Der Revoluzzer von Balingen

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Lilly_79

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Das ist bei mir in der Nähe passiert & hat mich tief beeindruckt - Ein Beispiel dem jeder folgen sollte oder ein Modell das man untersützen sollte!!

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Der Revoluzzer von Balingen
Michael Ohnewald, veröffentlicht am 14.11.2009


Balingen - Manchmal bekommt er diesen eiskalten Blick von Clint Eastwood. In solchen Momenten ist es besser, den Mann nicht zu unterbrechen, wenn er sich über Rindviecher auslässt, von denen es nach seiner Lesart zwei Arten in Gottes großer Herde gibt. Die grasenden und die beamteten. Mit den einen arbeitet er, an den anderen arbeitet er sich ab. "Des goht so it!", sagt er. "Des goht so it!" Dass es so nicht geht, sondern anders, davon ist der Rindvieh-Revoluzzer von Balingen-Ostdorf zutiefst überzeugt, so sehr, dass er dafür seine Existenz opferte, Hausdurchsuchungen über sich ergehen ließ, nachbarschaftliche Schmähungen und bittere Gerichtstermine.


"Bei uns gibt es keine Panik und keinen Stress."
Bauer Maier über seine Rinderherde

Mehr als eine Million Euro hat sein Widerstand gegen die Staatsgewalt gekostet. Und fast zwanzig Jahre hat es gedauert, bis die Heilige Kuh schließlich vor dem Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg geschlachtet war und der Bauer Ernst Hermann Maier endlich mit amtlichem Segen tun durfte, was er immer wollte: seine Rinder auf sanfte Art in die ewigen Weidegründe befördern.

Den Morgen, als im Briefkasten die schriftliche Urteilsbegründung lag, den vergisst er sein Lebtag nicht. Es ist der 19. Oktober 2000. Maier ist gerade 58 geworden und hat wenig Zeit, den Augenblick des Triumphs auszukosten. Der Preis, den er für seinen juristischen Sieg zahlen muss, soll bereits eine Woche später eingefordert werden: die Zwangsversteigerung des Hofs.

Ernst Hermann Maier ist kein geborener Sieger, eher ein gelernter Verlierer. Mit 23 übernimmt er den elterlichen Hof am Fuß der Schwäbischen Alb. Die bäuerliche Welt jener Tage ist geordnet. Das Fleckvieh im Stall trägt wie selbstverständlich Ketten um den Hals. Es herrschen verschärfte Haftbedingungen für Großvieheinheiten.

Sonderbare Wandlung


Der neue Hofpatron findet sich nicht leicht mit den Dingen ab. Er pachtet eine Baumwiese, um seinen degenerierten Stallrindern versuchsweise die Freiheit zu schenken. Das Ergebnis ist ernüchternd: "Durch die ewige Fütterung der Tiere in Futterkrippen wussten sie nicht einmal, dass das am Boden wachsende Gras gefressen werden konnte." Maier, mit bulliger Starrköpfigkeit gesegnet, baut sein Experiment trotzdem aus. Den meisten Dörflern ist er bald ein Stachel im Fleisch der Angepasstheit. Der Maier müsse verrückt geworden sein, heißt es im Ort. "Der bringt die Viecher glatt um."

Wenige Monate nach der Stallflucht stellt der Bauer Sonderbares an seiner Herde fest. Sie wird zusehends uriger. Seltener krank sind die Rinder, die Geburtenrate steigt, und sogar die Hörner seiner Brummer wachsen wieder nach oben. Die Natur hilft sich selbst. Je stärker sich ihr genetisches Potenzial frei macht, desto eigenwilliger geben sich die Tiere. Das hat seine gute Seite, aber auch eine schlechte. Als die ersten Rinder geschlachtet werden sollen, die auf der Weide geboren und niemals irgendeinem Zwang ausgesetzt waren, bekommt der Balinger Landwirt ernste Probleme.

"Es war nicht mehr möglich, diese Tiere ohne brutalste Methoden einzufangen", sagt Maier. Ein Bulle namens Axel stemmt sich mit derart schwergewichtigen Argumenten gegen den Abtransport, dass der Chef und seine Helfer nach zweistündiger Kraftprobe vor dem wartenden Viehanhänger aufgeben. An diesem Tag fasst der Bauer den folgenschweren Entschluss, seinen Rindern diese Tortur zu ersparen und sie künftig eigenhändig auf der Weide zu erschießen. Dies ist der Anfang des Behördenschrecks Maier, der fortan auszieht, die Grenzen zu sprengen, die einem in diesem bürokratisierten Land gezogen sind.

Antrag abgelehnt


Zunächst versucht er es mit einem Bolzenschussapparat. Ist das Tier niedergestreckt und betäubt, waltet der Metzger seines Amts, öffnet die Halsschlagader des Rinds und lässt es ausbluten. Danach wird das getötete Tier in den Viehanhänger geladen und zum Schlachthaus nach Weilstetten gebracht. Doch der Bolzenschussapparat erweist sich wegen seiner Reichweite von nur acht Zentimetern als tückisch. Ein Gewehr wäre besser, denkt sich Maier und marschiert ins Balinger Rathaus, um dort eine Schießerlaubnis zu beantragen. Der Antrag landet beim Regierungspräsidium, danach beim Landwirtschaftsamt - und wird schließlich abgelehnt.

In seiner Not beauftragt der Bauer einen Jäger, was allerdings auch nicht zum gewünschten Ergebnis führt. "Den Bullen schieße ich über Kimme und Korn", sagt der hochmotivierte Waidmann und legt mit einem großkalibrigen Revolver auf das Rind an. Dummerweise wankt der kapitale Zweiender weder nach dem ersten Schuss noch nach dem zweiten. Maier kann es nicht fassen. Er schnappt sich das Schießeisen, rennt zu dem Tier und streckt es mit einem Schuss aus nächster Nähe nieder. Die drei Löcher im Haupt des erlegten Bullen bleiben dem Metzger nicht verborgen, und so kommt es, wie es kommen muss: die Behörden schreiten gegen das bleihaltige Treiben ein: Angezeigt werden Verstöße gegen das Jagdgesetz, das Waffengesetz und auch das Fleischhygienegesetz.
Es ist das erste Mal, dass sich der Bauer ein bisschen fühlt wie der Asylant auf dem NPD-Parteitag. Maier steht allein auf weiter Flur. Es ist die Zeit, in der er die ersten Gerichte von innen kennenlernt, sich mit streitbaren Schlachthoftierärzten anlegt und vollends zum überzeugten Ökobauern wird, zu einem, der an den Früchten der Demokratie schwer zu verdauen hat.

Dann eben zur Jagdschule


Die Welt ist einfach, wenn die Feindbilder simpel sind. Maier wird von den Ämtern nicht geschont, und der Affektstürmer schont weder sich noch andere. Während Gerichte seinen Fall aufrollen und Anwälte auf seine Kosten dicke Schriftsätze verfassen, wächst die Herde auf über 200 Tiere. Wegen der Auflagen erfindet er eine mobile Schlachtbox, um das Blut zu sammeln. Trotzdem darf er nur für den Eigenbedarf schlachten, kein Fleisch verkaufen. Zinsen für Kredite laufen auf, Schulden steigen.

Aufgeben, daran würden wohl viele in einer solchen Lage denken - nicht aber der Dickschädel von Balingen. Er meldet sich kurzerhand in einer Jagdschule an, um auf diese Weise an die Waffenbesitzkarte zu kommen. Dafür zieht er sogar für einige Monate in einen anderen Landkreis, weil ihn dort die Prüfer nicht auf dem Kieker haben.

Maier ist am Ende seiner Kräfte, und es kommt immer noch schlimmer. Durch einen heimtückischen Giftanschlag verliert er 15 Rinder. Als es fast nicht mehr auszuhalten ist, und ihn die Leute als "Kohlhaas von Ostdorf" verspotten, spielt er für einen Moment mit dem Gedanken, das Balinger Rathaus plattzumachen. Glücklicherweise nimmt er sich stattdessen seine Laderaupe und baggert beim Hof zwei gewaltige Löcher aus, die heute als Tümpel für Enten dienen. "Diese Frustlöcher", sagt er, "haben wohl einigen Leuten das Leben gerettet!"

Freud und Leid sind nah beieinander


Wenn der Druck von allen Seiten kommt, kann man nicht umfallen. Im Jahr 2000 erhält der Bauer schließlich vom Verwaltungsgerichtshof die erhoffte Schießerlaubnis. "Es war für uns ein wunderschöner Tag in Mannheim", sagt er. "Die Luft war richtig rein. Sie roch überhaupt nicht nach Filz."

Manchmal liegen Sieg und Niederlage eng beisammen. Kaum hat der schwäbische Revoluzzer gewonnen, kommt sein Hof in der Dorfstraße 42 unter den Hammer. Der Kampf für mehr Würde in der Nutztierhaltung hat die Familie in eine verhängnisvolle Finanzlage gebracht. Maier hat bereits die eidesstattliche Versicherung geleistet. Der Betrieb ist auf Sohn Edgar und Tochter Annette überschrieben. Doch die Schulden sind so hoch, dass es keine Rettung gibt.

Weder die Kinder noch seine Frau Elfriede lassen den Hofpatron in der schweren Stunde im Stich. Als sich die Gläubiger über den Besitz hermachen, ruft plötzlich eine Dame in der Lokalzeitung zu Spenden und Darlehen für die Familie auf. Was danach passiert, grenzt an ein Wunder: Fast 300.000 Euro kommen in wenigen Tagen zusammen. Der Betrieb ist gerettet.

Neun Jahre später sitzt Ernst Hermann Maier in der Stube und fährt mit seiner sehnigen Hand die nackte Stirn hinunter bis zum Kinn eines spatenförmigen Gesichts, das Spuren eines Lebens unter ständiger Beweislast trägt. "Man hat versucht, uns systematisch in den Ruin zu treiben", sagt er.

Der Pionier berät auch andere


Im Herbst seines Lebens hat sich alles zum Guten gewendet. Mit den Behörden hat er Frieden geschlossen. Die Herde zählt jetzt 240 Tiere und ist einmalig in Deutschland. Einen Verein namens Uria hat er gegründet, der sich auf seine Fahnen geschrieben hat, Tiertransporte abzuschaffen.

67 Jahre alt ist Maier, und kein bisschen müde. Jeden Tag zieht es ihn hinaus auf die 70 Hektar große Weidefläche, hinaus in sein Biotop, aus dem er sich nicht vertreiben lässt, hinaus zu Rindern mit Persönlichkeit, die bei ihm in größtmöglicher Freiheit leben. Maier ist kein Fantast, kein militanter Tierschützer und schon gar kein Veganer. Er ist nur ein Bauer, der sich gegen den Schlachthofzwang wehrt. Zweimal in der Woche schießt er draußen auf seiner Weide. Einen Schalldämpfer hat Maier auf dem Gewehr, und die Ruhe im Blut. "Bei uns gibt es keine Panik und kein Geschrei", sagt er. Bricht ein Rind zusammen, reagiert die Herde fast gleichgültig. Das Biofleisch vom Hof ist so gefragt, dass er kaum nachkommt. Bis nach Stuttgart fährt seine Tochter die Fleischwaren aus. Ein Pionier ist er jetzt, der andere Betriebe berät. An Universitäten hält er Vorträge, und ein Buch über seinen Weg hat er geschrieben. Es heißt "Der Rinderflüsterer".

Der Kämpfer hat kein Auto mehr, nicht mal ein eigenes Konto. Auch die Rente von der landwirtschaftlichen Alterskasse ist draufgegangen für seinen Widerstand. Er würde es trotz allem wieder tun, sagt Ernst Hermann Maier, als er auf der Weide einen alten Bullen krault. "Anders goht's halt it!"
 
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