Hi,
Ich kann leider nicht täglich hier rein schauen, kann dir aber sagen, dass es durchaus Unsicherheit sein kann. Denn nur weil er Interesse an zum Beispiel anderen Hauseingängen hat, kann er durchaus in anderen Bereichen Ängste haben. Das gibt es ja auch bei Menschen. Es gibt welche, die können auf jeden zugehen im persönlichen Kontakt, aber telefonieren geht gar nicht. Überlegen wir doch mal, welche Erfahrungen er so haben könnte und was bisher seine Strategien gewesen sind. Wenn er als Welpe/Junghund gefunden wurde, kann es durchaus sein, dass ihm Hauseingänge und alles, wovon du sagst, dass es ihm keine Angst bereitet, in dem Zeitraum Sicherheit gegeben haben. Frauen füttern eher auch mal Hunde als Männer, die in der Regel eher mit lauter Stimme und auch Körper groß machen die freilebenden Hunde egal welchen Alters verjagen.
Wie hat er denn in dem Zeitraum zwischen Fund als Welpe/Junghund und dem Umzug vor sechs Monaten zu der Vorbesitzerin gelebt? In einer Perrera, einer Station, einer Pflegestelle oder einer Finca als einer von vielen? Das wäre auch interessant.
Ich würde das Programm auch runterschrauben wie viel du mit ihm machst. Das sind mit Gehorsamsübungen und allem zusammen 3h am Tag. Auch wenn er schon sechs Monate hier ist, so hat er gerade einen Umzug und einen Verlust der Bezugsperson zu verarbeiten, damit einhergehen auch neue Umgebung, neue Menschen, neue Abläufe, neue Regeln und Strukturen und vor allem sehr viele neue Gerüche und Geräusche. Kein Hund muss jeden Tag so viel Programm haben. Ich hab hier neben meiner Hündin noch einen Rüden, der als Welpe zu viele Duracellhäschen (so sag ich das immer scherzhaft) gefressen hat und draußen immer in Bewegung ist, drinnen ist er eine Schlaftablette. Es ist ihm egal wie viel wir laufen, er hat immer noch Energie und ist zumindest gefühlt nicht müde zu bekommen. Sobald wir aber Zuhause sind, wird er ruhiger und schläft. Manchmal bekomme ich ihn abends für die Pipirunde gar nicht mehr wach. Ruhephasen sind enorm wichtig, um alles zu verarbeiten. Nur wenn er alles neue verarbeiten kann, wird er auch zugänglich für das, was ihr wollt. Wenn ihn alles andere noch überfordert, strömt das, was ihr wollt, einfach an ihm vorbei. Das beobachtet man oft anfangs bei Hunden aus dem Tierschutz. In den ersten Wochen machen ihnen Autos, Züge, LKW und was weiß ich für Geräusche draußen nichts aus, aber nach einigen Wochen, wenn der Stresspegel sinkt und der Hund bzw. dessen Gehirn wieder für Reize empfänglich wird, schrecken sie plötzlich hier vor zurück oder zeigen Unsicherheiten dort. Nicht jeder Hund zeigt Stress deutlich, es gibt durchaus Hunde, die still unter Stress leiden oder eben bei jedem Reiz aufspringen oder Stresssymptome zeigen mit Hecheln, Durchfall, körpersprachliche Stresssymptome usw. Auch gereiztes Verhalten gehört dazu. Stress muss auch nicht bedingt durch tägliches Programm sein, dass können schon kleinste Dinge sein, die am Ende der Auslöser sind, aber von uns als solcher Stressor gar nicht wahrgenommen wurden. Mein Tipp: lieber in den kommenden Wochen weniger machen und ihm die Möglichkeit geben anzukommen, alles zu verarbeiten und in Ruhe zu lernen, als ihm später zusätzlich noch das Ruhe halten lehren zu müssen und dann, wenn der Hund sehr viel Kondition hat, wieder auf weniger herunterfahren zu müssen. Weniger ist meistens mehr gerade am Anfang.
Lasst es ruhig angehen. Ihr habt noch so viel Zeit miteinander, dass nicht sofort alles super laufen braucht. Kann es auch gar nicht, denn ihr müsst euch aufeinander einstellen. Euer Hund muss lernen, dass er Ruhe halten kann und soll, dass er abschalten kann, auch wenn du dich innerhalb der Wohnung bewegst. Das geht und kann man u.a. mit der konditionierten Entspannung erreichen. Dauert zwar alles im Aufbau, bringt aber langfristig und auch vielseitig etwas. Derzeitig möchte er gerne wissen, wo seine Bezugsperson hingeht. Das ist in meinen Augen ein vollkommen verständliches Verhalten, denn seine Vorbesitzerin hat ihn abgegeben, als er endlich angekommen war. Man sagt, dass ein Hund aus dem Tierschutz ca. drei bis sechs Monate braucht um anzukommen. Genau in der Zeit wurde er abgegeben und muss sich jetzt wieder umstellen. Je nachdem wie seine Vorgeschichte in Portugal ausgesehen hat, ob er da auch schon eine vertraute Person hatte (Gassigänger, Pflegefamilie, Reinigungskraft der Station oder wer auch immer), möchte er jetzt einfach nachschauen, dass du nicht auch einfach verschwindest. Er wird von selbst irgendwann merken, dass du wieder kommst oder sich woanders hinlegen, während du im Bad bist. Lass ihn schauen, sich absichern und damit für sich Sicherheit gewinnen, dass alles gut ist. Wie viele Eltern fragen anfangs ständig im Kindergarten nach, ob alles gut ist

Sehr, sehr viele. Erst heute habe ich in meinem Job eine solche Situation gehabt und der Sohn ist bereits volljährig, aber eben aufgrund seiner Beeinträchtigung mehr von anderen Menschen abhängig als ein 18 jähriger ohne Beeinträchtigung. Keiner würde in dem Fall den Eltern unterstellen, dass sie dominant sind, sondern einfach besorgt um das Wohlergehen ihres Kindes und das ist für alle ein Lernprozess. Auch für Hunde, die sich einleben ist es ein Lernprozess und wird sich mit der Zeit geben. Ich hatte mal einen Pflegehund, der hat regelrecht Stress gehabt, wenn ich ins Bad gegangen bin und sofort angefangen zu bellen, obwohl die Tür offen war und er mich sehen konnte. Erst als ich ihm ein Körbchen ins Bad gestellt habe, kam er runter und hat sich dann, während ich auf der Toilette war oder duschen ging, in das Körbchen gelegt und geruht.
Ja es ist komisch, wenn man auf Schritt und Tritt verfolgt wird, aber ich mach mir um meinen Zwerg Sorgen, wenn er morgens nicht mit in die Küche geht, wenn ich mir einen Kakao mache
Setz dich nicht selbst unter Druck. Es ist dein erster eigener Hund, da darf auch mal was nicht so laufen. Ich war bei meinem ersten Hund auch sehr frustriert, weil er in ein Muster zurückfiel, was wir schon zwei Jahre vorher im Tierheim aus der Welt geschaffen hatten, dachte ich. Aber die Umgebung Tierheim ist eben nicht das gleiche wie bei mir gewesen. Gehwege kannte er gar nicht und so ging er bei jedem Auto, was kam (ich wohnte an einer DER Verbindungsstraßen meiner Siedlung/Stadt) an die Seite und setzte sich hin. Eben weil er das vom Tierheim so kannte, denn da gab es keine Gehwege und auf der Straße stehen bleiben, hätte seinen Tod bedeutet. Nun war er aber in einer Kleinstadt und lief auf Gehwegen. Es hat drei Wochen gebraucht bis er es raus hatte, dass die Autos an uns vorbeifahren können ohne, dass er auf die Seite geht. Mit Tieren läuft es nicht immer perfekt, denn es sind Tiere, die reagieren auch mal nicht so wie wir das gerne hätten.
Knurren ist ja nicht per se etwas schlechtes. Es ist Kommunikation und sagt "bitte mehr Abstand, meine Individualdistanz wurde überschritten" bzw. "ich kann die Situation gerade nicht einschätzen und ich fühle mich unwohl". Das ist tausend Mal besser als wenn der Hund sofort zugebissen hätte oder? Jedes Lebewesen hat eine Individualdistanz, die auch vom jeweiligen Gegenüber abhängt. Im Studium mussten wir dazu mal eine ganz einfache Übung mit unseren Mitstudenten und unserer Dozentin machen. Wir standen uns gegenüber und mussten die Augen schließen. Nun liefen wir aufeinander zu und jeder durfte Stopp sagen, wenn es ihm zu nah wurde. Wir sahen einander nicht, aber wir spürten, ob wir die Nähe gut ertragen oder eher nicht. Je nach Beziehung zu unserem Gegenüber stand man weit auseinander oder sehr nah beieinander. Unser "Stopp" ist quasi das knurren des Hundes.
LG Hexe