Der Elefant

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Tompina

Tompina

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Zufrieden musterte die alte Elefantenkuh ihre Herde. An den Stamm eines großen Baumes gelehnt ließ den Blick schweifen. Zwanzig Jahre führte sie diese kleine Gruppe nun schon durch die Weite der afrikanischen Savanne, zwanzig Jahre voller Freude, zwanzig Jahre voller Leid. Mit gerade Mal siebzehn Jahren hatte sie die Rolle der Leitkuh von ihrer Mutter übernommen und war nur langsam in die Verantwortung hereingewachsen. Sie würde diesen Tag nie vergessen. Es war der Beginn der Regenzeit, die langen Wanderungen um Wasser zu finden waren gerade vorbei, die Herde noch erschöpft von den Strapazen der Dürre. Sie zogen in der Morgendämmerung auf einem ihrer abgestammten Pfade Richtung Fluss, als es passierte. Sie war dicht hinter ihrer Mutter gewesen, gefolgt von ihrer kleinen Schwester und dem jüngeren Bruder. Sie bemerkte wie ihre Mutter panisch den Rüssel nach oben riss, die Ohren aufstellte und innerhalb weniger Sekunden die ganze Herde in Aufruhr versetzte. Die älteren Elefantenkühe schienen wie ihre Mutter eine Gefahr zu wittern, die schlimmer als alle anderen Gefahren sonst sein musste. Dann witterte sie einen für sie bisher unbekannten Geruch und genau dieser Geruch schien die Gefahr zu sein. Sie hob den Rüssel und versuchte die Richtung zu orten aus der der Geruch kam, aber er war überall. Die Aufregung ihrer Mutter machte ihr Angst. Und sie spürte dass diese scheinbar unergründliche Angst die ganze Herde ergriffen hatte. Es war Todesangst. In dem Moment als sie das verstand ertönten mehrere ohrenbetäubende Donnerschläge und ihre Mutter brach vor ihren Augen unter gellenden Schmerzensschreien zusammen. Blutüberströmt wand sich die stattliche Leitkuh im Todeskampf als es erneut donnerte und zwei weitere alte Kühe zusammenbrachen. Erst war sie starr vor Schreck, dann begann sie zu laufen, so schnell zu laufen wie noch nie zuvor. Gefolgt von Bruder und Schwester und dem Rest der Herde brach sie durch das niedere Gestrüpp und blieb erst stehen, als der todbringende Geruch vollkommen verschwunden war. Da standen sie nun, sechs Waisenkinder und zwei hoch tragende Elefantenkühe. Zitternd und verstört brauchten sie mehrere Stunden um zu begreifen was geschehen war.

Das war der Tag an dem sie Leitkuh wurde. Selbst noch ein halbes Kind musste sie nun die Verantwortung für zwei Schwangere und fünf Kinder übernehmen. Ihre Mutter hatte sie alles gelehrt was sie wissen musste, aber sie fühlte sich eigentlich noch nicht reif genug für diese Aufgabe. Ängstlich schmiegten sich ihre kleinen Geschwister an sie und die beiden Kühe in ihrem Alter warfen ihr fragende Blicke zu, sie hatte die Angst abgeschüttelt und hatte die Herde mit viel Vorsicht wieder in Richtung Fluss geführt. Zwanzig Jahre war das nun her. Zwanzig Jahre voller Freude. Zwanzig Jahre voller Leid. Zwei Jahre nach diesem schicksalsträchtigen Tag brachte sie ihr erstes eigenes Kalb zur Welt. Es war ein Kuhkalb. Zart und klein und das schönste Geschöpf unter der Sonne, dessen war sie sich sicher als sie die Kleine vorsichtig mit dem Rüssel an ihre Zitzen führte. Auch ihre Schwester hatte Nachwuchs, sodass die Herde erneut um zwei Mitglieder reicher war. Es waren gute Jahre, die folgten. Die Dürren waren erträglich, die Kälber gediehen alle prächtig und sie hatte ihren Weg als Leitkuh gefunden. Sie beobachtete ihre inzwischen fünfjährige Tochter beim Spielen, spürte die Tritte des neuen Lebens, das in ihrem Bauch heranwuchs, als ihr ein Geruch in den Rüssel stieg, der sie innerhalb weniger Sekunden in höchste Alarmbereitschaft versetzte. Sie trompete eine laute Warnung und begann zu laufen, ihre Herde folgte ihr panisch.

Dann erschallten die todbringenden Donnerschläge und sie sah ihren kleinen Bruder, der inzwischen zu einem stattlichen Bullen gediehen war und kurz davor stand die Familie zu verlassen, zu Boden gehen. Der massige graue Körper überschlug sich bei seinem Sturz aus vollem Lauf heraus, sie hörte ihn in Todesangst schreien während sich sein Blut auf den staubigen Boden der Savanne ergoss. Sie sah den brechenden Blick ihres Bruders und wäre am liebsten umgekehrt um ihm beizustehen, aber die Panik trieb sie voran. Weg von dem Geruch, weg von den Donnerschlägen, weg von ihrem sterbenden Bruder. Sieben Jahre nach ihrer Mutter hatte ihr dieser Geruch nun auch noch den Bruder genommen.

Jedes Mal wenn sie auch nur einen Hauch von ihm in den Rüssel bekam scheuchte sie ihre Herde in die entgegen gesetzte Richtung. Jedes Mal ergriff sie eine unsägliche Panik und sie sah nur noch Blut und Tod. Die Bilder ihrer zusammenbrechenden Mutter und ihres sterbenden Bruders hatten sie nie losgelassen. Nie. Auch jetzt da sie an diesen Baum gelehnt auf ihre Familie blickte und ihre zweite Tochter, sowie ihren wenige Wochen alten Sohn beim Fressen beobachtete, schweiften ihre Gedanken zu jenen schrecklichen Tagen. Tage die sie nie vergessen würde. Nie. Da stand sie nun diese alte Elefantenkuh und blickte auf ein Leben zurück, dass von Angst und Schrecken geprägt, aber auch von Glück durchzogen war.

Sie hatte ihre Mutter und ihren Bruder verloren, verloren durch einen Macht, der sie keinen Namen geben konnte. Verloren durch eine Macht, die geleitet von Geldgier vor nichts zurückschreckt. Der Leben nichts wert ist. Die gedankenlos und brutal tötet nur um selbst reicher zu werden. Eine Macht, der kein Lebewesen dieser Welt begegnen möchte und es doch nicht vermeiden kann. Eine Macht die mehr Tod und Leid bringt, als die schlimmsten Naturkatastrophen und Unglücke zusammen. Eine Macht, der selbst so große und scheinbar unerschütterliche Geschöpfe wie die Grauen Riesen vollkommen schutzlos zum Opfer fallen. Eine Macht, die beherrscht, unterdrückt und mordet. Eine Macht mit Namen Mensch.
 
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