ich unterscheide zwischen 'Longieren' und 'Abschleudern'.
Abscheudern nenne ich es, wenn ein Pferd einfach im Kreis gescheucht wird ohne Sinn und Verstand oder um überschüssige Energie loszuwerden. Bei Jungpferden und bei Pferden, die sich ohne Reiter allein durch Bewegung lösen ist das z.B. meist sinnvoll. Auch ältere Pferde profitieren davon (einfach ein bischen warmlaufen ohne Reitergewicht, auf großem Zirkel oder ganze Bahn mit mitlaufendem Longenführer).
Longieren ist für mich, wenn ich mit dem Longieren des Pferdes erreichen will, dass sich die Reiteigenschaften und die Bemuskelung des Pferdes verbessern.
Am Ende jedes Longierens steht bei mir immer Bodenarbeit an, die die Reiteigenschaften verbessert, das Pferd löst (z.B. Seitwärts), die Bindung zum Pferd verstärkt, dem Pferd ein besseres Körpergefühl gibt, dem Pferd ein besseres Gleichgewicht (ohne störendes Reitergewicht) verschafft und die Konzentrationsfähigkeit und - zeit verbessert und verlängert.
Das Endziel (Fernziel) des Longierens ist dann, dass das Pferd durch entsprechende Bemuskelung und damit einhergehender Änderung der Gangmechanik rein am Stallhalfter in korrekter Haltung, gelenkschonend läuft.
Einem korrekt bemuskelten Pferd fällt die korrekte Haltung leichter. Ein Pferd das gelernt hat, gelassen Hilfen anzunehmen, wird immer schneller und besser lernen, weil das Lernen aus der Ruhe heraus erfolgt. Erst lernen ohne störendes Reitergewicht, dann mit Reiter.
Hieraus resultiert, dass sich die Wahl der Hilfsmittel rein an dem erstrebten Nahziel richtet.
Somit kann ich gar nicht sagen, ob nun Gebiss, Sidepull oder Kappzaum besser sind. Das beste Hilfsmittel ist immer das, was man ausschalten kann.
Mal ein 'radikales' Beispiel:
Meine jetzt 6-jährige bekam ich mit 4 Jahren, roh. Sie hatte einen extremen Unterhals und einen langen Rücken. Sie lief permanent wie ein Sterngucker, die HH arbetete mehr vom Körper weg als unter den Körper. An einen Sattel ist bei so einem Pferd nicht zu denken. Da ich alle Pferde vor dem Anreiten dem Ostheopathen/Akkupunkteur und Zahnarzt vorstelle, kam heraus, dass sie wohl auf der Wiese einen Unfall (vermutlich Sturz) hatte und daher falsche Muskulatur entwickelt hatte, zudem neigte sie stark zum Verwerfen im Genick. Das ist nicht ungewöhnlich bei jungen Pferden, während der Aufzuchtjahre kann schonmal etwas passieren.
Nach der Behandungszeit des Pferdes begann also das eigentliche Aufbauprogramm um dem Pferd die Muskulatur anzutrainieren, dass sie einen Reiter ohne Probleme mit Leichtigkeit tragen kann. Das Anreiten soll nämlich auf jeden Fall angenehm für das Pferd sein.
Daher wurde sie schneller ans Gebiss gewöhnt, als ich das sonst mache (normalerweise werden meine Pferde gebisslos angeritten und lernen das Gebiss nach ca. 4-6 Monaten kennen). Da ich mit Kappzaum nicht reite, sollte sie sich -vorbereitend für das Reiten- gleich an das Gebiss gewöhnen. Beim gebisslosen Anreiten nehme ich ein Sidepull oder Bosal.
In der Bodenarbeit wurde der Schwerpunkt auf Körpergefühl und Koordination der HH gelegt.
Bei der Gewöhnung ans Gebiss zeigte sich, dass die Stute ein extrem weiches Maul hatte, daher kam eine Gewöhnung an die Doppellonge nicht in Frage.
Die Stute wurde dann vorne mit Wienerzügel ausgebunden, so lang, dass sie bequem den Kopf weit hochnehmen konnte, der Unterhalsmuskel jedoch nicht angespannt werden konnte (Muskelbild). Hinten wurde ein Körperband befestigt. Die Stute wurde dann so longiert, dass sie sich in verschiedenen Stellungen und Biegungen strecken konnte und durch Aktivierung der HH den Hals fallen ließ. Der Wienerzügel diente ausschließlich zur Begrenzung und war extrem lang verschnallt.
Beim Longieren erfolgten sehr viele Handwechsel und es wurde anfangs nur 15 Min. longiert, diese Zeit verlängerte sich nach und nach. Der Rest war Bodenarbeit und viel Kopfarbeit und Motivation.
Nach 4 Monaten war die Muskulatur der Stute so 'umgebaut', dass sie problemlos angeritten werden konnte. Nach 6 Monaten war die Muskulatur so umgebaut, dass sie nach Lösung auch am Stallhalfter korrekt läuft. Sie hat sich nicht nur zu einem braven, motivierten und freundlichen Pferd entwickelt, die gern zeigt was sie kann und gelernt hat. Sie kann mittlerweile auch ohne Kopfstück geritten werden, ohne dass sie die korrekte Haltung verlässt.
Der 'Umbau' von Muskulatur dauert lange und sollte sanft und schrittweise motivierenderfolgen.
Meiner Meinung nach werden immer zu schnell Erfolge erwartet und daher zu starke Zwangsmittel verwendet, egal welche man wählt. Lässt man dem Pferd die Zeit, die es zum korrekten Muskelaufbau und Abbau der 'falschen' Muskulatur benötigt, lernt das Pferd am Ende viel schneller und besser, da es motiviert mitarbeitet.