Weißt du, was du gemacht hast?
Du hast Joker so langsam aber sicher auf dich fixiert. Gerade Pferde, die lange keine Bezugsperson hatten, vom Grundsatz her aber menschenfreundlich sind, schließen sich schnell einem Menschen an, den sie verstehen. Oft reichen 2-3 Übungseinheiten in 'Pferdesprache'.
Du hast ihm die Schmerzen genommen und warst die ganze Zeit trotzdem freundlich für ihn da. Die meisten Schulpferde leiden unter schlecht sitzenden Sätteln, unterbemuskelung, schlechten und damit zu schweren Reitern. Eine schlechte Kombination!
Du hast ihm all diese Probleme genommen und er beginnt dir zu vertrauen. Wie schnell das geht, hängt von der Prägungsphase und dem Charakter eines Pferdes ab.
Jetzt wird er nach und nach sein wahres Gesicht zeigen. Vielleicht auch mal buckeln oder rennen, oder sich als total cooler Kater erweisen.
Wenn er sich also jetzt zu dem Pferd entwickelt, das er eigentlich ist, ist das DIE Chance für dich, ihn so zu formen, wie du ihn dir vorstellst.
Es ist die Zeit, in der du ihn schocken solltest. (Haaalt, nicht so schlimm, wie es sich anhört).
Es ist die Zeit, in der man beginnt, einem Pferd z.B. die Schreckhaftigkeit zu nehmen, sein Vertrauen in kritischen Situationen zu gewinnen (Schock eben).
Konfrontiere ihn also mit gruseligen Dingen. Ich hänge zu diesem Zweck gern ein altes weißes Bettlaken an die Bande. Er kommt mit dir rein und sieht natürlich sofort das Laken. Er macht Riesenaugen und fixiert das Laken. Du ignorierst dieses Verhalten und befestigst ganz normal die Longe zum Ablongieren. Dann gehst du ganz locker auf das Laken zu. Er wird irgendwann total spannig stehen bleiben. Du gehst weiter und lässt einfach die Longe länger, er darf stehen bleiben. Wenn du vor dem Laken stehst drehst du dich einfach um und lehnst dich gaaaanz locker mit dem Rücken dagegen. Sei vollkommen entspannt und lass dich von ihm nicht irritieren. Vertraut er dir, wird er sofort zu dir kommen (du hast ja gezeigt, das Ding ist nicht gefährlich) und das Laken mit der Nase anfassen wollen. Gestatte ihm das. Lobe ihn dafür nicht, sondern nimm das einfach als Normal hin.
Wichtig ist dann, wie du dich von dem Laken wieder entfernst. Geh auf keinen Fall einen Schritt vorwärts, sonder wende dich seitwärts, sprich ihn an dir zu folgen (als wär da nix gewesen und ihr habt nur eine Pause gemacht) und geht dicht am Laken entlang ganz locker mit leicht gesenktem Kopf auf dem Hufschlag weiter. Er wird dir folgen, ohne wegzuspringen, beachte seine Reaktion nicht und lobe ihn auch nicht, sprich aber ruhig mit ihm - du kannst ihm ja eine Geschichte erzählten, texte ihn einfach voll.
So zeige ich Pferden die Welt. Sei es Pylonen, die ich einsammel 'Schau mal XY ich kann zaubern, eine Pylone über die andere, jetzt sind es nur noch 3...'
Wenn du die Befürchtung hast, dass es für einen Schock mit einem Laken noch zu früh ist, fang damit an z.B. Stangen oder andere Dinge die in der Reitbahn liegen, wegzuräumen.
Er soll merken, dass die Welt und die Menschen zwar komisch sind, aber eben nicht gefährlich. Er soll Neugierig werden und neuen Dingen gegenüber aufgeschlossen reagieren - du weißt ja nicht, ob er bisher an solche Dinge mit Gewalt herangeführt wurde und sein Vertrauen dadurch geschädigt ist.
Später im Gelände oder auch auf Turnieren wird es ungeheuer hilfrech sein, wenn ein Pferd neugierig ist und 'gruselige Dinge' mit Neugierde betrachtet. So nach und nach lässt sich dein Verhalten auch auf den Sattel übertragen. So bekommst du ein Pferd, das dir beim Reiten vertraut. Eben ein Pferd, das annimmt, wenn du sagst 'es ist OK' und das sich daran gewöhnt, dass du entscheidest und nicht das Pferd und dass deine Entscheidungen richtig sind.
Dein Pferd sollte jetzt auch lernen entspannt unter dir zu stehen - egal was kommt. Dieses Training ist absolut wichtig! Es ist äußerst hilfreich, wenn ein Pferd ruhig und entspannt stehen kann. Im Gelände (Straßenüberquerung wenn mal ein Bus oder ein Müllwagen kommt), in der Reitbahn (wenn ein anderes Pferd gerade mal einen Ausraster hat) oder auf dem Turnier (voller Abreiteplatz oder Prübungsbeginn).
Dieses Training braucht vor allen Dingen Zeit! Longiere ihn ab und setzt dich dann drauf. Reite ein paar Runden und dann lass ihn stehen. Er soll im Stehen den Hals gesenkt halten. Unterhalte dich, hör Musik oder sonst etwas. Du solltest ihn überall mithinschleppen, wenn du am Stall bist - egal was du machst. Er ist dabei und soll sich daran gewöhnen, dass sich die Welt nicht um ihn dreht. Er darf nur überall dabei sein. Wenn er bescheiden ist, wird er auch mal gekrault. Rüffelt er und verlangt deine Aufmerksamkeit ignoriere ihn, im schlimmsten Fall binde ihn in der Nähe einfach an, so dass er dich zwar sehen kann aber ignoriert wird.
Das mit einem anderen Reiter verschiebe ich jetzt erstmal auf später.
Grund: Joker war jahrelang Schulpferd auf dem unzählige Menschen drauf saßen und rumgehampelt sind, der soll sich dran gewöhnen dass ihm nix passiert und danach kann ich Leute drauf setzen.
Das was ich jetzt mit ihm mache, ist mit ihm in der Bahn ganz langsam Kondition aufzubauen. An der Longe und mit meinem Reitergewicht drauf.
Vertrauen weiter festigen und negative Verküpfungen zu lösen.
Hier bin ich wieder anderer Meinung als du. Da das Pferd augenscheinlich merkt, dass du OK bist, sollte er dieses nicht nur an dir festmachen. Das er schon jetzt Niemanden außer dir aufsteigen lässt, wäre für mich ein Indiz, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Er sollte sich zu einem Pferd mit pos. Grundeinstellung dem Menschen gegenüber entwickeln. Da Pferde durch Erfahrung lernen, muss er eben mehr Erfahrungen mit netten Menschen machen als mit Menschen, die ihm weh tun.
Anfangs solltest du natürlich unbedingt dabei sein! Ganz dich bei ihm, dem anderen Reiter beim Aufsteigen helfen und ihm dadurch Sicherheit geben. Er wird schnell merken, dass auch andere Menschen OK sind, da sie von ihm ja auch nichts Unmögliches verlangen und der Sattel nach wie vor nicht drückt. Du kannst den anderen Reiter dann einfach führen und fertig.
So nach und nach kannst du dich dann bis auf Sichtweite entfernen, das reicht erstmal für die ersten Monate.
Er wird dann die Negativerfahrung auf das Sattelgefühl von damals und den Ort oder eine Stimme projezieren.