Ich bin übrigens keine kompromisslose Verfechterin von unbegrenztem Freigang, aber ich halte Wohnungshaltung immer für einen Kompromiss.
Die Reize des Freigangs und das Ausleben des natürlichen Verhalten kann in einer Wohnung, womöglich noch ohne Balkon einfach nicht ersetzt werden. Auch können sich die Katzen nicht beliebig aus dem Weg gehen oder Kontakt aufnehmen, sie sind gezwungen, sich auf einem beengten Raum mehr oder weniger zu arrangieren oder im anderen Fall komplett ohne Kontakt zu Artgenossen zu leben.
Wir sollten uns im Klaren darüber sein, dass jede Tierhaltung IMMER einen Kompromiss darstellt.
Die Umweltreize sind ohne Frage DER Vorteil schlechthin bei Freigängern - aber den Kompromiss gehst du dabei bei der Sicherheit deiner Katzen ein.
Da vorhin ein paar andere Tierarten erwähnt wurden: es ist eigentlich erstaunlich, dass die Katze sich bis heute das Recht vorbehalten hat, überhaupt frei herumstreunen zu dürfen.
Große Kaninchen, kleine Hunde und viele viele andere Tiere könnten eine ganz ähnliche Haltung mitmachen. Im Grunde jedes Tier, das Standorttreu ist und keine übermäßige Gefahr für Menschen darstellt.
Lustigerweise kommt aber praktisch niemand auf die Idee, seine großen Kaninchen im Freigang zu halten oder den kleinen Hund allein auf Gassirunde zu schicken. Große Kaninchen + kleine Hunde betone ich übrigens extra, denn kleine Kaninchenrassen enden schnell als Beutetiere und große Hunde könnten wirklich eine Gefahr für Menschen darstellen.
Auch ein Kaninchen, ein Hund oder so ziemlich jedes andere X-beliebige Tier würde es toll finden, regelmäßig in der freien Natur herum zu laufen.
Warum hat die Katze dieses recht, aber so ziemlich jedes andere Tier nicht?
Freigang für Haustiere ist eine Belastung für die Mitmenschen. Sie verursachen Verkehrsunfälle, beschädigen Gärten, töten andere Tiere, dringen in fremde Häuser ein, hinterlassen Dreck, ....
Und DAS ist für mich eine der Hauptgefahren die Hauskatzen heute neben dem Auto haben.
Denn es haben sich zwei Dinge wirklich entscheidend geändert in den letzten Jahrzehnten:
1. Die Anzahl an Autos. Gibt dazu mehr als genug Statistiken, ich glaube darüber müssen wir nicht diskutieren. Mit dazu kommen mehr und mehr Straßen und immer schnellere Autos.
2. Die Anzahl an Freigängerkatzen. Auch dazu gibt es genug Statistiken und das Problem hierbei ist eben die Belastung für Mitmenschen und Umwelt. Es reicht meist ein Blick in die Nachbarschaft - wenigstens ein Nachbar wird deine Katzen hassen. Er muss ihnen deshalb nicht gleich Steine nachwerfen, aber man muss sich mal bewusst darüber sein, dass nicht jeder Katzen mag. Es sind auch nicht Einzelfälle, in denen das irgendwann eskaliert - es können erschreckend viele Katzenbesitzer ein Lied davon singen und oft genug kommt es noch nicht mal auf.
Wenn ich mal nur an meinen Bekanntenkreis denke, erst letzte Woche hat eine Arbeitskollegin meiner Mutter zum zweiten Mal eine ihrer Katzen streunend in einem 20 km entfernten Dorf in der Nähe ihres Arbeitsplatzes durch Zufall aufgelesen. Beim ersten Mal dachten alle noch, die Katze wäre versehentlich mit dem eigenen Auto mitgefahren, diesmal wars nach dem Wochenende und die Katze war vorher da und jetzt kam raus, dass die Eltern der katzenhassenden Nachbarin zufällig auch genau in dem Dorf leben. Ohne Worte.
Je dichter die Wohngegend, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass man neben einem wirklichen Katzenhasser landet. Wenn ich es richtig im Kopf habe, ist 1 von 100 Menschen ein Tierquäler.
Wer von euch hat weniger als 100 Menschen im Streifgebiet seiner Freigänger?
Und selbstverständlich will ich es nicht überdramatisieren. Punkt 1. kostet auch weit mehr Katzen das Leben als Punkt 2. und selbstverständlich gibt es auch heute noch sehr viele Freigänger die ein langes und glückliches Leben führen. Im Sinne von: es können gut und gerne weit über die Hälfte der Freigänger nie schlechte Erfahrungen machen. Sehr viel mehr dürften es aber dann auch schon wieder nicht sein, denn statistisch wird jede 3. bis 5. Hauskatze überfahren und da das nur die gefundenen Todesopfer sind... nun ja.
Und klar: Wer schon lange Freigänger hält, kennt meist sehr gut die Gefahren, die es in der eigenen Nachbarschaft gibt oder eben nicht gibt.
In einigen Nachbarschaften leben 20-30 Katzen und nie ist etwas wirklich schlimmes passiert. In anderen werden jedes Jahr ein paar Katzen überfahren. Dessen muss man sich bewusst sein!!
Die eigene Nachbarschaft mag einigermaßen sicher sein, keine allzu großen Katzenhasser haben, keine gefährlichen Hunde, keine offenen Regentonnen, keine Füchse und Marder, keine offenen Kellerfenster usw. und das ist schön!
Schlimm finde ich es aber, wenn diese Halter dann von ihren persönlichen Erfahrungen auf die Allgemeinheit schließen und konkrete Gefahren verharmlosen, die es in einer anderen Nachbarschaft durchaus geben kann.
Was WIR hier grad in Internetforen tun können oder sollen, ist ohnehin nur Menschen über die Vor- und Nachteile von Freigang aufzuklären, aber es steht uns eigentlich nicht zu, eine Empfehlung auszusprechen. Es sei denn, jemand von euch ist bereit, dann für das Leben der entsprechenden Katzen die Verantwortung zu übernehmen.
Ich meine, hey, ich kenne einen Kater, der ist jetzt sicher an die 15 Jahre alt und hatte seit er ein Kitten war Freigang an der Kreuzung einer Hauptstraße und direkt hinter dem Haus ist ein Bach, er MUSS also nach Vorne zur Straße raus und die Straße ist wirklich direkt vor dem haus, da ist nicht mal ein Garten dazwischen!! Kann also gut gehen - aber wäre es wirklich verantwortungsvoll, das Risiko soweit zu verharmlosen, dass ich Freigang an einer Hauptstraße empfehle?