Hallo,
also für mich ist Tierschutz etwas, was man nicht an Sachen wie "Ich bin Veganer" oder "Ich gehe regelmäßig demonstrieren bzw. Tiere aus Versuchslaboren befreien" festmachen kann und sollte. Tierschutz fängt schon im Kleinen an und ist meiner Meinung nach eine gewisse Einstellung zum Leben und zur Umwelt. Wie weit da jeder für sich geht, ist meines Erachtens nach nichts, was einem jemand vorgeben kann. Punkt. Denn wer hat das Recht zu behaupten er sei der Einzige, der weiß was richtig und falsch ist? PETA macht das gerne und ist für mich deshalb nicht immer gerade sehr glaubwürdig und erstrebenswert. Auch GREENPEACE neigt zu Aktionen und Aussagen, die stark polarisieren und nicht immer damit den Effekt erzielen, den sie erzielen könnten. Aber das sind große Organisationen, keine Einzelpersonen und ich definiere mich über mich selbst, nicht über etwas was mir dogmatisch vorgegeben wird von jemandem, der eben meint sein Handeln sei die perfekte Vorgabe, die alle Menschen erfüllen müssen.
Ganz am Anfang habe ich auch versucht zu schockieren und zu polarisieren. Meine Eltern bekamen schreckliche Bilder von Hühnerfarmen an die Eierschachteln im Kühlschrank geklebt, jedes Shampoo wurde mit Hinweisen und ekelhaften Fotos versehen. Ich habe oft und gerne sehr aggressiv und emotional mit Freunden, Bekannten, Verwandten, teilweise auch wildfremden Leuten debattiert. Und gebracht hat es aber in den meisten Fällen gar nichts. Das einzusehen, war ein langer, schmerzhafter Prozess und man lernt erschreckende Sachen über sich selbst und die Spezies Mensch. Irgendwann hab ich dann damit aufgehört alles ausdiskutieren und verändern zu wollen. Ich habe angefangen mein Leben so zu gestalten, dass ich mit gutem Gewissen morgens in den Spiegel schauen konnte. Ich für mich. Nicht ich für andere oder andere für mich. Denn wenn ich etwas ändern will, muss ich bei mir anfangen.
Fleisch esse ich nicht, weil es mir einfach nicht schmeckt. Wer Fleisch essen will, bitte. Mein einziger Wunsch wäre, dass man den Fleischkonsum reduziert und sich einfach bewusster mit dem Nahrungsmittel beschäftigt (Wo kommt es her? Was ist alles drin und dran? usw.). Es ist nicht notwendig 1kg Schweinefleisch bei einem Discounter für 0,99€ zu kaufen, damit man an 7 Tagen der Woche je 1kg Fleisch essen kann. Reicht es nicht, wenn man sich 1-2 Mal die Woche ein Stück Fleisch gönnt, dessen Herkunft man bis zur Geburt zurückverfolgen kann und das eben nicht vollgepumpt ist mit Wachstumshormonen und Antibiotika? Ich plädiere im Gegensatz zu vielen anderen Vegetariern nicht dafür, dass die gesamte Menschheit kein Fleisch mehr essen sollte, ich wünsche mir nur, dass die die es essen, wissen was sie da tun und nicht wahllos billiges Zeug in sich reinstopfen ohne Rücksicht auf irgendwas. Weniger ist mehr. Das ist weitaus realistischer, als: Gar nichts ist perfekt.
Fisch esse ich nicht, wegen der Überfischung, der Delphine und Schildkröten, die in Thunfischnetzen verenden und den ganzen anderen ekeligen Sachen, die so im Meer herumschwimmen bzw. im Wasser der Fischfarmen. Es würde mir auch weiterhin schmecken, aber ich kann mit dem Verzicht leben. Und wenn ich es kann, warum soll ich es dann nur aus Bequemlichkeit nicht tun? Wer es nicht kann, okay. Auch hier mein Wunsch: fragt euch woher es kommt, fragt euch ob es nicht Beschaffungsalternativen gibt und fragt euch, ob ihr wirklich essen wollt, was ihr da esst (das jetzt weniger auf das tote Tier bezogen, mehr auf den anderen Kram, der durch die Haltung so in das Tier reinkommt). Wer für sich zu einer anderen Entscheidung kommt, als ich, ist für mich nicht automatisch ein schlechterer Mensch. Ich komme dafür vielleicht in Bezug auf andere Dinge nicht zu den gleichen Entscheidungen.
Meine Kosmetik und alles ist tierversuchsfrei und vegan. Gleiches gilt für alle Putzmittel und Waschmittel. Mein Toilettenpapier, meine Taschentücher, meine Küchenrolle - all das ist aus Recyclingpapier. Und ich versuche möglichst wenig davon zu verbrauchen. Ich versuche meinen Wasserverbrauch nicht ins Übermaß anwachsen zu lassen - während dem Einschäumen die Dusche ausmachen, während dem Zähneputzen nicht das Wasser laufen lassen, sowas eben. Das sind alles Kleinigkeiten, aber was für ein Egoist wäre ich, wenn ich mit der Einstellung leben würde "Nur weil ich es anders mache, bringt das doch nichts."? Wie kann ich von anderen Veränderung verlangen, wenn ich es selbst nicht schaffe? Und wie viele veränderungen, Revolutionen und Putsche der Geschichte wären gar nicht erst passiert, wenn die Leute immer und überall so denken würden?
Ich für mich habe eine Balance gefunden. Ich lebe mein Leben so, dass ich morgens in den Spiegel schauen kann ohne, dass ich ein schlechtes Gewissen habe. Wem gegenüber auch immer. Tiere sind für mich Lebewesen. Individuen. Wunder der Natur. Und sie verdienen eine Behandlung, die sie respektiert. Egal ob sie als Schnitzel enden sollen oder nicht. Weniger Fleischkonsum. Weniger Milch- und Eikonsum. Das wäre schon ein großer Schritt. Ohne den extremen Produktionsdruck und den Wunsch nach "noch mehr für noch weniger Geld", wäre respektvolle Nutztierhaltung (und ja in meinen Augen geht das) großflächig möglich und umsetzbar. Tiere können uns Nutzen. Ja. So wie wir einst Mammuts gejagt haben und dann begonnen haben Tiere zu domestizieren. So können wir auch wieder zurück zu den Anfängen. Zurück dahin, dass eine einzele Kuh ein wahres Vermögen war. Etwas, was eine ganze Familie ernährt hat. Etwas, was es zu beschützen und zu pflegen galt. Etwas, was als Individuum wichtig war und nicht als eines von vielen. Verbunden mit dem, was wir heute über Tiere wissen. Über ihre Empfindungen, ihre Gefühle, ihr ganzes Wesen. Verbunden damit sollte es doch möglich sein, einen Weg zu finden so miteinander zu leben, dass gegenseitiger Respekt und die Würde des Einzelnen wichtig sind und nicht das Geld oder das eigene Ego.
Tierschutz ist für mich etwas, bei dem man sehr, sehr viel über den Menschen lernt. Darüber, was uns ach so tolle Wesen antreibt und umtreibt. Und darüber wie weit wir uns von dem entfernt haben, was uns eigentlich ausmacht. Wir, die wir das eigene Ich erkennen wie keine andere Tierart. Wir, die wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verknüpfen können, wie keine andere Tierart. Wir, die wir eigentlich schützen und resepektieren müssten, was "unter uns" steht. Und wer verstanden hat, dass Tierschutz "Arbeit am Menschen und seiner Menschlichkeit" ist, der kann damit anfangen. Wo ist dabei völlig egal. Seid Vorbilder für eure Umwelt, lasst euer Handeln ein Zeichen sein. Mehr braucht es nicht. Von 10 Menschen, lässt sich davon einer beeindrucken und für diesen einen lohnt es sich. Und jemand, der Vorbild ist anstatt zu belehren, zu hetzen und zu polarisieren, der verändert nachhaltiger etwas, als die die mit ekelhaften Bildern um sich werfen und große Reden schwingen über die Fehlerhaftigkeit von Menschen, die nicht so leben wollen wie sie selbst.
Meine Eltern waren ganz und gar unbeeindruckt von sämtlichen Bildern und Filmen. Der Mensch hat die Gabe irgendwie eine Wand aufbauen zu können zwischen dem, was er sehen und anfassen kann und dem, was zusätzlich noch da ist. Die Leute sehen die Eier in Pappschachteln und verknüpfen das nicht mit den Hühnern in Legebatterien. Da kann man sie noch so oft mit Bildern nerven. Das ist doch das Gleiche wie Krieg, Terror und solche schrecklichen Dingen. Wir gucken uns das in den Nachrichten an, wir sind erschrocken, bewegt, vielleicht auch ehrlich entsetzt. Aber dann stehen wir am nächsten Morgen auf, gehen zur Arbeit und die Kindersoldaten in Afrika, die Bombenopfer im Irak und verschleppten und vergewaltigten Mädchen in Indien verschwimmen zu etwas, was mit uns direkt nichts zu tun hat. Und weil wir wissen, dass wir an der Sache direkt nichts ändern können. Aber wir können dem Nachbarskind jeden Tag ein Schulbrot zu stecken, wenn wir wissen, dass zuhause das Geld für sowas fehlt. Wir können unsere Kinderspielsachen ausmisten und an Einrichtungen und Kinder geben, die sich darüber freuen, anstatt sie im Keller in Kisten zu stapeln. Wir können dem Penner vor dem Supermarkt ein Wurstbrötchen und einen heißen Kaffee spendieren. Und wir können für uns Lebensmittel so einkaufen, dass wir wissen wo sie herkommen. Wir können immer wieder betonen, dass es nicht schwer ist etwas zu ändern und das jeder kleine Schritt zählt. Wir können dem Nachbarn Vorschläge machen wie sich aus dem winzigen Fertigkaninchenstall ein echtes Kaninchenparadies machen ließe. Wir können ihm Hilfe anbieten und ihm Tipps geben, anstatt ihn nur zu belehren, dass er es falsch macht und wir es richtig. Wir können immer wieder erzählen von Tieren und ihrem Verhalten, davon, dass ein Meerschweinchen, das sich platt auf den Schoß drückt Todesangst hat und eben nicht völlig entspannt die Streicheleinheiten genießt. Wir können Leute einladen und ihnen zeigen, wie toll sich Tiere in einem artgerechten, verhaltensgerechten Gehege präsentieren. Wir können das. Auch wenn wir bei 9 von 10 Leuten scheitern, auch wenn es viel mehr taube, beratungsresistente Leute zu geben scheint, als jene, die es sich zu Herzen nehmen. Für den Einen, den wir verändert haben hat es sich gelohnt, denn er wird eben diese Veränderung weiter "in die Welt" tragen. Und so lohnen sich auch die vielen Rückschläge, die vielen Enttäuschungen, die vielen dummen Kommentare, die man einstecken muss.
Man kann nicht die Welt retten. Man kann nicht alles umschmeißen und besser machen.
Aber man kann sein eigenes Leben so leben, dass es andere Menschen zum Nachdenken anregt.
Und wie gesagt, ob man dazu nun Vegetarier oder Veganer wird, ob man mit Vehemenz auf sämtliche Kleintierhalter in seiner Umgebung einredet, ob man seinen Haushalt komplett umstellt, ob man in einem Verein Mitglied wird und ehrenamtlich dort arbeitet oder ob man einfach nur seine eigenen Haustiere tierschutzgerecht unterbringt und behandelt, all das sind Schritte in die gleiche Richtung. Und der eine kann und will eben mehr Schritte gehen, als der andere. Solange wir dabei in die gleiche Richtung laufen, ist doch nichts falsch daran. Oder?