- Erinnerungen Beitrag #1
Nilo
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Ich liege auf dem Boden und fühle das weiche, kräftige Gras unter mir. Ein Vogel hat sich auf einen Ast, irgendwo da oben gesetzt und singt jetzt sein schönes, fröhliches Lied. Die Sonne kommt hervor und wärmt mich. Ich genieße diese Sonnenstrahlen. Lang ist es her, dass ich sie das letzte Mal gespürt habe. Zu lang.
Ich gehe noch nicht zurück ins Haus. Es wird nur wieder alles anfangen. Zu viele Fragen schwirren mir durch den Kopf. Wenn ich jetzt die Augen öffne, werde ich nichts sehen. Alles wird in Grau-und Schwarztönen bleiben. Noch ein paar Tage Geduld, haben die Ärzte gesagt. Dann wirst du wieder sehen können. Erst Schatten, dann, allmählich wirst du wieder verschwommen Farben wahrnehmen können. In ein paar Wochen nur kannst du wieder ganz normal sehen. Was heißt schon normal? Was ist in dieser Welt denn normal? Und Geduld? Wozu brauche ich jetzt Geduld?
Früher, da hat Steve mir immer gesagt, dass der Weihnachtsmann erst in ein paar Tagen kommt. „Deshalb hast du ja den Adventskalender, Linn. Mit ein bisschen Geduld gehen die Tage schnell vorbei. Nur ein paar Tage und ein bisschen Geduld, Linn. Merk dir das!“ Damals hatte ich noch etwas, wofür sich Geduld gelohnt hat. Ich erinnere mich gerne an diese Zeit. Und an alle anderen Zeiten auch. Die Zeiten, die mir nicht gefallen, lasse ich einfach weg. Das Erinnern ist dann immer schön. Aber wenn ich in die Gegenwart zurückkomme, dann tut das weh. Deshalb bleibe ich einfach in den Erinnerungen. Ich lebe in Erinnerungen.
Marianne mag das nicht. „Was träumst du denn da schon wieder?“ Ja, was träume ich da? Aber all die alten Menschen tun das auch. Sie denken darüber nach, was sie alles gemacht haben, in ihrem Leben. Was sie erreicht haben. Wenn sie überhaupt etwas erreicht haben. Wenn nicht, dann ist das auch nicht schlimm.
Einer von denen, die nichts, jedenfalls fast nichts erreicht haben, ist Onkel Fridolin: „Als ich zehn Jahre alt war, zehn Jahre, stell dir das doch mal vor, da bin ich mit meinen Freunden angeln gegangen. Wir durften eigentlich nicht, die Strömung war zu stark, aber - wer hält sich schon an Regeln, nicht wahr? Wir hatten seit ein paar Minuten erst geangelt, da habe ich schon direkt einen Fisch aus dem Wasser gezogen! Und das war der größte Fisch von all meinen Freunden! Mit zehn, ja, da war ich zehn Jahre alt.“ Und wenn der Fisch nicht einmal zehn Zentimeter lang gewesen war, das war trotzdem etwas, das er erreicht hatte. Als er das gesagt hatte, war ich gerade zwölf geworden.
Ich weiß noch, dass er dabei auf unserer Gartenbank mit dem rot-orange-gelb gestreiften Sitzkissen gesessen und dabei Pfeife geraucht und Erdbeerkuchen gegessen hat. Mama hat nie gerne gesehen, wenn Frido Pfeife geraucht hat. „Davon wirst du nur krank. Und Linn und Leon machst du auch krank.“ Daraufhin hat Onkel Frido die Pfeife immer kurz weggelegt. Aber nur kurz. Leon und ich haben immer gerne auf Onkel Fridos Schoß gesessen. Wir haben uns immer darum gestritten. Ich würde ihm den Schoß jetzt sehr gerne überlassen.
„Linn, kommst du bitte? Linn, wo bist du denn?“ Marianne kommt aus dem Haus. „Hier bist du, ich habe mir schon Sorgen gemacht. Komm, ich bringe dich rein. Es gibt Fleischklöße mit Kartoffelpuffer! Nils ist auch schon da!“ Sie hat wohl immer noch nicht begriffen, dass ich weder Fleisch noch Fisch esse. Und dass ich mich nicht gerne vor Nils, Marianne oder Torben zum Affen mache, weil ich mir das Essen die ganze Zeit neben den Mund schiebe, weil ich nichts sehen kann.
Und dass ich überhaupt Nils nicht ausstehen kann. Aber so etwas wie richtige mütterliche Gefühle, das hat Marianne wohl nicht. Jeden Abend mit einem warmen Kakao ins Zimmer rein schleichen, sich auf die Bettkante setzen und mitleidig zu fragen: „Na, wie geht es dir denn mit alldem?“, das reicht nicht. Wenn ich ihr etwas erzähle, dann ja wohl freiwillig und nicht, wenn es von einem verlangt wird. Ich möchte einfach nur in mein neues Zimmer, mich aufs Bett legen, nachdenken und mich erinnern. Selbst wenn die Psychologen sagen, dass ich mit in den Alltag eingebunden werden soll.
„Kommst du denn bitte? Torben hat nicht lange Mittagspause und das Essen wird kalt.“ Mal wieder typisch. Wie es mir dabei geht, dass der liebe Torben seine Mittagspause ab jetzt auch noch hier verbringt, das interessiert hier anscheinend niemanden. Okay. Ich stehe auf und nehme Mariannes hingehaltene Hand nach einigen Versuchen dankend an. Sie kann nichts dafür. Sie alle geben sich doch nur Mühe.
Ich gehe noch nicht zurück ins Haus. Es wird nur wieder alles anfangen. Zu viele Fragen schwirren mir durch den Kopf. Wenn ich jetzt die Augen öffne, werde ich nichts sehen. Alles wird in Grau-und Schwarztönen bleiben. Noch ein paar Tage Geduld, haben die Ärzte gesagt. Dann wirst du wieder sehen können. Erst Schatten, dann, allmählich wirst du wieder verschwommen Farben wahrnehmen können. In ein paar Wochen nur kannst du wieder ganz normal sehen. Was heißt schon normal? Was ist in dieser Welt denn normal? Und Geduld? Wozu brauche ich jetzt Geduld?
Früher, da hat Steve mir immer gesagt, dass der Weihnachtsmann erst in ein paar Tagen kommt. „Deshalb hast du ja den Adventskalender, Linn. Mit ein bisschen Geduld gehen die Tage schnell vorbei. Nur ein paar Tage und ein bisschen Geduld, Linn. Merk dir das!“ Damals hatte ich noch etwas, wofür sich Geduld gelohnt hat. Ich erinnere mich gerne an diese Zeit. Und an alle anderen Zeiten auch. Die Zeiten, die mir nicht gefallen, lasse ich einfach weg. Das Erinnern ist dann immer schön. Aber wenn ich in die Gegenwart zurückkomme, dann tut das weh. Deshalb bleibe ich einfach in den Erinnerungen. Ich lebe in Erinnerungen.
Marianne mag das nicht. „Was träumst du denn da schon wieder?“ Ja, was träume ich da? Aber all die alten Menschen tun das auch. Sie denken darüber nach, was sie alles gemacht haben, in ihrem Leben. Was sie erreicht haben. Wenn sie überhaupt etwas erreicht haben. Wenn nicht, dann ist das auch nicht schlimm.
Einer von denen, die nichts, jedenfalls fast nichts erreicht haben, ist Onkel Fridolin: „Als ich zehn Jahre alt war, zehn Jahre, stell dir das doch mal vor, da bin ich mit meinen Freunden angeln gegangen. Wir durften eigentlich nicht, die Strömung war zu stark, aber - wer hält sich schon an Regeln, nicht wahr? Wir hatten seit ein paar Minuten erst geangelt, da habe ich schon direkt einen Fisch aus dem Wasser gezogen! Und das war der größte Fisch von all meinen Freunden! Mit zehn, ja, da war ich zehn Jahre alt.“ Und wenn der Fisch nicht einmal zehn Zentimeter lang gewesen war, das war trotzdem etwas, das er erreicht hatte. Als er das gesagt hatte, war ich gerade zwölf geworden.
Ich weiß noch, dass er dabei auf unserer Gartenbank mit dem rot-orange-gelb gestreiften Sitzkissen gesessen und dabei Pfeife geraucht und Erdbeerkuchen gegessen hat. Mama hat nie gerne gesehen, wenn Frido Pfeife geraucht hat. „Davon wirst du nur krank. Und Linn und Leon machst du auch krank.“ Daraufhin hat Onkel Frido die Pfeife immer kurz weggelegt. Aber nur kurz. Leon und ich haben immer gerne auf Onkel Fridos Schoß gesessen. Wir haben uns immer darum gestritten. Ich würde ihm den Schoß jetzt sehr gerne überlassen.
„Linn, kommst du bitte? Linn, wo bist du denn?“ Marianne kommt aus dem Haus. „Hier bist du, ich habe mir schon Sorgen gemacht. Komm, ich bringe dich rein. Es gibt Fleischklöße mit Kartoffelpuffer! Nils ist auch schon da!“ Sie hat wohl immer noch nicht begriffen, dass ich weder Fleisch noch Fisch esse. Und dass ich mich nicht gerne vor Nils, Marianne oder Torben zum Affen mache, weil ich mir das Essen die ganze Zeit neben den Mund schiebe, weil ich nichts sehen kann.
Und dass ich überhaupt Nils nicht ausstehen kann. Aber so etwas wie richtige mütterliche Gefühle, das hat Marianne wohl nicht. Jeden Abend mit einem warmen Kakao ins Zimmer rein schleichen, sich auf die Bettkante setzen und mitleidig zu fragen: „Na, wie geht es dir denn mit alldem?“, das reicht nicht. Wenn ich ihr etwas erzähle, dann ja wohl freiwillig und nicht, wenn es von einem verlangt wird. Ich möchte einfach nur in mein neues Zimmer, mich aufs Bett legen, nachdenken und mich erinnern. Selbst wenn die Psychologen sagen, dass ich mit in den Alltag eingebunden werden soll.
„Kommst du denn bitte? Torben hat nicht lange Mittagspause und das Essen wird kalt.“ Mal wieder typisch. Wie es mir dabei geht, dass der liebe Torben seine Mittagspause ab jetzt auch noch hier verbringt, das interessiert hier anscheinend niemanden. Okay. Ich stehe auf und nehme Mariannes hingehaltene Hand nach einigen Versuchen dankend an. Sie kann nichts dafür. Sie alle geben sich doch nur Mühe.