Sein und Schein

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Foss

Foss

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Die Dunkelheit hat sich über das Land gesenkt und mit ihr kam die Winterkälte. Das halb vermoderte in bunten Farben einst prächtig leuchtende Laub knirscht unter den dicken Wanderschuhen - einst hat es unseren Sehsinn verzaubert, hat öde Alleen und Strassen buntes Leben eingehaucht und vielen Leuten ein Lächeln trotz des tristen Arbeitstages ins Gesicht verzaubert.
Ein zarter Windstoß oder eine heftige Böe hat die Reise der Blätter beginnen lassen und nun liegen sie hier im Gras, vermodert, eintönig, und keiner schenkt ihnen mehr Beachtung. Ich bleibe stehen, hebe ein Blatt vom Boden auf, es ist halb zerrissen, aufgrund der nächtlichen Dunkelheit kann ich die Farbe nur erraten. Ich tippe auf ein dunkles Braun weil dies meistens die verrottenden Blätter tragen.

Braun, die Augenfarbe meines Exfreundes, die Farbe der Augen meiner Hunde.

Mein Weg führt mich weiter, ich verlasse den grasbewachsenen Damm der einst die Donau in ihre Schranken wies und sich heute mehrere Kilometer durch die Ebene zieht, ein Relikt aus noch gar nicht so alter Zeit.
Links von mir beginnen geisterhafte Schatten nach mir zu greifen, wie Skelett-Arme die sich im Wind biegen. Es ächzt und stöhnt in der Dunkelheit, es knirscht und knackt. Die großen Haselnusssträucher tanzen im Wind, die knirschende Rinde erzählt Geschichten aus der Vergangenheit - welche Leute hier wohl daran vorbeigingen ohne sie zu beachten? Welche Gespräche sie wohl mit angehört hatten?

Mein Blick klärt sich in der Dunkelheit der Nacht, der Schleier des Alltags der sich Tag für Tag über meine Augen legt verschwindet in der Ruhe der Nacht und ich kann tief und frei durchatmen. Die Last auf meinen Schultern scheint weniger geworden zu sein, ich fühle mich lebendiger, mehr...Ich selbst.
Der kalte Wind trägt die Botschaft des Winters, umspielt meinen Körper der schutzlos auf der Anhöhe steht und verfängt sich in meiner Daunenjacke um seltsame Pfeiftöne darin zu erzeugen.
Die meisten Menschen mögen so ein Wetter nicht - sie finden es kalt, zu nass zu unangenehm...es ist Natur, wir sind Natur und ich verstehe nicht wie man so etwas nicht mögen kann.

Wenn man zuhört, erfährt man Geschichten von Mutter Erde, von jedem Blatt von jedem Stück Rinde. Der scharfe Wind verblast die Aura des Ego, des Neides und des Alltags die uns tagsüber umgibt. Er befreit, umschmeichelt einem wenn man bereit ist sich auf ihn einzulassen. Er trägt die müden Gedanken fort, die Sorgen, die Verzweiflungen.
Man fühlt sich frei wenn man dem Wind lauscht und ihm erlaubt, Geschichten zu
erzählen.

Ich atme tief durch, genieße die kalte, klare Luft in den Lungen und setze schließlich meinen Weg über knisterndes Laub und braunes Gras fort.
Ein sanfter Schleier aus feuchtem Nebel hat sich über die Felder gelegt die nun vor mir liegen. Wie Geister spielt der Wind mit dem Nebel läßt ihn sich verdichten, sich auflösen und seltsame Formen erscheinen bevor er sie wieder zerstört.

In der Ferne versucht mühsam das glitzernde Licht der nächsten Ortschaft die Nebelwand zu durchdringen doch nur mit mäßigem Erfolg. Die Häuser des Dorfes lassen sich nur erwarnen, einzig der hohe Kirchturm verkündet seinen Standpunkt und verteidigt diesen tapfer gegen die Nebelsuppe.
Die Natur siegt immer...es wird nicht lange dauern und auch der sich stetig verdichtende Nebel wird den Turm verschluckt haben.

Mein Weg führt mich langsam weiter, trotz der Dunkelheit sehe ich meinen eigenen Atem vor dem Gesicht aufsteigen, kleine Wolken die gen schwarzen und sternenklaren Himmel schweben. Ein Blick nach oben zeigt mir, dass das Universum noch da ist - man sieht Jupiter, die Plejaden, die Cassiopeia und auch die beiden Wägen. Alles scheint noch an ihrem Platz zu sein, auch unser Planet, auch die Menschheit.

Langsamen Schrittes folge ich dem steinigen, matschigen Feldweg der hin und wieder von Pferdeäpfel gesäumt ist. Gekonnt weiche ich aus, auch wenn ich sonst kein Thema mit Dreck oder dergleichen habe. Als Kind habe ich in Jugoslawien an blau bemalte Steine gepinkelt, bin in jede Pfütze gesprungen und habe Kieselsteine gegessen - ohne geimpft worden zu sein.
Wieso sollte ich mich jetzt vor Pferdeäpfeln ekeln? Liegt es vielleicht daran, das man erwachsen wird und die Gesellschaft einen gewissen Druck ausübt?
Ich hasse es, unter Druck zu stehen - oder mich so zu verhalten, wie andere es von einem erwarten. Ich bin Ich und ich werde mich für keinen Menschen auf der Welt verstellen.

Ja, es ist schwer für die Freunde da zu sein wenn sie Hilfe benötigen. Ich höre gerne zu, habe immer ein offenes Ohr ohne mich direkt in das Problem einzumischen oder eine Partei zu ergreifen. Es ist schwer, die Leute weinen zu sehen während man selbst weiß, das man meistens selbst nicht mehr weinen kann. Ich versuche eine Stütze zu sein, eine Freundin, eine Kollegin, jemand bei der man sich auskotzen kann ohne bewertet zu werden.

Es ist schwer mit Kollegen am Schießstand zu stehen, den Abzug zu ziehen. Für manche ist es vielleicht Spaß,...Übung....Training...Das war es am Anfang für mich auch. Es macht Spaß die Zielgenauigkeit in einem freundlichen Wettstreit zu verbessern - aber der Hintergrund ist bitterer Ernst.
Den Abzug ziehen - wenn jemand vor dem Lauf steht...daran denken die wenigsten. Vielleicht bin ich zu sentimental geworden, zu emotional nach all den Gesprächen und das "für andere da sein" - vielleicht bin ich auch einfach abgestumpft, denn es gibt Momente da ist es mir ehrlich egal.

Ab Abzug ziehen, wenn der Lauf die Schulter gerichtet ist, oder ein Bein, oder die Hüfte...eine Patrone die in das Fleisch eines anderen Menschen eindringt, ihn verletzt nur um vielleicht eine andere Person zu schützen? Was gibt mir das Recht eine Person zu verletzen damit eine andere nicht verletzt wird? Wer bin ich, um über so etwas zu urteilen?

Man schleppt solche Gedanken lange mit sich herum, selbst den Mann der sich brennend auf dem Bahndach windet habe ich noch nicht ganz vergessen. Der Geruch ist aus meiner Nase verschwunden, der Großteil der Bilder auch...mein Ego ist froh darüber nicht mehr mit dieser "Kleinigkeit" belastet zu sein - aber ist es wirklich eine Kleinigkeit? Denn ejdes Mal wenn ich bei der Station aussteige, bei Mutters Praxis habe ich die Erinnerungen sofort wieder im Kopf.

Ich war nicht schnell genug, ich habe mein Bestes gegeben und doch hat es nicht gereicht. Mein Blick in Gedanken fällt auf die leeren, kargen Fliesen der Bahnstation die sich in meinen Kopf eingebrannt haben und der Wunsch in mir, einen Strauß Blumen hinzulegen wächst sprunghaft an.
Aber legt man heutzutage einfach Blumen in der Öffentlichkeit an eine Stelle? Ich weiß es nicht, ich habe so etwas noch nie getan - ich war nicht einmal bei der Beerdigung meines Opas, weil ich Friedhöfe und Beerdigungen nicht zweckmäßig empfinde.

Meine Gedanken driften ab, zurück in die Realität und die kalte Nacht die mich umgibt. Der Nebel hat zugenommen, ist dicker geworden und ich pfeife nach meinen Hunden. Der weiße Eisbär ist kaum noch zu sehen, die kleinen Pfoten von Wega trommeln froh über das knirschende Laub als er auf mich zugerast kommt. Ein heller, entzückter Laut dringt aus meiner Kehle um sein Kommen überschwänglich zu loben während der Große Weiße sich die übliche Zeit läßt bevor er antanzt.
Meine Hände trotzen der Kälte, von Handschuhen halte ich nicht viel - außer es sind die ledernen Diensthandschuhe - die Finger streichen über das gestromte, langsam rauer werdende Welpenfell und ich wünsche mir oft das mich jemand zwickt.

Das mich jemand aus meinem Traum herausholt. Ewig wünsche ich mir einen Herder und nun ist er da...schwarze Knopfaugen, gestreiftes Fell, ein intelligentes unglaublich tolles Geschöpf. Ich wünsche, das mich jemand zwickt oder eine Ohrfeige verpasst und sagt, ich solle aufwachen...womöglich sitze ich dann sogar noch in der Schule und hatte einen Tagtraum?
Wer weiß das schon? Ist dies hier überhaupt die einzige Realität?

Für viele ist es Realität in Schützengräben zu schlafen, in Krankenhäusern zu liegen, umgeben vom Geruch des Todes und dort darauf zu warten, das sie endlich einschlafen können. Für viele ist es Realität mit dem Geld anderer den eigenen Unterhalt zu verdienen, auf gut Glück Aktien durch die Gegend zu werfen. Für viele ist es Realität ihren Unterhalt damit zu verdienen, Leute auf die Strasse zu setzen denen nichts mehr geblieben ist außer ihrer Kleidung.

Es gibt viele Realität, für eine Seele ist die andere Seele eine Hinterwelt.

Meine Schritte führen mich langsam zurück gen Ortschaft und nach Hause, gen warmen Pelletsofen, Bequemlichkeit und ein warmes Bett.

Meine Gedanken sind halbwegs wieder geordnet, ich fühle mich "ganz" nicht mehr zerrissen vom Alltag, von den Gedanken und Meinungen der Menschen.
Eine innere Stimme meldet sich, mein Ich schreit mir zu, das Leben zu genießen, verrückt zu sein und einfach zu sein und zu leben. Für einen Moment bleibe ich stehen, sehe mich...keiner auße rmir weit und breit...absolut perfekt. Denn ich bin wirklich nur Ich wenn keiner hinsieht.

Mit einem heiseren Schrei springe ich in die Luft, hüpfe ein paar Mal im Umkreis, stoße mich ab und verfalle in einen maximalen Sprint. Schwer keuchend dringt die Luft aus meiner Lunge, bildet kleine Wölkchen durch die beinhart durchlaufe. Ein Stück Baumstumpf versperrt mir den Weg, ich springe hinweg, genieße den Geruch des Herbstes das an meine Nase dringt - hinter mir schallt das Keuchen der hechelnden Hunde durch die Luft.

Ich tobe mich aus, laufe bis ich nicht mehr kann, meine Beine zittern und vibrieren, mein Puls jagt durch den Körper - im Training lag er bei 240 Schlägen pro Minute, ob dies nun so wieder ist? Ich weiß es nicht...wein tiefer Atemzug folgt, ich nehme die Leine und gehe artig mit durchgestrecktem Rücken und langsamen Schrittes auf den Vorplatz meines Hauses.

Sein und Schein - mehr Schein als Sein...

Das Gartentor schließt sich hinter uns....für viele ist es nur eine Gassirunde - für mich meine Realität, mein Moment um frei zu werden, mein Moment um die Welt atmen zu hören.

Ich wünsche euch allen ein schönes Wochenende!
 
01.12.2012
#1
A

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Guest

Kennst du schon die Warehouse Deals? Amazon bietet hier zurückgesandte und geprüfte Ware deutlich billiger an.
Dort gibt´s das auch speziell nur mit interessanten Dingen aus dem Haustierbedarf. Was haltet ihr davon?
Flumina

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Wahnsinn ich kanns gar nicht beschreiben es ist..... Das leben ich glaub das triffts ganz gut
 
Morastbiene

Morastbiene

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Ich weiß nicht, warum ich diesen Eintrag nicht kommentiert habe und berufe mich auf "besser spät als nie" mit einem Fragezeichen dahinter. Dein Text hat mir wunderbar gefallen. Weißt du warum? Weil er regelrecht zu atmen scheint. Das fühlt man nur, wenn er gut gelungen ist. *mag* :001:
 
Foss

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Danke dir vielmals.
 
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