Artgerechte Fischpflege...?

Diskutiere Artgerechte Fischpflege...? im Terraristik & Aquaristik Stammtisch Forum im Bereich Terraristik & Aquaristik; Hallo, Eine sehr interessante Diskussion entstand im Offtopic-Bereich. Ich würde diese aber gerne mal speziell hier im Aquaristik-Teil aufnehmen...
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Botia

Guest
Hallo,

Eine sehr interessante Diskussion entstand im Offtopic-Bereich.
Ich würde diese aber gerne mal speziell hier im Aquaristik-Teil aufnehmen, denn vor wenige Tagen wurde das Thema ja auch hier angesprochen.
Und ich möchte mich speziell auf die Aquaristik beziehen, mal meine Gedanken niederschreiben.

Allgemein kurz angemerkt:
ich denke, man kann kein Tier so halten wie in der Natur.
Nur wenige große Zooparks oder auch Privatbesitzer können sich dies erlauben.
Oder man zieht als Nomade mit seiner Herde z.B. mit. ;)

Mein Hauptaugenmerk liegt, wie angemekt, in der Aquaristik.
Dort stellt man sich des öfteren die Frage...was ist Artgerecht und was nicht?
Wo fängt es an?

Pauschal trenne ich frei lebende Tiere und Gefangene.
Bei frei lebenden Tieren benutze ich das Wort Artgerecht nicht.

Ich beziehe es nur auf gefangene Tiere.
Domestiziert oder nicht...davon leitet sich dann der Aufwand ab, der betrieben werden muß.

Keine meiner Tiere kann so leben, wie in der Natur.
Dazu habe ich keine Möglichkeiten.

Ich kann aber versuchen, daß sie ihr Verhalten so weit wie möglich ausleben können.

Dazu gehört einiges.

Anhand eines Aquariums setze ich unter anderem z.B. folgende Punkte:
- Einrichtung
- Vergesellschaftung
- Anzahl der jeweiligen Art
- Wasserwerte
- Beleuchtung
- Bepflanzung
- Futter
- Beckengröße

Man kann es noch genauer/ausführlicher aufbröseln, aber gerade bei letzerer kann man nur wenigen Fischen gerecht werden.

Auf der einen Seite werden 60er Aquarien verkauft und für viele als normales AQ angesehen...für mich sind sie (nicht falsch verstehen, ich habe/hate auch welche, möchte nur den Größenunterschied deutlich machen) für die meisten Fische nur Spuknäpfe.
Nicht mehr wie eine Besenkammer voller Wellensittiche.
Oder ein 20 qm Zwinger für 5 Hunde als einziger Lebensraum.


Es sind nur wenige Liter...in der Natur würde man an so einer Pfütze achtlos vorbei gehen.
Wenn man sich mal ansieht, welchen Platz Guppys oder auch Platys bei ihrem Balz"tanz" oder auch ihren Komment-Kämpfen in freier Natur benötigen...sind diese 60 cm ein Witz.
Dennoch werden gerade diese Aquarien als Standart von
vielen angesehen, mit viel Mut auch noch die 80er... aber alles, was darüber geht, wird von erstaunlich vielen schon als "groß" bezeichnet.

"Große" Aquarien fangen für mich erst über 400 Liter an.
Also die, wo andere sagen: boah, ne ist mir zu groß...so ein AQ stelle ich mir nicht hin... ist mir zu teuer, zu viel Wasser.

Alles darunter sind für mich normale größen um Standartfische zu pflegen.
60er gehören für mich zu Kleinstbecken.

Natürlich gibt es Fische, die sehr klein sind, scheu, keine großen Schwimmer und oftmals sogar nur zu wenigen Exemplaren oder als Lauerjäger angetroffen werden in freier Natur.
Deren Lebensraum sogar winzige Gräben oder Pfützen sind.

Für diese würde sogar ein 40 cm AQ reichen... aber viele sehen dies als Tierquälerei an, weil es von außen eben so winzig wirkt.
Nicht verstehend, daß die Fische in größeren Aquarien
a) den Platz nicht nutzen würden
b) unter großem Druck stehen
c) oftmals dann auch falsch Vergesellschaftet werden ( weil ja noch soooo viel Platz ist)
d) nicht ausreichend Futter bekommen

Hier muß man individuell entscheiden, das komplette Verhaltensspektrum betrachten:
Platz um sich bei Balz/ Revierverteidigung/ Rangkämpfen / Jungtieraufzucht und Futtersuche entfalten zu können.


Einrichtung/Bepflanzung/Beleuchtung... hängt ja doch zusammen.

Würden wir die Aquarien so einrichten, wie es in der Natur wäre...dann würden die meisten sehr erstaunt sein.
Denn in vielen Aquarien, auch in meinen, wären dann nur Steine, Wurzelholz, Laub und Mulm in dicken Schichten. :eusa_think:
Bei manchen noch dichte Schwimmpflanzen, oder ein Bachlauf-Immitat mit viel klarem, Wasser voller Strömung.

Nix mit tollen dichten Bepflanzungen, "sauberen" Boden, glasklarem Wasser. :mrgreen:

Hier werden auch Abstriche gemacht.
Man möchte ja auch was schönes fürs Auge haben, also muß man Kompromisse eingehen.

Höhlen/Unterschlüpfe für die Fische müssen sein, ebenso wie freie Schwimmflächen bei vielen Fischen.

Dichter Pflanzenwuchs kann dann die mit Wurzelholz oder schilf/grasähnlichen Pflanzen imitierte Böschung nachbilden.
Oder man hat Steinaufbauten.

Wie in der Natur ist es nicht.
Aber es sollte dem Verhalten der Fische entgegen kommen.
Mosaikfadenfische in einem kargen Becken mit 2 Pflanzenstengeln und Laub am Boden würden dem Tier nicht gut tun.
Da kann man noch sone schöne Fallaubschicht einbringen und Moose am Boden...
Hier müßte das AQ dicht bewachsen sein, denn in der Natur kommen sie aus verkrautetem, stehenden Gewässern.

Der Neon aber würde sich, wenn man das erste Szenario noch schön mit torfbraunem wasser erweitert, absolut wohl fühlen. :p

Er könnte sich also seiner Art gerecht verhalten.

WENN..... ja wenn die Anzahl stimmt.
In den meisten Aquarien schwimmen sie zu 5. oder 10.
Letztere Zahl wird gerne genannt, weil es "Schwarm"fische sind.

Hand aufs Herz...wer kennt SCHWÄRME mit 10 Tieren?

Sind dies nicht eher Gruppen?

Sind Schwärme nicht gleichbedeutend mit Hunderten, ja tausenden Tieren?

Jupp....

Natürlich kann man dies nicht oder nur sehr selten in seinem eigenem Aquarium nachstellen.
Also dem Fisch das geben, was er in der Natur vorfindet.

Doch man kann die Anzahl erhöhen.
Auf 40-50 Tiere.
Das ist für die gepflegten Arten definitiv ein absoluter Unterschied!

Man muß nur folgendes beachten:
- bei kleinen Aquarien auch nur kleine Fische wählen-> Anzahl kann höher sein
- sich auf wenige Arten beschränken, bzw. nur eine Schwarmart wählen - > Anzahl kann höher sein

Somit schwimmen die Tiere zwar immer noch nicht in einem richtigem "Schwarm"...aber sie können ihrer Art gerecht werden, wenn sie Schutz suchen, balzen, eventuell sogar temporäre Reviere aufbauen, ablaichen etc.

Wer große Arten pflegen möchte, die in Schwärmen vorkommen...der muß sich eben ein dementsprechend großes Aquarium anschaffen.
Und nicht traurige 5 Tiere, weil der Platz sonst nicht reicht.


Dies sind nur mal zwei Beispiele.
Anhand dieser wird sehr deutlich, daß man nur selten, wenn überhaupt Fische so pflegen kann wie in der Natur.

Aber man kann Bedingungen schaffen, die ihrer Art gerecht werden.

Dies bedeutet immer an irgendeiner Stelle Kompromisse oder Abstriche.
Die Frage ist nun: bei welcher Art muß man sie an welcher Stelle setzen.
Oder wie weit darf/ sollte man Abstriche machen.

Gefangenschaft, ich beziehe mich auf artgerechte Haltung, kann auch Vorteile haben:

Denn in der Natur:

- ist die Lebenserwartung sehr gering bei den meisten Fischen
- der Feinddruck hoch
- Krankheiten/Parasiten normal
- das Futterangebot nicht immer gut
- die Umweltbedingungen oftmals auch schon verdreckt

Nur um mal einige Beispiele zu nennen.

Unter anderem müßten dann viele unserer Fische eine Trockenzeit durchmachen...wo der Großteil sterben würde.

Dies wäre zwar auch Artgerecht :mrgreen: , aber hier setzt man Abstriche zu GUNSTEN des Fisches.

Dadurch kann ein Neon gut 10 Jahre alt werden... in der Natur halte ich das für unmöglich.

Ich persönlich setze das Wort Artgerecht nicht gleich mit :
wie in der Natur.

Es bedeutet für mich nur, daß ein Tier den Großteil seines Verhaltensspektrums ausleben kann.

Natürlich spielt dabei auch die Fortpflanzung eine wichtige Rolle.
Im Grunde geht es ja eigentlich nur um die Vermehrung der eigenen Art.

Im Aquarium ist dies aber meistens nicht möglich, man betrachte sich mal die Salmler, Bärblinge, Schmerlen, viele Welse etc.
Wer hat da schon Jungtiere, die einfach so im Aq durchkommen?
Nur wenige...

Andere Fischen dagegen könnte man dieses Verhalten voll ausleben lassen, z.B. Zwergbuntbarsche, Lebendgebärende.

Letztere machen es eh :lol: ..., für erstere sind oftmals die Lebensbedingungen im AQ... nicht artgerecht.

Um also ein Tier seiner Art gerecht zu pflegen muß man mehrere Parameter berücksichtigen.

Immer auf die jeweilige Art bezogen.

Es nutz kein großes Aquarium...wenn der Rest nicht passt.
Man kann noch so gesund füttern...wenn die Vergesellschaftung nicht stimmt.
Man kann noch so schönes Wasser haben...wenn der Fisch ganz andere Werte braucht...
...

Dies alles bedeutet, sich intensiv mit seinen jeweiligen Fischarten auseinander zu setzen.
Und dann die Gefangenschaft so zu gestalten, daß die Tiere ihr natürliches Verhalten weitgehendst ausleben können.

Wer sich mit dem Wort "weitgehendst" nicht anfreunden kann...der darf keine Fische halten. Sondern muß sie in der Natur belassen.

LG Botia
 
Zuletzt von einem Moderator bearbeitet:
15.07.2009
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Lilly_79

Lilly_79

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Hi Botia,


schöner Text mit dem ich zu 100 % konform gehe! Super beschrieben und begründet!

So gesehen bleibt mir nichts weiter zu sagen als 'Ja genau!'

LG Lilly
 
Thema:

Artgerechte Fischpflege...?