Ich schreibe Dir einige Ansätze auf, die Dir hoffentlich nützlich sind für die Erziehung von Emmi. Einiges verdeutliche ich mit Beispielen, die Du dann auf Deinen Alltag und Bedarf übertragen musst.
Du hast für die Grunderziehung ca. 1 Jahr Zeit. Nicht alles, was auf dem Programm steht, um ein „guter Hund“ zu werden, steht jetzt schon an, Emmi ist ja noch sehr klein, sollte aber immer im Hinterkopf vorhanden sein, denn Du kannst Übungen, die erst in 2-3 Monaten oder später anstehen auf dem Fundament aufbauen, dass Du jetzt schon legst.
„Du bist der Boss“ bedeutet, Du bist für Emmi der Rudelführer. Deine Aufgabe ist es, sie mit den für sie wichtigsten Ressourcen zu versorgen, dass sind Nahrung und Sicherheit/ Schutz. Tust Du das angelehnt an die Art, in der ein gesunder Hund einen Welpen erzieht, wird der Welpe Dich als Rudelführer akzeptieren und Dir gerne folgen. Tust Du das nicht bzw. falsch, also erziehst Du sie nach menschlichen Maßstäben und aus menschlicher Perspektive, die Emmi nicht verstehen kann, wird sie orientierungslos und unsicher. Hat sie keine Führung, wird sie die Führung in Eurem Rudel selber übernehmen (heißt, nicht auf Dich hören, sondern versuchen, eigene Regeln zu etablieren, damit sie sich sicher fühlt). Da Du aus ihrer Sicht ständig gegen ihre Regeln verstößt, wirst Du für sie ein „Unsicherheitsfaktor“ in ihrer Welt, also wird sie versuchen, Dich zu reglementieren. Damit ist sie in ihrem Alter zusätzlich zu der fehlenden Sicherheit völlig überfordert.
Ein Hund, der sich aus Unsicherheit so verhält, wird meistens als dominant, oft sogar als aggressiv verkannt.
Du beschreibst Emmi als „total ängstlich“, ihr fehlt also die entscheidende Ressource Sicherheit. Deshalb knurrt sie Menschen und Hunde auf der Straße an und nun auch Dich und Deinen Freund daheim (sie reglementiert Euch), denn Ihr habt Euch Emmi gegenüber, wie oben beschrieben, (noch) nicht als verlässliche Quelle von Stabilität, Konsequenz und Sicherheit gezeigt.
Bring als erstes Ruhe in Euren Alltag, zeigt Emmi noch nicht allen Freunden, die zu Besuch kommen wollen um den neuen Mitbewohner kennen zu lernen und macht noch nicht viele Besuche bei Familie und Freunden mit ihr, etabliert erst einmal einen Alltag zu dritt, der ruhig und gleichförmig ist.
Zweitens ist es wichtig für Euer künftiges Zusammenleben, dass Du Dich hinsetzt mit Block und Stift und aufschreibst, wie Dein Alltag, Dein Leben ausschaut und was Emmi alles können muss und können soll, damit Euer Leben gut und für alle schön ist. Die Basis für alles, was Emmi können und kennen muss, legst Du in den kommenden Monaten.
Also z. B.: Muss Emmi Auto fahren, Straßenbahn/ Bus/ Zug, neben einen Fahrrad herlaufen, im Fahrradkorb transportiert werden?
Geht Emmi mit zur Uni, zur Arbeit?
Muss Emmi einige Stunden alleine zu Hause bleiben?
Bekommt Emmi einen Hundesitter, der sie stundenweise außer Haus betreut?
Wird sie viel Kontakt mit unterschiedlichen Menschen haben, z. B. am Arbeitsplatz?
Gehst Du viel an einen Badesee oder machst Urlaub am Meer und wünscht Dir, dass Emmi Freude an Wasser hat?
Darf Emmi mit ins Bett, aufs Sofa? (als Welpe süß, mit 14 Kilo, nass und dreckig nach dem Gassi im Herbst brrrrrrrr)
Soll Emmi mit in Kneipe, Restaurant, Biergarten?
Muss Emmi zusammenleben mit weiteren Haustieren?
Gibt es in der erweiterten Familie Kleinkinder, Katzen, Hühner......., mit denen Emmi später regelmäßig Kontakt hat?
Machst Du Sport, gehst Du auf vogelkundliche Wanderungen, Zelten, Segeln....... und Emmi soll dabei sein?
Solch` eine Liste solltest Du Dir auf Dein Leben abgestimmt machen und danach Euer Trainingsprogramm ausrichten. Das heißt alles, was Emmi als ausgewachsener Hund können muss, muss sie in den kommenden Monaten nach und nach kennen lernen.
Beispiel: Soll sie mit Dir Campingurlaub machen, darf sie ein Zelt nicht erstmals in ihrem Leben sehen, flattern hören und betreten, wenn sie 2 Jahre alt ist.
Du arbeitest Deine Liste langsam, hierarchisch und methodisch ab nach Fähigkeit/ Entwicklungsstand von Emmi und Wichtigkeit für Euer Zusammenleben. Manche Probleme werden sich erst im Laufe der Entwicklung Emmis stellen, z. B. das Hinterherlaufen von Joggern und Radfahrern ab ca. dem 5. Lebensmonat. Wenn Du bis dahin aber schon ein festes Kommando wie „Hier“ o. ä. etabliert hast, kannst Du darauf aufbauen.
Du nimmst Dir mehrmals täglich 5 Minuten Zeit für kleine Übungseinheiten, aber die meiste Erziehung erhält Emmi im Alltag, ganz nebenbei und wie selbstverständlich. Positives/ Erfolge bestätigst Du mit Lob und/ oder Leckerli, negatives/ Misserfolg ignorierst Du. Eine Übungseinheit endet für Emmi immer mit einem Erfolgserlebnis und Lob. Du musst konsequent sein, die Übungen für Emmi leicht und anfangs immer gleich aufbauen, Dein Freund muss sich an das gleiche Konzept halten. Wiederholungen und immer gleiche Rituale/ Abläufe sind wichtig und geben Sicherheit.
Eine zweite Liste machst Du mit allen Worten und Gesten, die in Emmis Erziehung Anwendung finden und an diese Liste müssen sich alle an der Erziehung beteiligten halten. Vermeide dabei ähnlich klingende Worte wie z. B. nein und fein, vermeide zu viele Worte. Rede nicht in komplexen Sätzen mit ihr, die versteht sie nicht, verwende ihren Namen nicht in negativen Situationen („Nein Emmi!!!“, „Pfui Emmi!!!“), und rede generell nicht unentwegt auf sie ein. Hunde mit Dauerbeschallung stellen auf Durchzug, Frauchens Stimme wird zu einem einheitlichen Rauschen, dem keine Beachtung mehr geschenkt wird.
Mein Hund ist erzogen mit 7 Worten: Zurück – Bleib – Weiter – Stop – Nein – Bitte – Prima. Dazu wenige Gesten mit Finger/ Hand, Klick- und Zischlaute mit dem Mund und eine Notfall-Pfeife.
Emmis lebenswichtige Ressourcen sind Futter und Sicherheit.
Ressource 1 Futter:
Wenn Du Emmi Futter hinstellst, lasse sie erst an den Napf gehen, wenn Du es ihr erlaubst. Das Futter gehört Dir, Du teilst es mit ihr, Du gibst es und Du nimmst es. Das ist Dein Vorrecht als Rudelführer, das gibt Dir Macht, diese Macht gibt Dir Anerkennung der Rudelmitglieder, sprich: Emmis, und die Anerkennung führt zu bereitwilliger Folgsamkeit.
Beispiel: Du befüllst Emmis Napf, Emmis springt aufgeregt um Dich herum. Nun stellst Du den Napf nicht einfach auf die Erde und Emmi darf sich hineinstürzen, sondern Du stellst Dich vor Emmi hin, den Napf hälst Du vor Deinem Bauch. Emmi hüpft an Dir hoch und will an den Napf. Du ignorierst Emmi, sprichst nicht mir ihr, schaust sie nicht an. Sobald Emmi ihre Versuche an den Napf zu gelangen aufgibt und sich ratlos auf den Pöter setzt, stellst Du den Napf direkt vor ihr ab und sie darf fressen.
Häufig bewegt sich der Hund schon, wenn Du Dich herabbeugst, um den Napf abzustellen, dann richtest Du Dich sofort wieder auf und wartest wieder, bis Emmi wieder still sitzt und stellst erneut den Napf vor sie hin. Sehr schnell wird Emmi begreifen, dass sie das Futter nur bekommt, wenn sie ruhig dasitzt. Hat sie das gelernt, was nur wenige Tage dauern wird, erweiterst Du das Fütterritual und verdeckst die Futterschale nach dem Abstellen vor Emmi mit der Hand, so dass sie nicht an das Futter gelangen kann. Sie wird versuchen, um Deine Hand herum zu kommen, lecken, evtl. kratzen. Du ignorierst sie, nicht sprechen, nicht anschauen. Gibt sie den Versuch auf , setzt sich hin und schaut Dich an, sagst Du z. B. „Bitte“ oder „Deins“ oder „Friss“ oder „OK“ und nimmst die Hand weg. Nach wenigen Tagen wird das Fütterritual folgendermaßen ablaufen: Du bereitest Futter zu, stellst Dich mit dem Napf vor Emmi, Emmi setzt sich hin und schaut den Napf an. Du stellst den Napf auf Emmis Essplatz, richtest Dich auf, schaust Emmi an, die Dir in die Augen schaut und Du sagst „Bitte/ Deins/ Friss/ OK“ und Emmi geht an den Napf.
Emmi lernt: Es wird nur gefressen, wenn der Rudelführer/ Frauchen, es erlaubt. Das heißt für sie, Nahrungsmittel die auf dem Tisch, der Anrichte, im Einkaufskorb liegen, der Zwieback, der aus einem Kinderwagen auf die Straße gefallen ist, die Kotze an der Bushaltestelle, sind tabu, gefressen wird nur, was Frauchen „OK“ gibt. (Draußen nichts aufzunehmen ist überlebenswichtig)
Ressource 2 Sicherheit:
Bei allem Neuen, das Emmi kennen lernen wird ist es wichtig, dass Du der stabile, sichere „Hafen“ bist. Emmi verlässt sich darauf, dass Du sie nicht in Gefahr bringst bzw. eine „gefährliche“ Situation (z.B. sich öffnende Türen der Straßenbahn) im Griff hast. Dass Du eine Situation im Griff hast zeigst Du ihr durch Deine Haltung in der Situation und Souveränität im Umgang damit.
Beispiel: Emmi soll mit der Straßenbahn fahren.
Alles ok an der Haltestelle, die Bahn fährt ein, huch so ein großes Ding, Emmi setzt sich hinter Deine Beine. Du sprichst nicht mit ihr, stehst ruhig da, nimmst kurz Blickkontakt mit Emmi auf, vermittelst Ruhe und Sicherheit, die Leine locker in der Hand, keine Spannung auf der Leine. Die Türen öffnen sich mit einem zischenden Laut, Emmi macht einen Satz nach hinten, Du gibst Leine nach, damit weiterhin keine Spannung auf der Leine ist. Die Türen schließen sich, die Bahn fährt ab. Du lässt noch eine Bahn kommen und noch eine. Während der Wartezeit spielt ihr. Nach der 4. Bahn wird Emmi gelassener sein. Du lobst Emmi ruhig, nicht überschwänglich, sie bekommt ein Leckerli oder ihr kullert ihren Ball noch ein wenig herum, dann geht ihr heim.
Das Ganze machst Du so oder ähnlich nach einigen Tagen Pause erneut, bis Du das Gefühl hast, der nächste Schritt kann gemacht werden: Einsteigen. Dazu nimmst Du Emmi nicht auf den Arm und Du ziehst sie auch nicht über die Schwelle, es ist ganz wichtig, dass sie selber geht. Dazu gehst Du in normal schnellem Gang, ohne mit Emmi zu sprechen zu den Türen und falls sie zögern sollte, führst Du sie, indem Du ihr leicht den Po anhebst und wenn nötig sanft schiebst, damit Emmi auf eigenen Beinchen in die Straßenbahn geht. Wichtig ist, dass Du das, was Du Dir vorgenommen hast auch durchziehst und nicht abbrichst, ein Abbruch bedeutet Unsicherheit/ Uneindeutigkeit. Du hast Emmi zuvor durch Haltung und Einstellung signalisiert, es ist in Ordnung und sicher, in die Straßenbahn zu gehen. Brichst Du ab, vermittelst Du, dass Du keine verlässliche Ressource, dass Du instabil bist.
Seid Ihr in der Bahn kannst Du Emmi loben und ein Leckerli geben, aber nur, wenn sie nicht ängstlich ist, sonst lobst/ bestätigst Du die Ängstlichkeit. Beim Loben darfst Du niemals überschwänglich und übertrieben sein, sonst vermittelst Du ihr, dass es etwas ganz Besonderes war, eine Riesenleistung, eine große Gefahr überstanden oder ähnlich... das war es nicht. Emmi soll ja lernen, Straßenbahn ist Alltag, sicher, nichts, worüber man sich aufregen, wovor man sich ängstigen muss.
Es ist ein schmaler Grat zwischen Schutz und Sicherheit geben und bemitleiden und dadurch verunsichern. Hunde haben untereinander kein Mitleid. Wer mitleidet, ist ebenso instabil, wie der, der leidet. Das bedeutet übertragen auf die Straßenbahnsituation: Wenn Emmi in der Bahn, z. B. weil es ruckelt oder an jeder Station Durchsagen kommen unruhig ist oder ängstlich wird, dass Du sie natürlich auf den Schoß nehmen darfst, Du kannst ihren Körper mit den Händen fest umschließen oder sie kann in Deine Jacke krabbeln und dort herausschauen, aber Du streichelst sie nicht unablässig und redest nicht in Babysprache auf sie ein. Du vermittelst weiterhin durch Deine Einstellung, dass alles sicher ist und kannst z. B. während der Bahnfahrt lesen (oder so tun als ob

), was Dich ruhig macht und Emmi wiederum zeigt, alles normal, oder Du beschäftigst Dich mit Emmi, indem Du mit ihr spielst und sie so ablenkst während sie auf Deinem Schoß liegt, z. B. mit Zipper oder Kordel Deiner Jacke, einem Kauspielzeug o. ä.
Nach 2 Stationen steigst Du aus, wiederholst das Ganze nach 3-4 Tagen und erweiterst Schritt für Schritt, je nach Fähigkeiten Emmis, die Du einzuschätzen lernen musst.
Und so weiter.... ich hoffe, das Prinzip ist nachvollziehbar erläutert, Du kannst damit etwas anfangen und es auf Eure Lebenssituationen übertragen und daran anpassen.
Noch etwas prinzipielles zum Training: Es gibt Tage, da geht scheinbar alles schief, Mensch hat schlechte Laune, Hund zahnt grade oder die Situation, die Du üben wolltest, ist aufgrund äußerer Umstände nicht möglich. Beispiel Straßenbahn fahren: Als Du an der Haltestelle ankommst siehst Du, dass da Hundert gröhlende Fußballfans stehen, die zum Stadion fahren wollen, deshalb: Sei nicht fixiert auf Dein Tagesziel, bleib flexibel, auch das zeugt von der Fähigkeit des Rudelführers, eine Situation zu Emmis Vorteil und Sicherheit richtig einschätzen und Gefahr abwenden zu können.