- Das Ende einer Schattenwelt - von Mogli 1. Teil Beitrag #1
eifelbiene
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Wärme umhüllte meinen Körper als ich endlich aus meinem dunklen Gefängnis ins Freie trat, und Helligkeit streifte meine Augen, über denen ein milchiger Schleier lag. Ich ließ meinen etwas unklaren Blick kurz über den Garten und das Haus schweifen bevor ich mich zu meinem Bruder umwandte, der sich fauchend gegen die Hände wehrte, die ihn ergreifen wollten.
“Du brauchst keine Angst zu haben. Ich glaube, die tun uns nichts,” versuchte ich ihn zu beruhigen, obwohl es mir selbst auch etwas mulmig zumute war als die menschliche Hand über mein weißgraues Fell strich. Dann wurde ich plötzlich hochgehoben und damit schwand auch mein letzter Mut. Eine weibliche Stimme sprach zwar beruhigend auf mich ein, aber die Erlebnisse der letzten drei Wochen seit unserer Geburt und besonders die der letzten Stunden hatten doch Spuren hinterlassen.
Eine halbe Stunde später bezogen Kimba und ich unser neues Quartier.
“Wo sind wir hier, Mogli?” fragte Kimba.
“Ich weiß auch nicht genau,” antwortete ich leise während ich den Blick der jungen Frau in meinem kleinen Katzennacken spürte, “aber es hat irgend etwas mit Tierschutz zu tun.”
“Was ist das?” wollte Kimba wiederum wissen.
Ich seufzte. “Weiß nicht.”
Die Frau verließ den Raum, um kurz darauf mit einem Tellerchen Futter zurück zu kehren. Sie nahm den zitternden Kimba auf den Schoß und versuchte ihn zu füttern, was nicht einfach war, denn durch seine vereiternden Augen und durch sein ständiges Kopfwackeln konnte er die Nahrung nicht richtig aufnehmen. Mit mir wurde die Futteraufnahme zu einer noch größeren Herausforderung. Ich steckte mein Mäulchen immer wieder ins Futter, konnte jedoch nichts ergreifen. Erst als ich aus der Menschenhand die mundgerechten Stückchen zurechtgelegt bekam, wurde mein Hunger gestillt.
“Ich muß mal,” jammerte Kimba als wir uns wieder alleine in dem Zimmer befan-den.
“Dann mach doch,” schlug ich vor ohne mich von meiner Erkundungsreise abbringen zu lassen. Mit meinen Pfötchen ertastete ich ein weiches kuscheliges Körbchen, das wohl als Schlafplatz dienen sollte.
“Wohin denn?”
“Ist doch egal,” entgegnete ich während ich die interessante Kiste neben der Schlafgelegenheit inspizierte. Ich lugte über den Rand, konnte jedoch nichts erkennen. Also mußte ich noch näher heran. Irgendwie gelang es mir, die Kiste zu erobern und landete im Katzenstreu. Neugierig scharrte ich die kleinen weißen Steinchen auseinander bevor ich nach meinem Bruder Ausschau hielt.
“Ich glaube, hier ist eine gute Stelle für gewisse Geschäftchen.”
“Zu spät,” teilte Kimba mir mit, der sein Bächlein bereits in der Mitte des Raumes platziert hatte.
Nach einer Weile mauzte ich los und kippte um, weil ich das Gleichgewicht verlor.
“Warum schreist du so?” erkundigte Kimba sich.
“Nur so. Vielleicht kommt jemand,” entgegnete ich und setzte mein Konzert fort.
Kurz darauf erschienen tatsächlich wieder die beiden Frauen, die uns bei sich aufgenommen hatten.
“Was ist denn, mein Kleiner?” sprach Regine, die ältere der beiden.
In der ersten Nacht konnte ich keinen Schlaf finden. Im Bett neben dem Katzen-lager lauschte Andrea, Regines erwachsene Tochter, meiner unruhigen Wan-derung. Schließlich seufzte sie und hob mich aufs Bett.
“Das funktioniert ja richtig gut,” dachte ich freudig und krabbelte sofort unter die Bettdecke, unter die ich mich zufrieden kuschelte. Andrea fischte anschließend nach Kimba und setzte auch ihn auf dem Bett ab. Kimba torkelte zum Fußende und rollte sich dort ein.
Am nächsten Tag fuhren Andrea und Regine mit uns zum Tierarzt. Ängstlich hockten wir auf Andreas Schoß und warteten auf die Behandlung.
Die Tierärztin tupfte meine Augen ab und streifte dann Salbe hinein. Auch Kimbas Augen befreite sie von dem Eiter, der die beiden Lider miteinander verklebt hatte bevor er ebenfalls Salbe verpaßt bekam.
“Ich kann wieder sehen,” freute Kimba sich.
“Weshalb wackeln die Katzen denn so?” fragte Regine die Ärztin.
“Das kommt von dem Katzenschnupfen. Ich gebe Ihnen noch ein Antibiotikum mit und die Augensalbe müßten sie mehrmals täglich in die Augen geben,” schlug sie vor.
Die nächsten drei Wochen versuchten wir unseren Lebensrhythmus zu finden und unsere Krankheit zu bewältigen. Am Wochenende kümmerte Andrea sich um uns und während der Woche, wenn Andrea in der Großstadt arbeitete und dort wohnte, wachte Regine über unser Wohlbefinden. Ich machte geringe Fortschritte bei der Futteraufnahme und meine Schattenwelt wurde langsam klarer. Voraussichtlich lag es aber daran, daß ich mich an meine Umgebung gewöhnt hatte und alles vertraut für mich war. Dennoch hatte ich oft Mühe, mich auf den Beinen zu halten. Durch das Wackeln und Zittern kippte ich ständig um. Trotz alledem freuten wir uns, eine warme und trockene Unterkunft bekommen zu haben, wo es immer genug zu essen gab und wo wir nach Belieben Spielen und Schlafen konnten.
Aber irgendetwas schien Regine und Andrea zu beunruhigen. Die Sorgenfalten, die sich in ihren Gesichtern breit machten, beunruhigten auch mich. Ich spürte, daß etwas nicht in Ordnung war.
Und zu allem Unglück bestätigte sich mein Verdacht. Die beiden Frauen verfrach-teten uns in einen Käfig und setzten sich mit uns ins Auto. Sofort legte ich mit lautstarkem Protest los. Obwohl Kimba mein Geschrei nicht genau zu deuten wußte, unterstützte er mich zaghaft. Wir waren noch nicht im nächsten Ort ange-kommen, da hatten wir Andrea bereits weichgekocht.
“Ach, mein kleiner Mogli, jammere doch nicht so,” versuchte sie mich zu trösten, doch sie brachte es nicht übers Herz, uns weiter im Käfig sitzen zu lassen.
“Eins zu Null für uns,” triumphierte ich.
“Toll, wie du das immer hinbekommst,” bewunderte Kimba mich als er sich neben mir auf Andreas Schoß niederließ und wir die lange Fahrt dort verbringen durften.
“Hoffentlich können die Tierärzte in der Kölner Klinik weiterhelfen,” sagte Regine und Andrea nickte zustimmend.
“Oh Gott, Tierarzt,” durchfuhr mich ein Schreck.
Eigentlich war der Tierarzt gar nicht so schlimm, wenn ich ehrlich war, aber bei meiner Katerehre mußte ich mich gegen die Untersuchung wehren und meine Krallen zeigen. Ich glaube, ich hatte mir Respekt verschafft. Kimba hingegen war vor Angst wie versteinert, obwohl ich die ganze Zeit über rief: “Kämpfe, kämpfe,” aber er schenkte mir keine Beachtung. Als der Typ aber auch dieses spitze Teil in Kimbas Körper bohrte, fauchte er ganz wild und mein Bruderstolz schwoll an.
Jetzt auf der Rückfahrt ging es mir aber mächtig gegen mein Fell, daß wir wieder in dem blöden Käfig hocken mußten, denn Andrea war in Köln geblieben, weil sie zur Arbeit mußte. Trotzdem wollte ich sofort aus dem Käfig. Ich schrie mit meiner rauhen Stimme los. Regine redete die ganze Zeit auf mich ein. Es war zwar ange-nehm, ihrem Tonfall zu lauschen, aber das befreite mich nicht aus meiner Situation. Ich gab jedoch nicht auf. Ausdauernd wie ich sein konnte, strengte ich mich richtig an bis ich beinahe heiser war. Um einen Moment zu verschnaufen, hielt ich kurz inne und dachte darüber nach was der Tierarzt als Begründung angegeben hatte, weshalb wir - und besonders ich - so wackelten und oft umfielen. Ach ja, das zentrale Nervensystem war geschädigt durch einen Virus. Hörte sich irgendwie gefährlich an.
War ich froh als wir endlich zu Hause waren. Mir war schrecklich kalt und ich war katzenmüde. Regine ließ uns in unserem Paradies, in einem halb ausgebauten großen Speicher, der mit einer niedrigen Couch, Sesseln, Matten und Läufern ausgelegt war, frei.
“Schlafen,” dachte ich nur noch und zog mich mit meinen Krallen an dem Sofa hoch. Ich kann nicht sagen wieviel Zeit vergangen war als plötzlich Kimbas Stim-me aus weiter Ferne zu mir durchdrang: “Mogli, wach doch endlich auf.”
Er saß direkt neben meinem Kopf, doch ich konnte ihn nicht ansprechen. Weil er so traurig klang, hätte ich gerne etwas zu ihm gesagt, aber ich dachte nur ans Schlafen und meine Sinne wurden von der eisigen Kälte in meinem Körper beherrscht, obwohl draußen eine schwüle Hitze herrschte und auch der Speicher eine angenehme Temperatur hatte. Ich dämmerte in einen Zustand der Schwerelosigkeit hinüber bis ich ein leichtes Rütteln bemerkte, das ich krampfhaft zu ignorieren versuchte. Irgendetwas schob sich in meinen Po, aber es war mir egal.
“Untertemperatur,” hörte ich Regine murmeln. Sie nahm mich wie ein Baby auf den Arm und wickelte mich in ihren Pulli.
“Wo war die Dunkelheit, schnell laß mich da wieder hin,” versuchte ich zu mauzen, aber es wollte kein Ton mehr aus meiner Kehle kommen. Regine wiegte mich auf ihrem Arm, trug mich durch die Wohnung und pustete zwischendurch immer wieder Luft durch meine Nase. Sie redete mit mir und telefonierte ab und zu. Alles drang durch eine dicke Nebelwand zu mir vor und berührte mich doch irgendwie nicht. Wieder ergriff Dunkelheit Besitz von mir und Regine schluchzte auf. Mir wurde plötzlich bewußt, daß ich im Begriff war, mich aufzugeben. Aber das entsprach nicht meinem Naturell. Schließlich erwartete ich von meinem großen Bruder, daß er kämpfen sollte, also mußte ich auch selbst dazu stehen. Ich nutzte Regines Luftzufuhr, um fleißig mitzuatmen und die Wärme, die meinem Körper zugeführt wurde, breitete sich langsam aus und kurbelte meinen Kreislauf an.
Endlich, endlich hatte ich wieder genug Kraft und ließ mein lautes Stimmchen im Raum erschallen...
¯
Ich legte mich auf die Lauer. Kimba mußte jeden Moment um die Ecke kommen. Und da war er auch schon. Todesmutig stürzte ich mich auf ihn und verfehlte ihn knapp. Sofort drehte ich mich um und verwickelte ihn in ein Gerangel. Das machte Spaß.
Doch unser Spiel wurde gestört. Andrea verabreichte jedem von uns eine kleine Tablette, von der uns ganz komisch wurde und schmierte uns immer wieder Salbe in die Augen.
Zwei Wochen waren seit meinem Todeskampf vergangen und ich war froh, daß ich mich für das Leben entschieden hatte. Doch seitdem Andrea uns diese Medizin gab, kippte ich viel häufiger um. Kimba hatte oft Orientierungsprobleme, manchmal fand er unseren Klo gar nicht mehr.
Zum Glück bemerkte Andrea recht schnell, daß die Tabletten nicht die gewünsch-te Wirkung brachten, denn zunächst reduzierte sie die Dosis bis sie die Eingabe schließlich ganz einstellte. Unser Zustand normalisierte sich wieder. Das Antibio-tikum, das wir dann noch erhielten, war wirklich nur ein kleines Übel, eigentlich schmeckte es sogar ganz lecker.
Als wir körperlich wieder stabiler waren, begann ein neuer Lebensabschnitt für uns. Wir wurden zu sogenannten Pendlern. Andrea nahm uns die Woche über mit nach Köln, wo sie mit ihrem Freund Daniel wohnte, und am Wochenende fuhren wir alle zusammen wieder zu Regine. Das war genau das richtige für meine Ent-deckerlust. Kimba hingegen war etwas verängstigt in der neuen Umgebung. Er versteckte sich vor Daniel obwohl wir ihn ja schon bei Regine immer wieder zu sehen bekommen hatten.
Für trübe Gedanken hatte ich allerdings jetzt keine Zeit, schließlich wollte noch so viel von mir entdeckt werden. Ich stellte fest, daß ich mich im Schlafzimmer befand, in dem ein großes Doppelbett seinen Platz gefunden hatte. Unser Schlaf-platz war somit geklärt.
“Attacke,” rief ich und stürmte los. Ich durchquerte einen kleinen Flur und gelang-te ins Wohnzimmer. Dort kollidierte ich zwei-, dreimal mit dem Wohnzimmer-schrank, weil mein Gleichgewicht mich etwas im Stich ließ, doch unbeirrt setzte ich meinen Weg fort, und so gelangte ich an Daniel vorbei durch eine offen stehende Glastür in einen weiteren Raum und begann zu schweben. Eine unsanfte Landung auf einem Grasstreifen folgte sogleich. Verdattert sah ich mich um und entdeckte Daniel, der über die Brüstung des Balkons sprang, um mich wieder einzusammeln. Upps, im Eifer des Gefechts war mir gar nicht aufgefallen, daß ich die Wohnung bereits wieder verlassen hatte. Welch Glück, daß wir im Erdgeschoß wohnten.
“He Mogli, komm her,” rief Kimba bei meiner Rückkehr, “ich habe die Futterstelle gefunden.” Fleißig machte er sich wieder über seinen Napf her. Temperamentvoll und überaus eilig steuerte ich mein Töpfchen an, doch ich bremste zu spät. Mein armer Bruder mußte leider mal wieder Bremsbock spielen.
“Tschuldigung,” murmelte ich kleinlaut, rappelte mich wieder hoch und steckte meine kleine Nase so tief es ging in den Futternapf.
Zufrieden leckte ich mir nach der Stärkung mein Mäulchen ab und wie verabredet machten wir beide uns dann auf die Suche nach einem gemütlichen Plätzchen. Das Sofa schien uns geeignet. Kimba hüpfte mit Anlauf hinauf und ich spurtete hinterher und setzte zum Sprung an. Nanu, wo war bloß das Sofa? Geradeso er-wischte ich noch die Lehne, rammte meine Krallen hinein und rutschte mit einem kratzenden Geräusch an dem glatten Leder hinab. Daniel kam herbeigeeilt und legte einige Wolldecken über die komplette Couchgarnitur. Dann setzte er mich behutsam auf dem Möbelstück ab. Jetzt war ich zwar oben, aber was sollte ich nun noch hier? Kimba hatte sich bereits wieder aus dem Staub gemacht.
“Spielzeug,” hörte ich ihn plötzlich rufen und mit irgend etwas erzeugte er rasselnde Töne. Ich mußte sofort in Erfahrung bringen was da los war. Eilig lief ich los und plumpste auf den Boden. Autsch, das tat weh. Ich hatte wohl etwas beim Hinunterspringen nicht beachtet. Bei Kimba sah das ganz einfach aus. Ob ich ihn fragen sollte? Erst einmal würde ich versuchen meine eigene Technik zu entwickeln, entschied ich mich und stapfte meinem Bruder entgegen.
Fortsetzung folgt...
“Du brauchst keine Angst zu haben. Ich glaube, die tun uns nichts,” versuchte ich ihn zu beruhigen, obwohl es mir selbst auch etwas mulmig zumute war als die menschliche Hand über mein weißgraues Fell strich. Dann wurde ich plötzlich hochgehoben und damit schwand auch mein letzter Mut. Eine weibliche Stimme sprach zwar beruhigend auf mich ein, aber die Erlebnisse der letzten drei Wochen seit unserer Geburt und besonders die der letzten Stunden hatten doch Spuren hinterlassen.
Eine halbe Stunde später bezogen Kimba und ich unser neues Quartier.
“Wo sind wir hier, Mogli?” fragte Kimba.
“Ich weiß auch nicht genau,” antwortete ich leise während ich den Blick der jungen Frau in meinem kleinen Katzennacken spürte, “aber es hat irgend etwas mit Tierschutz zu tun.”
“Was ist das?” wollte Kimba wiederum wissen.
Ich seufzte. “Weiß nicht.”
Die Frau verließ den Raum, um kurz darauf mit einem Tellerchen Futter zurück zu kehren. Sie nahm den zitternden Kimba auf den Schoß und versuchte ihn zu füttern, was nicht einfach war, denn durch seine vereiternden Augen und durch sein ständiges Kopfwackeln konnte er die Nahrung nicht richtig aufnehmen. Mit mir wurde die Futteraufnahme zu einer noch größeren Herausforderung. Ich steckte mein Mäulchen immer wieder ins Futter, konnte jedoch nichts ergreifen. Erst als ich aus der Menschenhand die mundgerechten Stückchen zurechtgelegt bekam, wurde mein Hunger gestillt.
“Ich muß mal,” jammerte Kimba als wir uns wieder alleine in dem Zimmer befan-den.
“Dann mach doch,” schlug ich vor ohne mich von meiner Erkundungsreise abbringen zu lassen. Mit meinen Pfötchen ertastete ich ein weiches kuscheliges Körbchen, das wohl als Schlafplatz dienen sollte.
“Wohin denn?”
“Ist doch egal,” entgegnete ich während ich die interessante Kiste neben der Schlafgelegenheit inspizierte. Ich lugte über den Rand, konnte jedoch nichts erkennen. Also mußte ich noch näher heran. Irgendwie gelang es mir, die Kiste zu erobern und landete im Katzenstreu. Neugierig scharrte ich die kleinen weißen Steinchen auseinander bevor ich nach meinem Bruder Ausschau hielt.
“Ich glaube, hier ist eine gute Stelle für gewisse Geschäftchen.”
“Zu spät,” teilte Kimba mir mit, der sein Bächlein bereits in der Mitte des Raumes platziert hatte.
Nach einer Weile mauzte ich los und kippte um, weil ich das Gleichgewicht verlor.
“Warum schreist du so?” erkundigte Kimba sich.
“Nur so. Vielleicht kommt jemand,” entgegnete ich und setzte mein Konzert fort.
Kurz darauf erschienen tatsächlich wieder die beiden Frauen, die uns bei sich aufgenommen hatten.
“Was ist denn, mein Kleiner?” sprach Regine, die ältere der beiden.
In der ersten Nacht konnte ich keinen Schlaf finden. Im Bett neben dem Katzen-lager lauschte Andrea, Regines erwachsene Tochter, meiner unruhigen Wan-derung. Schließlich seufzte sie und hob mich aufs Bett.
“Das funktioniert ja richtig gut,” dachte ich freudig und krabbelte sofort unter die Bettdecke, unter die ich mich zufrieden kuschelte. Andrea fischte anschließend nach Kimba und setzte auch ihn auf dem Bett ab. Kimba torkelte zum Fußende und rollte sich dort ein.
Am nächsten Tag fuhren Andrea und Regine mit uns zum Tierarzt. Ängstlich hockten wir auf Andreas Schoß und warteten auf die Behandlung.
Die Tierärztin tupfte meine Augen ab und streifte dann Salbe hinein. Auch Kimbas Augen befreite sie von dem Eiter, der die beiden Lider miteinander verklebt hatte bevor er ebenfalls Salbe verpaßt bekam.
“Ich kann wieder sehen,” freute Kimba sich.
“Weshalb wackeln die Katzen denn so?” fragte Regine die Ärztin.
“Das kommt von dem Katzenschnupfen. Ich gebe Ihnen noch ein Antibiotikum mit und die Augensalbe müßten sie mehrmals täglich in die Augen geben,” schlug sie vor.
Die nächsten drei Wochen versuchten wir unseren Lebensrhythmus zu finden und unsere Krankheit zu bewältigen. Am Wochenende kümmerte Andrea sich um uns und während der Woche, wenn Andrea in der Großstadt arbeitete und dort wohnte, wachte Regine über unser Wohlbefinden. Ich machte geringe Fortschritte bei der Futteraufnahme und meine Schattenwelt wurde langsam klarer. Voraussichtlich lag es aber daran, daß ich mich an meine Umgebung gewöhnt hatte und alles vertraut für mich war. Dennoch hatte ich oft Mühe, mich auf den Beinen zu halten. Durch das Wackeln und Zittern kippte ich ständig um. Trotz alledem freuten wir uns, eine warme und trockene Unterkunft bekommen zu haben, wo es immer genug zu essen gab und wo wir nach Belieben Spielen und Schlafen konnten.
Aber irgendetwas schien Regine und Andrea zu beunruhigen. Die Sorgenfalten, die sich in ihren Gesichtern breit machten, beunruhigten auch mich. Ich spürte, daß etwas nicht in Ordnung war.
Und zu allem Unglück bestätigte sich mein Verdacht. Die beiden Frauen verfrach-teten uns in einen Käfig und setzten sich mit uns ins Auto. Sofort legte ich mit lautstarkem Protest los. Obwohl Kimba mein Geschrei nicht genau zu deuten wußte, unterstützte er mich zaghaft. Wir waren noch nicht im nächsten Ort ange-kommen, da hatten wir Andrea bereits weichgekocht.
“Ach, mein kleiner Mogli, jammere doch nicht so,” versuchte sie mich zu trösten, doch sie brachte es nicht übers Herz, uns weiter im Käfig sitzen zu lassen.
“Eins zu Null für uns,” triumphierte ich.
“Toll, wie du das immer hinbekommst,” bewunderte Kimba mich als er sich neben mir auf Andreas Schoß niederließ und wir die lange Fahrt dort verbringen durften.
“Hoffentlich können die Tierärzte in der Kölner Klinik weiterhelfen,” sagte Regine und Andrea nickte zustimmend.
“Oh Gott, Tierarzt,” durchfuhr mich ein Schreck.
Eigentlich war der Tierarzt gar nicht so schlimm, wenn ich ehrlich war, aber bei meiner Katerehre mußte ich mich gegen die Untersuchung wehren und meine Krallen zeigen. Ich glaube, ich hatte mir Respekt verschafft. Kimba hingegen war vor Angst wie versteinert, obwohl ich die ganze Zeit über rief: “Kämpfe, kämpfe,” aber er schenkte mir keine Beachtung. Als der Typ aber auch dieses spitze Teil in Kimbas Körper bohrte, fauchte er ganz wild und mein Bruderstolz schwoll an.
Jetzt auf der Rückfahrt ging es mir aber mächtig gegen mein Fell, daß wir wieder in dem blöden Käfig hocken mußten, denn Andrea war in Köln geblieben, weil sie zur Arbeit mußte. Trotzdem wollte ich sofort aus dem Käfig. Ich schrie mit meiner rauhen Stimme los. Regine redete die ganze Zeit auf mich ein. Es war zwar ange-nehm, ihrem Tonfall zu lauschen, aber das befreite mich nicht aus meiner Situation. Ich gab jedoch nicht auf. Ausdauernd wie ich sein konnte, strengte ich mich richtig an bis ich beinahe heiser war. Um einen Moment zu verschnaufen, hielt ich kurz inne und dachte darüber nach was der Tierarzt als Begründung angegeben hatte, weshalb wir - und besonders ich - so wackelten und oft umfielen. Ach ja, das zentrale Nervensystem war geschädigt durch einen Virus. Hörte sich irgendwie gefährlich an.
War ich froh als wir endlich zu Hause waren. Mir war schrecklich kalt und ich war katzenmüde. Regine ließ uns in unserem Paradies, in einem halb ausgebauten großen Speicher, der mit einer niedrigen Couch, Sesseln, Matten und Läufern ausgelegt war, frei.
“Schlafen,” dachte ich nur noch und zog mich mit meinen Krallen an dem Sofa hoch. Ich kann nicht sagen wieviel Zeit vergangen war als plötzlich Kimbas Stim-me aus weiter Ferne zu mir durchdrang: “Mogli, wach doch endlich auf.”
Er saß direkt neben meinem Kopf, doch ich konnte ihn nicht ansprechen. Weil er so traurig klang, hätte ich gerne etwas zu ihm gesagt, aber ich dachte nur ans Schlafen und meine Sinne wurden von der eisigen Kälte in meinem Körper beherrscht, obwohl draußen eine schwüle Hitze herrschte und auch der Speicher eine angenehme Temperatur hatte. Ich dämmerte in einen Zustand der Schwerelosigkeit hinüber bis ich ein leichtes Rütteln bemerkte, das ich krampfhaft zu ignorieren versuchte. Irgendetwas schob sich in meinen Po, aber es war mir egal.
“Untertemperatur,” hörte ich Regine murmeln. Sie nahm mich wie ein Baby auf den Arm und wickelte mich in ihren Pulli.
“Wo war die Dunkelheit, schnell laß mich da wieder hin,” versuchte ich zu mauzen, aber es wollte kein Ton mehr aus meiner Kehle kommen. Regine wiegte mich auf ihrem Arm, trug mich durch die Wohnung und pustete zwischendurch immer wieder Luft durch meine Nase. Sie redete mit mir und telefonierte ab und zu. Alles drang durch eine dicke Nebelwand zu mir vor und berührte mich doch irgendwie nicht. Wieder ergriff Dunkelheit Besitz von mir und Regine schluchzte auf. Mir wurde plötzlich bewußt, daß ich im Begriff war, mich aufzugeben. Aber das entsprach nicht meinem Naturell. Schließlich erwartete ich von meinem großen Bruder, daß er kämpfen sollte, also mußte ich auch selbst dazu stehen. Ich nutzte Regines Luftzufuhr, um fleißig mitzuatmen und die Wärme, die meinem Körper zugeführt wurde, breitete sich langsam aus und kurbelte meinen Kreislauf an.
Endlich, endlich hatte ich wieder genug Kraft und ließ mein lautes Stimmchen im Raum erschallen...
¯
Ich legte mich auf die Lauer. Kimba mußte jeden Moment um die Ecke kommen. Und da war er auch schon. Todesmutig stürzte ich mich auf ihn und verfehlte ihn knapp. Sofort drehte ich mich um und verwickelte ihn in ein Gerangel. Das machte Spaß.
Doch unser Spiel wurde gestört. Andrea verabreichte jedem von uns eine kleine Tablette, von der uns ganz komisch wurde und schmierte uns immer wieder Salbe in die Augen.
Zwei Wochen waren seit meinem Todeskampf vergangen und ich war froh, daß ich mich für das Leben entschieden hatte. Doch seitdem Andrea uns diese Medizin gab, kippte ich viel häufiger um. Kimba hatte oft Orientierungsprobleme, manchmal fand er unseren Klo gar nicht mehr.
Zum Glück bemerkte Andrea recht schnell, daß die Tabletten nicht die gewünsch-te Wirkung brachten, denn zunächst reduzierte sie die Dosis bis sie die Eingabe schließlich ganz einstellte. Unser Zustand normalisierte sich wieder. Das Antibio-tikum, das wir dann noch erhielten, war wirklich nur ein kleines Übel, eigentlich schmeckte es sogar ganz lecker.
Als wir körperlich wieder stabiler waren, begann ein neuer Lebensabschnitt für uns. Wir wurden zu sogenannten Pendlern. Andrea nahm uns die Woche über mit nach Köln, wo sie mit ihrem Freund Daniel wohnte, und am Wochenende fuhren wir alle zusammen wieder zu Regine. Das war genau das richtige für meine Ent-deckerlust. Kimba hingegen war etwas verängstigt in der neuen Umgebung. Er versteckte sich vor Daniel obwohl wir ihn ja schon bei Regine immer wieder zu sehen bekommen hatten.
Für trübe Gedanken hatte ich allerdings jetzt keine Zeit, schließlich wollte noch so viel von mir entdeckt werden. Ich stellte fest, daß ich mich im Schlafzimmer befand, in dem ein großes Doppelbett seinen Platz gefunden hatte. Unser Schlaf-platz war somit geklärt.
“Attacke,” rief ich und stürmte los. Ich durchquerte einen kleinen Flur und gelang-te ins Wohnzimmer. Dort kollidierte ich zwei-, dreimal mit dem Wohnzimmer-schrank, weil mein Gleichgewicht mich etwas im Stich ließ, doch unbeirrt setzte ich meinen Weg fort, und so gelangte ich an Daniel vorbei durch eine offen stehende Glastür in einen weiteren Raum und begann zu schweben. Eine unsanfte Landung auf einem Grasstreifen folgte sogleich. Verdattert sah ich mich um und entdeckte Daniel, der über die Brüstung des Balkons sprang, um mich wieder einzusammeln. Upps, im Eifer des Gefechts war mir gar nicht aufgefallen, daß ich die Wohnung bereits wieder verlassen hatte. Welch Glück, daß wir im Erdgeschoß wohnten.
“He Mogli, komm her,” rief Kimba bei meiner Rückkehr, “ich habe die Futterstelle gefunden.” Fleißig machte er sich wieder über seinen Napf her. Temperamentvoll und überaus eilig steuerte ich mein Töpfchen an, doch ich bremste zu spät. Mein armer Bruder mußte leider mal wieder Bremsbock spielen.
“Tschuldigung,” murmelte ich kleinlaut, rappelte mich wieder hoch und steckte meine kleine Nase so tief es ging in den Futternapf.
Zufrieden leckte ich mir nach der Stärkung mein Mäulchen ab und wie verabredet machten wir beide uns dann auf die Suche nach einem gemütlichen Plätzchen. Das Sofa schien uns geeignet. Kimba hüpfte mit Anlauf hinauf und ich spurtete hinterher und setzte zum Sprung an. Nanu, wo war bloß das Sofa? Geradeso er-wischte ich noch die Lehne, rammte meine Krallen hinein und rutschte mit einem kratzenden Geräusch an dem glatten Leder hinab. Daniel kam herbeigeeilt und legte einige Wolldecken über die komplette Couchgarnitur. Dann setzte er mich behutsam auf dem Möbelstück ab. Jetzt war ich zwar oben, aber was sollte ich nun noch hier? Kimba hatte sich bereits wieder aus dem Staub gemacht.
“Spielzeug,” hörte ich ihn plötzlich rufen und mit irgend etwas erzeugte er rasselnde Töne. Ich mußte sofort in Erfahrung bringen was da los war. Eilig lief ich los und plumpste auf den Boden. Autsch, das tat weh. Ich hatte wohl etwas beim Hinunterspringen nicht beachtet. Bei Kimba sah das ganz einfach aus. Ob ich ihn fragen sollte? Erst einmal würde ich versuchen meine eigene Technik zu entwickeln, entschied ich mich und stapfte meinem Bruder entgegen.
Fortsetzung folgt...