Huhu,
es ist in der Haustierhaltung doch immer ein Abwägen zwischen "Wie sollte es sein?", "Wie sollte es gar nicht sein?" und "Wie ist es?". Je mehr Überschneidungspunkte das "Wie ist es?" mit dem "Wie sollte es sein?" hat, desto besser, oder?
Nun ist es natürlich nicht soooo leicht, den "Wie sollte es sein?"-Zustand zu definieren, bzw. kann man in der Haustierhaltung vermutlich eher nicht
einen Soll-Zustand definieren, sondern es gibt einfach mehrere Möglichkeiten von Haltungsarten, die sich zwar unterscheiden, aber sich letztendlich alle nicht viel nehmen, bzw. eben jeweils ihre Vor- und Nachteile haben.
Wenn man mal versucht, theoretisch eine möglichst optimale Haltung zu konstruieren, woran orientiert man sich dann? Man schaut doch, wie denn die wilden Verwandten der Haustiere leben, man schaut, wie die Tiere sich organisieren und interagieren, wenn sie sich in einer großen Gruppe von Artgenossen wiederfinden, man schaut wie die Tiere reagieren, wenn sie alleine oder nur mit einem Artgenossen zusammenleben.
Aus solchen Beobachtungen und Untersuchungen lässt sich eben genau das ableiten: Meerschweinchen sind Sippentiere - aber sowas von.
Sie schaffen es problemlos, sich in Gruppen unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung zu arrangieren, so dass es keine Probleme im Zusammenleben gibt. Voraussetzung: Sie haben es gelernt, d.h. sind in einer Gruppe aufgewachsen (sensible Zeit für das soziale Lernen bei Meerschweinchen 7.-9. Woche (EDIT Sawyer 13.04.2010 - falsche Angabe korrigiert, nicht 9.-12. Woche!*) - vergleicht das mal mit dem Standard-Abgabealter) und wissen dann also, wie man mit Artgenossen vernünftig kommuniziert.
Viele Probleme in Bockgruppen z.B. kann man so ganz einfach erklären: 2 4-wöchige Babybrüder aus der Zoohandlung oder vom Züchter geholt, ab in den 120er Käfig gepackt - und abgewartet. Manchmal geht's gut - und ganz oft auch nicht, und die beiden Jungs lassen irgendwann die Fetzen fliegen. Der kleine Käfig tut noch sein Übriges, aber vor allem haben die beiden Schweinchen überhaupt keine Ahnung, was sie tun, hat ihnen ja niemand beigebracht. In einer funktionierenden Gruppenstruktur haben alle Tiere ihren Platz innerhalb der Rangordnung - kennen ihren Platz, können damit leben, auch die rangniedrigeren Tiere. Die beiden jetzt zerstrittenen Böcke kennen vermutlich nicht mal das Konzept einer Rangordnung.
Meerschweinchen in Zweiergruppen (wobei ich hier eher die gleichgeschlechtlichen Zweiergruppen und noch eher reine Weibchenduos meine) haben/entwickeln keine Verhaltensstörungen? Das sieht man oft erst, wenn man versucht, die Schweinchen mit anderen zu vergesellschaften. Nimm ein dominantes Weibchen, dass ihr Leben lang nur mit einem anderen Weibchen zusammengelebt hat, und probier, sie mit einem Kastraten zu vergesellschaften. Da müssen wir uns noch nicht mal von der Zweiergruppe wegbewegen, um aus einer Vergesellschaftung, die normalerweise aus bisschen hinterherlaufen, bisschen anpinkeln, bisschen besteigen besteht, ein Drama in mehreren Akten zu machen - inkl. Weibchen und Kastrat ineinander verknäuelt.
Ich hatte ja mein Gruppen-Aha-Erlebnis mit Butterscotch und Fudge, werden damals so 8, 9 Wochen alt gewesen sein. 2 Handvoll Schwein, allein im 120er-Käfig, die meiste Zeit irgendwo ängstlich versteckt. Und dann erinnere ich mich an eine Situation, als ich beobachtete, wie eines der Mädels nach der anderen "hackte", für mich ohne erkennbaren Grund, mir erschien das in der Situation als recht extremes Verhalten. Mag auch damit zusammenhängen, dass die beiden aus vermutlich schlechter Haltung mit Platzmangel stammen, wo Zwickereien aufgrund der Enge vielleicht schon zum normalen "Umgangston" gehörten. Die beiden sind dann jedenfalls in meine Gruppe gezogen - und waren nicht wiederzuerkennen. Quasi vom einen auf den anderen Tag, von Angsthasen zu zwei absolut mutigen, frechen, zutraulichen Schweinchen, die einander auch heute noch sehr mögen.
Es geht ja auch nicht darum, bestehende Zweierhaltungen zu verteufeln, oder Halter von Zweiergruppen als schlechte Meerschweinhalter darzustellen, oder sie dazu zu bringen, jetzt sofort ihre Gruppen auf Teufel komm raus aufzustocken.
Es geht eher darum, ein Bewusstsein zu schaffen dafür, dass Zweierhaltung nicht optimal ist, ein Bewusstsein zu schaffen dafür, was Haustierhaltung in erster Linie ist. Denn: Wir halten doch zu unserem eigenen Vergnügen Haustiere. zu unserer Unterhaltung, zum Befriedigen unseres Kümmerbedürfnisses, als Zeitvertreib, aus Neugier. Ziemlich egoistisch motiviert. Da kann man jetzt stundenlang diskutieren, ob man überhaupt Haustiere halten sollte. Nachdem wir nun alle Viecher zu Hause haben, stellt sich eher die Frage, unter welchen Bedingungen. Meine Meinung dazu ist, dass man sich möglichst am oberen Ende der Skala, am Soll-Zustand (der schwer zu definieren ist, keine Frage - aber wissenschaftliche Untersuchungen, Beobachtungen der Tiere (auch vieler Halter), etc. geben ja durchaus den ein oder anderen Aufschluss) orientieren sollte.
Ich hoffe sehr, dass sich langfristig vor allem die Erkenntnis durchsetzt, dass auch Meerschweinchen die Chance zu einer vernünftigen Sozialisation bekommen sollten. Möglichst in Kombination mit der Erkenntnis, dass die Tiere in Gruppen und mit einem gewissen Platz leben sollte. Dann stellt sich bei der Anschaffung die Frage: Kann ich es leisten, denn wenigstens ein 1,5 m²-Bodengehege in meiner Wohnung unterzubringen und dort einen Miniharem mit Kastrat und 2 Mädels wohnen zu lassen? Wenn nein - sind Meerschweinchen dann die richtigen Tiere für mich? (Auch als Halter hat man mehr von einer kleinen Gruppe, als von zwei bestenfalls nebeneinanderher gelangweilten Schweinchen.)
Ich weiß, dass dieses Thema noch relativ sensibel ist, und sich die Zweiergruppenhalter auch oft missverstanden bzw. zu sehr kritisiert fühlen. Vielleicht auch weil der Weg von der Einzelhaltung weg noch nicht mal komplett abgeschlossen ist. Andererseits: Es ist doch eigentlich eine gute Sache, wenn man Wissen sammelt, wenn man auch immer mal seine eigene Haltung kritisch hinterfragt, wenn man die Möglichkeit hat vielleicht sogar die ein oder anderen Anregung mitnimmt und umsetzt.
Eine Minimal-Erkenntnis aus diesem Thread könnte z.B. sein: Wenn schon Zweiergruppe, dann wenigstens nicht 2 Mädels, sondern Kastrat und Weibchen. Schon ein ganzes Stück natürlicher - und die Jungs müssen ja auch irgendwo unterkommen.
EDIT: Hier noch der Link zur Einführung des Artikels in der Spektrum Wissenschaft, den Artikel kann man dort auch für'n Euro oder so kaufen:
http://www.spektrum.de/artikel/1014862&_z=798888
Wen's interessiert, hier das Literaturverzeichnis zum Artikel
http://www.spektrum.de/artikel/1014862&_z=798888 - natürlich auch mit dem ultimativen Lesetipp: Sachser, N. (1994): Sozialphysiologische Untersuchungen an Hausmeerschweinchen. Gruppenstrukturen, soziale Situation und Endokrinium, Wohlergehen. Parey, Berlin.
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EDIT (automatische Beitragszusammenführung):
Ich finde das Schwachsinn, wenn wer 1qm hat und drauf 2 Meeris hält ist das völlig ok.
Mir geht das so aufn wecker, zuerst waren 1m käfige der Luxsus schlecht hin, die Meeris konnten von villt. 1 Möhre pro Tag nur träumen, dafür war der Trofu napf voll bis zum rand.
Dann ok, 1.20 mindestens mit Partner gut alles einleuchtend.
Und nun? man darf keine meeris halten wenn man nicht mindestens 1qm für 2 abknaooen kann aaaaber ohweh nur 2? da wirds schnell langweilig artgerecht sind doch 30 - 40....
Also kaufen wir nun mal alle brav den Schweinen ein eigenes Haus u. vergesst die 38 Partnertiere nicht. Aber obacht, 27 Tiere ist Tierquälerei in der Natur sinds bis zu 30 Tieren bei 27 werden garantiert 5 ausgeschlossen...
wie? 30 Meeris und nur 29,99qm platz??? Tierquäler denen fehlt 0,001qm nun werden sie fett und sterben am platzmangel, man man man.
Nur zur anmekung ich halte eine 11er, eine 4er, drei 2er gruppen und eine 3er und es klappt super....
Da möchte ich doch jetzt sehr nachdrücklich hinweisen, dass ein solcher Ton in der Diskussion absolut nichts zu suchen hat. Bleibt sachlich.
Jeder kann seine Meinung sagen, aber bitte in einem angemessenen Ton.
Hilfreich wäre es dann noch, wenn man seine Meinung auch begründet, und nicht nur lospoltert.
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Für das soziale Lernen innerhalb der Meerschweinchengruppe ist ein etwas späterer Zeitpunkt besonders wichtig, nämlich der Zeitraum von der 7. bis zur 9. Woche, die sogenannte Pubertätsphase (Sachser 2004). [...] Die Pubertätsphase ist entscheidend für die Entwickung des innerartlichen Sozialverhaltens. Laut Prof. Norbert Sachser entscheidet die Art des Sozialkontakts in dieser Zeit darüber, wie aggressiv ein Tier im späteren Leben sein wird und wie viel Stress es erleidet, wenn es fremden Artgenossen begegnet (Sachser 2004). Wird beispielsweise ein Böckchen in dieser Lebensphase allein oder nur mit Weibchen gehalten, hat es keine Möglichkeit die sozialen Spielregeln im Umgang mit erwachsenen Männchen zu lernen und wird daher im spätere Leben auch nicht oder nur mit großen Schwierigkeiten mit erwachsenen Böcken zurechtkommen.
Quelle: Reich, M. (2008): Frühe Entwicklungsphasen beim Meerschweinchen. - In: RODENTIA, Jg. 8, H. 42, S. 43-45.