Hallo!
Wahrscheinlich habt Ihr schon einen zweiten Vogel zu Eurem Findling
dazugesellt, doch vielleich helfen Euch meine Erfahrungen trotzdem weiter.
Mir ist es Ende Februar diesen Jahres ähnlich wie Euch ergangen, denn
mir ist auch ein Kanarienvogel zugeflogen, den keiner vermisst oder
gesucht hat... Mein Mann und ich haben dann entschieden, ihn zu
behalten. Was hätten wir auch sonst tun sollen? Hätten wir ihn wieder
im Garten freigelassen, hätte er die Nacht nicht überlebt, und das
wollten wir nicht. Also sind wir losgefahren und haben im nächsten
Baumarkt den größten Käfig gekauft, den wir finden konnten.
Schon am nächsten Tag trällerte unser Schützling munter drauf los,
also war es ein Hahn (es soll allerdings auch singende Hennen geben).
Wir gesellten ein paar Tage später eine Henne dazu, und jetzt (6
Wochen später) haben wir noch einen Käfig und ein zweites
Kanarienpärchen dazugesellt. Damit haben wir eine kleine Gruppe und
damit soll gut sein.
Ich habe bewußt KEINEN TIERARZT aufgesucht, sondern habe Kontakt zu
erfahrenen Kanarienzüchtern aufgenommen. Ein erfahrener Züchter hat
mehr und besseres Wissen, als ein Tierarzt, weil er über Jahre viele
Vögel zu betreuen hat!
Schon am Anfang des Gespräches merkt man, ob man es mit einem Züchter
oder einem Vermehrer zu tun hat! Ein erfahrener und guter Züchter hilft
einem immer, auch wenn man keinen Vogel bei ihm kauft!
Viele Züchter haben auch gute Web-Seiten, auf denen man sich viele
nützliche Informationen holen kann (es ist aus meiner Sicht sinnvoll,
einen Züchter in der Nähe ausfindig zu machen, denn dann kann man mit
einem Vogel mal kurz hinfahren, damit er ihn sich ansieht, falls das mal
erforderlich sein sollte).
So, nun zu den Empfehlungen, die mir von erfahrenen Züchtern gegeben
wurden, die ich alle befolge.
1. Käfig
Ein Käfig kann nie zu groß sein. Länge und Breite sind wichtiger als
Höhe, da Kanarien keine Senkrechtstarter sind. Verschieden dicke
Naturäste, keine glatten Stangen, so werden Krallen gut abgenutzt und
die Muskulatur trainiert. Nicht in die Fensterbank stellen, wegen
Zugluft und zu starker Sonneneinstrahlung.
Und das WICHTIGSTE IST DER FREIFLUG, EGAL WIE GROSS DER KÄFIG IST!!!
Wir haben das erste Pärchen sofort zusammen in den Käfig gelassen,
ohne "Kennenlernen in verschiedenen Käfigen". Das hat auch beim
zweiten Pärchen bestens funktioniert. Allerdings werden erst nach der
Brutsaison alle Vögel zusammen Freiflug haben, wegen der Hähne. Das
ist auch der Grund, warum wir zwei Käfige haben, damit wir die Paare
während der Brutsaison trennen können.
2. Freiflug
Ich habe auf Spaziergägen Naturäste gesammelt, ein paar Tage im
Heizungskeller getrocknet und an unseren Bücherregalen im Wohnzimmer
angebracht, darunter liegen Zeitungen aus.
Die Fenster sind mit Jalousien versehen, damit die Vögel nicht dagegen
fliegen. Die Küche ist tabu (zu viele Gefahrenquellen wie heiße
Herdlatten oder Kochtöpfe). Einige unser Zimmerpflanzen mußten auch
verbannen, weil giftig oder potentiell giftig.
Alle Lampen sind mit LED-Birnen versehen, weil diese nicht heiß werden.
Alle Bücherregale stehen direkt an der Wand, damit es keine Spalten gibt,
in die die Vögel reinfallen könnten. Unsere Kanarien haben täglich
mindestens 2 Stunden Freiflug.
Bei
www.kippfensterschutzsysteme.de habe ich einen Kippfensterschutz
mit der Erweiterung für Vögel bestellt. Ist eigentlich für Katzen
gedacht (bei Bedarf einfach Herrn Aust anrufen und mit ihm
besprechen).
WICHTIG: DIE VÖGEL WERDEN NUR IM KÄFIG gefüttert!! Dann gehen sie
auch wieder hinein. Außen an den Türen habe ich Schraubäste
angebracht (gibt es in jeder Zoohandlung), damit die Vögel erstmal
darauf landen können und dann von dort aus in den Käfig
zurückhüpfen können. Anfangs kann es hilfreich sein, die offenen
Türen mit Kreppband zu umkleben, damit sie besser gesehen werden.
3. Futter
Menge: Pro Vogel einen Teelöffel pro Tag, mehr nicht.
Keine Knabberstangen von Vitakraft & Co, denn die sind mit Zucker
besprüht. Wenn, dann Kolbenhirse, aber nicht zu oft.
Kein Ei-Futter, denn das regt den Bruttrieb an!
Wenn man einen Roten Kanarienvogel hat, und die rote Farbe erhalten
will, dann muß man kurz vor der Mauser sogenanntes ROTFUTTER
zufüttern. Doch Vorsicht: Der rote Farbstoff schädigt die Leber.
Jeder Züchter wird bestätigen, dass diese Vögel eine kürzere
Lebenserwartung haben als andere. Und jeder Vogel bekommt einen
Rotstich, auch die gelben und weißen.
Grünfutter: Da gehen die Meinungen sehr weit auseinander. Im Internet
wird immer wieder empfohlen Äpfel, Paprika, Salat, Gurke, usw.
zuzufüttern, doch Züchter raten davon ab. Kanarien sind Körnerfresser!
1x pro Woche ein kleines Stück Apfel oder etwas Vogelmiere mehr nicht.
Grünfutter macht zu weichen Stuhlgang oder Durchfall, dass schwächt das
Immunsystem der Vögel.
Im Vogelsand ist zwar GRIT enthalten, doch es wird empfohlen eine
Schale mit Grit zusätzlich in den Käfig zu stellen (brauchen die
Vögel für die Verdauung und die Henne zur Eierschalenproduktion) und
eine Sepiaschale.
4. Brutphase
Ab März bis Anfang Mai. Die Henne wird Eier legen, DAS KANN NICHT
VERHINDERT WERDEN.
Nachwuchs aufzuziehen klingt zwar toll aber wohin mit den Jungvögeln???
Wenn die kleinen Flügge sind, dann müssen sie von den Eltern getrennt
werden, denn die Althenne wird ihre Kinder rupfen, wenn sie die nächste
Brut beginnen will, und dann können die Jungen in die Stockmauser kommen!
Spätestens dann braucht man einen zweiten Käfig.
Wir haben uns gegen Jungtiere entschieden, so schön das auch wäre, doch
bei einer Aufzucht ist so viel zu beachten, dass wir lieber noch ein
erwachsenes Pärchen dazugesellt haben.
Unsere Hennen bebrüten Plastikeier (bei Amazon oder im Zoohandel zu
bekommen). Während die Hennen legen, wird jeden Tag Nestkontrolle
gemacht und das gelegte Ei gegen ein Plastikei ausgetauscht. Da noch
keine Emryos in den Eiern sind, werden diese einfach entsorgt. Wir
lassen die Hennen so lange auf den Eiern sitzen, bis sie irgendwann
abspringen, dann nehmen wir alles raus.
In den Tagen danach müssen die Hennen gut beobachtet werden, damit sie
nicht beim Freiflug irgendwo auf dem Schrank ein neues Nest bauen. Bei
Bedarf muß das Nest wieder in den Käfig.
Damit die Brutphase so kurz wie möglich bleibt, ist es ratsam alles zu
vermeiden, was die Brutphase anregt: Lange Lichtphasen, viel Futter
(besonders Eifutter!)
Upps, so viel wollte ich gar nicht schreiben, doch vielleicht ist ja
die eine oder andere Anregung für Euch dabei.
Ich wünsche Euch viel Erfolg und noch mehr Spaß mit Euren Schützlingen.
Die kleinen Scheißerchen machen uns auf jeden Fall viel Freude, wir
möchten es nicht missen und ich würde jederzeit wieder so handeln und
einen Kanarienvogel aus den Fängen der Spatzen, Heckenbraunellen,
Meisen und Finken zu retten (als ich ihn bei uns im Garten fand,
lieferte sich unser Honk gerade ein Duell mit einer Heckenbraunelle,
welches er mit Sicherheit verloren hätte).
Und da ich unsere Wohnung jetzt Freiflugtauglich gemacht habe für
unsere neuen Mitbewohner, sagt mein Mann immer, er wohne jetzt in
einer Vogelvoliere :-D
Lieben Gruß
Nordfrau