Unter Beobachtung

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Tompina

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[FONT=&quot]Er fühlte sich beobachtet. Schon seit Tagen. Um genau zu sein seit vier Wochen, sieben Stunden und ungefähr zehn Minuten. Er hatte auf die Uhr gesehen, als sich das erste Mal das kalte Gefühl des Grauens von seinem Rücken den Nacken hinauf ausgebreitet hatte. Er hatte auf die Uhr gesehen und sich dann umgedreht. Aber da war nichts gewesen. Nur ein nachtleerer, verregneter Bürgersteig und das flackernde Licht einer kaputten Straßenlaterne. Trotzdem hatte er seitdem das Gefühl verfolgt zu werden. Ständig. Vor allem, wenn es dunkel war. Wie jetzt.
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[FONT=&quot]Er kam sich dämlich und hysterisch vor, als er sich in diesem Moment zum dritten Mal umsah. Und er kam sich noch dämlicher und hysterischer vor, als er zum dritten Mal ins Leere starrte. Außer ihm war keine Menschenseele unterwegs, nur eine graue Katze strich um die Häuserecken und verschwand schließlich in einem Hinterhof. Er beschleunigte seinen Schritt und zog die Schultern hoch. Wieder lief es ihm eiskalt den Rücken herunter und er fühlte sich beobachtet. Es war als bohrten sich unsichtbare Augen in seinen Rücken und taxierten jede seiner Bewegungen. Vielleicht wurde er paranoid? Obwohl er sich beim besten Willen nicht erklären konnte warum. [/FONT] [FONT=&quot]Er war kein ängstlicher Mensch. Und auch nicht besonders leicht aus der Ruhe zu bringen. Aber seit der Nacht vor vier Wochen zuckte er schon beim kleinsten Geräusch zusammen. Ein Hund bellte in einem der Vorgärten auf der anderen Straßenseite und er blieb verunsichert stehen. Das Gebell klang fast panisch und er kniff die Augen zusammen um besser sehen zu können, was den Hund so aus der Fassung brachte. Da war nichts. Vielleicht war der Hund auch paranoid. Oder ein notorischer Kläffer. Er schüttelte den Kopf und setzte sich wieder in Bewegung.
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[FONT=&quot]Er war fast zuhause. Noch drei Straßenecken, dann konnte man schon den Hauseingang sehen. Die Nähe des sicheren Heimes löste seine Anspannung zumindest ein wenig und er schaffte es dem Drang zu widerstehen sich ein viertes Mal umzudrehen. Der Hund bellte erneut. Noch lauter, noch hektischer, noch panischer. Er versuchte es zu ignorieren. Das Bellen brach ab und er hörte nur noch ein leises Winseln, dann war es still. Zu still. Er schoss herum und schrie erschrocken auf, als er in zwei stechend gelbe Augen blickte, die zu einem riesigen schwarzen Hund gehörten. War das der Hund der gebellt hatte? Das passte nicht. Nichts von dem majestätischen, zotteligen Riesen vor ihm passte zu dem Gekläffe von eben.
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[FONT=&quot]Er wich zurück und starrte den Hund an. War das überhaupt ein Hund? Das Tier war viel zu groß, viel zu kräftig und vor allem viel zu leise und behänd. Er kannte genug große Hunde um den Unterschied zu bemerken. Keiner dieser Hunde bewegte sich so wie dieser. Und keiner dieser Hunde hatte diese Augen. Gelb mit leichtem Orangestich, durchzogen von feinen, schwarzen Linien. Der schwarze Riese legte den Kopf schief und musterte ihn abwartend. Er wich noch weiter zurück und stieß mit dem Rücken gegen eine Hauswand. Er war verloren, da war er sich sicher. Der durchdringende Blick des schwarzen Riesen ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht entkommen konnte. Dass er dem Tod geweiht war.
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[FONT=&quot]Er schrie um Hilfe. Laut, panisch mit krächzender, quietschender Stimme. In der Hoffnung, dass ihn jemand hörte, dass irgendwo ein Licht anging, dass das Wesen sich davon beeindrucken ließ und so schnell verschwand wie es aufgetaucht war. Aber seine Schreie verhallten ungehört in der Nacht. Der Vollmond schob sich über die Häuserdachreihe der anderen Straßenseite und tauchte die Szenerie in ein milchiges Licht. Der schwarze Riese fixierte ihn, kam immer näher und er hatte das Gefühl, als sei das Hochziehen der Lefzen ein spöttisches Grinsen. Spott ob seiner Angst. Ob seiner ausweglosen Lage und ob der Tatsache, dass ihm auch die Hilferufe nichts bringen würden.
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[FONT=&quot]Er schrie trotzdem weiter. Verzweifelt und hilflos. Aber nichts passierte. Die Straße blieb leer. Die Fenster der Häuser dunkel und der Moment des Unausweichlichen kam näher. Der schwarze Riese setzte zum Sprung an. Er sah wie sich unter dem zotteligen Fell die Muskeln spannten und wie die Vorderpfoten vom Boden abhoben. Er sah wie das Tier nach vorne schnellte mit angelegten Ohren und aufgerissenem Maul. Er sah die massiven Reißzähne und spürte plötzlich die messerscharfen Krallen, die sich schmerzhaft in seinen Brustkorb bohrten. Von der unbändigen Kraft des Tiere überrascht keuchte er auf, kam ins Straucheln und ging mit einem letzten lauten Schrei zu Boden. Sein Hinterkopf schlug hart gegen die Hauswand und die stechenden, gelben Augen verschwammen mit dem Schwarz der Nacht zu einem unheimlichen Wust aus Schatten und Licht.
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[FONT=&quot]Er fühlte sich auf einmal unglaublich leicht. Seine Angst wich einer absurden Erleichterung. Der Schmerz an seinen Schultern und seinem Kopf entfernte sich immer mehr aus seinem Bewusstsein und er war erstaunt wie einfach Sterben war. Er spürte den heißen Atem des Wesens auf seinem Gesicht, er fühlte die Zähne, die sich in sein Bein bohrten, als das Tier ihn von der Straße weg in einen dunklen Hinterhof zog und er registrierte das Schleifgeräusch, welches sein eigener Körper erzeugte, als er über den harten Asphalt gezerrt wurde, aber er fühlte nichts dabei. Es war als habe sein Geist bereits seinen Körper verlassen. Er stöhnte auf als das Tier ihn ablegte und es entfuhr ihm ein allerletzter heiserer Laut, als sich die langen, schneeweißen Reißzähne in seine Kehle bohrten und ihm schnell und fast schmerzlos den Tod brachten. Man hatte ihn tatsächlich beobachtet. Es hatte ihn beobachtet. Er war nicht paranoid. Oder hysterisch. Eine Erkenntnis, die ihm jetzt allerdings rein gar nichts mehr brachte.[/FONT]
 
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