Jambo

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Lilly Leindy

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Jambo verstand nicht, was er falsch gemacht hatte. Hatte er sich nicht immer bemüht, so zu sein, wie man ihn haben wollte? Hatte er nicht alles getan, um geliebt zu werden, um Anerkennung und Zuwendung zu erlangen? Er verstand es einfach nicht. Und je länger er darüber nachdachte, umso müder wurde er.
Jambo war ein hübscher Welpe gewesen. Als einer von zwölfen zeichnete er sich durch eine ganz besondere Fellfärbung aus, die sich von einem breiten, schwarzen Strich auf seinem Rücken bis zu zwei hellbraunen Kreisen um seine Augen herum zog. Der Rest seines Körpers war mit dunkelbraunmeliertem, weichem, mittellangem Behang versehen. Zwei dunkle, große Augen, ein sehr rundlicher Welpenkopf und eine breite Schnauze vollendeten sein Aussehen. Er war es, wegen dem so manches Kind und auch so mancher Erwachsener abrupt die Straßenseite wechselte, um ihn streicheln zu können. Ach, und wir stolz war seine Familie auf den niedlichen, kleinen Kerl, der von einem Arm zum anderen wanderte und sich des Lebens erfreute.
Aber dann wuchs Jambo.
Schon mit einem halben Jahr war er größer als Nachbars Schäferhund. Und er wollte spielen und toben und von einem Arm auf den anderen wandern, um all die Menschen dieser Welt liebevoll zu herzen. Viele Kinder und viele Erwachsene wechselten wegen Jambo die Straßenseite- sie gingen schlichtweg auf die andere. Nur selten glitt noch eine Hand über sein nicht mehr so weiches, flauschiges Fell. So selten, dass er irgendwann ein trauriger Hund wurde. Das einzige Glück in seinem Leben war seine Familie.
Aber dann veränderte sich alles.
Sie blieben länger von Zuhause weg, und wenn sie heimkamen, war es schon dunkel. Jambo war bald schon täglich so lange alleine, dass die Langeweile ihn aufzufressen drohte. Also suchte er sich eines Tages eine eigene Beschäftigung: Er wurde Wohnungs-Umgestalter. Jambo riss die Gardinen von den Fenstern, das Leder von den Sofas und das Geschirr von der Küche. Er räumte den Mülleimer aus und verteilte den Inhalt mit künstlerischem Geschick in der ganzen Wohnung. Er trug die Teppiche in den Keller, die Socken ins Wohnzimmer und die Kissen auf die Treppe. Dabei träumte er von längst vergangenen Tagen, in denen er nie hatte allein sein müssen. Irgendwann hatte er das ganze Haus umdekoriert. Aber seine Familie war immer noch nicht wieder da. Also kippte er das Wassertöpfchen um und rutschte mit viel Freude durch die Pfütze. Weil er ja ein lieber Hund war und keinen Schmutz machen wollte, säuberte er seine nassen Pfoten danach gewissenhaft im Bett der Rudelführer.
Als seine Familie heimkam, war er so müde, dass er nur noch schwach mit dem Schwanz wedelte. Aber was war nur mit ihnen los? Seine Familie, seine über alles geliebte Familie schimpfte ihn aus. Er verstand nicht, was er falsch gemacht hatte. Doch von diesem Tag an hatte er Angst, wenn er alleine bleiben musste.
Aber sie ließen ihn weiterhin alleine.
Jambo bemühte sich, ein braver Hund zu sein. Er wartete vom Morgengrauen bis zum Einbruch des Abends auf seine Familie. Immer, wenn sie heimkamen, waren sie wütend und laut. Er versteckte sich, ohne zu wissen, was er Falsches tat. Nur die Spaziergänge konnten seine Lebenslust noch wecken.
Aber auch diese nahmen ab.
Eines Tages roch die über alles geliebte Familie nach Wut und Zorn und Hass. So hatten sie noch nie gerochen. Jambo harrte voller Furcht auf das, was kommen sollte. Doch es war schlimmer als alles, was er erwartet hatte: Sie brachten ihn an den Ort. Der Ort hatte keinen Namen, er hieß einfach nur der Ort. Er war viel zu laut, zu kalt und zu beängstigend, um einen Namen zu haben. Und all die anderen Tiere schrieen, und maunzten und kläfften um Aufmerksamkeit und Liebe. Im ersten Moment war Jambo erleichtert, keiner von ihnen sein zu müssen- Schließlich hatte er eine Familie, die ihn liebte. Auch wenn man ihnen das nicht mehr anmerkte.
Aber dann sollte er doch einer von ihnen werden.
Jambo konnte es nicht fassen, als seine geliebte Familie ihn zurückließ, und ein fremder Mann ihn in einen der zahlreichen Zwinger führte. Hatten sie ihn vergessen? Hatten sie nicht bemerkt, dass er fehlte? Er begann, gegen den Fremden zu kämpfen. Wenn er sich nur losreißen könnte, um ihnen hinterherzulaufen! Wenn es ihm nur gelingen würde! Doch mit Mühe schaffte der Fremde es schließlich, Jambo in den Zwinger zu bringen. Vielleicht würden sie wiederkommen.
Aber sie kamen nicht.
Von diesem Tag an wartete Jambo nur noch auf die passende Gelegenheit. Irgendwann, und davon war er überzeugt, würde es ihm gelingen, den Ort zu verlassen, und zurück zu seiner Familie zu laufen. Sobald sich die Tür seines Zwingers öffnete, schoss er auf den Ausgang zu, als ginge es um sein Leben. So vergingen Tage, Wochen, Monate. Und irgendwann vergingen Jahre. Jahre, die so grau und trist und einsam waren wie ein verregneter Herbstmorgen. Jeder Morgen wurde zu einem solchen verregneten Herbstmorgen, und Jambo wurde mitgerissen in diesem grauen Gefühl der Ohnmacht. Tag für Tag lag er da, fraß nur so viel, wie nötig war und lief bei der winzigen, gerade einmal wöchentlichen Spazierrunde nur so wenig, wie nötig war. Sein einziger Lichtblick war das Öffnen der Zwingertür. Und weil er auf diese jedes Mal zustürmte, um seinem Gefängnis zu entkommen, wurde er niemals mitgenommen. Viele, sehr viele der anderen Hunde wurden mitgenommen und durch neue einsame Wesen ersetzt, die sich nach Liebe sehnten. Nur er blieb.
Und er wartete.
Eines Tages kam der Fremde an seinen Zwinger und blieb minutenlang stehen, nur um ihn zu beobachten. Der Fremde war schon lange kein Fremder mehr, aber aus Gewohnheit nannte der Hund ihn in Gedanken so. Er hatte ein gutes Herz, das roch ein kluges Tier wie Jambo. Aber er hatte keine Zeit, um ihm all die Liebe und Zuwendung entgegenzubringen, die er so dringend gebraucht hätte. Jambo wedelte leise und zaghaft mit dem Schwanz. Es war ihm zu anstrengend geworden, sich aufzurichten. Wozu auch? In diesem Moment drang ein scharfer, stechender Geruch in seine empfindliche Nase. Es war der Geruch von unendlicher Traurig- und Hilflosigkeit, und er ging von dem Fremden aus. Behutsam öffnete er das Tor. Jambo stürmte ihm nicht entgegen, wie er es sonst immer tat. Da wurde der Geruch noch schlimmer. Der Mann war nicht alleine. An seiner Seite war eine Frau, die ebenfalls einen eigenen Geruch trug, wenn dieser auch nicht so stark war wie der des Mannes. Die Frau streichelte ihn, während der Mann am Gitter stehen blieb und wartete. Nur worauf? Jambo konnte es sich nicht erklären. Er leckte leise winselnd die Hand der Frau, die nun schwach seufzte und einen schmalen Gegenstand aus der Tasche zog. Jambo wusste nicht, wie ihm geschah. Ein kleiner, winziger Stich brachte seine linke Seite sekundenlang zum Brennen. Dann wurde er müde. Und während er müde wurde, zog sein Leben an ihm vorbei.
So lag er nun da und dachte darüber nach, was er Falsches getan hatte. Aber immer noch wusste er es nicht. Und endlich fiel es ihm schwerer und schwerer zu denken, leichter und leichter, loszulassen. Kaum tat er seinen letzten Atemzug, da hatte er endlich seinen Frieden gefunden.
 
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