Das Ende einer Schattenwelt - von Mogli 1. Teil

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eifelbiene

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Wärme umhüllte meinen Körper als ich endlich aus meinem dunklen Gefängnis ins Freie trat, und Helligkeit streifte meine Augen, über denen ein milchiger Schleier lag. Ich ließ meinen etwas unklaren Blick kurz über den Garten und das Haus schweifen bevor ich mich zu meinem Bruder umwandte, der sich fauchend gegen die Hände wehrte, die ihn ergreifen wollten.
“Du brauchst keine Angst zu haben. Ich glaube, die tun uns nichts,” versuchte ich ihn zu beruhigen, obwohl es mir selbst auch etwas mulmig zumute war als die menschliche Hand über mein weißgraues Fell strich. Dann wurde ich plötzlich hochgehoben und damit schwand auch mein letzter Mut. Eine weibliche Stimme sprach zwar beruhigend auf mich ein, aber die Erlebnisse der letzten drei Wochen seit unserer Geburt und besonders die der letzten Stunden hatten doch Spuren hinterlassen.

Eine halbe Stunde später bezogen Kimba und ich unser neues Quartier.
“Wo sind wir hier, Mogli?” fragte Kimba.
“Ich weiß auch nicht genau,” antwortete ich leise während ich den Blick der jungen Frau in meinem kleinen Katzennacken spürte, “aber es hat irgend etwas mit Tierschutz zu tun.”
“Was ist das?” wollte Kimba wiederum wissen.
Ich seufzte. “Weiß nicht.”
Die Frau verließ den Raum, um kurz darauf mit einem Tellerchen Futter zurück zu kehren. Sie nahm den zitternden Kimba auf den Schoß und versuchte ihn zu füttern, was nicht einfach war, denn durch seine vereiternden Augen und durch sein ständiges Kopfwackeln konnte er die Nahrung nicht richtig aufnehmen. Mit mir wurde die Futteraufnahme zu einer noch größeren Herausforderung. Ich steckte mein Mäulchen immer wieder ins Futter, konnte jedoch nichts ergreifen. Erst als ich aus der Menschenhand die mundgerechten Stückchen zurechtgelegt bekam, wurde mein Hunger gestillt.

“Ich muß mal,” jammerte Kimba als wir uns wieder alleine in dem Zimmer befan-den.
“Dann mach doch,” schlug ich vor ohne mich von meiner Erkundungsreise abbringen zu lassen. Mit meinen Pfötchen ertastete ich ein weiches kuscheliges Körbchen, das wohl als Schlafplatz dienen sollte.
“Wohin denn?”
“Ist doch egal,” entgegnete ich während ich die interessante Kiste neben der Schlafgelegenheit inspizierte. Ich lugte über den Rand, konnte jedoch nichts erkennen. Also mußte ich noch näher heran. Irgendwie gelang es mir, die Kiste zu erobern und landete im Katzenstreu. Neugierig scharrte ich die kleinen weißen Steinchen auseinander bevor ich nach meinem Bruder Ausschau hielt.
“Ich glaube, hier ist eine gute Stelle für gewisse Geschäftchen.”
“Zu spät,” teilte Kimba mir mit, der sein Bächlein bereits in der Mitte des Raumes platziert hatte.
Nach einer Weile mauzte ich los und kippte um, weil ich das Gleichgewicht verlor.
“Warum schreist du so?” erkundigte Kimba sich.
“Nur so. Vielleicht kommt jemand,” entgegnete ich und setzte mein Konzert fort.
Kurz darauf erschienen tatsächlich wieder die beiden Frauen, die uns bei sich aufgenommen hatten.
“Was ist denn, mein Kleiner?” sprach Regine, die ältere der beiden.

In der ersten Nacht konnte ich keinen Schlaf finden. Im Bett neben dem Katzen-lager lauschte Andrea, Regines erwachsene Tochter, meiner unruhigen Wan-derung. Schließlich seufzte sie und hob mich aufs Bett.
“Das funktioniert ja richtig gut,” dachte ich freudig und krabbelte sofort unter die Bettdecke, unter die ich mich zufrieden kuschelte. Andrea fischte anschließend nach Kimba und setzte auch ihn auf dem Bett ab. Kimba torkelte zum Fußende und rollte sich dort ein.

Am nächsten Tag fuhren Andrea und Regine mit uns zum Tierarzt. Ängstlich hockten wir auf Andreas Schoß und warteten auf die Behandlung.
Die Tierärztin tupfte meine Augen ab und streifte dann Salbe hinein. Auch Kimbas Augen befreite sie von dem Eiter, der die beiden Lider miteinander verklebt hatte bevor er ebenfalls Salbe verpaßt bekam.
“Ich kann wieder sehen,” freute Kimba sich.
“Weshalb wackeln die Katzen denn so?” fragte Regine die Ärztin.
“Das kommt von dem Katzenschnupfen. Ich gebe Ihnen noch ein Antibiotikum mit und die Augensalbe müßten sie mehrmals täglich in die Augen geben,” schlug sie vor.

Die nächsten drei Wochen versuchten wir unseren Lebensrhythmus zu finden und unsere Krankheit zu bewältigen. Am Wochenende kümmerte Andrea sich um uns und während der Woche, wenn Andrea in der Großstadt arbeitete und dort wohnte, wachte Regine über unser Wohlbefinden. Ich machte geringe Fortschritte bei der Futteraufnahme und meine Schattenwelt wurde langsam klarer. Voraussichtlich lag es aber daran, daß ich mich an meine Umgebung gewöhnt hatte und alles vertraut für mich war. Dennoch hatte ich oft Mühe, mich auf den Beinen zu halten. Durch das Wackeln und Zittern kippte ich ständig um. Trotz alledem freuten wir uns, eine warme und trockene Unterkunft bekommen zu haben, wo es immer genug zu essen gab und wo wir nach Belieben Spielen und Schlafen konnten.
Aber irgendetwas schien Regine und Andrea zu beunruhigen. Die Sorgenfalten, die sich in ihren Gesichtern breit machten, beunruhigten auch mich. Ich spürte, daß etwas nicht in Ordnung war.
Und zu allem Unglück bestätigte sich mein Verdacht. Die beiden Frauen verfrach-teten uns in einen Käfig und setzten sich mit uns ins Auto. Sofort legte ich mit lautstarkem Protest los. Obwohl Kimba mein Geschrei nicht genau zu deuten wußte, unterstützte er mich zaghaft. Wir waren noch nicht im nächsten Ort ange-kommen, da hatten wir Andrea bereits weichgekocht.
“Ach, mein kleiner Mogli, jammere doch nicht so,” versuchte sie mich zu trösten, doch sie brachte es nicht übers Herz, uns weiter im Käfig sitzen zu lassen.
“Eins zu Null für uns,” triumphierte ich.
“Toll, wie du das immer hinbekommst,” bewunderte Kimba mich als er sich neben mir auf Andreas Schoß niederließ und wir die lange Fahrt dort verbringen durften.
“Hoffentlich können die Tierärzte in der Kölner Klinik weiterhelfen,” sagte Regine und Andrea nickte zustimmend.
“Oh Gott, Tierarzt,” durchfuhr mich ein Schreck.

Eigentlich war der Tierarzt gar nicht so schlimm, wenn ich ehrlich war, aber bei meiner Katerehre mußte ich mich gegen die Untersuchung wehren und meine Krallen zeigen. Ich glaube, ich hatte mir Respekt verschafft. Kimba hingegen war vor Angst wie versteinert, obwohl ich die ganze Zeit über rief: “Kämpfe, kämpfe,” aber er schenkte mir keine Beachtung. Als der Typ aber auch dieses spitze Teil in Kimbas Körper bohrte, fauchte er ganz wild und mein Bruderstolz schwoll an.
Jetzt auf der Rückfahrt ging es mir aber mächtig gegen mein Fell, daß wir wieder in dem blöden Käfig hocken mußten, denn Andrea war in Köln geblieben, weil sie zur Arbeit mußte. Trotzdem wollte ich sofort aus dem Käfig. Ich schrie mit meiner rauhen Stimme los. Regine redete die ganze Zeit auf mich ein. Es war zwar ange-nehm, ihrem Tonfall zu lauschen, aber das befreite mich nicht aus meiner Situation. Ich gab jedoch nicht auf. Ausdauernd wie ich sein konnte, strengte ich mich richtig an bis ich beinahe heiser war. Um einen Moment zu verschnaufen, hielt ich kurz inne und dachte darüber nach was der Tierarzt als Begründung angegeben hatte, weshalb wir - und besonders ich - so wackelten und oft umfielen. Ach ja, das zentrale Nervensystem war geschädigt durch einen Virus. Hörte sich irgendwie gefährlich an.
War ich froh als wir endlich zu Hause waren. Mir war schrecklich kalt und ich war katzenmüde. Regine ließ uns in unserem Paradies, in einem halb ausgebauten großen Speicher, der mit einer niedrigen Couch, Sesseln, Matten und Läufern ausgelegt war, frei.
“Schlafen,” dachte ich nur noch und zog mich mit meinen Krallen an dem Sofa hoch. Ich kann nicht sagen wieviel Zeit vergangen war als plötzlich Kimbas Stim-me aus weiter Ferne zu mir durchdrang: “Mogli, wach doch endlich auf.”
Er saß direkt neben meinem Kopf, doch ich konnte ihn nicht ansprechen. Weil er so traurig klang, hätte ich gerne etwas zu ihm gesagt, aber ich dachte nur ans Schlafen und meine Sinne wurden von der eisigen Kälte in meinem Körper beherrscht, obwohl draußen eine schwüle Hitze herrschte und auch der Speicher eine angenehme Temperatur hatte. Ich dämmerte in einen Zustand der Schwerelosigkeit hinüber bis ich ein leichtes Rütteln bemerkte, das ich krampfhaft zu ignorieren versuchte. Irgendetwas schob sich in meinen Po, aber es war mir egal.
“Untertemperatur,” hörte ich Regine murmeln. Sie nahm mich wie ein Baby auf den Arm und wickelte mich in ihren Pulli.
“Wo war die Dunkelheit, schnell laß mich da wieder hin,” versuchte ich zu mauzen, aber es wollte kein Ton mehr aus meiner Kehle kommen. Regine wiegte mich auf ihrem Arm, trug mich durch die Wohnung und pustete zwischendurch immer wieder Luft durch meine Nase. Sie redete mit mir und telefonierte ab und zu. Alles drang durch eine dicke Nebelwand zu mir vor und berührte mich doch irgendwie nicht. Wieder ergriff Dunkelheit Besitz von mir und Regine schluchzte auf. Mir wurde plötzlich bewußt, daß ich im Begriff war, mich aufzugeben. Aber das entsprach nicht meinem Naturell. Schließlich erwartete ich von meinem großen Bruder, daß er kämpfen sollte, also mußte ich auch selbst dazu stehen. Ich nutzte Regines Luftzufuhr, um fleißig mitzuatmen und die Wärme, die meinem Körper zugeführt wurde, breitete sich langsam aus und kurbelte meinen Kreislauf an.
Endlich, endlich hatte ich wieder genug Kraft und ließ mein lautes Stimmchen im Raum erschallen...

¯

Ich legte mich auf die Lauer. Kimba mußte jeden Moment um die Ecke kommen. Und da war er auch schon. Todesmutig stürzte ich mich auf ihn und verfehlte ihn knapp. Sofort drehte ich mich um und verwickelte ihn in ein Gerangel. Das machte Spaß.
Doch unser Spiel wurde gestört. Andrea verabreichte jedem von uns eine kleine Tablette, von der uns ganz komisch wurde und schmierte uns immer wieder Salbe in die Augen.
Zwei Wochen waren seit meinem Todeskampf vergangen und ich war froh, daß ich mich für das Leben entschieden hatte. Doch seitdem Andrea uns diese Medizin gab, kippte ich viel häufiger um. Kimba hatte oft Orientierungsprobleme, manchmal fand er unseren Klo gar nicht mehr.
Zum Glück bemerkte Andrea recht schnell, daß die Tabletten nicht die gewünsch-te Wirkung brachten, denn zunächst reduzierte sie die Dosis bis sie die Eingabe schließlich ganz einstellte. Unser Zustand normalisierte sich wieder. Das Antibio-tikum, das wir dann noch erhielten, war wirklich nur ein kleines Übel, eigentlich schmeckte es sogar ganz lecker.

Als wir körperlich wieder stabiler waren, begann ein neuer Lebensabschnitt für uns. Wir wurden zu sogenannten Pendlern. Andrea nahm uns die Woche über mit nach Köln, wo sie mit ihrem Freund Daniel wohnte, und am Wochenende fuhren wir alle zusammen wieder zu Regine. Das war genau das richtige für meine Ent-deckerlust. Kimba hingegen war etwas verängstigt in der neuen Umgebung. Er versteckte sich vor Daniel obwohl wir ihn ja schon bei Regine immer wieder zu sehen bekommen hatten.
Für trübe Gedanken hatte ich allerdings jetzt keine Zeit, schließlich wollte noch so viel von mir entdeckt werden. Ich stellte fest, daß ich mich im Schlafzimmer befand, in dem ein großes Doppelbett seinen Platz gefunden hatte. Unser Schlaf-platz war somit geklärt.
“Attacke,” rief ich und stürmte los. Ich durchquerte einen kleinen Flur und gelang-te ins Wohnzimmer. Dort kollidierte ich zwei-, dreimal mit dem Wohnzimmer-schrank, weil mein Gleichgewicht mich etwas im Stich ließ, doch unbeirrt setzte ich meinen Weg fort, und so gelangte ich an Daniel vorbei durch eine offen stehende Glastür in einen weiteren Raum und begann zu schweben. Eine unsanfte Landung auf einem Grasstreifen folgte sogleich. Verdattert sah ich mich um und entdeckte Daniel, der über die Brüstung des Balkons sprang, um mich wieder einzusammeln. Upps, im Eifer des Gefechts war mir gar nicht aufgefallen, daß ich die Wohnung bereits wieder verlassen hatte. Welch Glück, daß wir im Erdgeschoß wohnten.
“He Mogli, komm her,” rief Kimba bei meiner Rückkehr, “ich habe die Futterstelle gefunden.” Fleißig machte er sich wieder über seinen Napf her. Temperamentvoll und überaus eilig steuerte ich mein Töpfchen an, doch ich bremste zu spät. Mein armer Bruder mußte leider mal wieder Bremsbock spielen.
“Tschuldigung,” murmelte ich kleinlaut, rappelte mich wieder hoch und steckte meine kleine Nase so tief es ging in den Futternapf.
Zufrieden leckte ich mir nach der Stärkung mein Mäulchen ab und wie verabredet machten wir beide uns dann auf die Suche nach einem gemütlichen Plätzchen. Das Sofa schien uns geeignet. Kimba hüpfte mit Anlauf hinauf und ich spurtete hinterher und setzte zum Sprung an. Nanu, wo war bloß das Sofa? Geradeso er-wischte ich noch die Lehne, rammte meine Krallen hinein und rutschte mit einem kratzenden Geräusch an dem glatten Leder hinab. Daniel kam herbeigeeilt und legte einige Wolldecken über die komplette Couchgarnitur. Dann setzte er mich behutsam auf dem Möbelstück ab. Jetzt war ich zwar oben, aber was sollte ich nun noch hier? Kimba hatte sich bereits wieder aus dem Staub gemacht.
“Spielzeug,” hörte ich ihn plötzlich rufen und mit irgend etwas erzeugte er rasselnde Töne. Ich mußte sofort in Erfahrung bringen was da los war. Eilig lief ich los und plumpste auf den Boden. Autsch, das tat weh. Ich hatte wohl etwas beim Hinunterspringen nicht beachtet. Bei Kimba sah das ganz einfach aus. Ob ich ihn fragen sollte? Erst einmal würde ich versuchen meine eigene Technik zu entwickeln, entschied ich mich und stapfte meinem Bruder entgegen.

Fortsetzung folgt...
 
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Das Ende einer Schattenwelt - von Mogli 2. Teil

Am nächsten Morgen bot sich die Gelegenheit für einen neuen Abstiegversuch, diesmal vom Bett. Unschlüssig stand ich an der Bettkante und starrte auf den dunklen Teppichboden. Kimba reckte und streckte sich und gähnte dabei ausgiebig. Dann sprang er mit Schwung auf den Boden, wobei seine Hinterbeine ein klatschendes Geräusch verursachten.
“Wo bleibst du?” erkundigte er sich bei mir. “Es gibt bestimmt schon Frühstück.”
Ich lauschte und mußte ihm aufgrund des vertrauten Geklapper zustimmen. Jetzt war Eile angesagt. Nicht auszudenken, wenn ich etwas verpaßte. Also holte ich Anlauf, um es Kimba gleichzutun, doch im letzten Moment verließ mich der Mut. Abrupt stemmte ich meine Vorderbeinchen in das Laken und krallte mich fest, um anzuhalten. Aber leider bekamen meine Hinterbeine und der restliche Körper von meinem Vorhaben nichts mit. Ungebremst schoß mein Hinterteil an meinem Kopf vorbei und mein Leib drehte sich wie eine Schraube mit. Durch diese kleine Turneinlage war nur noch eine geringfügige Distanz zwischen meinen Hinterpfötchen und dem Boden. Langsam ließ ich mich das letzte Stück hinuntergleiten und seufzte auf. “Echt cool.” Auf jeden Fall war diese Methode ausbaufähig.
Nach einem ansehnlichen Frühstück, von dem Kimba mir netterweise etwas übrig gelassen hatte und der morgendlichen Augenbehandlung blieben wir uns selbst überlassen. Wir tobten etwas herum und schliefen viel, aber abends, wenn unsere... ja, was waren sie eigentlich für uns?
“Kimba, glaubst du, Andrea und Daniel sind unsere Eltern?”
Er sah mich nachdenklich an. “So etwas ähnliches schon,” meinte er dann zuversichtlich.
Abends wurde jedenfalls immer fleißig gespielt und nach der abendlichen Stärkung ein kleines Schläfchen gehalten, um anschließend wieder fit fürs Umhertollen zu sein.

Die nächsten Wochen wurden sehr lehrreich für Kimba und mich. Wir verbesserten beide unseren Laufstil, obwohl Kimba mir dabei immer noch weit überlegen war. Meine Abstiegstechnik von Möbeln reifte sich ebenfalls immer weiter aus und seitdem ich es ohne Anlauf versuchte, kugelte ich mir auch nicht mehr beinahe meine Beinchen aus. Wir interessierten uns für neues Spielzeug und besonders für die leckeren Häppchen während des Abendessens. Ich sah ein, daß ich nicht auf den Wohnzimmerteppich machen durfte und auch Kimba bemühte sich, nicht wieder sein Geschäftchen im Schlafzimmerschrank zu verrichten. Bis auf wenige Ausnahmen waren wir vorbildliche Reisekätzchen und sogar die unvermeidbaren Tierarztbesuche wegen einigen Fieberschüben, die uns hin und wieder heimsuch-ten, erduldeten wir fast stillschweigend. Wir waren richtige Prachtburschen.

¯

“Wir bekommen gleich Besuch. Ich hoffe, ihr zeigt euch von eurer besten Seite,” ermahnte Andrea uns lächelnd.
“Besuch?” Kimba sah mich fragend an. Ich blickte ratlos zurück.
Als es kurze Zeit später an der Türe schellte und wir uns dadurch fürchterlich er-schreckten, sollte unsere Neugierde befriedigt werden.
Daniel kehrte mit zwei weiteren Personen ins Wohnzimmer zurück.
“Hilfe, Fremde,” rief Kimba entsetzt aus und flitzte schnell zum Couchende, um sich zu verstecken. Ich blieb interessiert stehen und betrachtete die Besucher.
“Das sind doch keine Fremden,” beruhigte ich Kimba, “das sind Andreas Bruder und seine Freundin.”
Doch Kimba blieb verschwunden. Ich ließ mich eine Weile streicheln und ver-hätscheln bevor ich mich zu einem Ruheposten zurückzog. Nach einer halben Ewigkeit traute Kimba sich endlich hervor und ich nutzte die Gelegenheit sofort zum Angriff. Todesmutig stürzte ich mich vom Sessel aus auf ihn und riß ihn zu Boden. Wild wälzten wir uns über den Teppich und rauften uns das Fell, bedacht darauf unserem Besuch eine gute Show zu liefern.

Wir tollten und tobten umher und fühlten uns pudelwohl. Nichts und niemand konnte uns aufhalten. Oder doch? Das Fieber holte uns wieder ein. Andrea verab-reichte uns sofort wieder Medikamente, die bei mir recht gut anschlugen, doch Kimbas Temparatur sank nur langsam. Unsere “Eltern” ließen uns zwar am nächsten Morgen nicht gerne alleine als sie zur Arbeit mußten, aber andererseits waren unsere Fieberschübe inzwischen auch nichts Außergewöhnliches mehr. Aber diesmal wurde es anders. Nach unserem Frühstück legten wir uns wieder ins Bett und schliefen noch ein Weilchen. Als ich den Drang der Natur verspürte, suchte ich eine unserer Toiletten auf. Ich fühlte mich schon wieder recht fit und hatte Lust auf ein kleines Kämpfchen. Eilig sprang ich aufs Bett zurück und griff Kimba an. Er wehrte sich kaum und fauchte mich nur wütend an. Mißmutig ließ ich von ihm ab. Es machte keinen Spaß, wenn er nicht richtig bei der Sache war. Kurz darauf stand Kimba auf, torkelte ein Stück über das Bett und fiel um.
“Was ist los?” fragte ich ihn verwundert.
“Ich weiß auch nicht. Meine Beine wollen mir nicht mehr gehorchen,” erklärte er mir mit einem Anflug von Panik in der Stimme.
“Vielleicht hast du nur falsch gelegen. Versuchs noch einmal,” versuchte ich ihn zu überzeugen. Wieder erhob er sich, purzelte jedoch sofort zur anderen Seite.
“Ich kann nicht,” jammerte er verzweifelt.
In mir stieg Angst auf. “Gleich kommt bestimmt Andrea nach Hause und guckt nach dir,” redete ich ihm und auch mir selbst ein, doch bis dahin sollten noch Stunden vergehen. Ich legte mich solidarisch zu Kimba und wartete. Er war längst nicht mehr in der Lage, mir zu antworten.
Endlich hörte ich das Türschloß. “Wir haben euch etwas Leckeres mitgebracht,” rief Andrea zur Begrüßung bevor sie uns über unsere Köpfe strich. Dann ging sie in die Küche, um die Einkaufstüte abzustellen während Daniel die Alarmanlage ausschaltete. Andrea kehrte ins Schlafzimmer zurück. “Na, gehts euch immer noch nicht so gut?”
Kimba sprang vom Bett hinunter und landete unsanft auf dem Boden. Sein Versuch aufzustehen mißlang. Erschrocken hob Andrea ihn hoch und kontrollierte seine Beinchen. Anscheinend vermutete sie, daß er sich etwas gebrochen hatte. Nachdem sie nichts feststellen konnte, setzte sie ihn wieder auf dem Boden ab. Er versuchte zu gehen, drehte sich aber nur um seine eigene Achse und fiel hin.
“Was ist?” fragte Daniel, der hinzugekommen war.
“Kimba kann nicht mehr laufen oder sitzen,” berichtete Andrea schockiert. Sie hob ihn erneut hoch und brachte ihn zum Katzenklo, wo er endlich den Druck von seiner Blase lassen konnte. Dann überlegte sie nicht lange, verfrachtete uns in unseren Transportkorb und fuhr mit uns zum Tierarzt.
Nach Andreas Ausführungen untersuchte er uns beide und verabreichte Kimba und auch mir eine Spritze.
“Das Fieber hat das Gehirn angegriffen,” erklärte Dr. Barusch. “Am Freitag kommen Sie bitte noch einmal vorbei. Wenn bis dahin keine Besserung eingetreten ist, dann... müssen wir leider mit ihm... aufhören.” Mitfühlend sah er Andrea an. Sie konnte nur nicken.
Die nächsten drei Tage wurden zur Tortur. Daniel und Andrea teilten sich ihre Arbeit so ein, daß wir nie alleine waren. Ich hatte bereits am nächsten Tag den Eindruck, daß sich Kimbas Zustand verbessert hatte, doch vielleicht bildete ich es mir auch nur ein. Nach einem weiteren Tag stimmte Daniel mir zu. Immerhin konnte mein Bruder wieder selbständig sitzen. Nur mit dem Gehen haperte es noch sehr. Selbst am Freitag war Andrea noch nicht davon überzeugt, daß Kimbas Zustand vor Dr. Bauschs Prüfung bestehen konnte.
Diesmal begleitete uns auch Daniel. Auf dem Weg zur Praxis war Andrea leichen-blaß und sprach während der Fahrt kein Wort.
Angespannt saßen wir im Wartezimmer. Kimba wirkte eigentlich ziemlich gelas-sen, aber das lag wahrscheinlich daran, daß er nicht genau wußte, was mit ihm los war und ich fühlte mich nicht in der Lage ihn aufzuklären. Wozu auch? Es änderte ja nichts an der Sache außer daß es ihm Angst machte und davon hatte ich für uns beide schon genug. Irgendwann kamen wir leider endlich an die Reihe. Mein Herz schlug bis zum Hals und ich bemühte mich es nicht hinauszulassen. Am Rande vernahm ich Andreas leise Stimme und den angenehmen Klang von Dr. Baruschs Worten, aber verdammt, ich hatte nichts mitbekommen durch das Dröhnen in meinen Ohren. Kimba wurde meiner Obhut entrissen indem man ihn einfach aus unserer Höhle nahm. Ich protestierte.
“....ist es schon sehr gut, daß er wieder sitzen kann.... Und das Laufen klappt auch schon etwas.... ist auf jeden Fall eine Basis auf der man aufbauen kann.” Die Wortfetzen drangen endlich zu mir durch. Ich hörte erleichtertes Lachen und Andrea plapperte munter drauf los. Keine Tränen, kein Jammern. Wir mußten nicht mit Kimba aufhören. Ich hüpfte einen kleinen Freudentanz. Unsere Zwei-Mann-Armee blieb bestehen. Wir ließen uns doch nicht so schnell unterkriegen. Kimba hatte eine zweite Chance erhalten.


“Wie fühlst du dich?” fragte ich meinen Bruder während wir wieder einmal im Wartezimmer des Tierarztes saßen.
“Wie soll ich mich schon fühlen?” gab Kimba patzig zurück. Ich hatte ihn beim letzten Tierarztbesuch wohl wegen seiner Angst zu sehr aufgezogen.
“Aber dir geht es doch gut, oder?” hakte ich nach, um meine Neugierde zu befrie-digen.
“Ja,” brummte er.
“Ich bin auch fit,” teilte ich Kimba mit, um ihn in meine Gedankengänge einzuwei-hen. “Was aber tun wir dann hier?”
Ich sah Kimba an, daß er angestrengt nachdachte. “Deine Augen....,” murmelte er.
“Was ist damit?” wollte ich wissen.
“Na ja, sie sehen merkwürdig aus...,” gab er zaghaft zu. “
Es war gut möglich, denn von meinen Augen war in der letzten Zeit oft die Rede gewesen.
“Und weshalb bist du dann hier?” stichelte ich.
“Seelische Unterstützung,” behauptete Kimba voller Überzeugung. Doch er sollte sich irren.
Wir bekamen in der Praxis beide eine Spritze verpaßt und irgendwie haßte ich diesen Tag schon. Mein Magen knurrte. Andrea hatte uns ohne Frühstück aus dem Haus geschleppt und am Vorabend war sie auch schon ziemlich geizig mit dem Essen gewesen. Meine Knochen wurden schwer und müde und die Augen-lider gaben sich völlig der Schwerkraft hin. Na ja, ein Schläfchen ist vielleicht gar nicht so übel überlegte ich, und gleich darauf befand ich mich im Reich der Träume.
Wie gerädert wachte ich auf. Mann, war ich kaputt. Immer wieder schlossen sich meine Augen und irgendwann gab ich den Kampf auf und schlummerte weiter. Im Halbschlaf bekam ich mit, daß wir wieder transportiert wurden. Als meine Wahrnehmung intensiver wurde, waren wir bereits zu Hause. Meine Augen brannten leicht und irgendetwas zwickte an meinem Hinterteil.
“Mein Popo tut weh,” nörgelte Kimba als er versuchte von der Decke im Wohn-zimmer aufzustehen.
“Meiner auch,” bestätigte ich verwundert. Ich bemühte mich ebenfalls mich zu er-heben, doch etwas, das stärker war als mein Willen ließ mich erschöpft wieder auf meine Liegestelle fallen. Als ich mich endlich kräftig genug fühlte, begab ich mich in die Küche. Tatsächlich fand ich dort eine kleine Portion Futter, die Kimba übrig gelassen hatte.
“Super,” freute ich mich und schlug mir den Bauch voll.
“Mach langsam,” warnte Andrea mich.
Doch beim Fressen beeilte ich mich grundsätzlich. Nachdem alles verspeißt war, stiefelte ich zurück ins Wohnzimmer, wo Kimba in beinahe alter Frische mit unserem Fellmäuschen spielte. Zunächst entschloß ich mich, ihn anzugreifen, doch urplötzlich entschied ich mich dagegen als mich ein merkwürdiges Gefühl heimsuchte.
“Oh je, ist mir schlecht,” jammerte ich und übergab mein Mageninneres sehr unfein auf den Teppich.
“Sorry,” murmelte ich und torkelte auf die Decke zurück. Heute war einfach nicht mein Tag. Ich beschloß ihn aus dem Kalender zu streichen. Daraufhin ging es mir sofort besser und ich widmete mich dann dem einzig Vernünftigen, den Rest des Tages zu schlafen.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war nichts mehr wie vorher. Ich konnte nicht direkt orten was es war, aber ich wußte und spürte, daß sich etwas verän-dert hatte. Das Ziepen an meinem Po war nicht mehr da und auch das Brennen meiner Augen hatte nachgelassen. Meine Augen... Ich wischte mir den Schlaf heraus und hielt Ausschau nach Kimba. Er lag direkt neben mir und ich zuckte kurz zusammen, weil er so “nah” war.
“Kimba,” rief ich aufgeregt.
Er blinzelte schwerfällig mit den Augenlidern.
“Kimba, siehst du das auch?”
“Hmh,” brummte er oberflächlich.
“Du bist so nah, so deutlich,” versuchte ich ihm zu erklären.
Verständnislos sah er mich an bevor er sich zur anderen Seite drehte und weiter-schlief. Ich begriff langsam, daß sich nur bei mir etwas verändert hatte. Eilig klet-terte ich von dem Bett und lief ins Wohnzimmer. Erstaunt blieb ich vor dem großen Schrank stehen und betrachtete aufmerksam alle anderen Gegenstände. Ich konnte sie klar erkennen, ohne den Schleier, der mich neun Monate meines Lebens begleitet und für mich völlige Normalität dargestellt hatte. Doch nun hatte sich der Nebel aufgelöst und all seine Spuren verwischt als hätte es ihn nie gegeben. Endlich war ich angekommen, am Ende meiner Schattenwelt.
 
  • Das Ende einer Schattenwelt - von Mogli 1. Teil Beitrag #3
och ne, solch traurige geschicjhte die macht einem voll traurig.
aber ist super, dass es den beiden nun so besser ergangen ist auch wenn einem bei der geschichte die trännen kommen.
 
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