- Stierkampf Beitrag #1
Elkecita
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Ich weiss ja jetzt nicht, ob das hier in die Kategorie reinpasst, hatte aber nichts passenderes gefunden.
In einem anderen Thread kam eben das Thema Stierkampf auf, und auch wenn diejenige, die das Thema aufgeworfen hat, hier nicht mitlesen wird, möchte ich dann doch einmal dieses leidige Thema ansprechen.
Gestern hat San Fermín angefangen, die Fiestas von Pamplona, die schon Ernest Hemingway in seinen Romanen unsterblich gemacht hat. Das bringt dann jedes Mal den Stierkampf wieder auf die ersten Seiten der Medien und heizt die Diskussion an.
Als ich nach Spanien kam, fand ich Stierkampf furchtbar. Ich bin in eine Corrida rein und habe die ganze Zeit gehofft, der Stierkämpfer wird auf die Hörner genommen. Hatte aber Pech, bei der Corrida geschah nichts dergleichen :mrgreen:. Dagegen litt ich mit dem Stier, jedes Mal, wenn ihm wieder eine Banderilla in den Rücken gestochen wurde oder der Picador vom Pferd runter den Speer ins Fleisch bohrte. Wie man eine solche Tierquälerei zulassen konnte, war mir schleierhaft.
Nun lebe ich schon fast 30 Jahre in Spanien. Meine Ansicht zu dem Thema Stierkampf hat sich verändert, ich kann nun die Pros und Contras abschätzen und gegeinanderstellen. Es ist - wie mit vielem auf dieser Welt - nicht so einfach Schwarz-Weiss, es gibt Schattierungen.
1. Tradition
Der Stierkampf hat Spaniens Kultur geprägt, angefangen von der Musik (beim Pasodoble ist der Mann der Torero und die Frau die Muleta - Pasodoble ist die Leitmusik des Stierkampfs), Literatur (egal ob Cervantes, Lope de Vega, Calderón de la Barca, García Lorca ....................), Kunst (man denke nur an die Gemälde von Goya), die Liste ist unendlich fortzusetzen. Die Fiestas in Spanien drehen sich in vielen Orten um den Stierkampf als zentrales Thema.
Ok, Tradition ist schön und gut, aber wir sind Menschen, die dem Wohl der Tiere zuliebe auch mit Traditionen brechen können. Und die WErke von Cervantes und Goya bestehen weiterhin, auch wenn in Zukunft keine Stierkämpfe mehr stattfinden. Gebe ich zu.
2. Fortbestand der Rasse
Ohne Stierkampf keine Kampfstiere. So einfach. Der Kampfstier, das Wahrzeichen Spaniens (man nennt Spanien auch "die Stierhaut" wegen der Form des Landes), würde schlicht und ergreifend aussterben. Einen Kampfstier aufzuziehen kostet ein Heidengeld, wenn es keinen Abnehmer dafür mehr gäbe, käme kein Mensch mehr auf die Idee, diese Tiere zu züchten. Sie sind als Milchkühe nicht geeignet, erstens geben sie zu wenig Milch, zweitens sind sie viel zu aggressiv (der Melker müsste mit einer Rüstung unterwegs sein). Das gleiche gilt für die Fleischproduktion, wo es viel ergiebigere und sanftere Rassen gibt, aber vor allem, viel pflegeleichtere und billigere.
Was würde das mit sich ziehen, ausser ein paar Stierzüchtern, die sich einen neuen Job suchen müssten? Nun, eine typische Landschaft Spaniens, die Dehesa, würde ebenfalls verschwinden, da sie geprägt ist durch die grossen Kampfrinderherden, die das Gras um die Korkeichen herum kurzhalten und Strauchbildung verhindern.
OK, auch verkraftbar, die Natur sucht sich dann wieder ihren freien Lauf und es sieht dann eben "anders" aus.
Aber, bleibt immer noch, dass es den Kampfstier, dieses herrliche kraftvolle Tier, Wahrzeichen des Landes, in der Form und Weise nicht mehr geben würde.
3. Wer lebt besser: das Fleisch- und Milchrind oder der Kampfstier?
Da streiten sich nun auch die Geister. Tierquälerei in den letzten 20 Minuten seines Lebens hin oder her, der Kampfstier lebt 4 bis 5 Jahre lang wie Gott in Frankreich. Kaum ein Tier wird so gehegt und gepflegt, bekommt das beste Fressen, ausgezeichnete tierärztliche Versorgung, lebt in Fast-Freiheit, praktisch sein ganzes Leben lang, auf freier Weide. Ein Schlachtrind wird nicht mal 2 Jahre alt, lebt bestenfalls in einem halboffenen Stall (jetzt mal von Biohaltung abgesehen) und bekommt Einheitsfrass. Was nun die Tötung im Schlachthof angeht, so möchte ich nicht wissen, was die Rinder schon auf dem Weg dorthin, in der Zeit vor der Tötung und im Moment der Tötung leiden. Ich denke da lieber nicht dran, wenn ich mein Steak esse. Ein Kampfstier ist von Natur aus aggressiv, er wird daraufhin gezielt gezüchtet. Tiere, die zu "manso" (zahm) sind, werden sofort aus der Züchtung genommen. Die jungen Kühe und zukünftigen Mütter der Kampfstiere werden von klein auf dahingehend geprüft, ob sie "bravas" sind, also mutig. Der Stier tut in der Arena eigentlich das, was er auch auf der Weide mit anderen Stieren tut: Kämpfen (nicht selten gibt es blutige oder sogar tödliche Kämpfe in der Dehesa). Der Torero ist ihm eigentlich unterlegen, was Kraft und Schnelligkeit angeht (und nicht selten landet einer auf der Intensivstation oder unter der Erde). Der Stier wird verletzt, muss weiterkämpfen, blutet, hat Schmerzen. Aber man sagt eben, es ist ein "würdiger Tod" im Kampf um Leben und Tod. Zeigt der Stier viel "nobleza" (Edelmut, Mut und Furchtlosigkeit), wird ihm das Leben geschenkt und er darf ab dann bis zum Lebensende unaufhörlich kleine Stiere erzeugen.
Ich bin hin und hergerissen, was das Thema angeht. Meine Schwiegermutter liebt den Stierkampf, und ganz selten mal gehe ich mit ihr hin. Wenn ich den Picador sehe, wirds mir übel und am liebsten würd ich ihn vom Pferd schmeissen. Ich leide mit dem Stier, möchte aber andererseits auch nicht, dass die Tradition und damit auch dieses Tier ausstirbt.
Alternative: der portugiesische Stierkampf, die Recortadores. Die springen über den Stier und tun ihm kein Leid an. Nur frag ich mich hinterher, was mit den jeweiligen Stieren passiert. Ich nehme an, die werden auch nach dem Kampf geschlachtet und verspeist.
So, jetzt könnt Ihr über mich herfallen.:mrgreen:
In einem anderen Thread kam eben das Thema Stierkampf auf, und auch wenn diejenige, die das Thema aufgeworfen hat, hier nicht mitlesen wird, möchte ich dann doch einmal dieses leidige Thema ansprechen.
Gestern hat San Fermín angefangen, die Fiestas von Pamplona, die schon Ernest Hemingway in seinen Romanen unsterblich gemacht hat. Das bringt dann jedes Mal den Stierkampf wieder auf die ersten Seiten der Medien und heizt die Diskussion an.
Als ich nach Spanien kam, fand ich Stierkampf furchtbar. Ich bin in eine Corrida rein und habe die ganze Zeit gehofft, der Stierkämpfer wird auf die Hörner genommen. Hatte aber Pech, bei der Corrida geschah nichts dergleichen :mrgreen:. Dagegen litt ich mit dem Stier, jedes Mal, wenn ihm wieder eine Banderilla in den Rücken gestochen wurde oder der Picador vom Pferd runter den Speer ins Fleisch bohrte. Wie man eine solche Tierquälerei zulassen konnte, war mir schleierhaft.
Nun lebe ich schon fast 30 Jahre in Spanien. Meine Ansicht zu dem Thema Stierkampf hat sich verändert, ich kann nun die Pros und Contras abschätzen und gegeinanderstellen. Es ist - wie mit vielem auf dieser Welt - nicht so einfach Schwarz-Weiss, es gibt Schattierungen.
1. Tradition
Der Stierkampf hat Spaniens Kultur geprägt, angefangen von der Musik (beim Pasodoble ist der Mann der Torero und die Frau die Muleta - Pasodoble ist die Leitmusik des Stierkampfs), Literatur (egal ob Cervantes, Lope de Vega, Calderón de la Barca, García Lorca ....................), Kunst (man denke nur an die Gemälde von Goya), die Liste ist unendlich fortzusetzen. Die Fiestas in Spanien drehen sich in vielen Orten um den Stierkampf als zentrales Thema.
Ok, Tradition ist schön und gut, aber wir sind Menschen, die dem Wohl der Tiere zuliebe auch mit Traditionen brechen können. Und die WErke von Cervantes und Goya bestehen weiterhin, auch wenn in Zukunft keine Stierkämpfe mehr stattfinden. Gebe ich zu.
2. Fortbestand der Rasse
Ohne Stierkampf keine Kampfstiere. So einfach. Der Kampfstier, das Wahrzeichen Spaniens (man nennt Spanien auch "die Stierhaut" wegen der Form des Landes), würde schlicht und ergreifend aussterben. Einen Kampfstier aufzuziehen kostet ein Heidengeld, wenn es keinen Abnehmer dafür mehr gäbe, käme kein Mensch mehr auf die Idee, diese Tiere zu züchten. Sie sind als Milchkühe nicht geeignet, erstens geben sie zu wenig Milch, zweitens sind sie viel zu aggressiv (der Melker müsste mit einer Rüstung unterwegs sein). Das gleiche gilt für die Fleischproduktion, wo es viel ergiebigere und sanftere Rassen gibt, aber vor allem, viel pflegeleichtere und billigere.
Was würde das mit sich ziehen, ausser ein paar Stierzüchtern, die sich einen neuen Job suchen müssten? Nun, eine typische Landschaft Spaniens, die Dehesa, würde ebenfalls verschwinden, da sie geprägt ist durch die grossen Kampfrinderherden, die das Gras um die Korkeichen herum kurzhalten und Strauchbildung verhindern.
OK, auch verkraftbar, die Natur sucht sich dann wieder ihren freien Lauf und es sieht dann eben "anders" aus.
Aber, bleibt immer noch, dass es den Kampfstier, dieses herrliche kraftvolle Tier, Wahrzeichen des Landes, in der Form und Weise nicht mehr geben würde.
3. Wer lebt besser: das Fleisch- und Milchrind oder der Kampfstier?
Da streiten sich nun auch die Geister. Tierquälerei in den letzten 20 Minuten seines Lebens hin oder her, der Kampfstier lebt 4 bis 5 Jahre lang wie Gott in Frankreich. Kaum ein Tier wird so gehegt und gepflegt, bekommt das beste Fressen, ausgezeichnete tierärztliche Versorgung, lebt in Fast-Freiheit, praktisch sein ganzes Leben lang, auf freier Weide. Ein Schlachtrind wird nicht mal 2 Jahre alt, lebt bestenfalls in einem halboffenen Stall (jetzt mal von Biohaltung abgesehen) und bekommt Einheitsfrass. Was nun die Tötung im Schlachthof angeht, so möchte ich nicht wissen, was die Rinder schon auf dem Weg dorthin, in der Zeit vor der Tötung und im Moment der Tötung leiden. Ich denke da lieber nicht dran, wenn ich mein Steak esse. Ein Kampfstier ist von Natur aus aggressiv, er wird daraufhin gezielt gezüchtet. Tiere, die zu "manso" (zahm) sind, werden sofort aus der Züchtung genommen. Die jungen Kühe und zukünftigen Mütter der Kampfstiere werden von klein auf dahingehend geprüft, ob sie "bravas" sind, also mutig. Der Stier tut in der Arena eigentlich das, was er auch auf der Weide mit anderen Stieren tut: Kämpfen (nicht selten gibt es blutige oder sogar tödliche Kämpfe in der Dehesa). Der Torero ist ihm eigentlich unterlegen, was Kraft und Schnelligkeit angeht (und nicht selten landet einer auf der Intensivstation oder unter der Erde). Der Stier wird verletzt, muss weiterkämpfen, blutet, hat Schmerzen. Aber man sagt eben, es ist ein "würdiger Tod" im Kampf um Leben und Tod. Zeigt der Stier viel "nobleza" (Edelmut, Mut und Furchtlosigkeit), wird ihm das Leben geschenkt und er darf ab dann bis zum Lebensende unaufhörlich kleine Stiere erzeugen.
Ich bin hin und hergerissen, was das Thema angeht. Meine Schwiegermutter liebt den Stierkampf, und ganz selten mal gehe ich mit ihr hin. Wenn ich den Picador sehe, wirds mir übel und am liebsten würd ich ihn vom Pferd schmeissen. Ich leide mit dem Stier, möchte aber andererseits auch nicht, dass die Tradition und damit auch dieses Tier ausstirbt.
Alternative: der portugiesische Stierkampf, die Recortadores. Die springen über den Stier und tun ihm kein Leid an. Nur frag ich mich hinterher, was mit den jeweiligen Stieren passiert. Ich nehme an, die werden auch nach dem Kampf geschlachtet und verspeist.
So, jetzt könnt Ihr über mich herfallen.:mrgreen: