- Der schwere Abschied von Fernanda Beitrag #1
Morastbiene
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Gestern Abend am 18. April 2017 haben wir unsere über alles geliebte Fernanda schwersten Herzens gehen lassen müssen. Unsere kleine Fernanda mit den gefühlten hundert Spitznamen. Meine Nanda, meine Bimbi, manchmal auch Bimbo, weil man das so toll brüllen konnte, wenn du wieder einmal Blödsinn gemacht hast und davon nicht wenig. Mein Räuber, meine Hexe, mein kleiner Teufel, Nandali, Bimse-Bumse, Bumskopf, kleiner Depp, Spinner, Kasper oder Kasperclown... Mein Freund hat seine beste Kumpeline und Raufpartnerin verloren und ich meine Seelenkatze. Wir sind am Boden zerstört.
Ich kann gar nicht genau sagen, wann es angefangen hat. Wir haben nur gemerkt, dass sich in den letzten Wochen etwas veändert hat. Etwas Schlimmes hatten wir nicht erwartet, denn in der Vergangenheit hattest du gelegentlich mal eine Phase, in der du auf manche Sachen einfach keine Lust hattest. Das ging auch wieder vorbei. Dieses Mal leider nicht. Du mochtest zum Beispiel meine abendliche Schale Vanille-Eis nicht mehr ausschlecken. Ich hatte gedacht, dass du halt einfach "erst einmal genug" davon hattest. Montags haben wir in den letzten Monaten abends immer Mais (für mich) und Hähnchenschenkel (für meinen Freund) gegessen. Das Hühnchen hat er immer mit dir geteilt. In den letzten Wochen hast du zwar noch mitgegessen, nur diese überschäumende Begeisterung, mit der du dich sonst auf das Fleisch gestürzt hast, war weniger geworden. Auch so ein Detail...
Ende vorletzter Woche hast du jeden Tag einmal gebrochen. Anfang der letzten Woche verschwand das wieder, dafür hast du zu niesen angefangen. Ich nahm an, du hättest dir eine Erkältung geholt und wollte dir die üblichen drei Tage geben, um dir eventuell unnötigen Stress zu ersparen. Leider fiel mir auch auf, dass du Gewicht verloren haben musstest. Deine Wirbelsäule hat man schon immer recht deutlich spüren können, du warst einfach von Natur aus klein und dünn. Aber ich konnte mühelos deine Beckenknochen ertasten und begann mir mehr Sorgen zu machen. Ich nahm mir vor, dich ordentlich zu päppeln, sobald du wieder fit wärst.
Nachdem du Donnerstag und Freitag nichts fressen mochtest, obwohl du meinem Freund einen gebackenen Fisch-Nugget regelrecht aus der Hand gerissen hattest, sind wir am Samstag morgens mit dir zum Tierarzt gegangen. Du hattest leicht erhöhte Temperatur (38.8 Grad, wenn ich mich richtig erinnere) und hast statt 3,3 nur noch 2,6 Kilogramm auf die Waage gebracht. Ich war erschrocken. Das wurde leider nicht besser, als die Tierärztin dich abtastete und sagte, sie würde etwas Großes in deinem Bauchraum fühlen. Der erste Moment, in dem mich nackte Angst überfiel. Wir ließen dich röntgen und dabei stellte sich heraus, dass deine Nieren beide stark vergrößert waren. Normalerweise sollte eine Niere einer Katze 3,5 bis 4 Zentimeter groß sein. Deine waren bei etwa 6. Die Ärztin sagte, das gefiele ihr nicht. Wieder dieses Gefühl, als sie davon zu sprechen begann, dass dein Alter ein klassisches wäre, in dem solche Dinge, auch tumuröse Veränderungen, leider passieren könnten. Du bekamst Antibiotika, Cortison und etwas gegen Übelkeit gespritzt. Zu Hause sollte ich dir jeden Tag 1/4 Tablette Peritol geben. Bewaffnet mit Flüssignahrung, einer Dose hochkalorischem Futter und zwei Beuteln mit Futter bei Magen-Darm-Problemen gingen wir nach Hause. Der nächste Termin war für Dienstag um 17 Uhr angesetzt...
Das Osterwochenende war im Nachhinein ein Wechselbad der Gefühle für uns. Von der Flüssignahrung hast du noch am Samstag fast ein Viertel weggeschlabbert und bei uns regte sich Hoffnung, dass vielleicht alles gut werden würde. Jeden Bissen, den du auflecken mochtest, haben wir gefeiert. Immer begleitet von diesem unguten Gefühl im Bauch, dass diese ganze Sache vermutlich nicht gut ausgehen würde. Aber das will man in diesen Momenten nicht akzeptieren, auch wenn ein Teil von einem es längst weiß. Der Teil, der dafür sorgt, dass man mehr kuschelt als sonst und noch einmal ganz viele Fotos macht. Man klammert sich an jeden Strohhalm, während man sich innerlich auf den Abschied vorbereitet.
Ich glaube, das hast du auch getan. Als du am Montag noch einmal fröhlich mit Rieke im Flur Snacks (Catessy Knabberkissen mit Geflügel und Käse und ein paar Dreamies mit Hühnchen) gefressen hast. Als du in unserer letzten Nacht zu uns ins Bett gekommen bist, so wie meistens (obwohl ich dich am Tag davor noch "mitnehmen" musste) und zusammengerollt an meinem Bauch geschlafen hast. Als du gemaunzt hast, als wir am Dienstagvormittag frisches Katzengras hingestellt haben. Als du noch einmal mit deinem aktuellsten Lieblingsspielzeug gespielt hast, als Marco es dir hingehalten hat. Ein Ring aus schwarzem Gummi, der an einer Stelle durchgerissen war. Du hast dieses Ding geliebt, es mit riesiger Freude apportiert, wenn wir es auf den Boden oder gegen eine Wand geworfen haben. Langgezogen hast du den Ring auch gerne, während eine Pfote ihn festhielt. Das Geräusch dabei war ziemlich lustig und dir hat es scheinbar ebenfalls riesig gefallen.
Wir waren bereit, alle Register zu ziehen, haben am Samstagmittag noch diverse Sachen für dich eingekauft. Verschiedenes Futter, auch Junk Food, Snacks, Katzenmilch, was immer dir irgendwie schmecken könnte. Ich bin nachmittags nach einem Geistesblitz sogar noch einmal los, um dir Eierplätzchen von Coppenrath zu kaufen. Die hast du geliebt, sagte mir meine Erinnerung an den Neujahrstag 2013, als ich morgens eine geschredderte Tüte und viele angenagte Kekse im Flur gefunden und mich köstlich darüber amüsiert hatte. Wenn wir Eclairs gebacken haben, warst du auch immer ganz wild auf den gebackenen Teig. Es muss irgendwie mit den Eiern zu tun gehabt haben. Jedenfalls war mein Plan erfolgreich, du hast dich am Wochenende mehrmals begeistert an der Tüte vergriffen. Auch die Flüssignahrung hast du super angenommen. Besonders mit etwas Katzenmilch vermischt. Das hochkalorische Futter und das aus dem Beutel leider weniger. Dafür hast du am Montag Rindfleisch von der Pizza meines Freundes gegessen.
Am Dienstag ließ (wie ich nun weiß) die Wirkung des Cortisons nach und das hat man deutlich gemerkt. Du mochtest fast gar nichts mehr alleine machen, dein Flüssigfutter nahmst du fast nur noch an, wenn ich es dir vom Finger angeboten habe, was die Tage zuvor nur manchmal vorgekommen war. Gemacht habe ich es gerne für dich, ich hätte dir dein Futter auch vorgekaut, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, tausende Euro bezahlt oder meinen linken Arm gegeben, wenn das dafür gesorgt hätte, dass wir dich nicht gehen lassen müssen. Aber das steht leider nicht in unserer Macht. Du hast die meiste Zeit auf einem Handtuch auf der Heizung gelegen, hast lustlos und mitgenommen gewirkt, häufig deinen Blick abgewendet. Wir haben gemerkt, dass es dir schlechter ging als vorher. Trotzdem hast du uns noch die Freude gemacht, ein Würstchen im Katzenklo zu hinterlassen. Bevor wir am Nachmittag zum Tierarzt sind, hatte Marco dazu "Gedächtnisködel" gesagt, weil ich es noch nicht weggemacht hatte und obwohl er das gar nicht so gemeint hatte, wussten wir beide irgendwie, dass es die Wahrheit war. Der Ködel liegt immer noch dort...
Ich habe mich immer gefragt, wie es wohl sein würde, wenn der Tag kommt, an dem wir diese Entscheidung treffen müssen. Aber dass wir dich so schnell und auf diese Art verlieren würden, hätte ich nicht einmal in meinen Albträumen gedacht. Wenn man eine Katze adoptiert, geht man von zehn Jahren aus. Zwölf. Vierzehn. Oder mehr. Ich weiß nicht, ob ich dankbar dafür sein soll, dass es jetzt so schnell gegangen ist oder verzweifelt, dass du laut Pass nur knappe acht Jahre alt geworden bist. Zwei Monate später wäre es so weit gewesen. Sicher weiß ich nur, dass uns keine andere Möglichkeit mehr blieb, dir unsere Liebe zu zeigen. Dich mit dem Gefühl in die Box schieben zu müssen, dass wir nicht gemeinsam wiederkommen würden, war unheimlich schwer für mich.
Wir hatten schon einmal Angst um dich gehabt, als du dir am 6. Oktober selbst einen Zahn gezogen hattest. Bei der Untersuchung am Folgetag hatte der Tierarzt gefragt, wie alt du Kleine denn seist. "Sie ist 7 geworden", hatte ich geantwortet. Er schaute dich an und entgegnete: "Du hast Zähne wie 17!" Ich hatte dir nie richtig ins Maul gucken dürfen, weil du es komisch und gruselig fandest, wenn ich mal etwas mit dir gemacht habe, was "nicht normal" war und dann immer energisch von mir weggewuselt bist. Das war deiner ängstlichen Natur geschuldet, die dich aber nicht davon abgehalten hat, vom Fenster aus Transporter und böse LKW zu jagen. Dass du Zahnbelag hattest, den wir wegmachen lassen müssten, das wusste ich schon, aber was wir beim Blick in deinen Mund sahen, das sah nicht toll aus. Vorwürfe habe ich mir gemacht, denn angemerkt hatte man dir gar nichts. Du hast gefressen, gespielt und warst bester Laune. Eine Eigenschaft, die ich an dir immer geliebt und bewundert habe. Du warst pure Freude und hast so viel davon in unser Haus gebracht.
Die OP war am 11. und man hatte dir vier Zähnchen, darunter auch ein Fangzahn unten rechts, entfernen müssen. Du warst ganz schön torkelig, als wir nach Hause kamen, hast dich allerdings schnell erholt. Nach einem dicken zwei- bis dreistündigen Nickerchen auf Frauchens Schoß warst du am Abend schon wieder quietschfidel und wir unheimlich erleichtert. Am 22. hast du dir ohne zu murren die Fäden ziehen lassen und die Welt war wieder in Ordnung. Zumindest bis vor ein paar Wochen...
Die Ärztin, die dir damals die Fäden gezogen hatte, nahm uns in Empfang und erkundigte sich nach dir. Als ich ihr sagte, dass es dir heute nicht mehr gut gehen würde und dein Verhalten beschrieb, sagte sie gleich, dass das Cortison nun nicht mehr wirken würde und es sich daher wieder verschlechtert hätte. 40 Grad Fieber hattest du. Dann mussten wir dir dein Bäuchlein rasieren, für den Ultraschall. Der brachte leider die traurige Gewissheit, dass es kein Happy End geben würde. Deine Nieren waren zu groß, an deiner Leber fand die Tierärztin zwei Knoten und dein Bauchfell war "viel zu weiß"... Nach der Untersuchung bist du direkt in deine Box gegangen und hast dich hingelegt, das Köpfchen in meiner Handfläche, wie so oft. Wir hätten die Symptome mit Cortison behandeln und dich in Zusammenarbeit mit einer Tierklinik einer Chemo unterziehen können. Das stand jedoch außer Frage, denn du solltest alles, aber nicht leiden müssen.
Ich rief Marco an, um diese Nachricht zu überbringen und wir weinten beide bittere Tränen. Die Ärztin und die Tierarzthelferin waren die ganze Zeit unheimlich lieb und einfühlsam. Haben uns unterstützt und uns viel Zeit gegeben, während ich auf Marco wartete, der noch etwas erledigt hatte. Ich nutzte die Zeit, um dir alle lieben Worte mit auf den Weg zu geben, die ich nur finden konnte. Marco hatte die Kraft dafür nicht, er hatte sich schon die letzten Tage von dir verabschiedet und dir immer wieder gesagt und gezeigt, wie sehr er dich liebt. Aber ich war die ganze Zeit bei dir und damit auch er. Schon in der Minute nach Gabe der Spritze, die dir leider (und natürlich) nicht angenehm war, was zum Glück nur wenige Sekunden dauerte, hast du dich hingelegt und ein paar Augenblicke später warst du schon ganz weit weg. Ein weiteres Zeichen für die schwere deiner Erkrankung. Kein Kampf, du konntest endlich ganz sanft einschlafen. Ich streichelte dich pausenlos und überschüttete dich mit Küssen und lieben Worten. Um kurz nach 18 Uhr kam die Ärztin noch einmal herein und stellte fest, dass dein Herz still geworden war. Wie es aussieht, werden wir deine Asche im Rosengarten des Tierkrematoriums verstreuen lassen. Ich habe überlegt, eine Urne für dich auszusuchen, aber dann befürchte ich, dass ich sie eher als Mahnmal denn als Erinnerung sehen würde. Denn das, was du warst und was dich ausgemacht hat, das ist längst frei.
Es fühlt sich alles falsch an ohne dich. Keine Stöckelschuhe auf dem Laminat - Falsch. Kein Besuch auf der Toilette am Morgen, wenn du einfach mal auf meinen Schoß gehopst bist - Falsch. Die Gewissheit, dass du nicht auf den Tisch springen wirst, wenn wir unser Knäckebrot essen - Falsch. Du schläfst nicht auf meinem Schoß, während ich hier sitze und tippe. Liegst nicht auf dem Couchkissen. Steigst nicht mehr wie ein kleiner Mustang auf die Hinterbeine, wenn du dich am Türrahmen reibst. Knallst nicht mit deinem kleinen Holzkopf gegen Tische und Stühle vor lauter Schmusigkeit. Gibst mir keine Kopfnüsse. Raufst nicht mit Marco oder putzt ihm gewaltsam den Kopf, wenn er aus der Dusche kommt. Es tut so unheimlich weh...
Mein/Unser einziger Trost ist, dass es das Beste war, was wir in dieser Situation noch für dich tun konnten, auch wenn der Schmerz im Moment keine Grenzen kennt. Du fehlst so unendlich, meine Kleine. In jeder Sekunde. Ich weiß gar nicht, wie wir ohne dich weitermachen sollen. Wir haben keine andere Wahl, aber auch das fühlt sich momentan nicht richtig an. Marco sagte, Rieke hat heute Nacht zweimal nach dir gerufen. Nicht ihr normales Geplärre, sondern der Ton, mit dem sie manchmal nach mir schreit, wenn ich nicht da bin. Ich bin mir absolut sicher, dass sie gewusst hat, dass etwas nicht stimmt. Sie hat dich am Wochenende oft angefaucht, weil du nach Tierarzt gerochen und dich ungewöhnlich verhalten hast. Gleichzeitig hat sie sich total zurückgenommen, weil wir die ganze Zeit damit beschäftigt waren, dich zu umsorgen. Jetzt wirkt sie irgendwie überdreht. Heute Morgen hat sie an der Schlafzimmertür gewartet, wo normalerweise du herauskommst.
Worte können dir nicht gerecht werden, mein kleiner Schatz. Ich könnte hunderte von Seiten schreiben und es wäre nicht genug. Es gibt tausend Kleinigkeiten, die dich einzigartig gemacht haben. Tausend Gründe, warum wir dich so wahnsinnig geliebt haben und dich immer noch lieben. Die uns den Abschied so fürchterlich schwer machen, von dem man sich wünschte, man müsste ihn niemals durchleben. Es hört sich kitschig an, aber von dem Moment an, als ich dein Foto hier im Forum sah, hatte ich das Gefühl, dass wir zusammen gehören. Als wir die Zusage von ANAA bekamen, dass wir dich adoptieren dürften, obwohl unsere Wohnung zu der Zeit noch absolut kärglich ausgesehen hat, war das für mich, als würde sich ein Traum erfüllen. Wir bekamen endlich unsere zweite Katze und bereits bei unserem ersten Kontakt hast du mich vollkommen verzaubert, als du am Bahnhof von Buxtehude dein Köpfchen gegen das Gitter deiner Transportbox gedrückt hast, nur um die fremde Hand beschmusen zu können, die sich dir genähert hat. Bei uns am Bahnhof angekommen hörte ich zum ersten Mal dein Stimmchen und keine fünf Minuten, nachdem sich hier bei uns in der Wohnung die Box geöffnet hat, warst du zu Hause. Ich werde nie vergessen, wie Rieke ganz skeptisch im Flur saß und du dich im Wohnzimmer einfach auf den Boden gerollt und mit einem Schmetterling aus dickem Stoff gespielt hast, an dem ein paar Federn befestigt waren.
In unserem Thread "Warten auf Fernanda" kann jeder nachlesen, wie unsere erste Zeit war, inklusive aller Unsicherheiten, die unserer fehlenden Erfahrung geschuldet waren. Wir bereuen keine einzige Sekunde mit ihr. Auch nicht jene, als sie Laminat, Teppiche oder gar die Couch als Klopapier benutzen wollte, während ich schreiend um sie herumgetanzt bin und sie mich mit großen Augen angeguckt hat, nur um dann weiterzurutschen. :mrgreen:
Ich möchte dir danken, mein Herz, mein Liebling, für fast siebeneinhalb wunderbare Jahre, die wir gemeinsam verbracht haben, auch im Namen von Marco. Für all den lustigen Unfug, den du angestellt hast. Für jeden kleinen Moment, der den stinknormalen Alltag zu etwas Besonderem gemacht hat. Weil du dabei warst. Ein Teil von dir wird es immer sein, denn den Platz in unseren Herzen kann dir keiner nehmen. Für dich wird er immer kuschelig und warm bleiben. Wir lieben dich über alles, mein süßer Schatz und vermissen dich und dein Zirpen ohne Ende. Im Anhang das erste Bild, was wir von dir haben. Schlafe sanft, meine Kleine... Du bleibst auf ewig unvergessen! :049:
Ich kann gar nicht genau sagen, wann es angefangen hat. Wir haben nur gemerkt, dass sich in den letzten Wochen etwas veändert hat. Etwas Schlimmes hatten wir nicht erwartet, denn in der Vergangenheit hattest du gelegentlich mal eine Phase, in der du auf manche Sachen einfach keine Lust hattest. Das ging auch wieder vorbei. Dieses Mal leider nicht. Du mochtest zum Beispiel meine abendliche Schale Vanille-Eis nicht mehr ausschlecken. Ich hatte gedacht, dass du halt einfach "erst einmal genug" davon hattest. Montags haben wir in den letzten Monaten abends immer Mais (für mich) und Hähnchenschenkel (für meinen Freund) gegessen. Das Hühnchen hat er immer mit dir geteilt. In den letzten Wochen hast du zwar noch mitgegessen, nur diese überschäumende Begeisterung, mit der du dich sonst auf das Fleisch gestürzt hast, war weniger geworden. Auch so ein Detail...
Ende vorletzter Woche hast du jeden Tag einmal gebrochen. Anfang der letzten Woche verschwand das wieder, dafür hast du zu niesen angefangen. Ich nahm an, du hättest dir eine Erkältung geholt und wollte dir die üblichen drei Tage geben, um dir eventuell unnötigen Stress zu ersparen. Leider fiel mir auch auf, dass du Gewicht verloren haben musstest. Deine Wirbelsäule hat man schon immer recht deutlich spüren können, du warst einfach von Natur aus klein und dünn. Aber ich konnte mühelos deine Beckenknochen ertasten und begann mir mehr Sorgen zu machen. Ich nahm mir vor, dich ordentlich zu päppeln, sobald du wieder fit wärst.
Nachdem du Donnerstag und Freitag nichts fressen mochtest, obwohl du meinem Freund einen gebackenen Fisch-Nugget regelrecht aus der Hand gerissen hattest, sind wir am Samstag morgens mit dir zum Tierarzt gegangen. Du hattest leicht erhöhte Temperatur (38.8 Grad, wenn ich mich richtig erinnere) und hast statt 3,3 nur noch 2,6 Kilogramm auf die Waage gebracht. Ich war erschrocken. Das wurde leider nicht besser, als die Tierärztin dich abtastete und sagte, sie würde etwas Großes in deinem Bauchraum fühlen. Der erste Moment, in dem mich nackte Angst überfiel. Wir ließen dich röntgen und dabei stellte sich heraus, dass deine Nieren beide stark vergrößert waren. Normalerweise sollte eine Niere einer Katze 3,5 bis 4 Zentimeter groß sein. Deine waren bei etwa 6. Die Ärztin sagte, das gefiele ihr nicht. Wieder dieses Gefühl, als sie davon zu sprechen begann, dass dein Alter ein klassisches wäre, in dem solche Dinge, auch tumuröse Veränderungen, leider passieren könnten. Du bekamst Antibiotika, Cortison und etwas gegen Übelkeit gespritzt. Zu Hause sollte ich dir jeden Tag 1/4 Tablette Peritol geben. Bewaffnet mit Flüssignahrung, einer Dose hochkalorischem Futter und zwei Beuteln mit Futter bei Magen-Darm-Problemen gingen wir nach Hause. Der nächste Termin war für Dienstag um 17 Uhr angesetzt...
Das Osterwochenende war im Nachhinein ein Wechselbad der Gefühle für uns. Von der Flüssignahrung hast du noch am Samstag fast ein Viertel weggeschlabbert und bei uns regte sich Hoffnung, dass vielleicht alles gut werden würde. Jeden Bissen, den du auflecken mochtest, haben wir gefeiert. Immer begleitet von diesem unguten Gefühl im Bauch, dass diese ganze Sache vermutlich nicht gut ausgehen würde. Aber das will man in diesen Momenten nicht akzeptieren, auch wenn ein Teil von einem es längst weiß. Der Teil, der dafür sorgt, dass man mehr kuschelt als sonst und noch einmal ganz viele Fotos macht. Man klammert sich an jeden Strohhalm, während man sich innerlich auf den Abschied vorbereitet.
Ich glaube, das hast du auch getan. Als du am Montag noch einmal fröhlich mit Rieke im Flur Snacks (Catessy Knabberkissen mit Geflügel und Käse und ein paar Dreamies mit Hühnchen) gefressen hast. Als du in unserer letzten Nacht zu uns ins Bett gekommen bist, so wie meistens (obwohl ich dich am Tag davor noch "mitnehmen" musste) und zusammengerollt an meinem Bauch geschlafen hast. Als du gemaunzt hast, als wir am Dienstagvormittag frisches Katzengras hingestellt haben. Als du noch einmal mit deinem aktuellsten Lieblingsspielzeug gespielt hast, als Marco es dir hingehalten hat. Ein Ring aus schwarzem Gummi, der an einer Stelle durchgerissen war. Du hast dieses Ding geliebt, es mit riesiger Freude apportiert, wenn wir es auf den Boden oder gegen eine Wand geworfen haben. Langgezogen hast du den Ring auch gerne, während eine Pfote ihn festhielt. Das Geräusch dabei war ziemlich lustig und dir hat es scheinbar ebenfalls riesig gefallen.
Wir waren bereit, alle Register zu ziehen, haben am Samstagmittag noch diverse Sachen für dich eingekauft. Verschiedenes Futter, auch Junk Food, Snacks, Katzenmilch, was immer dir irgendwie schmecken könnte. Ich bin nachmittags nach einem Geistesblitz sogar noch einmal los, um dir Eierplätzchen von Coppenrath zu kaufen. Die hast du geliebt, sagte mir meine Erinnerung an den Neujahrstag 2013, als ich morgens eine geschredderte Tüte und viele angenagte Kekse im Flur gefunden und mich köstlich darüber amüsiert hatte. Wenn wir Eclairs gebacken haben, warst du auch immer ganz wild auf den gebackenen Teig. Es muss irgendwie mit den Eiern zu tun gehabt haben. Jedenfalls war mein Plan erfolgreich, du hast dich am Wochenende mehrmals begeistert an der Tüte vergriffen. Auch die Flüssignahrung hast du super angenommen. Besonders mit etwas Katzenmilch vermischt. Das hochkalorische Futter und das aus dem Beutel leider weniger. Dafür hast du am Montag Rindfleisch von der Pizza meines Freundes gegessen.
Am Dienstag ließ (wie ich nun weiß) die Wirkung des Cortisons nach und das hat man deutlich gemerkt. Du mochtest fast gar nichts mehr alleine machen, dein Flüssigfutter nahmst du fast nur noch an, wenn ich es dir vom Finger angeboten habe, was die Tage zuvor nur manchmal vorgekommen war. Gemacht habe ich es gerne für dich, ich hätte dir dein Futter auch vorgekaut, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, tausende Euro bezahlt oder meinen linken Arm gegeben, wenn das dafür gesorgt hätte, dass wir dich nicht gehen lassen müssen. Aber das steht leider nicht in unserer Macht. Du hast die meiste Zeit auf einem Handtuch auf der Heizung gelegen, hast lustlos und mitgenommen gewirkt, häufig deinen Blick abgewendet. Wir haben gemerkt, dass es dir schlechter ging als vorher. Trotzdem hast du uns noch die Freude gemacht, ein Würstchen im Katzenklo zu hinterlassen. Bevor wir am Nachmittag zum Tierarzt sind, hatte Marco dazu "Gedächtnisködel" gesagt, weil ich es noch nicht weggemacht hatte und obwohl er das gar nicht so gemeint hatte, wussten wir beide irgendwie, dass es die Wahrheit war. Der Ködel liegt immer noch dort...
Ich habe mich immer gefragt, wie es wohl sein würde, wenn der Tag kommt, an dem wir diese Entscheidung treffen müssen. Aber dass wir dich so schnell und auf diese Art verlieren würden, hätte ich nicht einmal in meinen Albträumen gedacht. Wenn man eine Katze adoptiert, geht man von zehn Jahren aus. Zwölf. Vierzehn. Oder mehr. Ich weiß nicht, ob ich dankbar dafür sein soll, dass es jetzt so schnell gegangen ist oder verzweifelt, dass du laut Pass nur knappe acht Jahre alt geworden bist. Zwei Monate später wäre es so weit gewesen. Sicher weiß ich nur, dass uns keine andere Möglichkeit mehr blieb, dir unsere Liebe zu zeigen. Dich mit dem Gefühl in die Box schieben zu müssen, dass wir nicht gemeinsam wiederkommen würden, war unheimlich schwer für mich.
Wir hatten schon einmal Angst um dich gehabt, als du dir am 6. Oktober selbst einen Zahn gezogen hattest. Bei der Untersuchung am Folgetag hatte der Tierarzt gefragt, wie alt du Kleine denn seist. "Sie ist 7 geworden", hatte ich geantwortet. Er schaute dich an und entgegnete: "Du hast Zähne wie 17!" Ich hatte dir nie richtig ins Maul gucken dürfen, weil du es komisch und gruselig fandest, wenn ich mal etwas mit dir gemacht habe, was "nicht normal" war und dann immer energisch von mir weggewuselt bist. Das war deiner ängstlichen Natur geschuldet, die dich aber nicht davon abgehalten hat, vom Fenster aus Transporter und böse LKW zu jagen. Dass du Zahnbelag hattest, den wir wegmachen lassen müssten, das wusste ich schon, aber was wir beim Blick in deinen Mund sahen, das sah nicht toll aus. Vorwürfe habe ich mir gemacht, denn angemerkt hatte man dir gar nichts. Du hast gefressen, gespielt und warst bester Laune. Eine Eigenschaft, die ich an dir immer geliebt und bewundert habe. Du warst pure Freude und hast so viel davon in unser Haus gebracht.
Die OP war am 11. und man hatte dir vier Zähnchen, darunter auch ein Fangzahn unten rechts, entfernen müssen. Du warst ganz schön torkelig, als wir nach Hause kamen, hast dich allerdings schnell erholt. Nach einem dicken zwei- bis dreistündigen Nickerchen auf Frauchens Schoß warst du am Abend schon wieder quietschfidel und wir unheimlich erleichtert. Am 22. hast du dir ohne zu murren die Fäden ziehen lassen und die Welt war wieder in Ordnung. Zumindest bis vor ein paar Wochen...
Die Ärztin, die dir damals die Fäden gezogen hatte, nahm uns in Empfang und erkundigte sich nach dir. Als ich ihr sagte, dass es dir heute nicht mehr gut gehen würde und dein Verhalten beschrieb, sagte sie gleich, dass das Cortison nun nicht mehr wirken würde und es sich daher wieder verschlechtert hätte. 40 Grad Fieber hattest du. Dann mussten wir dir dein Bäuchlein rasieren, für den Ultraschall. Der brachte leider die traurige Gewissheit, dass es kein Happy End geben würde. Deine Nieren waren zu groß, an deiner Leber fand die Tierärztin zwei Knoten und dein Bauchfell war "viel zu weiß"... Nach der Untersuchung bist du direkt in deine Box gegangen und hast dich hingelegt, das Köpfchen in meiner Handfläche, wie so oft. Wir hätten die Symptome mit Cortison behandeln und dich in Zusammenarbeit mit einer Tierklinik einer Chemo unterziehen können. Das stand jedoch außer Frage, denn du solltest alles, aber nicht leiden müssen.
Ich rief Marco an, um diese Nachricht zu überbringen und wir weinten beide bittere Tränen. Die Ärztin und die Tierarzthelferin waren die ganze Zeit unheimlich lieb und einfühlsam. Haben uns unterstützt und uns viel Zeit gegeben, während ich auf Marco wartete, der noch etwas erledigt hatte. Ich nutzte die Zeit, um dir alle lieben Worte mit auf den Weg zu geben, die ich nur finden konnte. Marco hatte die Kraft dafür nicht, er hatte sich schon die letzten Tage von dir verabschiedet und dir immer wieder gesagt und gezeigt, wie sehr er dich liebt. Aber ich war die ganze Zeit bei dir und damit auch er. Schon in der Minute nach Gabe der Spritze, die dir leider (und natürlich) nicht angenehm war, was zum Glück nur wenige Sekunden dauerte, hast du dich hingelegt und ein paar Augenblicke später warst du schon ganz weit weg. Ein weiteres Zeichen für die schwere deiner Erkrankung. Kein Kampf, du konntest endlich ganz sanft einschlafen. Ich streichelte dich pausenlos und überschüttete dich mit Küssen und lieben Worten. Um kurz nach 18 Uhr kam die Ärztin noch einmal herein und stellte fest, dass dein Herz still geworden war. Wie es aussieht, werden wir deine Asche im Rosengarten des Tierkrematoriums verstreuen lassen. Ich habe überlegt, eine Urne für dich auszusuchen, aber dann befürchte ich, dass ich sie eher als Mahnmal denn als Erinnerung sehen würde. Denn das, was du warst und was dich ausgemacht hat, das ist längst frei.
Es fühlt sich alles falsch an ohne dich. Keine Stöckelschuhe auf dem Laminat - Falsch. Kein Besuch auf der Toilette am Morgen, wenn du einfach mal auf meinen Schoß gehopst bist - Falsch. Die Gewissheit, dass du nicht auf den Tisch springen wirst, wenn wir unser Knäckebrot essen - Falsch. Du schläfst nicht auf meinem Schoß, während ich hier sitze und tippe. Liegst nicht auf dem Couchkissen. Steigst nicht mehr wie ein kleiner Mustang auf die Hinterbeine, wenn du dich am Türrahmen reibst. Knallst nicht mit deinem kleinen Holzkopf gegen Tische und Stühle vor lauter Schmusigkeit. Gibst mir keine Kopfnüsse. Raufst nicht mit Marco oder putzt ihm gewaltsam den Kopf, wenn er aus der Dusche kommt. Es tut so unheimlich weh...
Mein/Unser einziger Trost ist, dass es das Beste war, was wir in dieser Situation noch für dich tun konnten, auch wenn der Schmerz im Moment keine Grenzen kennt. Du fehlst so unendlich, meine Kleine. In jeder Sekunde. Ich weiß gar nicht, wie wir ohne dich weitermachen sollen. Wir haben keine andere Wahl, aber auch das fühlt sich momentan nicht richtig an. Marco sagte, Rieke hat heute Nacht zweimal nach dir gerufen. Nicht ihr normales Geplärre, sondern der Ton, mit dem sie manchmal nach mir schreit, wenn ich nicht da bin. Ich bin mir absolut sicher, dass sie gewusst hat, dass etwas nicht stimmt. Sie hat dich am Wochenende oft angefaucht, weil du nach Tierarzt gerochen und dich ungewöhnlich verhalten hast. Gleichzeitig hat sie sich total zurückgenommen, weil wir die ganze Zeit damit beschäftigt waren, dich zu umsorgen. Jetzt wirkt sie irgendwie überdreht. Heute Morgen hat sie an der Schlafzimmertür gewartet, wo normalerweise du herauskommst.
Worte können dir nicht gerecht werden, mein kleiner Schatz. Ich könnte hunderte von Seiten schreiben und es wäre nicht genug. Es gibt tausend Kleinigkeiten, die dich einzigartig gemacht haben. Tausend Gründe, warum wir dich so wahnsinnig geliebt haben und dich immer noch lieben. Die uns den Abschied so fürchterlich schwer machen, von dem man sich wünschte, man müsste ihn niemals durchleben. Es hört sich kitschig an, aber von dem Moment an, als ich dein Foto hier im Forum sah, hatte ich das Gefühl, dass wir zusammen gehören. Als wir die Zusage von ANAA bekamen, dass wir dich adoptieren dürften, obwohl unsere Wohnung zu der Zeit noch absolut kärglich ausgesehen hat, war das für mich, als würde sich ein Traum erfüllen. Wir bekamen endlich unsere zweite Katze und bereits bei unserem ersten Kontakt hast du mich vollkommen verzaubert, als du am Bahnhof von Buxtehude dein Köpfchen gegen das Gitter deiner Transportbox gedrückt hast, nur um die fremde Hand beschmusen zu können, die sich dir genähert hat. Bei uns am Bahnhof angekommen hörte ich zum ersten Mal dein Stimmchen und keine fünf Minuten, nachdem sich hier bei uns in der Wohnung die Box geöffnet hat, warst du zu Hause. Ich werde nie vergessen, wie Rieke ganz skeptisch im Flur saß und du dich im Wohnzimmer einfach auf den Boden gerollt und mit einem Schmetterling aus dickem Stoff gespielt hast, an dem ein paar Federn befestigt waren.
In unserem Thread "Warten auf Fernanda" kann jeder nachlesen, wie unsere erste Zeit war, inklusive aller Unsicherheiten, die unserer fehlenden Erfahrung geschuldet waren. Wir bereuen keine einzige Sekunde mit ihr. Auch nicht jene, als sie Laminat, Teppiche oder gar die Couch als Klopapier benutzen wollte, während ich schreiend um sie herumgetanzt bin und sie mich mit großen Augen angeguckt hat, nur um dann weiterzurutschen. :mrgreen:
Ich möchte dir danken, mein Herz, mein Liebling, für fast siebeneinhalb wunderbare Jahre, die wir gemeinsam verbracht haben, auch im Namen von Marco. Für all den lustigen Unfug, den du angestellt hast. Für jeden kleinen Moment, der den stinknormalen Alltag zu etwas Besonderem gemacht hat. Weil du dabei warst. Ein Teil von dir wird es immer sein, denn den Platz in unseren Herzen kann dir keiner nehmen. Für dich wird er immer kuschelig und warm bleiben. Wir lieben dich über alles, mein süßer Schatz und vermissen dich und dein Zirpen ohne Ende. Im Anhang das erste Bild, was wir von dir haben. Schlafe sanft, meine Kleine... Du bleibst auf ewig unvergessen! :049:
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