Tasharas Verlust oder Der Welpe Thondor

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Lilly Leindy

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Eine Träne nach der anderen tropfte unbedacht auf die hölzerne Tischplatte. Der Geschmack von Salz benetzte Tasharas rissige Lippen. Wortlos strich sie sich mit der rechten Hand über das Gesicht, um den schleierartigen Nebelhauch zu entfernen, der ihr Augenlicht beinahe vollkommen trübte.
Wie lange es her war … Wie viel Zeit vergangen war…
Zwei Fotos lagen vor ihr auf dem alten Tisch, dessen hübsche Schnitzerei an vielen Stellen schon bis zur Unkenntlichkeit zerkratzt war. Auch die goldenen Ranken, die sich wie anmutige, lebendige Wesen an den Beinen des Möbelstücks heraufgeschlängelt hatten, waren verblasst und nicht sonderlich schön anzusehen. Doch der Tisch bedeutete ihr so viel. Er war alles, was Tashara noch besaß, und sie wusste, dass sie wie eine Löwin um ihn kämpfen würde. Zu viele Erinnerungen, wunderbare wie schmerzhafte, waren mit dem sanften Nadelduft und dem dunklen Holz verbunden.
Drei Jahre … Drei Jahre waren vergangen … 36 unendliche Monate…
Nachdenklich strich sie mit der rechten Hand und allen fünf Fingern über die Kante, an der sich die ersten Zahnabdrücke des Welpen Thondors befanden. Dass er tot war, war nicht der einzige Schmerz, der sie erfüllte. Er war viel mehr gewesen als ein Hund. Er war ein Freund, ein Gefährte, Vertrauter und Kind gewesen. Doch sein Ableben hatte eine Narbe in ihrem Inneren aufgerissen, die langsam angefangen hatte abzuheilen. Eine Narbe, die unvorstellbar tief und lang war. So tief und lang, dass nichts und niemand sie jemals vollkommen zu entfernen schaffen würde.
Vor 36 Monaten war es passiert … und jetzt das … Thondor…
Wieder fiel eine glitzernde Träne auf das dunkle Holz. Tashara konnte sich nicht einmal dazu überwinden, die Fotos anzusehen. Sie wusste außerdem, was sie zeigten. Sie hatte doch jedes Detail, jedes Haar so oft gesehen, dass beide Aufnahmen auf ewig in ihre Gedanken eingebrannt waren. Wie mit Flammenbuchstaben geschrieben. Wie mit Feuerworten gezeichnet. Das eine war nicht einmal alt. Es zeigte einen jungen Retrieverwelpen mit einem blauen und einem braunen Auge. Sein rechtes Ohr, welchem er den liebevollen Spitznamen Fledermaus zu verdanken hatte, stand aufrecht in die Höhe. Das linke war sichtbar verstümmelt. Wahrscheinlich hatte ein Tierquäler seine brennende Zigarette daran ausgedrückt. Zumindest vermutete das der Tierarzt. Doch nichts konnte diesen Hund entstellen. Nichts konnte seiner Schönheit schaden. Sein weiches, weißes Fell, in das so viele Tränen gefallen waren und seine Rute, die stets voller Freude und Aufmerksamkeit in Bewegung war, zeichneten diese ganz besondere Schönheit aus. Tashara sah immer noch genau vor sich, wie er da gestanden hatte, lautlos, winzig, mager. Er war einfach durch die geöffnete Tür gekommen und hatte sich ihr gegenüber gestellt, die schmale, kleine Schnauze sanft auf den Holztisch gebettet.
Das war vor 36 Monaten passiert ... Damals, in der schwersten Zeit…
Sie erinnerte sich noch genau daran, wie sie dort gesessen hatte, genau wie jetzt, und ein Foto in der Hand hielt. Ein Foto, das sie nicht ansehen konnte, weil der Schmerz sie wie ein hungriges Tier aufgefressen hätte. Ein Foto, das sie bis heute nicht anzusehen wagte, weil es all das, was sie versucht hatte, zu vergessen, wieder an die Oberfläche ihres Herzens getrieben hätte. Doch auch dieses Bild war in ihren Gedanken eingebrannt. Wie mit Flammenbuchstaben geschrieben. Wie mit Feuerworten gezeichnet. Es zeigte einen jungen Mann. Angus war sein Name gewesen, und er war Tasharas Verlobter. Heute vor 36 Monaten hatte ein betrunkener Autofahrer ihm das Leben genommen, indem er den Fahrradfahrer mit 120 km/h überfahren hatte. Angus war sofort tot, er hatte nicht leiden müssen, was Tashara unendlich erleichterte. Sie vermisste all das, was ihn ausmachte: Seine großen Hände, das liebevolle Lächeln, die sanfte Stimme … ein blaues und ein braunes Auge … und sein linkes Ohr war wegen eines Brandes in seiner Kindheit verstümmelt. Ja, der Welpe Thondor war ein Streuner gewesen, ein misshandeltes Tier. Aber Tashara wusste, was er wirklich war: Angus´ Wiedergeburt. Darin bestand kein Zweifel. Und nun, 36 Monate nach Thondors Ankommen und Angus´ Wiedergeburt war der Hund genauso gestorben wie Tasharas Verlobter. Das dumpfe Aufprallen lag ihr noch immer in den Ohren. Sie hatte einen Verlust erlitten. Einen Verlust, der einen zweiten bedeutete.
Wortlos drehte sie die Fotos so um, dass die Bildoberseiten dem zerkratzten Holz zugewandt waren. Sie wollte und konnte sie nicht ansehen. Im selben Moment flog eine weiße Taube durch das offene Fenster und schwebte für Sekundenbruchteile über dem Tisch, bevor sie eine Runde durch das Zimmer drehte und wieder in die Freiheit entschwand. Tashara atmete tief ein und aus. So eine Taube hatte sie noch nie gesehen; mit einem blauen und einem braunen Auge, und die linke Hälfte des zarten Köpfchens wie durch eine brennende Zigarette entstellt…
 
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