Also wenn sie da nicht von Geburt an gegen alles mögliche Abwehrkräfte entwickelt hätte, wär sie jetzt nicht mehr da.
So einfach ist das leider nicht, weil das Immunsystem sehr lange braucht, um sich richtig zu entwickeln. Der Hund muss mit allem – am besten mehrmals – in Kontakt gekommen sein (z.B. Pollen). Außerdem ist der bloße Kontakt keine Garantie für eine entsprechende Immunantwort. Allerdings halte ich es für unsinnig, den Hund im Haus zu behalten, weil er noch nicht alle Impfungen hat. Eine sechs Wochen alte Handaufzucht würde ich auch nicht in die Welpengruppe schicken, aber ein Hund mit acht oder zehn Wochen, der die erste SHP-Impfung bereits erhalten hat und bis mindestens 12 Wochen durch maternale Antikörper geschützt ist – da sehe ich absolut kein Problem, schon gar nicht im normalen Spaziergang. Zumal man auch keine unsichtbare Glaskuppel um den Garten hat, die alle Erreger abhält. Ich war mit meinem Max auch mit neun(?) Wochen das erste Mal in der Welpengruppe (das Alter weiß ich nicht mehr genau, ist eine Weile her, aber auf jeden Fall vor der zweiten SHP und der ersten T) und mit jedem unserer Hunde waren wir vom ersten Tag an Gassi. Der Welpe meiner Mutter war auch beim Züchter schon ab und an spazieren, ich seh da ehrlich gesagt kein Problem drin und weder der TA der Züchterin, noch deren Verbandsvorsitzende (ihrerseits ebenfalls TA) sowie unsere TA sahen da auch kein Problem drin.
Deutschland ist seit 2006 tollwutfrei. Darum braucht man die Tollwutimpfung nur, wenn man über eine Grenze will.
Am 3. Februar 2006 wurde der letzte Tollwutfall in Deutschland (das heißt bei Haustieren) diagnostiziert, weswegen uns die Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) für tollwutfrei erklärt hat, allerdings nicht 2006, sondern 2008(!), weil es seit 2006 keinen gemeldeten Fall bei Haustieren mehr gab. In Deutschland gab es zuvor sehr viele Probleme mit Tollwut, in der ersten Hälfte des 20ten Jahrhunderts trat bei uns die Tollwut als Haustiertollwut auf. Es wurden dann »veterinärmedizinische Eindämmungsversuche« vorgenommen, was wohl so viel heißt wie »jedes Tier wurde getötet, welches Symptome aufwies«. Es wurden auch Tiere in Quarantäne gesteckt, überwacht, Streuner beseitigt usw.. Damals war der Hund Hauptwirt für den entsprechenden Tollwutstamm. Man hatte die Tollwut damit gut im Griff, bis vor etwa 50 Jahren die Rotfuchstollwut aus Preußen zu uns. Zuerst hat man erfolglos versucht, die Population an Füchsen und infiziertem Wild einzudämmen, es wurden Giftköder ausgelegt, Tiere hormonell sterilisiert, sogar Fuchsbauten ausgehoben und Welpen getötet sowie Gas in die Bauten geleitet, um alle Tiere zu töten. Erst durch die sogenannte orale Immunisierung von Füchsen mittels Ködern ließ sich die Tollwut langsam eindämmen, 1983 wurden die ersten Versuche damit gemacht. Die Fuchstollwut befällt übrigens auch den Hund, nur falls das jetzt nicht rüber kam.
Es hat uns also allein im vergangenen Jahrhundert zwei grausame und langjährige Eindämmungen gekostet, die Tollwut in den Griff zu bekommen, mal ganz abgesehen von den 25 Jahren Immunisierung von Wildtieren, um die Tollwut in den Griff zu bekommen. Im Vergleich dazu haben wir jetzt seit sieben Jahren keinen gemeldeten Tollwutfall mehr gehabt (wobei die Frage ist, wie oft tote Tiere darauf untersucht werden, besonders wenn man bedenkt, wie schnell Tollwut das zentrale Nervensystem zerfrisst und zum Tode führt) und sind seit fünf Jahren tollwutfrei. Fünf Jahre, die wir nur durch die äußerst konsequente Impfung von Wildtieren erreicht haben. Schaut man sich die Geschichte mal an, sieht man auch, wie leicht eine solche Krankheit über die Grenzen wieder zu uns kommen kann, zumal seit einigen Jahren gerade auch wieder Wölfe aus dem Osten zu uns drängen, die ebenfalls infiziert sein können. Ein Virus, das nur darauf aus ist, seinen Wirt zu töten, derart aggressiv ist und sich schon so lange hält, verschwindet nicht einfach, nur weil es ein paar Jahre keine Meldung in Deutschland gab, zumal nicht alle anderen EU-Länder tollwutfrei sind.
Also bei aller Liebe, aber da lasse ich doch lieber mal alle drei Jahre gegen Tollwut impfen, als das Risiko einzugehen, dass die Epidemie hier wieder ausbricht und mein Hund ohne Impfschutz dasteht. Wo wir heute sind verdanken wir schließlich auch nur der Impfung, das sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ebenso die Tatsache, dass ein infiziertes Tier nicht heilbar ist und innerhalb weniger Tage stirbt.
Ganz abgesehen von der genau aus dieser Befürchtung resultierenden und immer noch bestehenden Tollwutverordnung, §9, 2010:
(1) Für Hunde und Katzen ordnet die zuständige Behörde die sofortige Tötung an, wenn anzunehmen ist, dass sie mit seuchenkranken Tieren in Berührung gekommen sind. Sie kann die sofortige Tötung dieser Hunde und Katzen anordnen, wenn anzunehmen ist, dass sie mit seuchenverdächtigen Tieren in Berührung gekommen sind.[...]
(3) Absatz 1 gilt nicht für Hunde und Katzen, die nachweislich bei der Berührung unter wirksamem Impfschutz standen. Solche Hunde und Katzen sind sofort behördlich zu beobachten und unverzüglich erneut gegen Tollwut zu impfen. Die zuständige Behörde kann zulassen, dass von der Impfung abgesehen wird, wenn die Tiere bereits mehrmals in kurzen Abständen gegen Tollwut geimpft worden sind.
(4) Die zuständige Behörde kann im Einzelfall für nicht unter wirksamem Impfschutz stehende Hunde und Katzen Ausnahmen von Absatz 1 zulassen, sofern die Tiere sofort für mindestens drei Monate sicher eingesperrt werden und Belange der Seuchenbekämpfung nicht entgegenstehen. Die zuständige Behörde kann in der Entscheidung nach Satz 1 oder nachträglich die Dauer der dort genannten Maßnahme verkürzen, soweit Belange der Tierseuchenbekämpfung nicht entgegenstehen.
Das auf die leichte Schulter zu nehmen halte ich für äußerst fahrlässig und auch ein bisschen naiv, denn der Mensch hat es zwar schon geschafft, einige bedrohte Tierarten auszurotten, aber was Viren angeht sind wir doch meist eher die Verlierer.
Suno, wegen der restlichen Impfungen:
Wenn da im Welpenalter richtig geimpft wurde (ich würde den TA anrufen, der den Impfpass unterschrieben hat) würde ich mir keine Gedanken machen und einfach jetzt – dürfte ja nun drei Jahre her sein? – SHP und T impfen lassen. Pi und L sind Geschmackssache, zumindest gegen einen der vier hauptsächlichen Erreger wird im SHP-Impfstoff geimpft (CAV-2, es besteht Kreuzimmunität mit CAV-1, welcher die Hepatitis auslöst, darum wird im Impfstoff der CAV-2 verwendet).
Und noch was zum Titer:
Der Titer ist zwar das einzige, was bestimmt werden kann, aber zum einen ist er nicht alleine aussagekräftig über die Immunität, zum anderen herrscht kein einheitlicher Konsens darüber, wie hoch dieser sein muss. Die Gedächtniszellen, die sich teils ein Leben lang an eine Krankheit erinnern können, sind ebenfalls entscheidend, können aber nicht gemessen werden. Darum beziehen sich Studien mit Titermessung immer auf eine Art »Richtwert«, wenn man so will. Nichts desto trotz erfolgt die Immunantwort wohl ein Stück schneller, wenn Antikörper vorhanden sind, als wenn die Gedächtniszellen – wenn auch schnell in ihrer Reaktion – zuerst welche bilden müssen. Interessanter sind da schon die challenge studies, bei welchen die Tiere dem Erreger ausgesetzt werden, um zu testen, ob sie sich infizieren oder nicht. Die bekannteste wurde hier auch schon erwähnt, die von Ronald D. Schultz, der in diesen Dingen Experte ist und auch oft zitiert wird. Im Belastungsversuch gibt er für Tollwut drei Jahre an, für Staupe (den bei uns vorkommenden und geimpften Stamm Onderstepoort) fünf Jahre, für Hepatitis sieben Jahre und für Parvo ebenfalls. Nach dieser Zeit haben sich einige Tiere im Belastungsversuch durchaus infiziert, also ganz so lässig zu nehmen ist es nicht, besonders in Bezug auf die Tollwut, die sollte wirklich alle drei Jahre geimpft werden.