Das Kaninchen vor dem Löwen

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Tompina

Tompina

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Der Kies knirschte unter seinen Sohlen und das schwarze Leder seiner Stiefel knarrte bei jedem Schritt wie ein alter Dielenboden. Sein Umhang raschelte fast ohrenbetäubend und es war ihm ein Rätsel warum sie ihn so spät bemerkten. Erst als er schon direkt neben ihnen stand, schnellten ihre Köpfe nach oben und Erschrecken verzerrte ihre Gesichter. Werkzeuge fielen scheppernd zu Boden, hechelnder Atem dröhnte in seinen Ohren und das hektische Durcheinander ihrer Herzschläge verursachte ihm regelrechte Kopfschmerzen.

Er taxierte sie, hob witternd den Kopf und entschied sich schließlich für einen kräftigen, jungen Burschen, der nur ein paar Schritte neben ihm stand und zitterte wie Espenlaub. Er nickte ihm zu und hob fordernd die Hand. Der Junge starrte ihn an, bewegte sich aber keinen Millimeter. Warum waren sie nur immer so störrisch? Sie wussten doch was er wollte und vor allem, dass er es auch immer bekam. Immer. Ungeduldig winkte er mit den Fingern und fixierten den Burschen mit einem verärgerten Blick. Keine Reaktion. Wie angewurzelt stand der Kerl vor ihm und zuckte wie ein Kaninchen vor dem Löwen.

Panik hatte den jungen Mann erfasst, das Weiß seiner Augen trat unschön hervor und sein Herzschlag hallte wie Donner. Warum mussten sie das Unausweichliche immer so heraus zögern? Es änderte sich doch nichts am Ergebnis, nur weil man fünf Minuten später anfing. Nichts änderte sich. Rein gar nichts. Genervt machte er einen Schritt auf den Burschen zu und griff unsanft nach dessen Handgelenk. Ein angsterfülltes Stöhnen entfuhr seinem Gegenüber und die Anderen wichen zurück wie eine Herde aufgescheuchter Schafe. Einer schrie auf und rannte kopflos davon. Ihm entfuhr ein höhnisches Lachen.

Wer heute davon kam war ein anderes Mal dran, das war sicher.

Der Junge versuchte sich aus seinem Griff zu lösen und jammerte dabei wie ein sterbender Hund. Er verstärkte den Druck und presste das Handgelenk des Burschen bis es knackte. Ein weiteres schmerzerfülltes Stöhnen. Er lachte erneut. Warum waren sie nur so einfältig zu glauben, sie könnten ihm entrinnen? Zeigte er ihnen nicht schon lange genug, dass er stärker war als sie? Mit einem Ruck zog er den Jungen an sich und wand sich zum Gehen. Die Anderen sahen ihnen nach, ängstlich und doch in irgendeiner Weise erleichtert. Erleichtert, dass sie auch dieses Mal davon gekommen waren. Dass es auch dieses Mal nicht sie waren, die in seinem Griff gefangen neben ihm her stolperten.

Der Kies knirschte unter seinen Sohlen und das schwarze Leder seiner Stiefel knarrte bei jedem Schritt wie ein alter Dielenboden. Sein Umhang raschelte und der Junge neben ihm wimmerte vor sich hin.
 
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