- Mein neuer September Beitrag #1
Sina
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Mein neuer September
Eine fiktioreale Geschichte
Ich sitze in der Kaffeebar am Campus und versuche meine Freistunden zu vertrödeln. Wie jedes Semester habe ich mir vorgenommen, die Freistunden sinnvoll zu verbringen. Wie jedes Semester bin ich an diesem Vorhaben gescheitert. Ich trinke einen Milchkaffee mit Haselnusssirup, den ich zusätzlich mit zwei Stücken Zucker versehen habe. Er ist unerträglich süß und ich ärgere mich ein wenig über meine eigene Schusseligkeit. Jeder weiß, dass Sirup süßt, aber wir alle wissen, wie schwierig es ist, eingeübte Mechanismen zu stoppen. Es ist ziemlich laut hier, also habe ich das Lesen schon lange aufgegeben. Gelegentlich dringen ein paar Musikfetzen durch das Stimmengewirr an mein Ohr. Jetzt gerade singen Green Day: "Wake me up when september ends."
Ich weiß nicht mehr genau, wann dieser Song zu meiner "Hymne" wurde. Den Text dieses Liedes kenne ich bis heute nicht. Was ich aber kenne, ist der innige Wunsch, den September einfach zu verschlafen. Vielleicht passierte es das erste Mal im Jahr 2005, vielleicht war es schon früher. Aber 2005, im Jahr, in dem meine Tante starb, nahm ich es zum ersten Mal wirklich wahr: Ich leide an Septemberdepressionen. Ja, ich weiß, dass es keine Septemberdepressionen gibt. Und es sind natürlich keine echten Depressionen. Es ist mehr eine tiefe Melancholie, die mich aus unerfindlichen Gründen und unabhängig vom Wetter packt. Es ist das Gefühl, irgendetwas sei nicht in Ordnung, irgendetwas stimme nicht. Doch diese Phasen gingen vorbei - immer.
Als im letzten August das mein Leben erschütterte, was ich mittlerweile liebevoll als "meine letzte größere Katastrophe" bezeichne, wuchs meine Panik. Ich war mehr als angeknackst, ich war in meinen Grundfesten erschüttert. All das, was unter meinen Füßen war, das Fundament, auf dem ich naiverweise mein Leben errichtet hatte, brach mit einem Mal weg. Nein, es war kein leises, gemächliches Bröckeln. Es war vielmehr eine ohrenbetäubende Detonation. Ich taumelte, aber ich stand unter Schock. Ich funktionierte. Doch der September drohte bereits. Ist es kindisch, ist es lächerlich, wenn ich sage, dass ich mich vor ihm fürchtete?
Der September kam und ging und ich funktionierte weiterhin wie ein Uhrwerk. Ich war verblüfft über mich selber. Wie kann ein Mensch so etwas verarbeiten? Wie kann gerade ich mit so etwas zurecht kommen? Ich misstraute mir und meiner Stabilität. Mein Umfeld sah selten, wie die Zahnräder in mir sich drehten und drehten und ineinander griffen und ihre Nachbarn antrieben. Kaum jemand sah mich weinen, viele muteten mir schon wieder viel zu viel zu. Ich selber tat einfach so, als müsse alles weitergehen. Ich zog um, ich ging arbeiten, ich absolvierte Blockseminare. Selten, ganz selten äußerte ich, dass ich kaum fassen könne, wie gut es mir ginge und dass es natürlich schwer sei, aber dass ich wisse, es würde alles gut. Wenn ich es doch mal äußerte, so war sich jeder sicher, dass ich all das unbeschadet überstehen würde. Aber Weihnachten, so befand man einhellig, würde wirklich hart für mich.
Weihnachten kam näher und auch vor Weihnachten fürchtete ich mich. Ich würde nicht allein unter dem Weihnachtsbaum sitzen, so viel war klar. Für so etwas hat man doch eine Familie. Aber dennoch würde wohl etwas fehlen - oder besser: jemand. Ich weinte an Weihnachten nicht. Na gut, ich weinte an Weihnachten. Aber nicht, weil meine Situation war, wie sie eben war, sondern weil meine Familie einfach wahnsinnig gut darin ist, Heilig Abend mit Streitigkeiten zu versüßen. Weihnachten ging vorbei und Silvester ging vorbei und meine Zahnräder knarrten und knackten, weil ich nicht mehr die Absicht hatte, sie einfach laufen zu lassen. Ich wollte wieder Herr über mich selber sein, wollte wieder Herr über mein Leben sein. Hey, da draußen! Das hier ist meine Party.
Im neuen Jahr konnte ich endlich durchatmen. Ich hatte mich durchgebissen. Es fühlte sich an, als sei ich nach langer Krankheit endlich genesen. Ich entspannte mich so langsam und ich verlor die Furcht davor, in ein Loch zu fallen. Es gab kein Loch auf diesem Weg. Es gab nur meinen persönlichen Kampf mit dem, was ich verloren hatte und dem, was ich gewonnen hatte. Ich war so unendlich stolz auf mich und ein bisschen erschüttert über das, was ich durch meine Naivität in den letzten Jahren verpasst hatte.
Niemand, wirklich niemand hatte mich vor dem Frühjahr gewarnt. Keiner kam auf die Idee, dass es mich im April treffen könnte. Jeder rechnete damit, dass ich nach acht Monaten über den Menschen hinweg wäre, der mir das Herz brach. Und ja, das bin ich auch. Aber der Verarbeitungsprozess umfasst doch so viel mehr! Niemand sagte mir, dass es schmerzhaft sein würde, wenn die ersten Sonnenstrahlen anfangen, mein Haar auszubleichen und wenn die ersten Sonnenstrahlen unzählige glückliche Pärchen an die Frischluft locken. Niemand hat mich davor gewarnt, dass Frühlingsgefühle einen nicht dazu bringen, durchs Leben zu tanzen, wenn man in der misslichen Lage ist, zum ersten Mal seit Jahren allein zu sein. Ich habe das Gefühl, der April ist mein neuer September. Nein, ich fühle mich nicht einsam. Ich bin umgeben von wunderbaren Menschen, die mir jederzeit ein Lächeln auf das Gesicht zaubern können. Ich fühle mich auch nicht halb. Ich verzehre mich nicht danach, den zum Topf passenden Deckel zu finden. Es ist bloß, als sei ich ein Kaffee, in dem man den Zucker vergessen hat.
Eine fiktioreale Geschichte
Ich sitze in der Kaffeebar am Campus und versuche meine Freistunden zu vertrödeln. Wie jedes Semester habe ich mir vorgenommen, die Freistunden sinnvoll zu verbringen. Wie jedes Semester bin ich an diesem Vorhaben gescheitert. Ich trinke einen Milchkaffee mit Haselnusssirup, den ich zusätzlich mit zwei Stücken Zucker versehen habe. Er ist unerträglich süß und ich ärgere mich ein wenig über meine eigene Schusseligkeit. Jeder weiß, dass Sirup süßt, aber wir alle wissen, wie schwierig es ist, eingeübte Mechanismen zu stoppen. Es ist ziemlich laut hier, also habe ich das Lesen schon lange aufgegeben. Gelegentlich dringen ein paar Musikfetzen durch das Stimmengewirr an mein Ohr. Jetzt gerade singen Green Day: "Wake me up when september ends."
Ich weiß nicht mehr genau, wann dieser Song zu meiner "Hymne" wurde. Den Text dieses Liedes kenne ich bis heute nicht. Was ich aber kenne, ist der innige Wunsch, den September einfach zu verschlafen. Vielleicht passierte es das erste Mal im Jahr 2005, vielleicht war es schon früher. Aber 2005, im Jahr, in dem meine Tante starb, nahm ich es zum ersten Mal wirklich wahr: Ich leide an Septemberdepressionen. Ja, ich weiß, dass es keine Septemberdepressionen gibt. Und es sind natürlich keine echten Depressionen. Es ist mehr eine tiefe Melancholie, die mich aus unerfindlichen Gründen und unabhängig vom Wetter packt. Es ist das Gefühl, irgendetwas sei nicht in Ordnung, irgendetwas stimme nicht. Doch diese Phasen gingen vorbei - immer.
Als im letzten August das mein Leben erschütterte, was ich mittlerweile liebevoll als "meine letzte größere Katastrophe" bezeichne, wuchs meine Panik. Ich war mehr als angeknackst, ich war in meinen Grundfesten erschüttert. All das, was unter meinen Füßen war, das Fundament, auf dem ich naiverweise mein Leben errichtet hatte, brach mit einem Mal weg. Nein, es war kein leises, gemächliches Bröckeln. Es war vielmehr eine ohrenbetäubende Detonation. Ich taumelte, aber ich stand unter Schock. Ich funktionierte. Doch der September drohte bereits. Ist es kindisch, ist es lächerlich, wenn ich sage, dass ich mich vor ihm fürchtete?
Der September kam und ging und ich funktionierte weiterhin wie ein Uhrwerk. Ich war verblüfft über mich selber. Wie kann ein Mensch so etwas verarbeiten? Wie kann gerade ich mit so etwas zurecht kommen? Ich misstraute mir und meiner Stabilität. Mein Umfeld sah selten, wie die Zahnräder in mir sich drehten und drehten und ineinander griffen und ihre Nachbarn antrieben. Kaum jemand sah mich weinen, viele muteten mir schon wieder viel zu viel zu. Ich selber tat einfach so, als müsse alles weitergehen. Ich zog um, ich ging arbeiten, ich absolvierte Blockseminare. Selten, ganz selten äußerte ich, dass ich kaum fassen könne, wie gut es mir ginge und dass es natürlich schwer sei, aber dass ich wisse, es würde alles gut. Wenn ich es doch mal äußerte, so war sich jeder sicher, dass ich all das unbeschadet überstehen würde. Aber Weihnachten, so befand man einhellig, würde wirklich hart für mich.
Weihnachten kam näher und auch vor Weihnachten fürchtete ich mich. Ich würde nicht allein unter dem Weihnachtsbaum sitzen, so viel war klar. Für so etwas hat man doch eine Familie. Aber dennoch würde wohl etwas fehlen - oder besser: jemand. Ich weinte an Weihnachten nicht. Na gut, ich weinte an Weihnachten. Aber nicht, weil meine Situation war, wie sie eben war, sondern weil meine Familie einfach wahnsinnig gut darin ist, Heilig Abend mit Streitigkeiten zu versüßen. Weihnachten ging vorbei und Silvester ging vorbei und meine Zahnräder knarrten und knackten, weil ich nicht mehr die Absicht hatte, sie einfach laufen zu lassen. Ich wollte wieder Herr über mich selber sein, wollte wieder Herr über mein Leben sein. Hey, da draußen! Das hier ist meine Party.
Im neuen Jahr konnte ich endlich durchatmen. Ich hatte mich durchgebissen. Es fühlte sich an, als sei ich nach langer Krankheit endlich genesen. Ich entspannte mich so langsam und ich verlor die Furcht davor, in ein Loch zu fallen. Es gab kein Loch auf diesem Weg. Es gab nur meinen persönlichen Kampf mit dem, was ich verloren hatte und dem, was ich gewonnen hatte. Ich war so unendlich stolz auf mich und ein bisschen erschüttert über das, was ich durch meine Naivität in den letzten Jahren verpasst hatte.
Niemand, wirklich niemand hatte mich vor dem Frühjahr gewarnt. Keiner kam auf die Idee, dass es mich im April treffen könnte. Jeder rechnete damit, dass ich nach acht Monaten über den Menschen hinweg wäre, der mir das Herz brach. Und ja, das bin ich auch. Aber der Verarbeitungsprozess umfasst doch so viel mehr! Niemand sagte mir, dass es schmerzhaft sein würde, wenn die ersten Sonnenstrahlen anfangen, mein Haar auszubleichen und wenn die ersten Sonnenstrahlen unzählige glückliche Pärchen an die Frischluft locken. Niemand hat mich davor gewarnt, dass Frühlingsgefühle einen nicht dazu bringen, durchs Leben zu tanzen, wenn man in der misslichen Lage ist, zum ersten Mal seit Jahren allein zu sein. Ich habe das Gefühl, der April ist mein neuer September. Nein, ich fühle mich nicht einsam. Ich bin umgeben von wunderbaren Menschen, die mir jederzeit ein Lächeln auf das Gesicht zaubern können. Ich fühle mich auch nicht halb. Ich verzehre mich nicht danach, den zum Topf passenden Deckel zu finden. Es ist bloß, als sei ich ein Kaffee, in dem man den Zucker vergessen hat.