Bei Meerschweinchen ist die natürliche Gruppenform, die sie von sich aus wählen, ein Bock mit seinen 2-4 Mädels und deren Nachwuchs - bis die Jungböcke so aufmüpfig werden, dass sie raus fliegen. Mäuse sind da anders, die leben ja in relativ freien Sippenverbänden, wo auch die Männchen dauerhaft in ihrer Sippe bleiben.
Meerschweinchenböcke haben den Drang, Chef sein zu wollen, sie wollen alle Weibchen für sich haben. Wenn da nun ein oder zwei weitere Böcke dabei sind entsteht eine große Konkurrenz zwischen den Böcken, alle umwerben die Weibchen. Meerschweinchenböcke produzieren auch in der Nebenniere Testosteron, nicht nur in den Hoden, deswegen sind sie auch nach der kastration weiterhin "echte Kerle" die ein durchaus erfülltes Sexualleben haben. Und dabei sind sie keineswegs fauler als unkastrierte Böcke. Nur sind sie weniger aggressiv mit anderen Böcken, also sie versuchen nicht sie gleich Tot zu beißen. Allerdings mobben sie andere Böcke ganz massiv, in der Hoffnung, dass die Konkurrenten endlich ausziehen und sich ein anderes Revier suchen.
In sehr großen Gruppen mit sehr vielen Böcken verschiebt sich das Verhalten aber. Die Böcke scheinen zu verstehen, dass sie bei so viel Konkurrenz wenig Chancen haben, der Oberboss zu werden - ein oder zwei konkurrenten kann man ja noch verjagen, aber bei fünf Konkurrenten stehen die Chancen schlecht, Vielleicht würden sie mit einem oder zweien von denen fertig werden, wären dann aber so geschwächt und erschöpft vom Kämpfen danach, dass sie ein leichtes Opfer für die anderen Böcke wären.
Also bildet sich da ein komplett anderes Sozialverhalten: die dominantesten Böcke erobern sich eigene Weibchen, ihren kleinen Harem, zurückhaltende Böcke leben dazwischen und machen wenig Ärger, und man teilt sich relativ auf. Am Ende hat man dann eigentlich mehrere getrennte Gruppen, jede in einer anderen Ecke des Geheges, und nur wenige Tiere, die auch mal in einer anderen gruppe vorbei schauen. Ich habe so eine Gruppe mal Live gesehen (das waren so 10 Böcke mit 35 Mädels), die waren in einem Zimmer auf fünf eigentliche Gruppen verteilt, mit jeweils einem dominantem Bock, dessen Weibchen und einigen Böcken, die ein Leben als "Pseudoweibchen" gewählt hatten - keinerlei sexuelles interesse an den Weibchen, unauffälliges Verhalten in der Gruppe.
Solche Gruppen erfordern natürlich irrsinnig viel platz, und wenn man auch nur einen Bock erwischt, der nicht ausreichend sozialisiert ist, nicht erkennt, dass er sowieso nie höchster Chef werden kann, dann kann der einem ALLE Gruppen irre machen und großen Stress auslösen. Außerdem muss man bedenken, dass bei so riesigen Gruppen Krankheiten ein echtes Problem darstellen, und wenn es nur eine Ansteckende Augenentzündung ist, bis man da dann allen Tieren Augentropfen gegeben hat dauert es mehrere Stunden... von extrem hohen Tierarztrechnungen mal abgesehen. Schon das normale Futter schlägt da schnell mit 200 Euro im Monat zu Buche, und alleine misten und Krallen schneiden hält einen den ganzen Samstag nachmittag in Atem.