschichte zum Besten, in der es darum geht, dass der Tequila leer war und wir stattdessen Wodka mit Zitrone und Salz getrunken haben. Die Zuhörer schütteln sich.

Ich lehne mich an die Wand und schaue in das Zimmer mit der kaputten Anlage. Jeder der Anwesenden hat einen schlauen Tipp zur Reparatur auf Lager. Aus heiterem Himmel steht ein Typ vor mir. Groß, dunkelhaarig, Brillenträger. Ich verfluche augenblicklich die Tatsache, dass ich offenbar bis ans Ende meiner Tage an einem einzigen Männertyp hängen werde. Ich starre ihn an und sehe, wie er eine Blondine abcheckt, die gerade an ihm vorbeigeht. Dann schaut er auf und lächelt mich an. Oh, mein Gott! Ich wünsche mir einen Tequila herbei, denn ich bin definitiv zu schüchtern, um ihn nüchtern einfach so anzusprechen. Gerade noch rechtzeitig fällt mir ein, dass es sinnvoll wäre, zurück zu lächeln. Er kassiert ein schiefes Grinsen. Im nächsten Moment ist er schon wieder verschwunden.

Ich versuche, mich einigermaßen mit meiner Begleitung zu unterhalten. Sein grünhaariger Freund ist nicht mehr bei ihm, stattdessen sind die anderen beiden Typen wieder da, von denen der eine mich nach wie vor entzückt anschaut. Meine Augen suchen die Umgebung ab. Es gesellt sich ein weiterer Bekannter zu uns. Er ist ca. 1,75m groß, hat dunkles gegeltes Haar und trägt eine kurze Lederjacke. Ein Spruch über die Boygroups der 90er liegt mir auf den Lippen. Er schnorrt meine Begleitung um eine Zigarette an, die beiden diskutieren darüber, wie viele Kippen er ihm schon schuldet. Am Treppengeländer sehe ich grünes Haar. Ich würde gern rüber gehen und ein wenig quatschen, damit ich von dem Boygroup-Heini wegkomme. Aber offenbar ist da gerade ein intensives Gespräch im Gange und ich möchte ungern stören. Dann sehe ich jedoch, mit wem der Grüne sich da unterhält. Durchatmen, tief durchatmen! Der hübsche Brillenträger sitzt lässig auf der Treppe, neben ihm noch einer dieser blassen Typen. Ich halte mich an meiner Cola light fest. Was soll ich nur tun? Mein Blick fällt auf die Lederjacke neben mir. Mehr braucht es nicht. Meine Beine setzen sich von ganz allein in Bewegung.

Ich lehne mich an die Wand und sage zu dem Grünschopf: "Hey, vielleicht sollten wir mal ein Tequila-Wetttrinken machen." Ich verschweige, dass ich niemals um die Wette trinke und dass ich seit Wochen keinen einzigen Tropfen Alkohol mehr angerührt habe. Er lacht und meint, dass das heute eine ganz schlechte Idee sei, weil er schon eine Kiste Bier intus habe. Danach wendet er sich wieder den anderen beiden zu, die gerade über ein Praktikum diskutieren. Der Bebrillte äußert, dass er nicht in einer Firma arbeiten möchte, die Kriegsschiffe herstellt, weil er es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren könne. Ich merke, dass mir der Mund offen steht und ich schließe ihn schnell. Ich bin ihm gerade endgültig verfallen. Die beiden anderen lachen ihn aus, ich überwinde mich und pflichte ihm bei. Er lächelt mich erneut an. Wieso muss er nur so lächeln? "Wie heißt Du überhaupt?", fragt er. Wuaaaaaaaaaaahhh, denke ich. Ja, das denke ich wirklich. Er hat mich gerade nach meinem Namen gefragt! Ich bin meinem Körper dankbar, dass er meine Gedanken nicht nach außen dringen lässt, sondern den Autopiloten anwirft. Ich sehe, dass ich meine Hand ausstrecke. "Sina!", höre ich mich sagen. Er ergreift meine Hand und nennt mir seinen Namen. Er ist ziemlich ungewöhnlich, ich muss noch einmal nachfragen. Ich bin kribbelig. Ich bin auch ein wenig stolz, dass ich mich überhaupt mit ihm unterhalte. Wir reden darüber, wie er die anderen kennengelernt hat. Es ist bloß Smalltalk, aber es ist immerhin Smalltalk.

Nach einer Weile haben alle drei ihr Bier ausgetrunken und stehen auf, um neues zu holen. Ich verharre. Ich weiß genau, dass ich jetzt fragen sollte, ob ich sie begleiten darf. Aber meine Lippen bewegen sich nicht. Ich gebe alles, aber es klappt nicht. In meinem Kopf ist eine riesige Wolke, die mich unfähig macht, irgendetwas zu tun. Ich stehe dort stocksteif im Treppenhaus und sehe den Dreien nach. Nein, eigentlich sehe ich nur einem nach. Mir ist danach, mich ins Bett zu legen und zu heulen.

Ich gehe zurück zu meiner Begleitung. Er erzählt ein bisschen was über die Leute, die um uns herumlaufen. Es ist mir völlig egal. Ich sage: "Hey, ich mach mich vom Acker! Ich bin morgen um 10 Uhr verabredet." Er verabschiedet mich. Ich überlege, ob ich ihn bitten soll, dem Brillenträger meine Nummer zu geben. Dann ziehe ich mit meiner Cola light von dannen.
 
31.03.2012
#1
A

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Guest

Kennst du schon die Warehouse Deals? Amazon bietet hier zurückgesandte und geprüfte Ware deutlich billiger an.
Dort gibt´s das auch speziell nur mit interessanten Dingen aus dem Haustierbedarf. Was haltet ihr davon?
Para

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Solche Begegnungen hätte ich gerne gehabt - seufz....
Aber da ich nie studiert habe *Pech gehabt*
 
Sina

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Immer dran denken: Nicht alles, was da steht, habe ich so erlebt. ;)
 
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