Finsternis

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Tompina

Tompina

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Er sehnte sich nach der Dunkelheit sternenklarer, aber mondleerer Nächte. Ganz besonders bei Vollmond. Das schmerzhafte, weiße Licht der runden Kugel war ihm zu wider. Schon lange. Viel zu lange. Er liebte die Finsternis. Schwarze Nächte in denen er am Fenster stehen konnte und in den Himmel starren ohne das etwas passierte. Stundenlang konnte er einfach nur da stehen und starren. Es war wie eine Art Trance, in die er sich selbst versetzte. Verzweifelt bemüht den kleinen Funken Zufriedenheit, den ihm die Finsternis verschaffte am Glühen zu halten. Neumond war wundervoll. Für wenige Stunden war der Nachthimmel gähnend leer. Nur Sterne oder Wolken waren zu sehen. Aber die hässliche Fratze des Mondes war verhüllt. Von tiefer, schwarzer, entspannender Finsternis.

Er seufzte, als sein Blick an der weißen Sichel hängen blieb, die sich zum Einbruch der Dunkelheit wie ein verrutschtes, hämisches Grinsen an den Himmel schob. Zunehmender Mond. Neumond war bereits vorbei. Das unerträglich Warten begann also von vorne. Die Endlosschleife, die sein Leben beherrschte ging in eine neue Runde. 29 Tage, dann war es wieder soweit. Vollmond. Schmerzen. Verzweiflung. Wut. Er konnte gar nicht alle Gefühle aufzählen, die er mit der weißen Kugel verband. Für die meisten gab es nicht mal einen Ausdruck, der auch nur annähernd in die Nähe dessen kam, was er tatsächlich empfand.

Er lächelte traurig, als das schüchterne Rufen eines Käuzchens ertönte und der Abendstimmung etwas Leben einhauchte. Die Tiere der Nacht fürchteten ihn, so wie er den Mond fürchtete. Oft genug hatte er in die weit aufgerissenen Augen eines Rehes geblickt, wenn er nach Stunden der qualvollen Verwandlung die Augen wieder aufgeschlagen hatte. Oft genug war selbst ein stattlicher Eber in Panik davon gestoben, wenn das dumpfe Tapsen seiner Pfoten auf dem Waldboden erklang. Obwohl Tiere von ihm nichts zu befürchten hatten, rannten sie vor ihm davon. Hektisch und kopflos. Ihr angeborenes Gefühl für Gefahr saß tief. Tiefer als bei den Menschen. Menschen waren einfältig und langsam. Selbst die furchtsamen und vorsichtigen unter ihnen hatten keine Chance gegen ihn. Gegen das Tier in ihm und den schrecklichen Hunger.

Er beobachtete die nachtleere Straße unter seinem Fenster. Seine Nasenflügel bebten, als zwei Männer das Nachbarhaus verließen. Das Tier in ihm war immer da. Nicht nur bei Vollmond. Auch jetzt, wenn die kläglichen Strahlen des zunehmenden Mondes kaum heller waren als das flackernde Licht der Straßenlaternen. Er witterte, seine Sinne arbeiteten auf Hochtouren. Die Männer waren leicht angetrunken und gut gelaunt. Ihr Johlen dröhnte laut in seinen empfindlichen Ohren und die ekelhafte Mischung aus Schweißgeruch und Alkohol ließ ihn würgen. Er hörte ihre Herzen schlagen. Kräftig und aufgeregt. Das Blut rauschte durch ihre Körper und das Tier in ihm bleckte die Zähne. Hungrig, gierig, kaum zu kontrollieren.

Er hasste das Tier und sehnte sich nach der Finsternis. Nach den wenigen, dunklen Stunden im Monat, die ihm Entspannung brachten. Die das Kribbeln in seinem Inneren verstummen ließen und die ihn für kurze Zeit vergessen ließen, was er war.
 
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