Gedenken an die weltbeste Wohnungsspinne ever

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Morastbiene

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Manche werden komisch finden, was ich hier schreibe, ob seltsam oder amüsant. Aber es ist mir ernst damit. Zumindest ein wenig, nachdem ich meinen Humor wiedergefunden habe, der nach meinem tragischen Fund in der vergangenen Nacht eher schwächlich ausgeprägt war und mir auf drei Beinen nachhumpelte. ;)

Alles begann irgendwann im Sommer letzten Jahres. Eine kleine Spinne hatte sich in unsere Küche verirrt, was bei einem ständig offenen Fenster keine große Überraschung darstellte. Sie gehörte nicht zu den Exemplaren, die mich sofort "UAAAH!" wimmernd und mit den Händen schlagend wie ein Huhn mit den Flügeln aus der Küche fliehen lassen, denn sie war wirklich klein und wenig beängstigend, wie sie so harmlos an der Decke entlang spazierte. In diesem Sinne war ich durchaus dankbar für diesen Umstand, denn wir hatten schon wesentlich größere Artgenossen bei uns willkommen heißen dürfen. "Gut, du darfst bleiben", dachte ich mir und fügte in Gedanken grinsend hinzu: "Zumindest bis ich dich rauswerfe..."

Nicht sehr viel später fand das Spinnchen seinen Weg in ein Glas und bekam einen Flug aus dem Fenster geschenkt, wie viele vor ihr. Anscheinend bin ich ein schlechter Werfer oder das kleine Wesen hatte den Faden zu seiner Rettung bereits gesponnen, es dauerte jedenfalls keine vierundzwanzig Stunden, bis es wieder an der Küchendecke saß als wäre nichts geschehen. Ich nahm das ein wenig verwundert zur Kenntnis. War das dieselbe Spinne? Mir sollte es egal sein. Nach einer Weile gewann sie ein erneutes Flugticket und bestieg das gläserne Shuttle zum offenen Fenster. Dieses Mal missglückte der Start eindeutig. Erst im schwächeren zweiten Schwung fiel
der Achtbeiner aus dem Glas, ließ sich hektisch herab und landete auf dem kleinen Mauervorsprung direkt unterhalb des Fensters. So war das nicht geplant, aber was soll's. Er würde sicherlich am Mauerwerk entlang krabbeln und sich ein schönes Plätzchen suchen. Damit war mein Part erfüllt.

Ich erinnere mich nicht, wie viel Zeit genau vergangen ist. Es muss ungefähr eine Woche gewesen sein, vielleicht auch zwei. Jedenfalls traute ich meinen Augen kaum, als ich mich einmal ganz zufällig in der Küche umsah. Da war sie wieder! Das gab es doch nicht... Nein, das konnte nicht dieselbe Spinne sein, dachte ich mir und betrachtete sie eingehend. Die Größe kam hin und besonders die Stellung der Beine war mir absolut vertraut... Es bleibt an dieser Stelle ungeklärt, ob es sich in der Tat um besagte Spinne handelte oder bloß einen Doppelgänger. Für unsere weitere Beziehung spielte das jedoch keine Rolle.

Ich musterte die leicht krabbenartig aussehende Kreatur. "In Ordnung, du darfst bleiben. Wer sich solche Mühe gibt, hier reinzukommen, muss belohnt werden..." Eigentlich hatte ich mich darauf eingestellt, dass sie an der Küchendecke hausen und sich durch ihr kleines Leben schlagen würde, begleitet von der Hoffnung, sie würde keinen Dämpfen aus heißen Kochtöpfen zum Opfer fallen oder dergleichen. Eines Tages fand ich sie plötzlich an der Decke unseres Wohnzimmers vor. Ich staunte über die Strecke, die das Tierchen zurückgelegt hatte und zu dieser Zeit bekam der fleißige Läufer seinen Namen: Forrest.
Darin lag eindeutig der Fehler, Name = Bindung, aber ich bereue gar nichts. :eusa_snooty:

Wie auch Tom Hanks in seiner Rolle lief das kleine Kerlchen unheimlich gerne. Von vorn nach hinten, von links nach rechts und wieder zurück. Also taufte ich ihn nach seinem filmischen Vorbild. Forrest verschwand in regelmäßigen Abständen von der Bildfläche und für eine Weile war ich sogar davon überzeugt, er wäre ausgezogen. Doch jedes Mal belehrte er mich eines Besseren. Forrest war immer da, irgendwie. Ein ganzes Jahr lief er in unserem Wohnzimmer umher, mal versteckt, mal pausierend, denn ein guter Läufer weiß, wie viel er sich zumuten kann und mal sehr aktiv.

Es mag für manche albern klingen, aber ich begann mich zu freuen, wenn ich sah, dass Forrest unterwegs war. Jedes Mal musste ich es begeistert verkünden. Ich beobachtete den kleinen Krabbler und obwohl ich sonst kein großer Spinnenfan bin, weil die Angst meist überwiegt und nur mühsam von Neugier aufgewogen wird, fühlte ich mich wohl mit Forrest in unserem Wohnzimmer. Wir koexistierten friedlich und nachdem wir in diesem Sommer von lästigen Fruchtfliegen heimgesucht worden waren und sich gelegentlich kleine Motten blicken ließen, machte ich mir keine allzu großen Sorgen um das Überleben unseres Mitbewohners. Doch mit den fallenden Temperaturen änderte sich das.

Ich machte mir zunehmend Gedanken, wie Forrest durch den Winter kommen sollte, zumal ich schon länger keine Insekten bei uns gesehen hatte und spielte sogar mit der Idee, Drosophilae für ihn zu bestellen und ihm einen festen Wohnsitz in einem großen Glas oder ähnlichem zu schaffen. Doch mir war klar, dass das eine Schnapsidee war. Ich habe keine Ahnung von Terraristik und außerdem gehört eine Spinne nicht in ein Glas. Mein Plan stand fest: Solange es noch mild wäre, würde ich ihn bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit von der Wand holen und ihn in einen dichten Blätterhaufen setzen, in dem garantiert genug Fressbares hauste und ihm so wieder ein natürliches Leben angedeihen lassen. Nur Forrest kam nicht von der Decke und wir hatten keine Leiter zur Hand... Würde er nicht bald in greifbare Nähe kommen, müsste ich mir etwas einfallen lassen.

In den letzten zwei Tagen bemerkte ich, dass Forrest an einer Stelle verharrte. Das war nicht ungewöhnlich, seine Haltung hingegen schon. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass Forrest sich zum Sterben zurückgezogen hatte. Gestern Abend fand ich auf einmal drei Motten an der Decke vor, zwei davon genau in der Nähe von seinem letzten Aufenthaltsort. Aber wo war Forrest? Hatte der kleine Kerl sich wieder versteckt... Er konnte sich doch kein potenzielles Festmahl entgehen lassen. Spaßeshalber rief ich das nach oben, bevor wir ins Bett gehen wollten und auf einmal dämmerte es mir... Was wäre, wenn...? Und schon holte mich die bittere Erkenntnis ein. Forrest war auf den Boden gefallen. Forrest war tot. Mancher wird darüber lachen, aber ich habe geweint und ich weine auch jetzt, ohne mich nur einer Träne zu schämen, während ich darüber staune, woran ein Mensch sich emotional binden kann.

Wie sang Sideshow Bob für Bart? I've grown accustomed to your face...
Okay, es müsste "legs" heißen, von Forrests Gesicht habe ich wenig gesehen.

Mach' es gut, kleiner Läufer. Ich werde sicher noch oft an die Decke schauen und nach dir suchen. ♥


Forrest * ? - † 26.11.2012

P.S.: Keine Angst, natürlich werde ich darüber hinwegkommen. Auch ein Spinnenleben ist endlich.
Das ist mir klar und der gestrige Tag wird sicher nicht den Beginn einer Depression markieren.
Aber es ist schade und traurig für mich, dass ich den kleinen Kerl nun nicht mehr umherkrabbeln sehen werde.
Das wird bestimmt der eine oder andere verstehen können. : )
 
27.11.2012
#1
A

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Guest

Kennst du schon die Warehouse Deals? Amazon bietet hier zurückgesandte und geprüfte Ware deutlich billiger an.
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seven

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Ist das rührend! Ich kann Dich gut verstehen, uns ging es damals mit unserer "Shakira"-Schneckenfamilie auf der Dachterrasse nicht anders, und wir waren sehr traurig, dass sie den einen harten Winter nicht überlebt haben und auch keine von ihnen in einem der zahlreichen Blumentöpfe mit umgezogen ist auf die neue Terrasse...
 
Schattenseele

Schattenseele

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Liebe Mina.
Ich habe den ganzen Tag versucht die Worte zu finden die ich schreiben möchte, die ich seit dem Moment suche als ich den Blog gelesen habe.
Ich möchte dir zuerst sagen das mir der Text den du geschrieben hast sehr nahe geht.
Du hast einfach tolle Worte gefunden und ich kann die Verbindung spüren die du zu Forrest gehabt hast obwohl er kein Haustier im eigentlichen Sinne war.
Ich finde es auch okay zu trauern, Forrest war ein Lebewesen welches dein Leben für eine Zeit begleitete.
Mir tut es leid das er es nicht gepackt hat. Ehrlich.

Ich wünsch dir alles Liebe und auch ein Kraftpaket.

*Knuddel*
Schatti
 
Morastbiene

Morastbiene

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Danke schön, ihr beiden! Es ist verrückt, womit man sich anfreunden kann. Für Forrest war ich nichts weiter als ein riesiges Ungetüm, das für Vibrationen und ab und zu für anderes Wetter (hauchfeiner Regen aus dem Blumensprüher) gesorgt hat. Ich werd' ihn trotzdem vermissen. Er hat vor ein paar Stunden ein kleines Grab unter einem Bäumchen im Hof bekommen. :001:
 
Pewee

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Immer wieder erstaunlich, mit welchen Wesen man sich anfreunden kann. Wer hätte das gedacht :001: Jedes Wort kann ich nachvollziehen, denn ich hatte auch lange einen Spinnenfreund. Er lebte ein halbes Jahr hinter dem Seitenspiegelglas am Auto meines Freundes. Jedes Mal ärgerte er sich ganz furchtbar, weil die Spinne jeden Tag ein neues Netz baute, sobald er es zerstörte. Ich hab mich insgeheim immer diebisch gefreut, denn - um dich mal zu zitieren: In Ordnung, du darfst bleiben. Wer sich solche Mühe gibt, hier reinzukommen, muss belohnt werden...
Eines Tages gewann mein Freund Oberhand und konnte die Spinne rauspusten. Ich hoffe, sie hat einen anderen schönen Ort zum "rumspinnen" gefunden.

Wer weiß, vielleicht wusste Forrest dich auch zu schätzen... auf seine kleine, spinnige Art. Zumindest hatte er ein gutes und erfülltes Leben, denke ich *g* Immer schön warm, immer ein paar Fliegen und eine "Vermieterin", die ihn schließlich für Lau bei sich wohnen ließ.

Ich musste bei jedem Wort deines Textes schmunzeln und freue mich darüber, jemanden zu kennen, der auch um die kleinsten Wesen weint :058:
 
HamsterSissi

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Auch ich habe deinen Text erstaunt gelesen. Zum einen, weil ich dein Erlebnis sehr gut nachempfinden kann und zum anderen (und das in höchstem Maße), weil ich hocherfreut bin über deine hervorragende Art zu schreiben! Wo hast du das nur gelernt? Ich bin begeistert! Danke.
 
Morastbiene

Morastbiene

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Ich freu' mich, dass ich scheinbar nicht -oder nicht gänzlich- für verrückt gehalten werde, weil ich das geschrieben habe.

Dein "auf seine kleine, spinnige Art" hat mir ein dickes Schmunzeln ins Gesicht gezaubert, Püwchen. Ich hoffe doch, dass Forrest zumindest ein wenig für seine Bleibe und dessen Bewohner übrig hatte. Immerhin hat er uns wohlwollend geduldet und nicht versucht, mich anzuhüpfen oder anderweitig in Panik zu versetzen. So war er, eine noble Seele unter den Arachniden. :001:

Und lieben Dank für eure Komplimente, damit hatte ich an der Stelle wirklich nicht gerechnet. Weil ich nicht gut in so etwas bin, lächle ich einfach den Boden an, wie ich es im RL tun würde. :mrgreen:
 
seven

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Ich glaube, ich habe heute Morgen einen engen Verwandten von Deinem Forrest auf unserer Terrasse entdeckt ;) Und wenn ich mich recht erinnere, saß der auch gestern schon dort. Es könnte ein Zwillingsbruder sein ;) Vielleicht sollte ich ihn dann "Gump" taufen :D
Mal sehen, ob er morgen wieder dort sitzt - derzeit ist er wohl auf Wanderschaft....

LG, seven
 
Flumina

Flumina

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Hach Mina ich kann dich irgentwie verstehen auch wenn es wirklich sehr witzig klingt (ich mein du hast einfach eine tolle art zu schreiben und ich musste bei deinem Beitrag schon auch schmunzeln)

irgentwie scheint das Grade In zu sein sich mit Spinnen ect anzufreunden. Ich muss erlich zugeben dieses Bedürfniss habe ich (noch) nicht aber was nicht ist....
 
Tompina

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Hey, das hast du super schön geschrieben und ich kann jedes einzelne Wort nachvollziehen. :D

Forrest kann sich glücklich schätzen, dass er bei dir gelandet ist und nicht bei bösen Menschen, die Spinnen mit dem Staubsauger oder der gerollten Zeitung zu entsorgen pflegen...:(

*Pinchen schielt verstohlen an die Schlafzimmerdecke, in jene Ecke, die bis vor wenigen Wochen Agathas zuhause war, leider hat auch sie das Zeitliche gesegnet und Pinchen wartet nun Tag täglich darauf, dass einer ihrer achtbeinigen Verwandten ihren Platz einnimmt, allerdings wäre das Pinchen nicht böse, wenn es sich bei jenem Verwandten um ein etwas kleineres Exemplar handeln würde...fast 3cm Körperdurchmesser ist für einen Menschen mit Spinnenphobie, dann doch etwas schwer zu ertragen, vorallem im Schlafzimmer*
 
Morastbiene

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Liebe Grüße an seinen Zwillingsbruder, wenn du ihn wiedersehen solltest, seven. Ich bin mir sicher, Forrests Familienzweige reichen weit. :001:

Staubsauger und Zeitung gibt es hier nicht, Pinchen, selbst mit Panik und Geheule. Das bringe ich nicht übers Herz, egal wie sehr es mich gruselt.
Ich kann aber gut verstehen, dass du Agathas Nachfolger gern etwas kleiner hättest. Erinnert mich an unsere Amanda. :D
 
Dazzle

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Ich habe den Blog gerade entdeckt und muss noch heute darüber schmunzeln.
Erstaunlich, was man für eine Bindung zu so einem kleinen Tier aufbauen kann, weil es immer da war irgendwie und letztendlich auch einen Namen hatte :001:
Ich empfinde das gar nicht als verrückt, sondern sehr rührend, vorallem das du auch über die "kleinen Freunde" weinst.
Wie du in deiner herrlichen Art zu schreiben über den kleinen Spinner (hihi) geschrieben hast, war sehr bewegend. :001:

Liebe Grüße
 
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