Hallo zusammen,
ich weiss, dass das Thema schon etwas älter ist, aber mir sind da doch ein paar Äusserungen aufgefallen, die m.E. eine Ergänzung verdient haben.
1. Vorurteil: Mischfutter ist energiereich, fetthaltig und schlecht
Richtig ist: lange Zeit gab es für herbivore Kleinsäuger keine brauchbaren Mischfutter. Die Futter waren allesamt zu energiereich, da sie ursprünglich als Mastfutter konzipiert wurden. Inzwischen gibt es aber sehr wohl auch geeignetere Mischfutter, gerade auch weil Exoten wie Degus oder Fette Sandratten auf eine karge Ernährung angewiesen sind und hier nicht der Weg der Pellets beschritten wurde (welcher interessanterweise bei den meisten anderen Kleinsäuger abgelehnt wird, ja gar von Ernährungsproblemen (Langzeitschäden) gewarnt wird). Dazu kommt eine weitere Entwicklung. In der Futterindustrie beginnt allmähnlich ein Umdenken, da die Tierhalter höhere Ansprüche stellen und nicht mehr mit den energiereichen, ungeeigneten Mischfutter sich zufrieden geben. So können wir beobachten, dass die Hersteller plötzlich getreidelose oder getreidearme Mischfutter für Kaninchen und Meerschweinchen produzieren können, nach so langer Zeit, jetzt da der Druck von Seiten der Tierhalter genug gross ist.
2. Vorurteil: Pellets sind optimal an die Ansprüche der Tiere angepasst
Richtig ist: Die Pellets sind optimal an die Ansprüche der kommerziellen Tierzüchter angepasst. Sie weisen eine Menge Vorteile für Züchter und Hersteller auf, so z.B. lange lagerbar, kompakt (grosse Dichte, kleines Volumen), Verarbeitung von Nebenerzeugnissen (Pflanzliche Abfallstoffe), günstige Herstellungskosten, etc. Diese Vorteile aber stehen mehr oder weniger im Widerspruch mit einer artgerechten Ernährung, wie sie von anspruchsvollen Heimtierhalter angestrebt wird.
Für den Hersteller von Pellets (aber auch jenen von Mischfutter) ist letztlich nicht wichtig, dass das Futter optimal auf die Tiere abgestimmt ist, sondern dass die Kunden zufrieden sind und das Produkt kaufen. Das Futter wird nämlich meist dann geändert, wenn es zu Reklamationen kommt und die Hersteller befürchten müssen, dass ihr Produkt weniger gekauft wird, solange aber die Verkaufszahlen stimmen wird auch ein nicht optimales Produkt weiterhin verkauft. Das ist die Realität. Machen wir uns nichts vor.
3. Vorurteil: Kräuter haben (Neben)Wirkungen
Auch das ist eine ungenaue Halbwahrheit. Man muss das allerdings aus einer anderen Perspektive betrachten. Die Wirkungen welche von Gift- und Heilpflanzen ausgehen sind Abwehrmechanismen der Pflanzen gegen das Gefressenwerden (man nennt das auch Herbivorie). Die Pflanzen haben im Laufe der Zeit eine Unmenge an wirksamen und weniger wirksamen Frasschutzstoffe entwickelt. Ausserdem haben die Pflanzen noch andere Strategien wie Stacheln und Dornen oder unverdauuliche oder verdauungshemmende Stoffe (Tannine, Lignin, Hemiscellulose, Kieselsäure, etc.) entwickelt. Die Tiere ihrerseits, gerade jene die auf pflanzliche Nahrung angewiesen sind, die Herbivoren, bildeten wiederum Abwehrmechanismen und Detoxifikations-Mechanismen um solche Frassschutzstoffe unschädlich zu machen.
Erschwerend kommt noch dazu, dass einige Tierarten selbst einige Giftpflanzen sehr gut vertragen und diese auch in grösseren Mengen fressen, während für andere Tiere Pflanzen, die für die meisten Tiere ungiftig sind, nicht vertragen. Herbivore sind aber durch ihre Ernärhung mehr oder weniger gezwungen, dass sie eine möglichst breite Pallete an Pflanzen vertragen.
Das Thema hatte ich schon hier mal angesprochen:
https://www.tierforum.de/showthread.php?p=202529#post202529
Bei der Gabe von Kräuter ist letztlich ein breites Angebot wichtig, kleine Mengen natürlich und Giftpflanzen und unbekannte Pflanzen meiden. Von einer generellen Diffaminierung halte ich dagegen nichts.
Dann zu Wikipedia
Die Seite ist zwar eine wunderbare Informationsquelle um sich schnell über ein Thema zu informieren, aber ich halte sie für keine gute Infoquelle, wenn es darauf an kommt. Gerade auch die die Heimtierartikel leiden darunter, dass engagierte Tierhalter ohne vertieftes Hintergrundwissen ihr Halbwissen dort weitergeben. Fachliteratur wird in diesen Beiträgen oft dann auch kaum berücksichtigt, ebenso Erfahrungen von erfahrenen Tierhalter oder Züchter.
In dem Sinne ein paar Anmerkungen zu Wikipedia-Zitaten:
edit Nr.3:
Die Härte der Pellets unterstützt den Zahnabrieb der Frontzähne.Mischfutter hingegen führt zu Nähstoffproblemen und ist in den meisten Fällen zu weich, um einen ausreichenden Zahnabrieb zu gewährleisten
von
http://de.wikipedia.org/wiki/Eigentliche_Chinchillas#Darmverschluss
:arrow:ist ein Argument
Oft machen aber die Backenzähne Probleme und dort helfen die Pellets nicht viel, denn die werden mit dem Speicheln und dem Kauen schnell zu weichem Brei aufgelöst und heruntergeschluckt. Mischfutter dagegen, wenn die Sämereien mit Spelzen drin sind dürften eher noch etwas zu Beissen geben, wenn die Körner nicht gerade ganz heruntergeschluckt werden, wobei Sämereien von Chinchillas in der Wildnis laut Cortés et al. (2002) kaum konsumiert werden. Da es aber auch Mischfutter mit pflanzenfaserreichen Futterbestandteile gibt, dürften die sicher mehr zum Zahnabrieb beitragen.
In freier Wildbahn ernähren Chinchillas sich von Steppengräsern, Früchten, Blättern, Rinden und ggf. von Insekten.
wieder von
http://de.wikipedia.org/wiki/Eigentliche_Chinchillas#Ern.C3.A4hrung
Vitamine werden weder in freier Wildbahn, noch domestiziert von keinem Tier aufs mg genau zugeführt - das geht höchst wahrscheinlich auch mit Pellets nicht.
edit: allen anderen Nagetieren werden Knabberhölzer zu verfügung gestellt, um die Zähne kurz zu halten :!:
Zum Wikipedia-Zitat: das ist eine Standard-Floskel und findet man eigentlich in nahezu identischer Form auch für z.B. Rennmäuse, Degus, etc. Fast aussagekräftiger wäre da schon die Aussage, dass die Chinchillas Herbivore sind oder aber man gibt dann ziemlich genau an, was sie fressen und zu welchen Teilen. Wenn die Quelle gut ist, unterscheidet sie noch zwischen Saisonen, denn da kann sich die Ernährung unter Umständen erheblich ändern.
Zur Aussage von Okapi selber: richtige Einwände. mg-Angaben sind Unsinn. Jede Individuum hat da andere Anforderungen (hängt auch von bereits vorhandenen Defizite ab). Dazu können die Tiere viele Vitamine selber herstellen oder sie werden von Mikroorganismen im Darm (meist Caecum) hergestellt und mittels Kotfressen (Coprophagie) wieder aufgenommen. Dies betrifft insbesondere Vitamine des B-Komplex und Vitamin K. Und was die Knabberhölze betrifft, das gilt natürlich auch für Chinchillas.
Melasse in den Pellets
Diese ist in der Tat, wie WK schon erwähnt hat, nicht zwingend notwendig, denn es gibt in der Tat Pellets ohne Melasse. Beispielsweise bietet die Firma Agrobs solche an (im Internet
www.agrobs.de ).
in den pellets sind gtr. gräser, heu, vitamine und mineralien!
Eine romantische Vorstellung, zugegeben. Was nicht ins Konzept passt, wird ausgeblendet: Nebenerzeugnisse, Getreide,...
Vitamine und Minerale gibts auch in frischen Ästen, Wildkräuter und Gräser.
...und dann gäbe es noch die Cobs. Diese enthalten im Gegensatz zu den Pellets auch brauchbare Ballaststoffe, nämlich in Form von strukturierter Rohfaser. Im Gegensatz zu den Pellets werden dort die Ausgangsstoffe nicht zu feinem Mehl zermahlen. So gibts dann auch mehr zu kauen und im Darm dürften dann auch noch ein paar Fasern heil ankommen, die stimmulierend zur Darmperistaltik beitragen können. Dazu kommt dann, dass in den Cobs tatsächlich auch Wiesengräser- und kräuter drin ist und keine Nebenerzeugnisse und daher auch keine Melasse bei der Herstellung notwendig ist.
Doch auch Cobs sind industriell hergestellt und mechanisch und thermisch bearbeitet...
So gesehen eine bessere Alternative zu Pellets, aber sicher auch nicht das Gelbe vom Ei.