Vielleicht lernt es in den ersten 8 Wochen das Wichtigste, wie selbstständiges Fressen, Bewegung, grobe Gefahren, erste Sozialkontakte zu Mutter und Geschwistern und evtl anderen Katzen des Haushalts, typisches Katzenverhalten... Kann man ein wenig mit uns Menschen vergleichen: Die ersten 3 Lebensjahre sind entscheidend für den Rest unseres Lebens. Dort lernen wir fast alles was wir zum Leben brauchen, welches später nur weiter entwickelt/ verfeinert wird.
Würdest du ein 3 Jahre altes Kind von seiner Familie trennen und irgendwo hin bringen wo es zwar Essen und einen Schlafplatz kriegt, eventuell andere Kinder und Spielzeug zum spielen vielleicht auch nur einen bereits erwachsenen Menschen mit dem er sich zwar unterhalten kann, der ihn auch versteht und vielleicht sogar ab und an mit ihm spielt, aber sonst auf sich allein gestellt ist? Zwar gibt es dann noch andere Lebewesen die auch nett und freundlich zu ihm sind, sich um ihn kümmern, ihm zu essen geben und ihn zum Arzt bringen wenn er krank ist, aber eine komplett andere Sprache sprechen und auch Körpersignale geben die das Menschenkind absolut nicht versteht bzw. falsch interpretiert (ich ertappe mich immer wieder das ich meinen Katzen direkt in die Augen schaue oder sie längere Zeit beobachte... Jetzt überlegen wir Mal in welcher Situation Katzen sich gegenseitig direkt in die Augen schauen bzw eine andere Katze beobachten. Sind meist keine "Happy Moments").
Auch ist die Sozialisierung mit 8-10 Wochen nicht abgeschlossen. Vielleicht so der Grundkern, aber nur mit diesem kann Katze nicht glücklich werden. Ab dem Alter beginnt gerade so das raufen und spielen mit den Geschwistern.
Ich habe einen Kater der das nie gelernt hat, weil er mit vor 8 Wochen weg von Mutter und Geschwistern kam. Er eckt regelmäßig bei allen anderen Katzen an, weil er einfach gar nicht weiß wann Schluss ist, geschweige denn wie andere Katzen ihre persönliche Toleranzgrenze aufzeigen. Der Kater ist wirklich ein absolut freundlich, aufgeschlossener, wilder, nie kaputt zu kriegender, sportlicher Kater, der einfach nur spielen will, aber eben auch wenn andere Katze bereits fauchend, mit gesträubtem Fell und ausgefahrenen Krallen vor ihm liegt. Da bricht regelmäßig für den kleinen Sonnenschein eine Welt zusammen wenn er wieder die Hucke voll bekommen hat und gar nicht so recht weiß wofür. Leider ist er erst mit ca. 5 Jahren zu mir gekommen und war die Zeit davor entweder alleine oder mit falschen Partnern zusammen (alte Tiere oder auch sehr schüchterne Tiere, die gar nicht mit seiner direkten Art klar kamen und teils dann unsauber wurden.), hat ihm auch nicht gerade geholfen. Zum Glück sind meine anderen Katzen alle gut sozialisiert und können SEHR deutlich ihm Grenzen setzen. Ich habe auch das komplette Gegenteil, eine Straßenkatze aus Bulgarien, die ihr gesamtes Leben, von Geburt an, in einer Katzenkolonie verbracht hat - sprich immer mit Katzen verschiedenen Alters zusammen gelebt hat. Die Katze kann perfekt mit jeder Katze, kann Grenzen setzen, aber auch akzeptieren. Klar gibt es hier auch Katzen die sie deutlich bevorzugt als Spiel- und Kuschelpartner und auch Katzen mit denen sie einfach nur zusammenlebt, man akzeptiert sich, lässt sich aber sonst in Ruhe. Das könnte mein Kater niemals und das war auch der Grund warum er letztendlich zum Wanderpokal wurde.
Ich finde auch medizinische Gründe spielen eine Rolle. Ein Kitten sollte zumindest Grundimmunsiert sein, sprich Impfungen in der 8. und 12. Woche erhalten haben, daneben natürlich auch noch entwurmt und gechippt und in der Zwischenzeit so wenig Stress wie möglich haben. Schlecht wenn sich dann das komplette Leben des Kätzchens ändert und man auch als hoffentlich verantwortungsvoller Züchter hoffen muss das die neuen Besitzer dies wirklich erledigen (davon abgesehen gibt natürlich kein verantwortungsvoller Züchter seine Tiere so früh ab).
Der einzige Grund warum man unbedingt ein Kitten mit 8-10 Wochen abgeben will ist purer menschlicher Egoismus und das Verlangen nach einem kleinen, niedlichen, hilflosen Kätzchen, das man am besten noch mit der Milchflasche füttern kann oder eben das man noch das schnelle Geld damit machen kann (jeder verantwortungsvolle Züchter wird über den finanziellen Aspekt müde lächeln, klar verdient auch dieser Geld mit seinen Tieren, hat aber auch dementsprechend Zeit und Arbeit in die Tiere gesteckt, im Gegensatz zu den meisten "liebevollen Hobbyzüchtern" oder dauerhaften "Mir ist meine Katze zum 8. Mal entwischt, habe kein Geld zum kastrieren, bin eh gegen Kastrationen, da diese total Unnatürlich sind, meine Katze muss das Wunder der Geburt erleben!"). Meist resultieren dann aus diesem Egoismus leider Langzeit- Tierheiminsassen, Wanderpokale oder verdonnerte Einzelgänger, weil "der/ die kommt mit Artgenossen nicht klar", wie denn auch wenn er es nie gelernt hat?
Vielleicht magst du ja auch mal mehr dazu schreiben als irgendwelche Unterstellungen/ Beleidigungen. Du pochst ja sehr auf deinen jahrelangen Erfahrungen, deinem großen Wissen und bist sogar ein auf Katzen spezialisierter Diplom Verhaltensbiologe und Veterinärmedizinier, da wird ja hoffentlich ein bisschen mehr drin sein als ein einfaches "Ist alles Unsinn, weil ich das so sage.".