Huhu,
mir wär auch so, dass Sachser nicht speziell Untersuchungen an Frühkastraten gemacht hat. Lasse mich aber ggf. natürlich eines Besseren belehren.
Sachser schreibt, daß Männchen, die alleine oder nur in Gesellschaft eines weiblichen Tieres aufwachsen, später unfähig sind, Konfliktsituationen aus dem Weg zu gehen. Im Gegensatz dazu lernen Böckchen, die in Gruppen aufgezogen werden, damit umzugehen. Dieser Prozeß der sozialen Prägung findet erst nach dem Erreichen der Geschlechtsreife statt, wird also durch eine Frühkastration verhindert.
Quelle:
http://fraumeier.org/fruehkastration.htm, Hervorhebung von mir.
Ich würde hier eher sagen, der Punkt mit der Frühkastration ist kein Sachser-Ergebnis (dieses von mir fett markiert), sondern eine Frau-Meier-Interpretation.
Demnach müssten auch in Gruppen aufgewachsene Frühkastraten entweder ganz furchtbar unsoziale Rüpel sein, weil ja die Frühkastration verhindert, dass sie diese entscheidende soziale Prägung erfahren - oder im Gegenteil, als komplette Neutren wahrgenommen werden? Dem entgegen stehen aber dann die Erfahrungen von Haltern, dass Frühkastraten sich sowohl in der Regel gut in Gruppen integrieren lassen, als auch, dass sie durchaus in der Lage sind, komplett "normales" männliches Verhalten zu zeigen.
Ich denke eher, da ist der Punkt "Geschlechtsreife" vielleicht anders interpretiert und für wichtiger erachtet worden, als tatsächlich zutreffend. (So wie ja auch Morgenegg (wie auch wieder viele Halter) keine körperlichen Unterschiede (O-Beine?) in Frühkastraten feststellen konnte.) 6 Wochen gilt ja so allgemein als durchschnittlicher Zeitpunkt für den Hodenabstieg, die Zeit bis zur 9. Woche als entscheidend für die Sozialisation - wenn man so will, muss ein Böckchen also schon bis zum Zeitpunkt der Geschlechtsreife (bzw. länger) in seiner Gemischtgruppe bleiben - aber genau das ermöglicht ja auch die Frühkastration...
Wobei ich für diese Angabe 7. bis 9. Woche bislang nur diese Quelle gefunden habe:
Für das soziale Lernen innerhalb der Meerschweinchengruppe ist ein etwas späterer Zeitpunkt besonders wichtig, nämlich der Zeitraum von der 7. bis zur 9. Woche, die sogenannte Pubertätsphase (Sachser 2004). [...] Die Pubertätsphase ist entscheidend für die Entwickung des innerartlichen Sozialverhaltens. Laut Prof. Norbert Sachser entscheidet die Art des Sozialkontakts in dieser Zeit darüber, wie aggressiv ein Tier im späteren Leben sein wird und wie viel Stress es erleidet, wenn es fremden Artgenossen begegnet (Sachser 2004). Wird beispielsweise ein Böckchen in dieser Lebensphase allein oder nur mit Weibchen gehalten, hat es keine Möglichkeit die sozialen Spielregeln im Umgang mit erwachsenen Männchen zu lernen und wird daher im spätere Leben auch nicht oder nur mit großen Schwierigkeiten mit erwachsenen Böcken zurechtkommen.
Stammt aus dem Artikel: Reich, M. (2008): Frühe Entwicklungsphasen beim Meerschweinchen. - In: RODENTIA, Jg. 8, H. 42, S. 43-45.
Bei der Originalquelle, die von der Autorin genannt wird, handelt es sich um folgenden Aufsatz: Sachser, N. et al (2004): The Welfare of Laboratory Guinea Pigs. - In: The Welfare of Laboratory Animals. - Kluwer Academic Press, Dordrecht.
Da heißt es allerdings (S. 194)
When two adult males that grew up in different large colonies are placed into an unfamiliar enclosure in the presence of an unfamiliar female they quickly establish stable dominance relationships without displaying overt aggression. [...]
However, such a "peaceful" stratification into different social positions requires that the opponents have been engaged in agonistic interactions with older dominant males around puberty, as is the case in individuals reared in colonies. In such encounters, they experience the role of a subdominant individual, thus acquiring the social skills needed to adapt to conspecifics in a non-aggressive and non-stressful way (Sachser 1993, Sachser and Lick 1991; evidence that the time around puberty is decisive for social development is summarised in Sachser et al. 1994).
In contrast, a male, who grows up singly, or with a female, is prevented from experieneing agonistic interactions around puberty (since in this species no fighting and threat displays are found between the sexes). Thus, these social skills cannot be learned.
Hervorhebungen von mir, es ist also zumindest in der Quelle wirklich nur von der Pubertätsphase die Rede. Aber wann ist diese Phase, bzw. woher weiß man, dass es sich dabei um die 7. bis 9. Woche handelt? Oder es hängt einfach daran, dass Sachser die Geschlechtsreife bei Böcken mit 2 bis 3 Monaten (und Gewicht von 500 g) angibt (was sich vermutlich durch die Haltung der Schweine in großen, gemischten Gruppen mit mehreren Böcken und Weibchen erklärt - da kommen die Jungböcke ja wahrscheinlich einfach gar nicht eher zum Zug) - wäre jetzt meine Erklärung...