Meine Ansicht ist: Popcornen ist kein bewusst gesteuertes Verhalten der Tiere, es ist grundsätzlich als eine Art Übersprungshandlung zu sehen. Diese Übersprungshandlung kann durch Verschiedenes ausgelöst werden. Ich würde nicht so weit gehen, von echtem Stress zu reden, denn bei richtigem Stress (egal ob negativ oder positiv) zeigen Meerschweinchen andere Verhaltensweisen (cirpen, ducken, treteln, starres Sitzen, laufen, quietschen etc.). Aber das Popcornen wird häufig auch ausgeführt, wenn die Tierchen verwirrt/irritiert sind. Ein sauberes Gehege das anders riecht, ein Mensch im Gehege dem sie eigentlich vertrauen aber lieber aus dem Weg gehen möchten, ein kleiner Streit, eine kleine Rangordnungsproblematik, eine freundschaftliche Begegnung und bei Jungtieren vor allem ein Allgemeines: "ich habe keine Ahnung was hier vor sich geht", kann das Popcornen auslösen. Aber es wird ebenso aus purer Lebensfreude ausgelöst, denn ein Grasberg wird wohl doch eher Glücksgefühle im Tier hervorrufen und wenig Irritation (und mit Grasberg im Gehege popcornen meine Tiere immer). Auch auf etwas Positives folgt bei vielen Nagern - auch bei Meerschweinchen - eine nicht bewusst gesteuerte Übersprungshandlung.
Es ist bei genauem Hinsehen deutlich zu erkennen, ob Schweinchen aufgrund von Irritation oder weil sie gerade gut drauf sind popcornen - jedenfalls sehe ich es recht deutlich, wenn ich die entsprechende Situation beobachte: Beispiel: Timbu popcornt immer von dannen, wenn er gerade mit seinem Gebrommsel Erfolg hatte und aufgestiegen ist, dabei wirkt er zwar auch fröhlich.. aber es ist ein gezieltes Popcornen und meist streng geradeaus gerichtet und meist nur ein einzelner Sprung. Ich meine, er ist irritiert (vielleicht weils schnell vorbei ist oder er merkt dass er nicht kann?). Hingegen; wenn er wirklich ganz offensichtlich gut drauf ist, weil er gerade ein paar Erbsenflocken abgestaubt hat, danach durch einen frischen Heuberg stiebt und dann ein paar wilde Sprünge macht, dann sehen diese Sprünge anders aus, lockerer, nicht so gerade und es sind meist mehrere Sprünge hintereinander und dann wird los gerannt.
Also: Popcornen ist eine klare Übersprungshandlung bei Verwirrung und vor allem auch, wenn das Tier etwas eher Positives erlebt.
Wenn ich mir meine Bande so anschaue: sie popcornen nur noch wenig (sind alle schon etwas älter). Ok, da könnte man nun meinen: sie haben keinen Bewegungsmangel, denn pro Tier haben sie 1,25 m² zur Verfügung. Aber meiner Ansicht nach hängt es 1. damit zusammen, dass sie nicht mehr allzuhäufig überrascht werden (im Alter wird jedes Schweinchen ja gelassener) sie nicht mehr allzuhäufig irritiert sind und vor allem: bei viel Platz kommt es auch nicht allzuhäufig zu Begegnungen die Popcornen auslösen. Wenn meine Bande mal los hüpft, dann kann man deutlich sehen: entweder war gerade Fütterung angesagt, es war gerade unanständig oder es gab eine eher freundschaftliche Begegnung die in beiderseitigem Wegpopcornen endete. Jedesmal sieht das Popcornen anders aus... Freundschaftliche Begegnungen sind diese, wo die Tiere zwar auch, wie üblich, ihre Köpfe heben, aber dann nicht zuhaken sondern eher fröhlich auseinander stieben, Meerschweinchen sind ja nicht nur am Streiten und Rang ausfechten, viele Tiere haben freundschaftliche Verhältnisse, in kleinen Gehegen treffen diese Tiere häufiger aufeinander - Folge ist dann wohl auch deshalb häufigeres Popcornen.
Tiere die allein sind, popcornen naturgemäß weniger: denn in ihrem Leben passiert nicht viel, was sie irritieren könnte - gleichzeitig mit der Einzelhaltung kommt ja auch die massive Langeweile auf, auch die Fütterungen gestalten sich langweilig und kulinarische Genüsse brauchen diese Tiere nicht erwarten. Das Gehegereinigen ist mehr Stress als Freude (da diese Tiere ja normalerweise auch einfach aus einem Käfig gepflückt werden) und richtiger Stress verursacht kein Popcornen. Das diese Tiere aus Selbstaufgabe nicht mehr Popcornen da sie ihre Muskeln nicht mehr trainieren halte ich für totalen Blödsinn, so weit denkt ein Schwein nicht, außerdem konnte ich auch bei Einzeltieren (meine Flitze war hier z.B. noch 3 Wochen allein in Quarantäne und sie war 2 Jahre Einzeltier) beobachten, dass sie sich dehnen und vor allem rennen (sie hieß ja auch Flitze, weil sie im kleinen Käfig immer im Kreis rannte). Das Popcornen hat Flitze aber auch in Einzelhaltung schon angefangen: beim ersten Auslauf, bei der Fütterung und später im Gehege sowieso.
Das mit dem Bewegungsmangel und Muskelaufbau ist also meiner Ansicht nach ziemlich weit her geholt. Diese Theorie kann durch rein gar nichts gestützt werden, da auch Wildmeerschweinchen popcornen und diese Tiere wirklich normalerweise so viel Bewegung bekommen wie sie möchten. Beim Popcornen werden auch zu wenig Muskelpartien beansprucht, als das es medizinisch wirklich sinnvoll wäre zur Muskeldehnung oder zum Muskelaufbau zu popcornen. Meerschweinchen dehnen sich sehr bewusst durch und strecken ihre Muskeln durch wenn sie aufstehen und bevor sie los laufen, das macht viel mehr Sinn als Popcornen zur Muskeldehnung. Auch in sehr kleinen Gehegen dehnen sich die Tiere in dem sie sich am Gitter aufrichten, sie laufen notfalls auch in einem Meterkäfig im Kreis um ihre Muskeln geschmeidig zu halten und deshalb halte ich die Theorie mit dem Muskelaufbau für pure Phantasie.
Übrigens: Die Theorie, dass Popcornen durch zu enge Gehege, also Platzmangel, verursacht wird, wurde aktuell von jemandem aufgestellt und massiv im Internet verbreitet, nachdem sie ihre Böcke von Außenhaltung in Innenhaltung verfrachten mußte. Dort war Platzmangel und gleichzeitig hat sie zum ersten Mal beobachten können, dass die Tiere popcornen - ihre Schlussfolgerung war dann: Platzmangel = Popcornen zum Stressabbau und weil Bewegungsmangel da ist. Sie ging sogar so weit zu behaupten, dass Meerschweinchen die Popcornen generell gequälte Tiere wären und das mit Freude nichts zu tun hat, weil sie ihre Tiere niemals im Außengehege beim popcornen beobachtet hatte... Nunja, damit hat sie wohl seit einiger Zeit diese Diskussionen entfacht. In dem speziellen Fall bin ich allerdings eher der Auffassung: ein langweiliges Außengehege im Matsch mit drei Hütten drin gab den Tieren wohl wenig Grund zur Freude - ein gut eingerichtetes Innengehege im Warmen war wohl mehr ihr Ding...
Grundsätzlich und Abschließend: das Popcornen ist auf keinen Fall negativ zu bewerten. Es ist sicher nicht immer der Ausdruck purer Lebensfreude als den wir es gern sehen möchten, aber auch eine Irritation ist nichts Schlimmes und echter Stress hat hier zumindest noch kein Popcornen ausgelöst. Echter Stress = Rangordnungsprobleme, Vergesellschaftungen, Tiere einfangen zum TÜV etc - auch dann springen die Tiere, aber nicht wegen unbewußter Muskelkontraktionen wie beim Popcornen, sondern sie springen bewusst und das sieht anders aus.