Hallöchen!
Vielleicht interessiert es dich ja auch, wie ich das mache? Ich bin immerhin 16, da nimmt man mich normalerweise nicht gerade Ernst, teilweise wird ja sogar unser Fälkchen belächelt, und sie hat wirklich Erfahrung. (Ich sag nur Seglerfütterung: in der Zeit, in der ich einem Tier zwei Dronen in den Schnabel bekomme, hat sie schon drei komplett versorgt. Und die waren ja alle noch nett - wenn da ein Fitzelchen im Schnabel war, wurde das geschluckt. Da gibt's ja noch die tollen Kandidaten, die alles ausspucken, was nicht mehr oder weniger schon bis in den Bauch runtergeschoben wird.)
Wir haben hier in der Umgebung zum Beispiel absolut niemanden, der auch nur ansatzweise Ahnung von Wildvögeln hat. Man hat mir die wildesten Sachen erzählt! Um zu lernen ging es also in die Schweiz zu kleiner Falke.
Da war ich jetzt dreimal und hab schon Sachen mitbekommen ...
"Auf der Wiese sitzt ein Storch! Muss man sich da Sorgen machen?!"
Jetzt habe ich sozusagen "Grundkenntnisse" für Singvögel und Mauersegler. Mit einem Greifvogel würde ich aber ziemlich überfordert sein. Wenn es nach mir ginge, würde ich mich weiterhin an Leute halten. Da ich in dieser Region aber die einzige zu sein scheine, die auch nur ansatzweise Ahnung hat, habe ich mich entschlossen die Lücke so gut es geht zu füllen.
Das bedeutet: lange nachdenken, ob ich das wirklich will. Ich feile an dem Plan seit mehreren Monaten, habe Kontakt zu Fälkchen, Urizen, Mariama und darf zu ihnen auch mit allen erdenklichen Fragen kommen. Das ist schon einmal eine große Beruhigung! Vielleicht hast du sogar das Glück, jemanden in der Nähe zu haben. Das wäre nämlich hundertmal besser als sich vor der Aufgabe zu sehen, längerfristig eine Anlaufstelle in der Region aufzubauen.
Klingt unmöglich, richtig? Total übertrieben.
Nun ja, eigentlich ja nicht. Ich gehe hierbei einfach schrittweise vor. Bis Frühling habe ich noch Zeit, beginne aber jetzt schon mit den Vorbereitungen. Volieren- und Futterbeschaffung. Zudem musste ich das Ganze ja noch mit meiner Mutter und dem Schuldirektor abklären - erstere ist einverstanden, letzterer hellauf begeistert.
So weit, so gut. Dann kläre ich mich rechtlich gesehen ab. Mein Wirtschaftslehrer hilft mir dabei genau so wie Urizen, aber damit ist es nicht getan. Ich werde mich mit Tierschutzvereinen vernetzen, Tierärzten, dem Forstamt, allen möglichen Anlaufstellen.
Dann bin ich bereit, Tiere aufzunehmen. Und das ist erst einmal das Wichtigste!
Dennoch - ich habe knappe drei Jahre bis zum Abitur, dann beginne ich eine Ausbildung und kann nicht mehr weitermachen. Das bedeutet, ich muss längerfristig gesehen Aufklärungsarbeit hier in der Umgebung leisten und Menschen finden, die ebenfalls Tiere aufnehmen. Und diesen selbstverständlich das nötige Wissen mitgeben. Sicherlich ist es dann mehr ein Learning-by-doing. Aber es gibt nun einmal keine andere Möglichkeit.
Das klappt natürlich alles nicht sehr schnell. Anfangs gründe ich einen Verein - keinen eingetragenen, sondern einen uneingetragenen. Ich rekrutiere mir eine Handvoll Leute, die mich unterstützen. Und dann arbeite ich. Ich nehme Vögel an, ich mache eventuell eine Homepage, ich kläre interessierte Schüler in meiner Schule auf oder mache Nistkasten-Aktionen, ich arbeite einfach immer weiter.
Und ich hoffe, dass mir auf diesem Weg trotz all der Stolpersteine früher oder später einige Menschen folgen werden, die das Ganze dann weitermachen, vielleicht den Verein eintragen lassen, und in meinetwegen kleinem Maße alles weiterführen, wenn ich leider erst einmal aufhören muss.
Große Pläne, oder? Aber mit dem nötigen Herzblut, wenn man sich dem mit Haut und Haar verschreibt, dann muss es durchzuführen sein. Deswegen bin ich auch der Meinung: wenn du die Chance hast dich anleiten zu lassen, wenn du eine gewisse Sicherheit hast und dich gegen all die Idioten durchsetzen kannst, die dich belächeln, dann fang klein an. Und wenn du dann wirklich jahrelange Erfahrung hast - und noch immer an deinem Traum festhältst, dann tu es!
Tu alles dafür, was nötig ist, wenn es das ist, was du willst.
Ich merke es. All die Arbeit, die ich in diesen Projekt stecke, und das trotz Schulstress, gibt mir viel zurück. Und mir ist auch klar, dass meine rosarote Brille spätestens dann erst einmal kaputt geht, wenn die ersten Katzenopfer eintrudeln und die Pasteurellen zuschlagen.
Jungvögel sterben.
Anflugopfer sterben.
Tiere sterben, die bei angemessener Fütterung eine reale Chance gehabt hätten.
Aber wenn bei 50 Vögeln nur einer überlebt ... dann hat sich das alles gelohnt.
Und entschuldige bitte diesen Roman
Liebe Grüße,
Abbey