Kaninchen schmeißen keine Jungen aus dem Nest - wenn Junge daneben liegen, sind es meist die Kräftigsten und Agilsten, weil sie sich besonders stark am Gesäuge festsaugen und dann, wenn die Mutter das Nest verläßt, mitgeschliffen werden.
Schauen wir uns an, wie es bei den Wildkaninchen ist:
Wildkaninchen bauen Wurfhöhlen, die führen schräg in den Boden und sind mind. einen halben Meter lang. Die Wurfhöhle selbst liegt mind. 20cm unterhalb der Bodenoberfläche.
Die Wurfhöhle wird mit Pflanzenmaterial gefüllt, eine Mulde hineingedrückt und diese mit Haaren, insbesondere Unterwolle aus dem Bauchbereich der Häsin, ausgepolstert.
Wenn der Wurf da ist, liegt er in diesem warmen Nest, Mutter kommt einmal nachts säugen, wenn sie sich gestört wird, auch mehrmals. Läßt eines der kräftigsten Jungen nicht los und hängt beim Rausrennen von Mama an den Zitzen, wird er im engen Gang regelrecht abgestriffen. Jedem Kaninchenjungen ist angeboren, nach unten zu kriechen - und da ist das schöne, warme, mollige Nest. Sobald es waagerecht wird, kriechen die Jungen im Kreis und suchen die wärmste Stelle im Nest. Jedes Junge findet also wieder ins Nest zurück ...
Hier liegt schon mal ein Riesenunterschied zu dem, was wir unseren Kaninchen als "Wurfhöhle" anbieten - meist ein normales Häuschen, der Boden ist auf gleicher Höhe wie der Käfig. Wenn da ein Junges an den Zitzen rausgetragen wird, fällt es irgendwann von alleine ab und liegt dann auf dem flachen Boden. Flacher Boden aber bedeutet, es liegt im Nest - also kriecht es im Kreise, um die wärmste Stelle im Nest zu finden.
Denkste Puppe! Wärmste Stelle gibts nicht! Das arme Junge liegt nämlich in einem Kaninchenkäfig und nicht in einer schrägen Wurfhöhle, wo nur das Nest waagerecht ist! Das Junge verklammt, also erfriert ...
Es ist normal, gerade bei sehr großen Würfen, daß die schwächsten Jungen von den anderen Geschwistern abgedrängt werden und deshalb nicht lang genug an die Milchbar können. Sie verhungern, wenn sie sich nicht durchsetzen können. In der Natur wird die Höhle regelmäßig zum Säugen geöffnet. Durch den Leichengeruch angezogen kommen dabei Schmeißfliegen mit rein und setzen ihre Eier an die toten Jungen. Die Maden fressen die Toten auf und beseitigen sie, bevor die anderen Junge in Mitleidenschaft gezogen werden. Sie verpuppen sich und kommen ein bis zwei Wochen später beim Öffnen zum Säugen wieder aus der Wurfhöhle raus.
Was eklig klingt, ist in dem Fall für die Kaninchen eine wichtige Gesundheitspolizei - tote Junge werden entfernt, bevor sie anfangen zu faulen und die anderen Jungen durch die Faulgase vergiften.
Für die Geschwister hat eine solche Beseitigung noch den Vorteil, daß keine von der Mutter herausgetragenen Jungen die Wurfhöhle verraten können. Für die Mutter hat es den Vorteil, daß wenn eines der Jungen eine ansteckende Krankheit hatte, diese nicht weitergeben kann, nur weil Mutter das krank gestorbene Junge auffuttern muß.
Anders wieder in Gefangenschaft - hier wird jeder versuchen, Fliegen von seinen Kaninchen fern zu halten - zu Recht, denn selten sind es die gleichen Schmeißfliegen wie in der Natur, die ihre Eier an den Jungen ablegen wollen! Wenn also Junge sterben, bleiben sie bei den Wurfgeschwistern und verfaulen - dabei werden diverse Fäulnisgase frei, die die Atemwege der Geschwister angreifen und wenn es ganz schief läuft, auch vergiften können. Man muß also in Gefangenschaft die Toten entfernen! Eine Kontrolle am ersten Tag nach Geburt, um Totgeburten zu entfernen, eine zwei Tage später und eine eine Woche später sind also absolut notwendig. Zwischen der zweiten Lebenswoche und der vierten, fünften Lebenswoche sterben normalerweise keine Kaninchenjungen, in der Zeit kann man die Häsin allein machen lassen. Kaninchen sind anpassungsfähig, Häsinnen sind sehr gute Mütter, was die erste Woche überlebt, bekommen sie in der Regel auch durch.