Winter

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Tompina

Tompina

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Es war kalt. Eiskalt. Und es schneite. Schon seit Stunden. Sie stand auf ihrem kleinen Balkon und beobachtete die unzähligen Schneeflocken, die getragen von einem leichten Wind vom Himmel herabtanzten. Kleine Kristalle in unendlich vielen verschiedenen Formen, leicht und glitzernd. Sie streckte ihre Hand aus und wartete. Binnen weniger Sekunden bildete sich eine Schicht aus Schneeflocken in ihrem Handteller und sie fühlte wie die Kälte des Eises auf ihre fast ebenso kalte Haut traf. Die Kristalle türmten sich auf, bildeten eine weiße Schicht und verschmolzen mit der blassen Farbe ihrer Haut. Sie mochte den Winter. Den Schnee. Und die Kälte.

Vor allem die Kälte. Im Sommer fiel sie auf. Unangenehm und ständig. Bei dreißig Grad im Schatten zuckten die Menschen zusammen, wenn sie sie aus Versehen berührte. Wenn ihre eiskalte, tote Haut auf die Hitze des Lebens traf. Wenn ihre Blässe noch mehr hervorstach als sonst, weil alle anderen sonnengebräunt oder verbrannt und rot waren. Im Winter war das anders. Da hatten auch die Menschen eiskalte Finger und waren blass. Da fiel sie nicht auf, da war sie nur eine von vielen. Sie lächelte und schüttelte die Schneekristalle von ihrer Hand. Die Flocken rieselten zu Boden und vereinten sich mit der bereits vorhandenen Schneeschicht auf ihren Balkonfließen.

Sie trat an das Balkongeländer und ließ ihren Blick über dich nächtliche, verschneite Stadt gleiten. Trotz der Dunkelheit erkannte sie mühelos die wenigen Menschen, die sich trotz Nacht und Schnee noch auf den Straßen bewegten. Sie erkannte ihre Bewegungen, sie hörte ihren Herzschlag und sie roch sie. Ihr Blut. Ihren Schweiß. Ihre ganz individuelle Mischung aus künstlichen Duftstoffen von Deospray bis Parfüm und dem typischen Menschengeruch, den jeder an sich trug, der dieser Spezies angehörte. Sie schloss die Augen und konnte trotzdem genau erkennen, wer sich in welche Richtung bewegte und wie schnell.

Da war der ältere Mann. Sein Herzschlag war unregelmäßig und kam ab und an ins Holpern. Ebenso seine Atmung. Er hatte vermutlich Herzprobleme. Ein gesundes Herz hörte sich anders an. Er schippte Schnee. Um Mitternacht. Sie fragte sich, was ihn dazu bewog zu nachtschlafender Zeit den Kampf gegen die weißen Massen aufzunehmen. Vielleicht konnte er nicht schlafen, so wie sie. Er roch nach einem billigen Rasierwasser und der Schweißgeruch wurde immer penetranter, je länger das kratzende Geräusch seiner Schneeschippe anhielt.

Dann war da eine junge Frau. Ihr Parfüm juckte unerträglich in ihrer Nase und überlagerte fast vollständig die restlichen Geruchsnuancen, die von der Frau ausgingen. Sie witterte nur ganz verdeckt Männergeruch, Rauch und Alkohol. Dem klackenden Geräusch nach trug die Frau hohe Schuhe und kam dank des Schnees immer wieder ins Stolpern. Vermutlich war sie auf dem Nachhauseweg. Heim von irgendeiner Party. Aus irgendeiner Bar. Der Richtung nach aus der sie kam, konnte sie aber auch eine Prostituierte sein. Ihr klackender Schritt schlängelte sich zwischen den Häusern des Rotlichtmilieus entlang und entfernte sich immer mehr in Richtung der Stadtrandsiedlungen mit den hohen, tristen Mietshäusern.

Der Geruch der Männergruppe, die sie gehört hatte bevor sich ihr beißender Alkoholgestank in ihre Nase begeben hatte, kam näher. Und auch ihr Grölen und Lachen wurde lauter. Sie waren betrunken und arbeiteten sich unerträglich laut unter ihrem Balkon vorbei. Ihre Schuhe rutschten mit schmerzhaften Quietsch- und Schlurflauten über den verschneiten Gehweg und sie überlegte kurz, ob es sich lohnen würde sich ihrer anzunehmen. Aber sie dachte mit Unwillen an den ekelhaften Geschmack von alkoholisiertem Menschenblut und verwarf den Gedanken so schnell wie er ihr gekommen war.


Zu guter Letzt lauschte sie dem schwerfälligen, schmerzbehafteten Schritt einer alten Frau. Zwei Straßen weiter bahnte sie sich mühsam ihren Weg durch den immer tiefer werdenden Schnee. Sie schien Zeitungen auszutragen, dem starken Geruch von frischbedrucktem Papier und dem scheppernden Geräusch eines Rollwagens nach zu urteilen. Um diese Uhrzeit und bei diesem Wetter sicher alles andere als erbaulich. Die Frau tat ihr leid. Oft taten ihr die Menschen leid, vor allem diejenigen, die tagtäglich mit sich und ihrem Leben kämpften. Mit der Einsamkeit. Mit körperlichen Schmerzen. Mit Hunger und Kälte. Jener Kälte, die sie so liebte.

Oft suchte sie sich deshalb genau diese Menschen aus, wenn sie auf Beutezug war. Sie hatte dann absurderweise sogar das Gefühl etwas Gutes zu tun, wenn sie diesen Menschen schnell und kaltblütig den Tod brachte. Der Winter machte ihr die Jagd nach diesen verlorenen Seelen, wie sie sie selbst nannte, leichter. Wenn es eiskalt war und Schnee und Dunkelheit, die Menschen in ihren Häusern hielten, waren sie leicht zu finden. Sie, die trotz der Witterung ihren Kampf kämpfen mussten. Wie diese alte Frau. Sie lächelte, als sie ihre Finger vom Balkongeländer löste und mit einem katzengleichen Sprung die paar Meter zwischen ihrem Balkon und der Straße überwand. Sie folgte dem Scheppern des Rollwagens und dem lieblichen Geruch von Lilien.
 
  • Winter Beitrag #2
Huhu, hab ich schon mal erwähnt, dass ich deine Kurzgeschichten mag? :)

Liest sich echt immer super. Schreibst du eigentlich auch Bücher?
 
  • Winter Beitrag #3
Hey Shaina, danke für dein Lob! :D
Freut mich, wenn meine Geschichten dir gefallen.

Mit Buch meinst du eine längere zusammenhängende Geschichte?
Ja, Krimis und auch andere Sachen. Fanfiktion hab ich letztens auch angefangen...:roll:
Fertig sind aber nur die älteren Sachen (die sich iwie komisch lesen *so find*),
die aktuellen Sachen, die ich (momentan) mag, sind noch voll in Arbeit...:mrgreen:
 
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