Regen

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Tompina

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[FONT=&quot][/FONT][FONT=&quot]Regen. Dicke, schwere Tropfen prasselten an die Fensterscheibe, zerschellten in tausende kleine, glitzernde Teile um sich schließlich wieder zu schlängelnden Rinnsalen zu vereinigen.

Donner. Tiefes, unheilvolles Grollen ertönte in immer kürzeren Abständen und durchbrach das monotone Rauschen des Regens.

Blitze. Helles, weißes Zucken zerschnitt unwillkürlich das Schwarz der Nacht und zauberte für kurze Augenblicke ein milchiges Licht auf die grauen Dächer der Stadt.

Einsamkeit. Alleine stand er in seiner dunklen, kalten Wohnung und starrte aus dem Fenster. Er hasste Regen. Wasser im Allgemeinen. Es hatte sich ihm noch nie erschlossen, weshalb diese unscheinbare Flüssigkeit der Quell allen Lebens war. Hätte man sich da nicht etwas Anderes einfallen lassen können? Eine trockenere, angenehmere Lösung? Er seufzte. Soweit war es schon. Er stand am Fenster, beobachtete das sinnlose Herabfallen unendlich vieler Wasserpartikel und machte sich dabei auch noch hochphilosophische Gedanken. Regen machte ihn melancholisch. Nachdenklich. Traurig. Wenn draußen die Luft schwer und feucht war und die Menschen von ihrer Angst vor Donnern und Blitzen in den Häusern gehalten wurden, war sie am schlimmsten. Die Einsamkeit. Die verdammte Einsamkeit, die sein Leben beherrschte.

Ein erneuter Donner brachte mit lautem Krachen zum Ausdruck, was er tief in sich drinnen verspürte. Wut und Hass. Lautes, unheilvolles Gepolter unnützer Gefühle. Ein weiterer Blitz erhellte den Himmel und verlieh der schlafenden Stadt zum wiederholten Mal ein düsteres Aussehen. Dunkle Gewitterwolken türmten sich zu immer neuen, abstrusen Gebilden auf und er ahnte, dass der Regen noch lange nicht vorbei war.

Seine Hände umfassten die Fensterbank. Blässe traf auf weißen, glänzenden Marmor. Seine Stirn lehnte an der Fensterscheibe. Kalte Haut traf auf kaltes Glas. Wie gerne hätte er jetzt mit seinem Atem kleine Bilder auf die Scheibe gezaubert, aber der eiskalte Hauch aus seinem Mund taugte dafür nicht. Er taugte dazu Angst zu machen. Blut in menschlichen Adern sprichwörtlich gefrieren zu lassen. Zu schönen Dingen war er nicht zu verwenden. Wie so Vieles an ihm. Wie eigentlich alles an ihm. Angst verbreiten. Tod bringen. Darin war er gut. Sehr gut sogar. Aber es widerte ihn langsam an. Wie gerne hätte er statt stummem Entsetzen auch mal ein Lachen auf menschliche Lippen gebracht. Aber dazu taugte er nicht. Nicht im Geringsten.

Bitterkeit. Die höhnische Stimme seines zweiten Ichs dröhnte in seinen Ohren noch lauter als die Donner zuvor. Verzweiflung. Eine Welle dieser abscheulichen Empfindung bahnte sich ihren Weg an die Oberfläche. Schwappte über und erstarb. Erstarb in der Kälte. In der Kälte seiner Haut. In der Kälte seiner Gedanken.

Leere. Das dunkle, schwarze Loch fraß alles auf. In ihm herrschte nichts als Schwärze. Eisige Schwärze. Hässliche Schwärze. Ja, hässlich war er. Hässlich und zugleich wunderschön. Es war paradox. Paradox wie seine gesamte Existenz. Er seufzte und fuhr sich mit den langen, bleichen Fingern durch sein schwarzes Haar.

Er musste los. Ob er wollte oder nicht. Es war der Hunger, der ihn trieb. Der Hunger und die Gier. Die abartige, unbändige Gier, die ihn jedes Mal befiel, wenn seine Sinne auf menschlichen Geruch trafen. Lautlos, fast schwebend trat er vor die Tür und der Regen peitschte ihm ins Gesicht, wie ein vorwurfsvolles Flehen. Die kleinen Tropfen, die seine Haut benetzten schienen verzweifelt zu versuchen ihn zu halten. Ihn festzuhalten. Ihn am gehen zu hindern. Aber sein höhnisches, gieriges Ich hatte nicht vor sich von lächerlichen, kleinen Wasserpartikeln aufhalten zu lassen. Nein. Aufzuhalten war er nicht. Auch nicht von so etwas Widerwärtigem wie Wasser.

Seine Schritte waren federnd, seine Bewegungen fließend und er verschmolz mit der Nacht. Schwarz und hässlich wie er war, verschwand er in der Dunkelheit. Der Wind kam dem Regen zu Hilfe. Nasse Nadelstiche prasselten auf ihn nieder und das bedrohliche Knarren der sich wiegenden Bäume ließ ihn für einen kurzen Moment inne halten.

Donner. Das Grollen kam aus dem aufgerissenen Rachen der Nacht. Es war laut, es war böse, aber es hielt ihn nicht auf.

Blitze. Die letzten verzweifelten Versuche ihn zu schrecken. Feuriges Zischen, das den Himmel teilte und ihm den Weg versperrte.

Die Gier. Seine bebenden Nasenflügel hatten Witterung aufgenommen. Seine Ohren hörten ihn schon. Den leisen, kräftigen Herzschlag in einer jungen Brust. Wohliges, warmes Rot tauchte vor seinem inneren Auge auf und er wusste, dass es soweit war. Er hatte verloren, bevor er hatte kämpfen können. Verloren gegen die Übermacht des Hungers.

Das Quietschen seiner Lederstiefel drang nur noch von ferne zu ihm durch und der Regen störte ihn nicht mehr im Geringsten. Ein kräftiger Sprung über die kleine Mauer, ein stilvolles Ausholen mit dem flatternden Rand seines Mantels und er war am Ziel.

Erschrecken. Große blaue Augen starrten ihn an. Angst. Panik durchzog die ebenmäßigen Züge der jungen Frau. Dann Verstehen. Das Leuchten des nächsten Blitzes brachte ihr die Erkenntnis. Sie sah ihn. Sah sein weißes Gesicht. Sah die feuerroten gierigen Augen und verstand. Verstand, dass sie nicht entkommen konnte. Verstand, dass er ihr den Tod brachte.

Er lächelte. Lächelte höhnisch. Lächelte hoffnungsvoll. Hoffnungsvoll, dass irgendwann einmal sein Lächeln erwidert werden würde. Er lächelte auch diesmal vergebens. [/FONT]
 
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