- Der kleine Hund Beitrag #1
Cloé
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Aus einer uralten Leipziger Zeitung (unmittelbar nach dem 1. oder 2. Weltkrieg???) ein Ausschnitt, der leider ohne Datumsangabe ist.
Der kleine Hund.
Bald nach Erschaffung der Welt, als der Herrgott sah, dass so viele seiner Menschen einsam und traurig waren, dachte er sich einen neuen Gefährten für sie aus: den Hund.
„Ich habe euch geboten, euren Nächsten zu lieben“, so sprach der Herr zu den Menschen, „aber ich sehe, es fällt euch oft schwer, denn der Nächste ist zuweilen ein sonderbarer Geselle. So will ich euch noch einen Nächsten schaffen, den jeder lieben muss.“
Und er schuf einen kleinen, vierbeinigen Nächsten, täppisch und klug, demütig und frech, gehorsam und spitzbübisch, melancholisch und übermütig, zornig und liebevoll, dies alles und noch viel mehr in einem.
„Du wirst es nicht leicht haben, kleiner Hund“, sagte der Allweise, ehe er ihn entließ. „Sie haben sonderbare Gewohnheiten dort unten angenommen, seit das Tor des Paradieses hinter ihnen ins Schloß gefallen ist. Aber ich gab dir die feinsten Ohren, die schärfste Nase und das wachsamste und treueste Herz. Sieh nun zu, wie du mit ihnen fertig wirst.“
„Schon gut“, kläffte der kleine Hund vergnügt, schleckte dem lieben Herrgott noch einmal zärtlich über die Hand, schnupperte unternehmend zwischen den Wolken umher und rannte dann schnurstracks mit angelegten Ohren zur Erde hinab. An der Landstraße auf einem Meilenstein saß ein Mann, ein großer hagerer Mann in einer abgetragenen grauen Uniform. Er war gerade aus einem fremden Lande heimgekehrt, aber nachdem er sich nun in der Stadt nach den Seinen umgesehen, wünschte er sich wohl wieder weit, weit fort in die Fremde oder gar ganz aus der Welt hinaus. So saß er jedenfalls da, traurig und enttäuscht und gänzlich zusammengesunken vor lauter Hoffnungslosigkeit. Da kam auf einmal der kleine Hund daher, legte dem Mann seine spitze Schnauze aufs Knie und blickte schweifwedelnd zu ihm auf.
„Na so was“, sagte der Mann, „wo kommst du denn auf einmal her?“ „Vom Himmel!“ antwortete der kleine Hund, aber das verstand der Mann wohl nicht, denn er war jener Sprache, deren die Leute im Himmel und auf Erden nur die Liebenden sich bedienen, schon lange nicht mehr mächtig.
So kraulte er den kleinen Hund nur ein bisschen an den langen weichen Ohren und erhob sich dann schwerfällig, um weiterzuwandern. Irgendwo musste er ja hin trotz allen Elends und aller Verzweiflung.
„Ich komme mit“, sagte der kleine Hund und begann
gleich voll solchen Eifers zu traben und zu springen, als ginge es wunder was für Herrlichkeiten entgegen. Er sauste wie ein Pfeil, hüpfte wie ein Ball und tanzte ringsum wie ein Kreisel. Manchmal biss er vor Übermut in die Grasnarbe am Weg. Hinter ein paar wehenden Blättern fuhr er bellend dahin, dass es wie ein freudiges Geklingel über die windigen Wiesen scholl.
Nein, so etwas, dachte der Mann, wie kann denn nur, eingepresst in ein paar Handbreit blanken Pelzes, soviel Fröhlichkeit wohnen? Wie kann mitten in dieser kummervollen Welt ein solches Bündel Seligkeit umherfahren? Das ist doch die reinste Narretei! Aber der kleine Hund schwenkte den Schweif wie eine Frühlingsfahne, und kam hin und wieder zu dem großen Mann herangestürmt, um seine feuchte Schnauze in dessen Hand zu schieben und zu fragen, ob denn auch er ein wenig glücklich sei.
So wanderten sie über viele Straßen, in viele Dörfer und Städte. Der Mann suchte nach Freunden, die er früher gekannt hatte, aber die Städte waren zerschlagen und die Freunde fortgezogen. Er fand niemanden mehr. Zuletzt kamen sie an einen breiten Strom, der sehr rasch und reißend dahinlief. Hier blieb der Mann stehen. Er starrte lange in das braune schäumende Wasser, sehr lange, und schließlich legte er den Mantel ab und ging auf die steinerne Buhne hinaus, an der sich die Wellen in hohen Wirbeln brachen. Der kleine Hund war immer dicht bei den Füßen des Mannes, und draußen auf der Buhne, ganz am äußersten Ende, wo man schon mitten im Strom stand, mitten im Untergang, und geradezu schwindlig wurde vom Toben und Lärmen der Flut, da stellte der kleine Hund sich plötzlich vor dem Mann auf die Hinterpfoten. Er machte „schön“ wie er es einmal an einem großen Hund in der Stadt gesehen hatte und „Bitte, bitte“ und alles, was er wusste. Er kläffte ganz leise und demütig und wedelte wie verrückt mit dem Schwanze, bis der Mann, der unentwegt gebannten Blicks ins Wasser starrte, endlich aufmerksam ward und unwillig und ärgerlich zu ihm herabsah „Was willst du denn, du kleines dummes Tier“
Aber der kleine Hund stand noch immer da mit seinem demütigen und beschwörenden Getue, und im gleichen Augenblick fing auch noch drüben in den Dörfern irgendeine verlorene kleine Glocke an, zum Angelus zu läuten. Da senkte der große Mann auf einmal und erschrocken den Kopf und ging dann ganz langsam von der Buhne ans Ufer zurück, weil ihm wohl gar zu schwindlig wurde von der brausenden Nähe des Wassers.
Es war ein blauer, windiger Tag, sehr zeitig im Frühling, und die Luft schmeckte schon ein wenig nach Erde und Gras. Der Mann ging hinüber zum Waldrand, wo die ersten Anemonen blühten, und als der kleine Hund ihm wieder die Schnauze aufs Knie legte, da nahm der Mann ihn richtig in den Arm und drückte seine heißen Augen in das weiche glatte Fell, als wolle er auf diese Weise vergessen, was er vorher in dem wilden braunen Wasser gesehen hatte.
„Sei nicht so traurig“, sagte der kleine Hund, „ich habe dich doch lieb“. Und von diesem Augenblick an verstand der Mann auch die himmlische Sprache wieder.
Sonst ist nicht mehr viel zu erzählen von den beiden. Höchstens, dass der Mann schließlich wieder Arbeit fand, ein Haus und Freunde und alles, was er brauchte. Der kleine Hund aber blieb immerzu bei ihm, bis seine Erdenzeit abgelaufen war. Dann starb er oder vielmehr, er lief zurück in den Himmel, schnupperte noch ein wenig zwischen den Wolken umher und rannte am Ende Gottvater geradewegs vor die Füße. „Da bist du ja wieder“, sagte der Allgütige und lächelte. „Du hast deine Sache gut gemacht da unten. Aber warum bist du nun so traurig und unruhig?“ „Der Mann“, sagte der kleine Hund mit hängender Rute, „der Mann hat nun keinen kleinen Hund mehr, der mit ihm wandert.“
Warte ein Weilchen“, nickte der liebe Gott ihm zu, „er wird bald kommen. So ein, zwei Dutzend Jahre mag es wohl noch dauern. Denen da unten scheints eine lange Zeit, hier oben aber ist´s nur ein Augenblick.“
Da wedelte der kleine Hund schon ganz getröstet. Er setzte sich zwischen die Wolken am Himmelstor, legte den Kopf auf die Pfoten und wartete.
(unterzeichnet mit ...... nur „Hertha“ ist zu entziffern...)