Bockgruppen bei Meerschweinchen

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202407Immer noch hält sich zuweilen hartnäckig das Vorurteil, man könne Meerschweinchenböcke nicht zusammenhalten. Das ist nicht richtig – genauso wenig zutreffend aber die Behauptung, Bockgruppen seien vollkommen unkompliziert.

Wahr ist: Die Haltung zweier oder mehrerer Meerschweinchenböckchen in einer reinen Bockgruppe ist sehr gut möglich, es müssen aber einige Voraussetzungen erfüllt werden.


Die Schlüssel zu einer glücklichen Männerfreundschaft
Platz
Klingt einfach – ist es auch. Bockgruppen bei Meerschweinchen benötigen in der Regel mehr Platz als Weibchen‐ oder Haremsgruppen.

Als Faustregel gilt daher: Pro Bock mindestens 0,5 bis 1 m² Grundfläche (d. h. ohne Etagen gerechnet!). Der halbe Quadratmeter pro Meerschweinchen ist dabei wirklich das absolute Minimum. Ausreichend Platz ist ein entscheidender Faktor bei Bockgruppen und mit großen Gehege erhöht man die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Jungs harmonisch zusammenleben!

Für zwei Meerschweinchenböckchen sollte also eine Gesamtgrundfläche von 1 m² nicht unterschritten werden. Bei den Kaufkäfigen stellen daher die Modelle mit den Maßen 1,4÷1,5 m x 0,7 m die einzige Wahl dar. Alternativ bieten sich natürlich sehr gut Eigenbauten oder entsprechend große Dauerausläufe an. Zusätzliche Etagen ermöglichen es den Meerschweinchen dann noch, sich bei Bedarf komplett aus dem Weg zu gehen.

Sackgassenfreie Einrichtung
Im Gehege einer Meerschweinchen‐Bockgruppe sollten sich keine Häuschen befinden, beziehungsweise nur Häuser mit mindestens zwei großen Eingängen, so dass bei Bedarf jederzeit alle «Fluchtwege» offen stehen. Es bieten sich hier als Häuschen‐Alternative sehr gut Weidenbrücken oder kleine Etagen (Aufgebaut wie kleine Tische, als im Grunde ein Brett auf vier Beine) an. Generell sollte man bei der Einrichtung eines Geheges für Meerschweinchen darauf achten, keine «Sackgassen» entstehen zu lassen.

Keine Weiber!
Vielfach hört man, man könne weibliche und männliche Meerschweinchen nicht einmal in einem Raum halten, die Meerschweinchenböcke würden sich allein aufgrund des Weibchenduftes schon bekämpfen. Viele Halter, die dennoch Bock‐ und Weibchengruppen problemlos im selben Raum halten, widerlegen diese These. Ganz von der Hand zu weisen ist sie jedoch nicht – hier kommt es sehr auf den Charakter der Böcke an.

Allerdings: Der unmittelbare Kontakt zu Weibchen kann selbst aus den friedlichsten Bockpaaren wilde Streithähne machen und ist also auf jeden Fall zu vermeiden.

Ein gelassener Halter
Mit ca. 3 bis 4, 8 bis 9 und manchmal auch 15 Monaten (zuweilen liest man auch: 2 bis 3, 6 und 12 Monate – es kommt da ganz auf die Meerschweinchen selber an) kommen die Böckchen in die sogenannten «Rappelphasen» – von den Auswirkungen her im Grunde eine «Meerschweinchen‐Pubertät»: Die Halbstarken begehren gegen ihren Platz in der Rangordnung auf, möchten schauen, wer der Stärkere ist, wer Chef bleibt oder wird.

Es gilt: So lange kein Blut fließt – hier sollte man abwägen: einmalige, kleinere Verletzungen (angezwickte Lippen, eingerissene Ohren, kleine Kratzer passieren schnell) sind noch im Rahmen – sollte man die Tiere nicht trennen, sondern sie die Rangordnung ausmachen lassen. Das Zähneklappern, Jagen, Besteigen, Zwicken, etc. mag für den Menschen «gemein» aussehen – so lange es aber dabei bleibt, alle Schweine weiter fressen und munter sind und nicht stark an Gewicht verlieren (regelmäßiges Wiegen ist wichtig, siehe auch Der Meerschweinchen‐TÜV), lässt man die Tiere gewähren.

Das richtige Alter
Familienbande zählt bei Meerschweinchen recht wenig – die Haltung zweier Geschwisterböcke garantiert nicht unbedingt ein stressfreies Zusammenleben. Die Haltung gleichaltriger Böcke hat den Nachteil, dass beide gleichzeitig in die Rappelphasen kommen, und häufig auch in etwa gleich kräftig sind.

Die Kombination aus Altbock mit Jungbock kann da vorteilhafter sein. Einem älteren Bock ein männlichen Meerschweinchenjungtier bis ca. sechs Wochen hinzuzusetzen, klappt in der Regel immer. Der Kleine ordnet sich (zunächst) automatisch unter. Diese Kombination hat auch den Vorteil, dass das Jungtier vom erwachsenen Meerschweinchen sozialisiert wird (siehe Sozialisierung von Meerschweinchen), was bei einem Bruderpaar nicht der Fall wäre.


Sozialisation und Charakter
Die richtige Sozialisation der Meerschweinchenböcke ist ein wichtiger Faktor bei Bockgruppen. Wachsen Babyböcke ohne älteren Bock/Kastraten auf, können sie nicht lernen, wie man unter Böcken kommuniziert und sich verhält, wie man ggf. Streitigkeiten aus dem Weg geht und wann es angebracht ist, den Rückzug anzutreten.

Am Idealsten für eine vernünftige Sozialisation wäre das Aufwachsen der jungen Meerschweinchenböckchen in einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe, in der sie die Interaktion sowohl mit Weibchen, als auch Böcken lernen können. Um das ohne unkontrollierte Vermehrung gewährleisten zu können, müssen die Babyböckchen hierfür vor der Geschlechtsreife (bis zu einem Gewicht von ca. 250 Gramm) frühkastriert werden. Kann eine das aus irgendwelchen Gründen nicht realisiert werden, so sollte zumindest die Erziehung durch einen älteren Bock/Kastraten gewährleistet werden.

«Charakterschwein!»- bei Meerschweinchen kein Schimpfwort, im Gegenteil. Ob Bockgruppen funktionieren oder nicht, ist auch immer eine Charakterfrage. Es gibt einfach Böcke, die lieber ein paar Mädels an ihrer Seite sehen und mit anderen Meerschweinchenböcken gar nicht können.

Kastration
Beim Meerschweinchen wirkt sich eine Kastration nicht so stark auf das Verhalten aus, wie beispielsweise bei Kaninchen. Auch Kastraten sind in der Regel «richtige» Männer – und auch bei ihnen gelten sämtliche Regeln zur Bockgruppenhaltung. Eine Kastration ist für die Bockgruppenhaltung bei Meerschweinchen nicht zwingend erforderlich. Allerdings ist es dennoch durchaus möglich und wird vielfach beobachtet, dass sich die Kastration positiv auf das Verhalten der Böcke auswirkt, sie weniger «bockig» reagieren und bei Streitigkeiten weniger verbissen agieren.

Generell ist eine Kastration von Meerschweinchenböcken empfehlenswert. Sollte die Bockgruppe auf Dauer nicht funktionieren, sollte evtl. im höheren Alter ein Bock aus einer Zweiergruppe versterben, so lassen sich bereits kastrierte Böcke sofort mit Weibchen vergesellschaften. Das kann wichtig sein, falls man dem Altbock eine Vergesellschaftung mit einem erwachsenen Bock nicht mehr zumuten möchte/kann, und abwägen muss, wie sinnvoll es ist, ein quirliges Babyböckchen einem Opa zuzusetzen, der manchmal gern seine Ruhe haben möchte.

Zudem: Falls ein Meerschweinchenbock – aus irgendeinem Grund – einmal vermittelt werden muss, stehen seine Chancen als Kastrat um Einiges besser. Nicht zuletzt ist die Kastration von Böcken auch aktiver Tierschutz, schließlich stellt man so sicher, dass diese Meerschweinchen auf keinen Fall mehr ungewollten Nachwuchs produzieren. Bei einem guten, meerschweinerfahrenen Tierarzt und abhängig von der Narkoseart ist das Risiko der Kastration recht gering.

Zwei? Drei? Vier? Viele? Große Bockgruppen
Meerschweinchen heißen ja bekanntlich eigentlich Mehrschweinchen – schnell verfällt man den süßen Puscheln und kann sich vorstellen, noch mehr Schweine aufzunehmen. Dieses «Aufstocken» ist bei Bockgruppen nicht ganz »ungefährlich», riskiert man doch mit dem Hinzusetzen neuer Meerschweinchen die Harmonie der bestehenden Gruppe.

Generell muss man wissen, dass man bei Bockgruppen im allerschlimmsten (und auch seltenen) Fall am Ende mit mehreren bockunverträglichen Einzeltieren (die dann am besten kastriert und mit Weibchen vergesellschaftet werden) dasitzt. Wobei es auch einige Beispiele sehr harmonisch funktionierender Bock‐Großgruppen (10, 15, 20, … Tiere) gibt.

Dass man für viele Böcke auch viel Platz braucht, ist logisch. Zudem empfiehlt es sich zumindest bei einer einstelligen Schweineanzahl, eine gerade Anzahl an Böcken zu halten, so besteht weniger die Gefahr, dass einer ausgegrenzt wird.
 
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