Ich gestehe ich lese hier bei vielen ein bisschen den calvinistischen Armutsgedanken a la "Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen.", bzw dass man immer selbst dafür verantwortlich ist, wenn man unter Armut leidet.
Allerdings haben wir seit der Einführung von Hartz 4 in Deutschland ständig sinkende Löhne, die Armut steigt (momentan sind wir bei ca 15% der Menschen die weniger als 850€ im Monat haben) und das obwohl die Arbeitslosigkeit abnimmt.
Was Seven schrieb von ihren 1200-1300DM im Monat als Ausbildungsgehalt (es war doch das Ausbildungsgehalt, oder?) und einer 50m² Wohnung für 600 DM ist heute ja kaum noch in Relation zu setzen.
Die gleiche Wohnung wird heute wahrscheinlich 450€ kosten und das durchschnittliche Ausbildungsgehalt kaum mehr als 600€ sein.
Als Single mit einem Job im Niediglohnbereich und einem netto von 1000€ im Monat kann man sicher (über)leben, aber viel leisten kann man sich nicht mehr (geschweige denn größere Summen auf späteres Eigentum sparen).
In vielen Jobs hat man auch kaum noch mehr Chancen auf späteren Mehrverdienst und als Frau drückt einen (je nach Branche) auch noch der aktuelle Pay-Gap von 22%.
2000€ sind ein realistisches Monatseinkommen um dauerhaft gut leben und auch viele Freiheiten genießen zu können. Dass dies kaum noch einer bekommt ist schade.
Ich selber habe auch in meinem Leben bisher noch nie gut verdient (Einzelhandel mit Mindestlohn). Die ganze Woche zu ackern und trotzdem nichts zu haben fand ich zumindest extrem frustrierend.
Mein Mann ist Frührentner mit Aushilfsjob, da geht also auch nicht viel.
Vor einem Jahr habe ich jetzt wieder angefangen zu studieren (nachdem ich im Einzelhandel einfach nicht mehr konnte und mit Burn-Out raus bin), jetzt leben wir von dem was er bekommt und meinem "Gesparten" (ich hab eisern gespart als ich noch gearbeitet hab, weil ich wusste, dass ich das nicht für immer machen will, trotzdem sind es nur ein paar Tausend geworden).
Unser Monatsbudget auf Hartz 4 Niveau nervt mich auch jetzt, klar wir können die Miete zahlen und haben auch ein Auto usw, aber immer dieser Stress ob vielleicht die Waschmaschine kaputt geht, oder sonstwas.
Zudem gibt es nur Flohmarktklamotten, keine großen Sprünge bei den Lebensmitteln, keinen Urlaub, keine dringend notwendigen Renovierungen in der Wohnung (diese ist 55m², und kostet ca 470€ warm (nur so günstig, weil wir hier seit 2001 wohnen, die Neumieter zahlen etwa 570€), mitten in der Stadt, kein Balkon, alle Fenster zum 4-spurigen Stadtring raus, Schimmel in den Ecken).
Nach 15 Jahren Erwachsenenleben ohne einen Cent in der Tasche und mit ständigen Finanzsorgen kann ich nur sagen, dass einen das schon zermürben kann auf Dauer.
Nach der Uni (ich mache mein Lehramtsstudium fertig, was ich vor 10 Jahren angefangen habe) sieht es dann ja zum Glück hoffentlich irgendwann nochmal besser aus (auch wenn ich sicher nicht mehr verbeamtet werde), aber bis zum Referendariat sind es für mich jetzt auch noch ca. 4 Jahre und selbst wenn mir das Studium super Spaß macht und ich meine Entscheidung bisher noch keine Sekunde bereut habe, wünsche ich mir doch regelmäßig ich könnte wie Freunde in meinem Alter auch mal wegfahren oder zumindest mal Abends ausgehen.
@Soylent: Ich kann verstehen, dass du gefrustet bist und hoffe eure Situation bessert sich bald.
Deinem Freund wünsche ich gute Besserung, Depressionen sind schon eine schlimme Erkrankung aus der man oft nicht so schnell wieder rauskommt. Das man dafür blöde Sprüche ala "der will ja bloß nicht" oder er wäre "zu faul zum Arbeiten" bekommt ist offenbar leider (immer noch) Alltag. Psychische Erkrankungen haben einfach eine schlechte Lobby (habe selbst eine Angsterkrankung die mich jahrelang gelähmt und meinen ersten Studienanlauf hat scheitern lassen).
Leider dauern solche Erkrankungen so lange, wie sie eben dauern und nicht immer kann ein Therapeut das Ganze einfach wegzaubern (mich haben die Therapien oft nur noch fertiger gemacht).
Ich finde nicht, dass ihr es irgendwem schuldet auf euren, augewählten Luxus zu verzichten, ihr müsst einfach selber sehen wie ihr eure Prioritäten setzen wollt (dass er - trotz Depressionen - seine Freunde besuchen fährt, ist doch z.B. sicher gut für ihn).
Das du ein schlechtes Gewissen hast was das Geld deiner Eltern angeht kann ich gut verstehen, vielleicht hilft hier aber wirklich ein Gespräch in dem du ihnen genau das mal sagst
Ansonsten bleibt halt nur auf die Dinge zu verzichten auf die ihr verzichten könnt (lasst euch nicht reinreden, was das zu sein hat, trefft eure eigenen Entscheidungen mit denen ihr leben könnt).
Vorsicht ist geboten bei Schuldenfallen (wie z.B. einem Auto das abbezahlt wird, eines für 2000€ fährt nämlich auch

), das Ziel sollte also erstmal sein halbwegs über die Runden zu kommen.