Noch immer halten sich in Hundehalterkreisen hartnäckig die unglaublichsten Verhaltensweisen als Demonstration der eigenen Überlegenheit über den Hund. Sogar in einigen Hundeschulen werden Schnauzgriff und Alphawurf als probate Erziehungsmethoden angepriesen und ich denke, es wird so langsam Zeit, damit mal richtig aufzuräumen.
Einen Hund bekommt man nicht dazu, einen als Rudelführer anzusehen, indem man einfach mal zwischendurch den dicken Macker raushängen lässt und den Hund z.B. mit Rückenwerfen tyrannisiert. Einen richtigen Alpha kann man nicht mal eben so für einen Moment darstellen wollen, ein richtiger Alpha muss man sein – und das in jeder Situation.
Schaut man sich mal Hunde in einem Rudel an, wird man sehr schnell merken, dass nicht derjenige der Anführer ist, der am lautesten bellt oder am schnellsten zubeißt. Den Rudelchef erkennt man daran, dass er der coolste und gelassenste von allen ist. Wo er geht (eigentlich schon fast schreitet), macht ihm die Meute freiwillig Platz und kommt ein Hund zurück ins Rudel, läuft er ihm nicht freudestrahlend und aufgeregt entgegen, er nimmt ihn bestenfalls wohlwollend zur Kenntnis. Solche Verhaltensweisen kann man sich auch als Mensch zunutze machen.
Die wohl wichtigste Eigenschaft, die ich als Mensch übernehmen und verinnerlichen muss, ist wohl die absolute Souveränität des Alphas. Ein Rudelführer agiert und reagiert niemals panisch, ängstlich oder hektisch. Egal, was passiert, der Alpha reagiert zwar blitzschnell wenn nötig, aber er bleibt trotzdem gelassen dabei. Gerät man also als Mensch mit seinem Hund in Situationen, die vor allem für den Hund Stress bedeuten und vielleicht sogar Angst mit sich bringen, ist es für den Menschen oberstes Gebot, die Ruhe zu bewahren, egal, wie man diese Situation löst. Möchte man also beispielsweise einer möglichen Konfliktsituation mit einem anderen Hund entgehen, kann man auch mal durchaus den Rückzug antreten, sofern man dem eigenen Hund die Sicherheit vermittelt, dass genau dies die richtige Entscheidung ist. Nicht die Richtung unserer Schritte ist wichtig, sondern die Sicherheit, mit der wir dabei auftreten.
Eine zweite wichtige Eigenschaft ist die Konsequenz. Eine einmal getroffene Entscheidung ist nicht mehr verhandelbar. Wir Menschen neigen gerne dazu, situationsabhängige Kompromisse zu machen. Hunde dagegen sehen solche Eingeständnisse aber als Schwäche an. Mit einem Rudelführer diskutiert man nicht und was er sagt, ist Gesetz. Es neigen viele Hundebesitzer dazu, auch ein "Platz" des Hundes zu akzeptieren, wenn sie ein "Sitz" als Kommando gegeben haben. In den Augen des Hundes aber ist man als Chef eine Niete, wenn man auf dieses "Sitz" nicht besteht, weil der Hund schlussfolgert, dass es anscheinend egal ist, was sein Mensch sagt, er kann ja eh machen, wozu er gerade Lust hat. Anfangs mag es mühsam erscheinend, Kommandos nicht einfach nur zu geben, sondern auch auf deren Befolgung zu achten, aber auf Dauer wird es unser Leben mit unserem Hund erleichtern.
Es gibt eine weitere Verhaltensweise von Alphahunden, die man sich als Mensch zunutze machen kann. Ein Alpha darf als einziger jederzeit jeden Ort begehen, auch wenn dieser gerade von anderen Rudelmitgliedern besetzt ist. Wenn ein Rudelführer den Weg eines anderen Hundes kreuzt, wird dieser ihm ausweichen, selbst dann, wenn er dort gerade in bequemster Schlafstellung liegt. Somit sollte der Mensch niemals einfach über seinen Hund hinweg steigen oder gar um ihn herum gehen, wenn dieser mal im Weg liegen sollte. Unter Beachtung der anderen beiden anderen, wichtigen Punkte (Coolness und Konsequenz) sollten wir ganz klar darauf bestehen, dass unser Hund für uns aufsteht und uns den Weg frei macht. Dasselbe gilt für den oft diskutierten Platz auf der Couch. Es kommt nicht, wie allgemein gedacht, um den "erhöhten Platz" des Chefs an. Es kommt vielmehr darauf an, dass der Hund auf der Couch seinem Herrchen Platz macht, sofern dieser dort sitzen möchte. Im Gegenzug dazu liegt aber auch der Rudelführer nicht zwangsläufig immer ganz alleine auf seinem Platz. Er legt sich ebenso gerne mitten in die restliche, zusammengekuschelte Hundemeute, wobei auch hier alles ganz ruhig und gelassen von statten geht. Da wird hier der Kopf ein wenig verschoben, da werden ein paar Pfoten eingezogen und schon schiebt sich der Popo des Chefs in die frei gewordene Lücke, ohne, dass dieser großartige Beachtung gefunden hätte oder sich gar Anzeichen von Angst bei den anderen gezeigt hätten. Kein Mensch muss folglich seine Führungsposition gleich gefährdet sehen, weil der Hund sich genüsslich auf der Couch lümmelt und keine innige Kuschelstunde wird unseren Alphastatus in Frage stellen.
Ebenso nicht zu unterschätzen in der Festigung unserer Führungsposition ist unsere eigene Körpersprache. Ein Mensch gebraucht meist zu viele Worte und zu wenig körpersprachliche Signale. Oft widersprechen sie sich sogar derart, dass der Hund nicht mal mehr weiß, was er nun wirklich tun soll. Hilfreich ist es, mit dem Hund so wenig wie möglich zu sprechen und lieber dabei auf die Sprache seines Körpers, seiner Gestik und sogar Mimik zu setzen. Dies bedeutet nicht, dass man mit seinem Hund nicht mehr reden sollte. Natürlich kann man seinen Hund bis zum Umfallen "zusabbeln", allerdings nur dann, wenn es nicht darum geht, von dem Hund etwas Bestimmtes zu wollen. Hunde lieben es, wenn sie unsere einlullende Stimme hören und am besten dabei noch streichelnde Hände genießen, doch geht es um die Befolgung von Kommandos, sollten diese kurz und knapp sein und die Körperspannung und –sprache diesem Kommando entsprechen. Wenn wir uns ganz bewusst bei unseren Kommandos auf maximal ein bis zwei Worte beschränken und ansonsten mit unserem Körper sprechen, wird unser Hund uns besser verstehen.
Auch die Fütterung bietet eine gute Möglichkeit für den Menschen die "Macht" über den Hund zu demonstrieren. Entgegen langläufiger Meinungen muss dabei der Hund nicht grundsätzlich nach dem Menschen seine Futterration bekommen, denn auch in reinen Hunderudeln überlässt der Rudelführer den Rangniederen die Beute direkt, wenn er selbst keinen Hunger hat. Viel wirkungsvoller ist dagegen die Demonstration des Besitzes dieser Ressource. Bei unseren Hunden können wir dies beobachten, wenn sie uns beispielsweise ihr Lieblingsspielzeug bringen. Sie gehen vor uns auf und ab, das Spielzeug ganz stolz in der Schnauze und demonstrieren und damit "meins". Wieso also kopieren wir dieses Verhalten nicht einfach und nehmen den Hund zur Fütterung mit in die Küche, anstatt ihm das Futter nur unbeobachtet hinzustellen? Der Hund soll ruhig sehen, wie wir "die Beute" aufteilen, wir können ebenso mit dem Napf in der Hand ein paar Mal auf und ab gehen, genauso wie unser Hund mit seinem Spielzeug. Unser Hund wird uns in diesem Moment sabbernd anhimmeln. Dann stellen wir den Napf auf den Boden und geben ihm das wohlwollende Kommando, dass er endlich fressen darf und schon haben wir einen weiteren Punkt auf unserer Rudelführerskala.
Es gibt noch weitere Grundsätze in einem funktionierenden Rudelgefüge. So verlässt z.B. der Rudelführer als erstes die schützende Höhle, um die Lage abzuchecken. Und er kehrt als letztes dorthin zurück, um sein Rudel bis zum Schluss abzusichern. Also sorgen wir Menschen dafür, dass unser Hund nicht vor uns durch die Haustür stürmt, sondern wir zuerst durch die Tür gehen. Beim Heimkommen machen wir es genau anders herum: wir sichern nach hinten ab, während unser Hund schon die Wohnung betritt. Ebenso gibt grundsätzlich der Rudelführer an der Leine Tempo und Richtung vor. Damit der Hund lernt, auf den Menschen zu achten, sollte man bei jedem Zug auf die Leine stehen bleiben oder direkt die Richtung wechseln bzw. ein paar Schritte rückwärts gehen. Kommen wir alleine nach Hause und der Hund wartet schon ungeduldig auf uns, sollten wir uns selbst trotz aller Wiedersehensfreude in unserer Begrüßung zügeln. Wie bereits am Anfang erwähnt, würde kein Alpha wie ein kleines Kind vor Freude ausflippen, nur weil er wieder bei seinem Rudel ist (oder das Rudel bei ihm). Also sollten auch wir uns zurücknehmen, erst in aller Ruhe Mantel, Taschen, Schlüssel ablegen und verstauen und dann, wie ein richtiger Chef, das andere Rudelmitglied gnädig aber reserviert begrüßen. Innige Knuddeleinheiten können wir uns auch später noch mit unserem Hund gönnen.
Im Grunde unterscheidet sich ein Rudelführer nicht sonderlich von dem Chef einer großen Firma. Auch dieser ist meist ein etwas arroganter, eingebildeter, ignoranter und über allem erhabener Typ, der reserviert bis leicht unterkühlt daher kommt und einem bestenfalls auf der Weihnachtsfeier freundschaftlich kollegial auf die Schulter klopft. Doch im Gegensatz zu uns Menschen, die wir diesen Chef zwar respektieren, aber für sein Verhalten nicht sonderlich sympathisch finden, wird uns unser Hund für genau dieses Verhalten nicht nur respektieren, sondern förmlich anhimmeln. Und schließlich haben wir ja mit unseren Hunden auch nicht nur einmal im Jahr eine Weihnachtsfeier, sondern bekuscheln sie, so oft es nur geht, gerne und ausgiebig. Und so liebt unser Hund unsere arrogante Souveränität und lebt für unsere Zuneigung.