Eindrücke einer Mahnwache

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Pewee

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Genervt sitzen wir im Auto - Stau. Wie konnten mein Freund und ich die Osterferien vergessen? Um 2 wollten wir in Köln sein. Den Zug hatten wir verpasst, wir mussten eben mit dem Auto fahren. Es ist bereits halb 3, aber das Ziel ist nahe...

14.45Uhr - endlich sind wir am Bahnhof angekommen und marschieren Richtung Domplatz. Wir sehen schon die Schilder von toten Hunden und Protestschriften. Wir sind also angekommen. Aus der Bahnhofstür raus, sehen wir vereinzelt kleine Stände und ca. 300-400 Leute. "Wow, wo ist denn der Rest?" Wir wussten es nicht, aber wir stellten uns einfach dazu - auch wenn wir keine Schilder und Protestshirts anhatten. Die Protestler sammeln Unterschriften - wir hatten schon längst am PC so einiges unterschrieben, auch wenn wir wussten, dass es nichts Bindendes für die Politik ist. Ein Mann kommt auf die Menge zu, schaut sich den ihm gegebenen Flyer ein "na so ein Schrott". Er wirft den Flyer auf die Plakate mit den toten Hunde und geht weg. Ich starre ihm hinterher und frage mich ernsthaft, was in seinem Kopf vorgeht. Hätte es nicht gereicht, desinteressiert daran vorbeizugehen?

15.10Uhr - ich höre ein Megafon. Eine Protestleiterin gibt letzte Anweisungen. Nanu? War das nicht eine Mahnwache? Wir machen einen Protestzug durch die Stadt? Na gut, immerhin hatten wir Turnschuhe an. Die Polizei fuhr vor, sperrte die ersten Seitenstraßen kurzzeitig ab, damit die kleine aber feine Protestmenge ihren Weg durch Köln antreten konnte. Wir waren verwirrt, aber wir gingen mit. Wir entdecken Menschen, die uns nicht geheuer sind. Sie rufen Parolen zu Veganismus und Vegetarismus. "Nanu? Sind wir hier nicht auf einer Mahnwache zur Ukraine-EM?" Wir fühlen uns unwohl. Sie rufen extreme Linksparolen und werfen ein seltames Licht auf die Protestbewegung. Wir nehmen Abstand von ihnen, wollten nichts mit ihnen zu tun haben und lassen uns in der Menge ein wenig zurückfallen. Anderen Protestlern ging es wohl nicht anders. Sie ärgerten sich. Immerhin wurde doch zu
Beginn des Marsches ausdrücklich darauf hingewiesen, dass hier keine Parteiplakate oder Parolen gerufen werden sollen. Ein Polizist gesellt sich zu diesen zwei offensichtlichen Linksbefürwortern und achtete darauf, dass sie ab sofort still sind und für den angegebenen Anlass protestieren. Gut.

Wir gehen durch verschiedene Straßen. Teilweise befüllter von Touristen und Einwohner, teilweise fast leere Straßen mit nur 1-2 Passanten. Wir ärgern uns. Wieso schickt man uns durch so eine Route? Wir gehen kleine Schachtelwege... "Hoffentlich landen wir wieder beim Dom" höre ich meinen Freund flüstern. Wir kennen uns in Köln nicht aus. Die erste befüllte Straße nähert sich uns. Die Protestlaute der Mahnwache schallen als sie die ersten Menschen sehen "Keine EM mit Tiermord!", "schließt euch der Demo an!" Ich werde langsamer. Ich sehe mir die Passanten an. Es ist wie in Zeitlupe. Viele zücken ihre Kameras. Belustigt frage ich mich "wieso haben die alle mal eben ihre Kameras dabei?! Wohl für solche Momente!" In dem Moment fällt mir ein, dass ich meine nicht mitgenommen hab. Ich hatte Angst, es würde sie mir einer klauen oder sie gehe kaputt. Die Angst war unbegründet - hätte ich sie mir doch um den Hals hängen können. Naja, Fotos hätte ich wohl sowieso keine gemacht. Wieder höre ich die Protestlaute. Ich ärgere mich. Anstatt im Chor zu rufen, gibt es zwei verschiedene Lager, die Unterschiedliches gerufen haben. Bei 300-400 Leuten muss man schon einheitlich sein, damit es pompöser wirkt.

Ich schaue mir wieder die Passanten an. Viele schauen skeptisch. Andere reißen die Münder auf, fangen an zu lachen und tuscheln etwas zu ihren Begleitungen. Will ich wissen, was sie getuschelt haben? Manche zeigen ehrliches Bedauern. Andere sind desinteressiert. Flyer werden vor allem an die Hundehalter gegeben, die sie tatsächlich auch lesen. Ich schaue meinen Freund an "siehst du die Gesichter?" - "schau lieber geradeaus." Ich werde nachdenklich. Um mich herum wieder die Protestlaute. Ein kleiner Junge ganz vorne dabei. Ich freue mich, dass auch in diesem Alter schon ein Bewusstsein für Tiere zu finden ist. Aber ich bin still und nachdenklich. Trotz der Menge und der Aufmerksamkeit komme ich mir hilflos vor. Die Ukraine wird weitermachen mit ihren Tiermorden, wenn auch nur inoffiziell. Keinen Hund und keine Katze können wir zurückholen und es wird auch keinen zukünftig retten. Wohlmöglich wird es nicht einmal einen der Passanten nachhaltig prägen. Offensichtlich wird die Menge heutzutage nicht mehr bewegt, wenn es nicht um Atom, Geld oder um sie geht...

16.10Uhr - wir sind wieder am Vorplatz angekommen. Die Polizei geht wieder auf ihre Posten und die Menge geht Richtung Domtreppe. Sie brüllen weiter ihre Protestrufe. In dem Moment haben sich auch viele Junggesellenabschiede eingefunden, die munter mitgröhlen. Die Leute schauen sich die Bilder an. Auch ich schaute angestrengter auf die Bilder und werde traurig. Tote Hunde zu zeigen ist eine Sache, aber schwer verdrehte und verkrüppelte aus allen Öffnungen blutende Tiere - sollte man das wirklich zeigen? Ich sehe kleine Kinder, die auf die Plakate starren und denke "nein, so etwas sollte man nicht zeigen". Es gab viele lustige Bilder, die dennoch auf den Ernst der Lage aufmerksam machen. Wieso wählten nicht alle diese Form der Plakatgestaltung? Wir schauen uns skeptisch an und nehmen es hin. Vielleicht sind wir auch zu weich.

Viele leute interessieren sich nicht. Sie rennen durch unsere Menge und man musste sich neu formieren, um nicht auseinander gerissen zu werden. Wir bekommen hunger. Essen im Bahnhof eine Pizza. Nachdem wir wieder kamen waren Polizei und Menge weg. Offensichtlich sind sie wieder losgezogen als wir gerade 20 Minuten weg waren. Wir sind nicht hinterher, denn wir wussten die Route nicht. Wir stellten uns noch eine halbe Stunde zu den Demonstranten, die vor Ort geblieben sind, um den Protest hier fortzuführen und um auf die Sachen aufzupassen. Es wird kalt. Ich lehne mich an meinen Freund. Wir entschieden zu gehen, bevor wir krank werden. Montag ist wieder Uni - die Realität, das Leben und die Pflichten holen uns ein.

Ich sitze nachdenklich im Auto. War es gut mitzugehen? Mir kommen Gedanken hoch, dass es nichts verändern wird, dass wir vielleicht nur wenige Menschen erreichen konnten und dass es sich immer wieder wiederholen wird. Was jetzt in der Ukraine passiert, passiert auch in Aserbaidschan und bei der nächsten EM oder WM wird es wieder passieren. Denn niemand macht etwas dagegen. Die Vereine nicht, die Sponsoren nicht, die Fifa nicht und auch der Großteil der Menge nicht. Von der Politik fange ich nicht an. Mir kommen Gedanken, dass es alltäglich passiert, wenn auch in niedrigeren Zahlen. Aber in dem Moment, wo ein Hund in der Ukraine getötet wird, wird auch einer in Spanien, Italien, Griechenland und Polen getötet. Ich bin enttäuscht, wie wenig Leute diesen Weg des Protestes nutzen. Ich bin enttäuscht von den Leuten, die mir erzählen, wie betroffen sie sind und wie gerne sie helfen würden. Wo waren sie am Tag der Mahnwache? Muss Tierschutz denn wirklich immer nur aktiv vor Ort beim Hund sein? Was denken diese Menschen? Dass den Tieren geholfen ist, wenn man den einheimischen Beauftragten das Gewehr aus der Hand reißt? "Bringt doch eh nichts" höre ich sie sagen. Nun, nichts tun ändert noch weniger. Aber ich bin es Leid auf sie einzureden. Nicht jeder wählt den Weg des Tierschutzes, das ist einfach so.

Wie kann man nach all diesen Gedanken zu einer Mahnwache gehen und Werbung dafür machen, auch wenn man weiß, dass nicht einmal ein Bruchteil sich anschließt und nur wenige Menschen bewegt werden? Wir wussten es nicht. Wir fühlten uns einfach verpflichtet, gedanklich bei den Tieren zu sein, auch wenn es in ihrem Todeskampf wohl das wenigste ist, was ihnen hilft. Wir werden immer wieder hingehen, in der Hoffnung, dass sich irgendwann mehr Menschen anschließen und dass wir irgendwann dieses Problem beseitigen können. Es war das einzig Mögliche, was wir für die Tiere tun konnten.
 
01.04.2012
#1
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Guest

Kennst du schon die Warehouse Deals? Amazon bietet hier zurückgesandte und geprüfte Ware deutlich billiger an.
Dort gibt´s das auch speziell nur mit interessanten Dingen aus dem Haustierbedarf. Was haltet ihr davon?
kleiner Falke

kleiner Falke

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wow... Mir fehlen die Worte. Habe so etwas noch nie mitgemacht, es wäre sicher mal spannend. Erlebnisse, die man nicht mehr vergisst. Und dass viele Menschen dann die Gunst der Stunde nutzen, um etwas anderes daraus zu machen---das ist ja einfach nur "menschlich" (nicht gut, einfach menschlich) :roll:
Schön, dass Ihr trotzdem dabei wart und wer weiss, vielleicht konnten diejenigen, die das wirklich wollten auch etwas bewirken. Und wenn es nur im kleinen ist... :clap:
 
Pewee

Pewee

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Spannend war es auf jeden Fall! Konnte mir erst nur bedingt etwas darunter vorstellen. War auch sehr froh, dass wir eine Tour gelaufen sind, gestern war es wirklich verflucht kalt und ich hätte nicht mal eben 3-4 Stunden da stehen können. :?

Zumindest bin ich froh, dass die Polizei diesen Typen direkt Einhalt geboten hat. Mit so Themen wird man ja gerne mal schief angeschaut, da machen es diese Leute nicht besser :roll:

Aber ich hab mir den Fuß vertreten *meeeeeh* Mitleid^^
 
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