Finyas und mein Trainingsweg - zurück zum Vertrauen

Diskutiere Finyas und mein Trainingsweg - zurück zum Vertrauen im Hunde Verhalten und Erziehung Forum im Bereich Hunde Forum; Hallo ihr lieben! Ich weiß noch nicht so ganz genau, ob ich in diesem Unterforum wirklich ganz richtig bin. Da es hier aber um Finyas Verhalten...
Dondon96

Dondon96

Registriert seit
17.10.2010
Beiträge
17.507
Reaktionen
15
Hallo ihr lieben!
Ich weiß noch nicht so ganz genau, ob ich in diesem Unterforum wirklich ganz richtig bin. Da es hier aber um Finyas Verhalten und Erziehung geht (und damit auch um unser Training) finde ich es hier am passendsten.
Ich möchte in diesem Thread mal ein wenig Finyas und meine Geschichte erzählen und mir natürlich auch für das aktuelle Training Tipps, Ideen und Anregungen holen. Gleichzeitig will ich aber vielleicht auch manchen Lesenden etwas Mut machen.

Vielleicht erstmal zu Finyas Geschichte:
Finya wurde vermutlich im Juni 2012 in Ungarn geboren und im Alter von rund einem Jahr in der Tötungsstation dort abgegeben. Im Dezember 2013 kam sie dann zuerst als Pflegehund in unsere Familie. Schon beim Abholen warnte man uns, die Box zu öffnen. Sie habe bereits beim Ausladen der Boxen extrem geknurrt und man wisse nicht, wie sie reagiere. Kaum aus der Box draußen war aber alles gut und Finya recht ruhig.
Bei uns lebte schon seit November 2012 Milow (2010 geboren, ebenfalls aus Ungarn von der Straße, jedoch nach einem Jahr schon extrem gut im Training und ein absoluter Verlasshund). Wie zu erwarten war, haben wir uns in die kleine weiße, tollpatschige Hündin sofort verliebt und so war schnell klar, dass sie unsere Familie nicht mehr verlassen würde.
Doch schon nach den ersten Tagen traten auch erste Probleme auf. Finya kam auf die grandiose Idee, gegenüber Milow Ressourcen zu verteidigen. Schon am zweiten Tag wollte sie nicht, dass Milow ins Haus kommt. Das ganze konnten wir jedoch recht schnell unterbinden, wie weiß ich leider nicht mehr genau. Jedoch wurde Milow sehr schnell Finyas Fixpunkt und Bindungs"person". Das kann ich jetzt so im Nachhinein sagen, damals war uns das so nicht bewusst.
Finya hatte in den ersten Wochen gelernt Treppen zu steigen, wurde schnell stubenrein und lernte erste Kommandos. Sie war sehr wissbegierig, aufgeweckt und triebig. Schnell erkannten wir, dass sie inen stark ausgeprägten Jadgtrieb hat, fremde Männer waren ein rotes Tuch und bei Hunden war es ein Glücksspiel, ob sie diese
mochte oder nicht.
Es begann ein langer Trainingsweg mit einigen Höhen, aber auch sehr vielen Tiefen und herben Rückschlägen. Nicht nur einmal flossen die Tränen nach einem Spaziergang (oder auch schon beim Spaziergang) weil wieder alles schief lief. Mehrfach hatten wir das Bedürfnis, alles an den Nagel zu hängen. Doch dann waren da wieder diese Lichtblicke. Diese unglaublich schönen Hochphasen, in denen man sich in die süße Maus wieder neu verliebte.
Im Sommer 2014 hatten wir wohl den größten Rückschlag in unserer Geschichte. Wir waren auf einem Trainingsstand, dass ich sie auf Wiesen und übersichtlichen Stellen ohne Leine laufen lassen konnte und sie war gut abrufbar. Wir waren bei einem Steinbruch unterwegs und leider war sie in diesem Moment nicht mehr abrufbar, sondern folgte einer Fährte. Sie war aus meinem Sichtfeld und wenige Sekunden später hörte ich nur einen Schrei, fallende Steine, dann Stille. Natürlich habe ich mich sofort panisch auf die Suche gemacht und konnte sie einige Minuten später finden. Blutüberströmt humpelte sie zu der Stelle, an der sie weggerannt war. Sofort zum Tierarzt und die erlösende Nachricht: keine Knochenbrüche, keine inneren Blutungen. Allerdings viele Schürfwunden, Steine im Zahnfleisch, mehrere blaue Flecken.
Nach diesem Vorfall dauerte es mehrere Wochen, ehe Finya mir wieder in die Augen blickte. Das Vertrauen war wohl auf beiden Seiten komplett zerstört und wir mussten wieder bei Null anfangen. Nicht so leicht, denn bei mir stand das Abitur vor der Tür.
Natürlich besuchten wir mehrmals pro Woche die Hundeschule und trainierten fleißig weiter. Doch wegen des Abiturs, fehlte irgendwann die Zeit. Keine Hundeschule mehr, weniger Training beim Spaziergang und entsprechendes Verhalten waren die Folge. Insgesamt ging es einfach mit ihr bergab und da tragen wir definitiv einen großen Teil dazu bei. Wir haben zu spät eingegriffen und nicht dagegen gesteuert und irgendwann hat es sich dann einfach alles so eingeschlichen und wir haben es irgendwie schon so gewuppt.

So sind wir dann zur Ausgangssituation für unser Training gekommen:
Finya hat insgesamt ein gewisses Aggressionspotential. Nicht direkt gegen uns als Bezugspersonen und auch nicht gegen Milow. Aber vor allem beim Thema Hundebegegnungen zeigt sie extreme Leinenaggression. Diese geht soweit, dass sie in Rage um sich beißt und dabei entweder Milow oder auch schon einige male mich erwischt. Nie stark, aber es wurde dann doch schon blau. Anfangs dachte ich noch es war eher "versehentlich", dass ich blöd in sie rein gerannt bin, als sie gebellt hat. Irgendwann war es dann aber auch klar, dass sie das schon recht gezielt macht.
Des weiteren zeigt sie auch bei Besuch, dass sie was auf dem Kasten hat. Vor allem bei Männern ist sie immer angespannt und eine falsche Bewegung kann dazu führen, dass sie an die Decke geht. Mal eine Beispielsituation:
Wir hatten beim Grillen Besuch (insgesamt waren wir 5 Personen, ich und 5 Männer die sie seit ca. 4 Jahren kennt und auch in den Tagen vorher regelmäßig zu Besuch waren). Beim Grillen selbst war Finya dann natürlich auch im Garten unterwegs und lag eigentlich recht entspannt. In einem unbeobachteten Moment kam es aber dann tatsächlich dazu, dass sie sich wirklich von hinten an einen der Männer angeschlichen hat und ihm in die Wade gebissen. Sie hat direkt wieder losgelassen und sich verkrümelt. Keine Ahnung, was in sie gefahren ist. Danach kam sie erstmal in den Garten und später dann nur wieder mit Maulkorb raus.

Dazu kommen dann noch die kleinen Probleme im Alltag wie ihr Jagdtrieb. Insgesamt einfach einige Baustellen an denen wir aktuell arbeiten.

Und wie arbeiten wir daran?
Seit Februar haben wir Milow und Finya getrennt. Das heißt, dass Milow bei meinen Eltern lebt und Finya bei mir und meinem Freund. Finyas Bezugsperon war Milow und sie hat sich fast nur an ihm orientiert. Diesen Fokus konnten wir nun aufbrechen und sie sucht seit Februar immer mehr die Nähe zu uns und orientiert sich auch an uns.
In den ersten Wochen habe ich bei den Spaziergängen viel mit dem Clicker gearbeitet und Blickkontakte zu mir geclickert. An der Schleppleine gab es anfangs nahezu keine Orientierung an mir, bzw. zumindest keine direkten Blickkontakte. Daher war sie 2-3 Tage an einer 2m-Leine und haben da viel geclickert mit ihrem Futter. Das gab es dann nur noch beim Spaziergang. Nach einigen Tagen ging es dann auch an der Schleppleine. Mittlerweile orientiert sie sich, auch in Milows Anwesenheit, sehr an mir. Sie schaut alle 50-100m nach mir (auch wenn es nicht mehr immer Futter gibt ;)).
Bei Hundebegegnungen trägt sie mittlerweile einen Maulkorb. Ich versuche recht viel Abstand zu Hunden zu halten und wieder die Blicke und Orientierung an mir zu belohnen. Dafür gibts dann übrigens bessere Leckerchen :). Aktuell braucht sie bei kleinen Hunden die sie "kennt" noch so 3-5m Abstand um leise zu bleiben, bei großen fremden Hunden sind auch 100m manchmal zu wenig.
Bei Besuch trägt sie auch einen Maulkorb und muss auf ihrem Platz warten, bis sie selbst runter kommt und sich beruhigt. Dann darf sie auch aufstehen und sich bewegen aber eben nicht den Besuch kontrollieren, sich also direkt vor den Besuch legt etc.
Außerdem arbeiten wir noch gleichzeitig ein wenig an der Impulskontrolle. Wir arbeiten zuhause mit dem Futterdummy (draußen fehlt ihr die Aufmerksamkeit bisher), sie muss vor jeder Türe absitzen und warten bevor sie durch geht, beim Klingeln muss sie auf ihrem Platz und bei jedem Radfahrer der uns begegnet muss sie sich an den Wegrand legen. Das klappt alles schon ziemlich gut und ich bin unglaublich stolz auf meine Maus.

So, mal sehen wir sich das alles jetzt durchgelesen hat 😂. Für die Personen erstmal hier nen Keks 🍪!
Ich möchte in diesem Thread einfach ein wenig über unser Training berichten und immer wieder Updates geben und freue mich auch über weitere Trainingstipps und Ideen, was man denn so machen kann und wie ich noch mit ihr trainieren kann. Und wenn ihr noch fragen habt, dann haut diese gerne raus. Ich werde sie nach bestem Wissen und Gewissen beantworten :D.

Soviel nun erstmal von uns.
Ganz liebe Grüße,
Dondon und Finya
 
16.06.2019
#1
A

Anzeige

Guest

Hast du schon mal die Tipps vom Hundeflüsterer gelesen? Eventuell hilft dir das ja bei deinem Problem!?
Windhundliebe

Windhundliebe

Registriert seit
24.02.2017
Beiträge
151
Reaktionen
13
Ich habe leider keine Trainingstipps, aber freue mich, dass ihr jetzt wieder an den Sachen arbeitet! Es klingt echt sehr hart. Vor allem wenn die Aggression dann auch gegen andere Menschen geht.
Außerdem hat mich eure Geschichte an die des Dobermanns erinnert, der im Nachbarhaus bei uns wohnt. Er wurde ungefähr Anfang des Jahres von dem Paar angeschafft. Er bellte alles an, vor allem Hunde von weit weg. Gassigehen war gefühlt für die Leute kaum möglich. Doch seit ein paar Wochen merkt man einen Unterschied Er läuft draußen nur noch mit Maulkorb und er hat gelernt sich auf seine Personen zu konzentrieren und flippt nicht mehr aus, wenn Fahrradfahrer oder Fußgänger kommen. Bei Hunden ist es wohl noch da, auch so ist er noch nicht entspannt und guckt immernoch nervös hin und her, aber der Weg ist geebnet und ich finde es sehr beeindruckend, was die Leute in den Monaten geleistet haben. Sie arbeiten auch viel viel mit Futter.
Also ich drück dir weiterhin die Daumen!
 
Dondon96

Dondon96

Registriert seit
17.10.2010
Beiträge
17.507
Reaktionen
15
Vielen lieben Dank, @Windhundliebe !
Die Geschichte mit dem Dobi klingt unserer tatsächlich sehr ähnlich.

Gestern hatten wir am Ende doch noch ein Erfolgserlebnis :).
Finya mag unseren Nachbarshund Leo mal so überhaupt nicht leiden 😅. Gestern war ich gerade am Aufbrechen und stand im Hof (ca. 3m von der Straße weg), als Leo mit Frauchen ebenfalls los gehen wollte und die beiden an unserem Hof vorbei spaziert sind. Finya saß ruhig, bis ich unbewusst Spannung auf die Leine gebracht habe. Genau in dem Moment ist sie dann nach vorne gegangen bzw. wollte wieder um sich schnappen (was aber ja dank Maulkorb nicht möglich ist). Da habe ich einfach den Fehler gemacht und spannung aufgebaut. Das hätte ich so nicht tun sollen. Ich habe dann noch etwas gewartet, damit wir nicht direkt hinter Leo her spazieren und bin danach dann los. Nur kamen Frauchen und Leo nicht weit, weil sie noch mit der Nachbarin um die Ecke gequatscht haben. Da Leo Finya aber auch nicht so sehr riechen kann, ist die Nachbarin dann ebenfalls ein wenig in den Hof und ich habe die Straßenseite gewechselt. Diesmal war Finya zwar sehr angespannt, ist aber nicht ausgerastet. Auf dem Heimweg habe ich dann mit der Nachbarin um die Ecke gequatscht (Dorf eben 😇) als Frauchen und Leo kamen. Finya ist ziemlich lange ruhig neben mir gesessen, als Leo auf der anderen Straßenseite vorbei ging. An einem Punkt wollte sie dann nach vorne, da habe ich einfach mein Bein vor sie, ein klares "Lass es!" und sie hat sich wieder zurück genommen und beruhigt 🥰. Da war ich dann wirklich stolz und es hat mri auf der anderen Seite auch bewiesen, dass der Maulkorb einen Effekt hat. Ohne Maulkorb hätte ich bei der dritten Begegnung nicht mein Bein vor sie geschoben. Diese Barriere braucht sie allerdings um runter zu kommen.

Außerdem waren wir vor ein paar Tagen komplett ohne Schleppleine spazieren und auch da war sie wirklich toll 😍. Sie durfte den ganzen Spaziergang frei laufen und war immer in unserer Nähe und mit dem Kopf voll da. Danach war ich unglaublich stolz auf den kleinen Kobold!
 
G

Gast84631

Guest
Ich kann das so dermaßen gut nach fuehlem..treibt einen Traenen in die Augen.
Ich gab damals bei so Begegnungen die positiv waren sofort mein Freund angerufen und berichtet wie stolz ich bin XD
Das klingt total kirre,aber ich denke du verstehst das:D

Der Weg ist so toll... du wirst den Weg nie vergessen.
Diese Verbindung die man in der Zeit aufbaut.. ist wahrlich zauberhaft.
 
Thema:

Finyas und mein Trainingsweg - zurück zum Vertrauen