Ich glaube nicht, daß man vegetarisch oder vegan an der ethisch-moralischen Komponente festmachen kann oder sollte. Es gibt Vegetarier, die aus ethisch-moralischen Gründen kein Fleisch essen, genau wie es Veganer gibt, die sich ausschließlich pflanzlich ernähren, weil sie der Ansicht sind, daß es ihnen guttut.
Und wenn es ihnen guttut und dabei gutgeht (und das ist für einen Veganer dann eben vielleicht Lebensqualität, auch wenn das jemand anders so nicht nachvollziehen kann - aber so ist das doch mit vielen Dingen), spricht auch nichts dagegen, dann kann jeder machen, was er will, solange er niemandem damit schadet.
Schwierig wird es immer, wenn dahinter missionarische Absichten stecken - und das kann ein Vegetarier genauso sein wie ein Veganer oder sonst jemand, der seine Ansichten auf andere übertragen möchte. Niemand, der meine Ansichten nicht teilt, ist ein schlechter Mensch - man kann jederzeit jemanden davon zu überzeugen versuchen, daß die eigenen Ansichten besser sind, aber deshalb ist jemand, der das nicht annimmt, nicht automatisch schlecht oder verwerflich. Beim Thema Ernährung gibt es nun mal nicht den einen alleinig seligmachenden Weg. Für jemanden mit Laktoseintoleranz ist Milch z.B. schädlich - und genaugenommen wäre es ja auch biologisch 'richtig', wenn Erwachsene alle laktoseintolerant wären, denn wir trinken mit Milch ein 'Kindernahrungsmittel' einer anderen Spezies.
Die Evolution hat hier aber anders 'entschieden' - und sie hat nicht nach Moral gefragt, als sich beim Großteil der Weltbevölkerung eben die Mutation durchgesetzt hat, daß wir Milch trinken und auch als Erwachsene noch Laktose verstoffwechseln können.
Ebenso ist es einfach nicht realistisch, komplett jede Tierhaltung zu verteufeln - viele Tierarten sind mittlerweile eben domestiziert, und es ist erwiesen, daß sich das auch genetisch niedergeschlagen hat. Domestikation ist nichts, was man einfach 'wegpropagieren' kann, die wenigsten Haustierarten wären in freier Wildbahn einfach so wieder überlebensfähig - und seien wir ehrlich, wenn ich mir z.B. meine Ratten anschaue und die Ratten, die wild leben, so ist das Leben meiner Haustiere nicht so schlecht: sie müssen nicht an einer kleinen Verletzung sterben, die Weibchen müssen nicht ständig werfen, bis sie dafür irgendwann zu schwach sind, sie müssen sich nicht vor Fressfeinden in Acht nehmen, sie werden möglichst artgerecht ernährt und ordentlich tierärztlich versorgt. Für jedes einzelne Tier ist die Lebenserwartung und Lebensqualität durchschnittlich höher als die eines ihrer wilden Verwandten. Würde man sie aber aussetzen, wäre das mit großer Wahrscheinlichkeit ihr Ende, wo wilde Ratten überhaupt kein Problem haben.
Ich bin der Ansicht, daß man Wildtiere nicht einfangen sollte, um sie in Gefangenschaft zu halten - wir haben genügend domestizierte Arten, damit jeder, der möchte, sich ein passendes Haustier halten kann, es ist nicht nötig, Wildtiere einzufangen und ihres natürlichen Habitats zu berauben. Andersherum ist es genauso widersinnig, domestizierte Tiere 'freizulassen' oder gar zu töten, um ihnen die 'Gefangenschaft' zu ersparen. So eine Argumentation ist in sich unlogisch und damit hinfällig.
Verantwortungsvoll mit seiner Umwelt umzugehen ist auch eigentlich kein Widerspruch dazu, daß man auf sein eigenes Wohlergehen achtet - eher im Gegenteil. Biologisch nachhaltig produzierte Lebensmittel sind z.B. i.d.R. höherwertiger als 'billig' produzierte, die mit Pestiziden o.ä. belastet sind. Kleidung, die möglichst billig produziert wird, ist oft mit Schadstoffen belastet - das schadet denjenigen, die damit arbeiten, aber evtl. auch denjenigen, die diese Kleidung tragen.
Leider ist Hochwertigkeit in diesem Kontext meist an einen höheren finanziellen Aufwand geknüpft, aber abgesehen davon wäre das für alle eigentlich eine win-win-Situation. Und immer mehr Menschen sind zum Glück sowohl in der Lage als auch bereit dazu, mehr Geld zu investieren, um genau das zu erreichen.
Ich habe auch den Eindruck, als wäre genau das das Problem vieler radikalerer Organisationen, die im Umwelt-, Natur- oder Tierschutz aktiv sind. Bis vor einigen Jahren gab es das nicht, wenn jemand in dieser Hinsicht aktiv war, musste man von der Sache überzeugt sein und sich auch unbeliebt machen und unbequem sein wollen. Aber seit 'bio' und 'öko' schon fast zum guten Ton gehören, ist der Rebellenstatus dieser Organisationen irgendwie verloren gegangen, und damit auch ein Teil des Selbstverständnisses.