Zahnabrieb, Legenden und Hintergründe

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phyllotis

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Hi,

ihr kennt vielleicht die Geschichte mit dem harten Brot. Werden alte Leute gefragt, die früher Kaninchen hielten, dann werden sie bestimmt nicht unerwähnt lassen, das hartes Brot wichtig sei. Wird nachgefragt, kommt postwendend die Antwort, dass es nützlich sei für den Zahnabrieb. Die selbe Erklärung lässt sich übrigens auch in vielen älteren Tierratgebern finden - wenn ich mich richtig erinnere war das so in der Zeit der 1990er Jahre, womöglich auch schon zuvor.

Wenn ich sage, dass da nicht viel dran sei, dann erzähle ich wohl nichts neues, aber nur kurz für alle, die sich vielleicht nicht so viel damit beschäftigt haben:
zu bedenken gäbe es, dass das Brot zwar hart ist, aber durch die Einspeichelung schnell weich wird und der nun entstandene weiche Brot-Speichel-Brei kann den Zähnen nun kaum mehr was entgegensetzen, was den Abrieb fördern könnte. Falls überhaupt ein nennenswerter Effekt vorhanden ist, dann kann der nur sehr kurz wirken, der Nutzen davon ist also fraglich.

Sehr ähnlich sieht es bei einer anderen Geschichte aus, die ebenfalls in den 1990er Jahre in so manchem Tierratgeber stand: harte Pellets sind gut für den Zahnabrieb. Was hat es damit auf sich?

Nun, woraus bestehen Pellets? Aus zum Mehl vermahlenen Rohkomponenten, die dann zu einer festen Form gepresst werden. Was passiert, wenn ein Pelletbissen mit Speichel in Berührung kommt? Richtig, wir haben eine ähnliche Situation
wie beim Brot, es entsteht bald ein weicher Brei, der weitere Kaubewegungen überflüssig werden lässt. Der Nutzen auch hier - ist fraglich.
Dennoch macht das Argument immer noch seine Runden.

Doch was hilft tatsächlich? Hier hilft uns der Blick in ein paar Tierphysiologie Lehrbücher und einige weitere Dissertationen zum Thema Gebiss und verwandten Ernährungsthemen der Kleinsäuger helfen uns weiter. Letztere betonen, wenn sie dann mal ins Detail gehen und näher auf die Bedürfnisse herbivorer Kleinsäuger eingehen, gleich mehrere Faktoren:
- die Bedeutung der strukturierten Rohfaser, das heisst, Rohfaser (=unverdauliche oder schlecht verdaubare Pflanzenfaser), die so grob ist, dass sie noch eine faserige Struktur aufweist. In Pelletform wäre sie also zu fein, da durch die mehlfeine Partikelstruktur die Fasern einfach zu kurz sind (das soll aber nicht heissen dass die Partikelstruktur der Pellets grundsätzlich schlecht wäre, aber für den Zweck hier nicht geeignet).
- die Bedeutung von Silikate (wie Kieselsäure z.B. in Gras/Heu) und anderen Stoffe, die einen stark abnutzenden (abrasiven) Effekt auf die Backenzähne ausüben.

Bei der Abnutzung der Zähne müssen wir dabei unterscheiden zwischen Backenzähne und Schneidezähne, wobei uns hier vor allem erstere interessieren. Die Schneidezähne werden wie häufig in Literatur beschrieben durch Äste und andere Nagegegenstände in der Regel genügend gepflegt. Die Tiere können dabei, wenn sie gut beobachtet werden, jeweils auch beobachtet werden, wie sie innehalten, mit den Zähnen klappern und knirschen. Dabei werden diese wieder geschärft, damit sie wieder durch Nagearbeit abgestumpft und somit abgenutzt werden können.

Doch zurück zu den Backenzähne. Hier ist es auch sehr sinnvoll das Thema mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten, nämlich aus dem Blickwinkel des Grundes. Wieso müssen die Backenzähne abgenutzt werden? Weil sie nachwachsen. Na, wieso wachsen sie denn überhaupt nach? Bei vielen Tieren ist das nicht der Fall. Ja, das stimmt, diese vielen Tiere sind häufig auch Allesfresser oder Fleischfresser, also Tiere, die sich an eine leichter zu verdauende Nahrung angepasst haben und sie enthält auch weniger Fasern. Damit wären wir beim entscheidenden Unterschied angelangt. Die Rohfaser. Sie ist sehr zäh, wiederstandsfähig gegen Chemikalien, Wasser, Witterung und vieles anderes mehr und das muss sie auch sein, denn sie ist Hauptbestandteil der Pflanzenzellwände, welche den Pflanzen wiederum Stabilität verleihen. Dazu sollen sie auch vor Frass schützen. Die Folge davon ist, dass die Zähne der Tiere sehr stabil sein müssen um diese zähe Substanz zu zerkleinern und zu fressen. Dazu kommt, dass sie relativ viel kauen müssen - und das ist jetzt wieder ein genereller Unterschied von den Pflanzenfressern zu den Alles- und Fleischfressern, dass sie in der Regel ihre Nahrung viel besser kauen. Das bedeutet wiederum, dass die Zähne länger benutzt und dadurch stärker beansprucht werden. Dass diese nun nachwachsen ist eine Folge von dieser starken Beanspruchung. Die Abnutzung kann dadurch kompensiert werden! Daher ist also die Beschaffenheit und Struktur des Futters so wichtig für die Zahngesundheit. Ein Pellet, eine Getreidemischung, ein Extrudat etc. kann also kein geeignetes Alleinfutter darstellen für solch angepasste Pflanzenfresser wie Chinchillas es sind. Sie können allenfalls in kleinen Mengen als Beifutter dienen um einer karge, rohfaserreiche Pflanzenkost den Energiegehalt zu ergänzen.

Die Gräser haben noch einen weiteren wichtigen Effekt, sie enthalten viel Kieselsäure, ein sehr hartes Mineral, das selbst so manches Insekt davon abhält grössere Mengen an Gräsern zu naschen, denn es stumpft selbst ihre Werkzeuge stark ab, da es ähnlich wirkt wie Schmirgelpapier. Wird es von den Backenzähnen gekaut, schleift es die Zähne regelrecht ab, das Wasser wirkt dabei noch unterstützend. Das gilt dabei genauso für frische Gräser wie auch für das trockene Heu, das mit Speichel angefeuchtet wird, denn der Kieselsäuregehalt geht durch die Trocknung nicht verloren.

Dadurch können wir eine weitere, verbreitete Irrmeinung widerlegen, dass Gras zu weich sei um die Zähne abzunutzen. Dem ist, wie wir gesehen haben nicht der Fall, denn nicht auf die Härte kommt es an, sondern auf die Zusammensetzung und die wie Schleifpapier wirkenden Kieselsäure ist viel wirksamer als hartes Brot oder ein hartes Pellet ;). Ein Schleifpapier ist ja ebenfalls relativ weich und dennoch nutzt es Oberflächen sehr wirksam ab.

LG Phyll
 
18.01.2009
#1
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Hast du schon mal einen Blick in den Leitfaden Ernährung von Chinchillas von NTV geschaut? Dort steht vieles Wissenswertes über die Ernährung, aber auch Pflege und Vermehrung. Vielleicht hilft dir das ja weiter?
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