Wanderratten lassen sich durchaus mit Farbratten vergleichen. Denn sie sind wildlebende Artgenossen der Farbratte und unter entsprechenden Umständen somit ein gutes Beispiel dafür was passiert, wenn Farbratten nicht durch Menschen beeinflusst bzw. eingeschränkt werden.
Es gibt auch zahlreiche Beobachtungen und Untersuchungen über Farbratten im Freiland. Die bekannteste Studie ist wohl von Manuel Berdoy aus Oxfordshire, die zeigen, dass es selbst mit Ratten die im Labor aufwachsen keine gravierenden Unterschiede gibt bezüglich dessen, was für die Haltung wichtig ist.
Bei einer vernünftigen Tierhaltung sollte es das Ziel sein, den Bedürfnissen der Tiere gerecht zu werden. Um etwas über die Bedürfnisse der Tiere zu lernen ist es sehr wichtig, darüber Bescheid zu wissen, wie die Tiere sich verhalten und was sie tun wenn sie nicht durch den Menschen beeinflusst werden. Heißt wildlebende Artgenossen, sowohl das Wildtier selbst als auch domestizierte Verwandten unter entsprechenden Bedingungen bieten die Grundlage für das Verständnis der Bedürfnisse der Tiere. Dabei dürfen allerdings nicht die individuellen Bedürfnisse außer acht gelassen werden und es heißt auch nicht, dass die Lebensbedingungen der Wanderratten kopiert werden sollen. Es dient dem Verständnis, der Orientierung und es bietet Anhaltungspunkte. Der Rest bleibt hauptsächlich der Beobachtungsgabe und dem Einfühlungsvermögen der Halter überlassen.
Um zurück zur Ernährung zu kommen, die ja hier das eigentliche Thema sind, liefern solche Erkenntnisse in Kombination mit anderen Untersuchungen, Erfahrungen und Beobachtungen viele wichtige Hinweise.
Die Untersuchungen zeigen, dass Saaten und Körner eine Nahrungsgrundlage bilden und tierische Nahrung in der Regel einen eher geringen Prozentsatz ausmachen. Oft unterschätzt ist die Menge an Frischfutter, frische Gräser, Blätter und Zweige. Diese Nahrungskomponenten spielen eine äußert wichtige Rolle bezüglich der Robustheit eines Tieres, da sie zahlreiche Wirkstoffe (im Sinne von Stoffen, die ein Tier nicht zu leben braucht, aber die der Gesundheit dienen) liefern, die für ein funktionstüchtiges Immunsystem bedingen. Und sie spielen eine wichtige Rolle bei der Ernährung der Wanderratten.
Eine andere wichtige Erkenntnisse bezieht sich auf das Verhalten der Ratten. Die Nahrungswahl, auch gerne als Selektion bezeichnet. Dieses Verhalten ist kein angeborener Instinkt von Wildtieren, sondern ein Größtenteils erlerntes Verhalten, über das auch Laborratten verfügen. Dieses Verhalten wird unter anderem von der Wissenschaft genutzt. Dabei selektieren Ratten nicht nur auf Giftstoffe, sondern auch entsprechend ihres Nährstoffbedarfs. Auch Heimtiere sind in der Lage, dieses Verhalten zu erlernen.
Um einige Argumente, die gerne diesbezüglich gebracht werden, vorne wegzunehmen: Dieses Verhalten basiert natürlich auf entsprechenden Stoffen und Reaktionen des Körpers. Lockstoffe, Aromastoffe und ähnliches können auch Ratten täuschen. Fertigfutter, Drops, Pizza etc. können daher problematisch werden. Dass Ratten teilweise trotz allem selekterien können werden viele Rattenhalter dennoch feststellen, wenn sie ihre Ratten am Fertigfutter beobachten.
Genauso giftige Substanzen, die auch in geringen Dosen töten. (Hoch)giftige Komponenten gehören daher selbstverständlich nicht in Rattenreichweite.
Die Selektion ist die Grundlage der Ernährung, die bei vielen Heimtieren wie Meerschweinchen, Kaninchen, Mäusen und Hamstern schon lange angewandt wird, aus mir nicht bekannten Gründen von vielen Rattenhaltern aber komplett abgelehnt wird. Auch Ratten können dieses Verhalten erlernen.
Dazu braucht es natürlich einige wichtige Grundlagen:
- Die Ratten müssen gut gehalten werden. Langeweile, Frust und Stress können auf Dauer problematisch sein
- Es sollten möglichst naturbelassene Futtermittel verwendet werden, damit die Tiere nicht durch künstliche Zusätze und ähnliches beeinflusst werden
- Der Halter sollte seine Tiere genau beobachten (was aber grundsätzlich der Fall sein sollte) und zudem entsprechend vorsichtig vorgehen, wenn Mengen erhöht oder neue Futtermittel ausprobiert werden
- Ein ausreichendes Angebot an geeigneten Futtermitteln verschiedener Futtergruppen muss vorhanden sein
Nun stellt sich natürlich die Frage, was man den Ratten überhaupt anbieten sollt. Genau hier wird nun die oben erwähnte Untersuchungen interessant, denn sie liefert nützliche Grundlagen. Ratten fressen hauptsächlich Körner/Saaten, verschiedenes Frischfutter und tierische Eiweiße.
Je mehr Komponenten der verschiedenen Kategorien angeboten werden, desto eher kann die Ratte genau die Ration zusammenstellen, die sie benötigt. Die einen Futtermittel sind hauptsächlich (natürlich nicht nur) wichtig für den Magen-Darm-Trakt, andere stärken das Immunsystem, liefern Eiweiße, Carotinoide, ungesättigte Fettsäuren, Energie etc.. Abwechslung und Vielfalt sind also sehr wichtig.
Für eine Körnermischung bieten sich folgende Saaten/Körner besonders an: Buchweizen, Chiahsamen, Dinkel, Gerste – mit Spelz oder als Ähre, Hafer – Nackthafer oder als Ähre, Hanfkörner, Kamut, Kardisaat, Kürbiskerne, Leinsaat, Mais, Mungobohnen, Negersaat, Paddyreis oder Vollkornreis (am besten mit Schale), Quinoa, Sesam, Sonnenblumenkerne
(Marien)Distelsamen.
Oft weniger begehrt und nur in geringen Mengen gefressen: Amaranth, Dari, Hirse, Kanariensaat/Glanzsaat, Milo, Mohn, Nachtkerzensamen, Perilla, Rübsen, Salatsamen, Senfsaat, ungebeizte Grassaat.
Gibt natürlich noch mehr, was auch angeboten werden kann. Welches Verhältnis die Mischung haben sollte, wird man mit der Zeit feststellen. Das ist von Rattengruppe zu Rattengruppe sehr verschieden, da die Tiere individuelle Bedürfnisse haben.
Neben Körnermischung fehlen nun natürlich noch das Frischfutter und tierische Eiweiße. Für beides gilt auch wieder: Vielfalt und Abwechslung. An Frischfutter sollte nicht nur auf Gemüse zurückgegriffen werden, auch frische Kräuter, Gräser, Zweige und Obst sollte nicht verzichtet werden. Kultiviertes Gemüse enthält oft weniger nützliche Nähr- und Wirkstoffe als die ursprünglichen Pflanzen.
Letztendlich geht es also darum, aus einem großen Spektrum an Dingen, die man den Ratten anbieten kann, geeignete Komponenten vorzuselektieren und diese dann in großer Vielfalt den Ratten anzubieten, so dass diese sich ihr Futter selbst zusammenstellen können. Es gibt Rattenhalter, die diese schon lange Fütterung praktizieren und deren Erfahrungen man sich vor allem anfangs zu nutze machen kann. Krausekind, ich schick dir dazu per PN noch was.
Zum Schluss noch ein paar Worte zu anderen Fütterungsvarianten wie Pellets, Eigenmischungen „nach Rezept“ und Mischfutter. Diese Varianten basieren alle darauf, Ratten einen ganz bestimmten Gehalt an Nährstoffen zuzuführen.
Dieser Nährstoffbedarf wurde anhand von fragwürdigen Methoden an Ratten ermittelt, die unter Bedingungen gehalten werden, mit denen hier hoffentlich kein Tier leben muss. Wieviel und was ein Tier letztendlich aus der aufgenommen Nahrung resorbiert und verwertet ist von vielerlei Faktoren abhängig. Es lässt sich zwar die Zusammensetzung eines Hirsekorns analysieren, aber dadurch weiß man nicht, was mit diesem Korn dann in der Ratte passiert.
Letztendlich ist es also bedenklich, an einer Laborratte mit Pelletfutter ermittelte Nährstoffwerte auf ein Heimtier mit Mischfutter anzuwenden. Pelletfutter hingegen versorgt die Ratte zwar mit einer bestimmten Nährstoffmenge, gibt den Tieren aber keine Möglichkeit, erhöhten Bedarf zu decken oder geringere Mengen eines Nährstoffs aufzunehmen, den sie gerade nicht in dieser Menge benötigen. Dadurch fällt natürlich auch eine wichtige Verhaltensweise weg. Zusätzlich fehlen Struktur, was die Darmpassage beeinflusst, und Wirkstoffe. Dazu kommt, dass künstliche Zusätze wie z.B. synthetische Vitamine nicht den natürlichen Vitaminen entspricht.
Bei rationierten Mischfutter gibt es noch ein ganz anderes Problem. Sobald die Ratten im Rudel leben, bekommt nicht jeder seine eigene Ration. Folglich bekommt auch nicht jeder das gleiche Verhältnis dieses Futters. Was nützen dann noch Angaben, die auf der Packung stehen? Da viele dieser Futter sehr wenig Komponenten enthalten haben die Ratten auch kaum Chancen, da irgendwas auszugleichen.
Sind Ratten wirklich so krankheitsanfällig, wie gerne behauptet wird? Oder trägt nicht der Halter häufig einen erheblichen Teil dazu bei, da die Tiere überhaupt keine Chance haben, sich entsprechend vorbeugend durch eine vernünftige Ernährung zu schützen oder bereits angehenden Infektionen gegenzusteuern?
Letztendlich ist jede Ratte anders und jeder muss für sich und seine Tiere die Lösung finden, die am Besten passt. Es gibt zahlreiche Meinungen gerade was Themen wie Ernährung angeht. Daher kann ich nur empfehlen, sich verschiedene dieser Ansichten zu Gemüte zu führen und einen eigenen Weg zu finden. Und ich kann empfehlen, ab und an mal dass beiseite zu schieben, was man zu wissen glaubt und denjenigen zuzuhören, die es eigentlich betrifft. Sie können eine ganze Menge lehren...
Ist doch sehr lang geworden, hätte sicher noch länger werden können, aber dann liest es sowieso niemand mehr. Sind vermutlich jetzt schon nur noch ein paar sehr wenige, die sich die Mühe gemacht haben. Glückwunsch an alle, die es sich wirklich bis hierher durchgelesen und auch noch mehr als die Hälfte davon verstanden haben. :mrgreen: