Hi,
zunächst gibt es große Unterschiede zwischen Bindung und Beziehung, das kann man so nicht in einen Topf werfen.. und beides beginnt mit der ersten Minute.
Bei Hunden gibt es einen Satz, den man immer wieder verwenden kann: „Es kommt drauf an“…
…so gibt es Hunde, die sehr schnell eine gute Bindung / Beziehung aufbauen, und solche, die länger benötigen. Das hängt aber nicht nur vom Hund ab, sondern auch, wie mit ihm umgegangen wird.
Insofern würde ich nie pauschalisieren und von allgemein gültigen Zeiträumen sprechen. Bindungen von Hunden an Ihre Menschen erinnern stark an Mutter-Kind Bindungen. Es gibt da immer einen schützenden und versorgenden Part (Mensch) und den Hund, der gut gebunden seinen Menschen als sicheren Hafen für Erkundungsausflüge bei sich weiß.
Bindungsverhalten zeigt sich also zum Großteil darin, dass der Hund in gefährlichen Situationen die Nähe und den Schutz seines Halters sucht. Das kann schon nach wenigen Stunden oder Tagen der Fall sein, aber sicherlich meistens schneller, als 6 Monate, da gebe ich Lunai völlig Recht. Auch das Ausbilden einer Beziehung beginnt von Anfang an. Nach dem ersten Zusammentreffen mit einem Menschen werden zumindest Weichen für die Beziehung gestellt. Das sieht man immer wieder, wenn ein Trainer den Hund führt, dieser völlig anders reagiert, als beim Halter und beim Halter wieder wie immer. Dieser „Trainereffekt“ lebt im Grunde davon, dass der Hund mit ihm eben noch KEINE Beziehung hatte, aber sofort anfängt, eine aufzubauen, wenn mit ihm kommuniziert wird.
Erste Ansätze von Bindung / Beziehung nach 6 Monaten würde ich also so nicht unterschreiben…
Quentin, zu Deiner Leinenmethode muss ich jetzt doch nochmal was fragen:
Normale Leine am Halsband verstehe ich ja…klar. Dann eine dünne Leine am Führungshalsband am Kopf… meinst Du einen Halti oder gentle Leader, o.Ä? Also ein Kopfhalfter? Falls das so ist – hat Dir jemand, der fachkundig ist erklärt, wie man damit umgeht? Solche Kopfhalfter können gute Hilfen sein, wenn man sie entsprechend anwendet – auch wenn ich kein Freund davon bin – aber falsch angewandt werden sie zum Fluch und Beziehungskiller…
Zur Leinenführigkeit gibt es eine schöne Methode, die bei den meisten Hunden gut genutzt werden kann. Es geht dabei zunächst darum, dem Hund klarzumachen, ob gerade Leinenführigkeit angesagt ist, also Orientierung am Menschen, oder ob der Hund selber bestimmen darf, wo er hingeht – dann folgt der Mensch. Dazu kann man ein „Umleinritual“ einführen. Hund ranholen, evtl. ins Sitz bringen, Leine auf lang (darf selber bestimmen) oder auf kurz(soll sich orientieren) einclipsen. Früher oder später ist dem Hund so klar, was jeweils verlangt wird.
An kurzer Leine muss dann aber auch Leinenführigkeit gearbeitet und durchgesetzt werden. Das genau zu erklären würde jetzt den Rahmen sprengen – Stichworte sind hier Körpersprache und durchhängende Leine. Das geht ohne Leckerchen – nur über Präsenz – bei Bedarf kann ich das nochmal genauer erklären, sind dann aber immer nur Anhaltspunkte, viele Fehlerquellen möglich. Im Idealfall sollte das zumindest mal eine Einzelstunde lang von einem guten Trainer begleitet werden.
Nun fragst Du Dich, warum Dein Hund mal gut neben Dir läuft und mal zieht… na ja, er bekommt sehr wahrscheinlich kein klares Signal, was gerade gewünscht ist, du entscheidet je nach Motivation selber, ob es für ihn gerade lohnender ist, einfach neben Dir her zu laufen, oder eben vor… das bekommst Du nur mit entsprechender Leinenführigkeitsarbeit hin. Und Zeit heilt viele Wunden, aber nicht die der Leinenführigkeit. Es wird eher schlimmer werden, wenn ihr nicht daran arbeitet.
Versuche den Rotti nicht mit der Dogge zu vergleichen. Es gibt immer Hunde, die wie Geschenke sind und einfach alles so anbieten, wie man es gern hätte – aber auch das Gegenteil. Ich habe auch zwei sehr unterschiedliche Exemplare und bei mir ist es die Dogge, die mehr Führung benötigt. Es kommt also wieder mal drauf an.. J.
Bei der Dogge hat Deine ausschließlich positive Belohnungsstrategie wohl gut funktioniert….aber auch hier gibt es wieder Hunde, denen man auch manchmal vermitteln muss, dass man etwas gerade NICHT möchte. Das geht – ohne Gewalt, aber mit Training und wiederum Präsenz ( verbales und körpersprachliches Abbruchsignal). Nur und ausschließlich über Belohnung kann man je nach Hund schnell an die Grenzen des Machbaren stoßen – oder es dauert sehr, sehr lang.
Anders ist es wiederum bei Angstproblemen, wie Du sie ja bei Treppen und Unterführungen hast. Hier darf nie „gedrückt“ werden, nur „gezogen“. Also kein Druck, nur vorsichtige Annäherung / Belohnung / schauen lassen/ Gewöhnung (immer wieder den Platz aufsuchen und dort verweilen / füttern), usw.
Wenn es im Haus auch Treppenprobleme gibt, er aber ein paar läuft, kannst Du gut die paar hoch, sofort wieder runter und unten Leckerchen geben. Dann wieder und wieder, immer nur so hoch, wie er angstfrei möchte. Nach ein paar Wiederholungen dann EINE Stufe höher, wieder runter und wieder ein paar Wiederholungen machen. So bekommst Du ihn angstfrei immer höher. Dann könnte es auch sein, dass die Unterführung besser klappt, muss aber nicht.
Noch ein Wort zu einer ihren Menschen verteidigenden Dogge – das sollte eigentlich nicht regelmäßig vorkommen. Wenn ein Hund nach vorn geht, ist es auch nicht gesagt, dass er seinen Halter verteidigt – oft sieht es nur so aus und er verteidigt sich eigentlich selber. Beides ist nicht optimal, denn der Hund trifft eine möglicherweise folgenschwere Entscheidung. Er entscheidet, gegen was es sich zu verteidigen gilt, und im Zweifel auch wie. Besser wäre es sicherlich, er würde entspannt bleiben, sich auf seinen Menschen verlassen, und dessen Verhalten als „Stimmungsbarometer“ annehmen.
Falls Du noch spezielle Fragen hast, beantworte ich die natürlich gern, so gut ich kann…